Domkapellmeister und Papstbruder Georg Ratzinger wäre heute 100 Jahre alt geworden

15. Jänner 2024 in Aktuelles


Ein Leben für Gott und die Musik - Der Komponist und Domkapellmeister Georg Ratzinger, war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der deutschen Kirchenmusik-Geschichte. Gastbeitrag von Michael Hesemann


München (kath.net) „Musik ist das subtilere Gebet. Das gesungene und musizierte Gotteslob packt den Menschen ganzheitlich. Es verleiht ihm noch eine ganz neue Dimension, was das gesprochene, gedachte oder meditierte Gebet in dem Maß nicht erreichen kann. So wird Musik zu einem Weg zu Gott“ – kein Zitat charakterisiert das Verständnis des 2020 verstorbenen Domkapellmeisters Prälat Prof. Dr. Georg Ratzinger von der „musica sacra“, aber auch die Botschaft seines eigenen Lebens und Wirkens besser als diese Zeilen, die er mir ins Mikrofon diktierte, als wir an seiner „autobiografischen Biografie“ „Mein Bruder, der Papst“ schrieben.

Tatsächlich ist sein einzigartiger Lebensweg ganz vom tiefen Glauben seiner Familie, der inspirierenden Kraft des bayerischen Katholizismus mit seiner barocken Vielfalt, aber auch der geographischen Nähe seiner Heimat zur Mozartstadt Salzburg geprägt. Geboren wurde er heute vor genau 100 Jahren, am 15. Januar 1924 in Pleiskirchen, einer kleinen Gemeinde unweit des Wallfahrtsortes Altötting, die bis 1803 der Gerichtsbarkeit des Erzstiftes Salzburg unterstand. In einem Landstrich also, der berühmt ist für seine Musik und mit Mozart einen der größten Komponisten hervorgebracht hat, in dem aber auch die Baukunst und Kultur des Barocks ihre höchste Blüte erreichte. Eben das konnte bei dem musisch begabten Jungen nicht folgenlos bleiben. Und so oft die junge Familie umzog, weil Vater Joseph sr. als Gendarm wieder einmal versetzt worden war, kamen immer neue Einflüsse hinzu, die ihn prägten.

Ausgerechnet der Organist seines nächsten Wohnortes Marktl am Inn, der gleichzeitig noch die örtliche Blaskapelle dirigierte und den man am Ort nur „den kleinen Andresl mit der großen Musi“ nannte, begeisterte den damals dreijährigen Georg schon früh für die Musik. In der Kleinstadt Tittmoning spielte der begabte Junge zwei Jahre später nicht nur das erste Mal auf einem Harmonium, er lernte auch die Schönheit der Kirchenmusik kennen, die ihn gleichermaßen faszinierte und gefangen nahm. Seine Eltern, allen voran der musikalische Vater, erkannten sein Talent und förderten seine Neigung. Schon früh stand sein Berufswunsch fest: Er wollte Domkapellmeister werden. Nur so konnte er sein musikalisches Genie mit der erwachenden Berufung zum Priestertum verbinden. Kurz vor dem Umzug der Familie nach Aschau, dessen Gendarmeriestation der Vater übernehmen sollte, bekam er ein eigenes Harmonium geschenkt. Er meisterte das Instrument so schnell, dass er bereits 1934, mit zehn Jahren, von seinem Pfarrer als Organist für die Schulmessen eingesetzt wurde.

Mit dem Eintritt in das Erzbischöfliche Studienseminar in Traunstein 1935 erhielt Georg Ratzinger dann seinen ersten professionellen Instrumentalunterricht. Als sein Bruder Joseph ihm nach Traunstein gefolgt war, nutzten die beiden Jungen den politischen „Anschluss“ Österreichs, um, wann immer es ihnen möglich war, nach Salzburg zu radeln, wo sie ihre gemeinsame Liebe zu Mozart entdeckten. Dort hörten sie zum ersten Mal in ihrem Leben hochwertige Interpretationen musikalischer Meisterwerke; Eindrücke, die bei beiden haften blieben. Im Mozart-Jahr 1941 besuchten sie auch ein Konzert der „Regensburger Domspatzen“ und waren begeistert von der wunderbaren Musik. Georg Ratzinger konnte nicht ahnen, wie eng sein eigener Lebensweg eines Tages mit diesem Chor verbunden sein würde.

Die nächsten Jahre waren überschattet vom Krieg. Der Seminarist wurde zum Reichsarbeitsdienst eingezogen, musste danach zur Wehrmacht. In Italien wurde er am Oberarm verletzt, geriet in amerikanische Kriegsgefangenschaft, bevor er endlich zu seiner Familie nach Traunstein zurückkehren durfte. Als er sah, dass seine Eltern und Geschwister die Wirren des Krieges unbeschadet überstanden hatten, gab es für ihn nur eine Antwort. Er ging schweigend ins Haus, setzte sich ans Klavier und spielte das Te Deum: „Großer Gott, wir loben Dich.“

Bis dahin war er immer auch das Vorbild, das „role model“ seines fast drei Jahre jüngeren Bruders Joseph im Ministrantendienst, bei der Berufung zum Priestertum und beim Besuch des erzbischöflichen Knabenseminars gewesen, jetzt trafen sich die Brüder erstmals auf Augenhöhe. Im Januar 1946 traten Georg und Joseph Ratzinger zeitgleich in das Priesterseminar der Erzdiözese München und Freising ein, wo der Ältere seine musikalischen Studien fortsetzte, während der Jüngere sich auf die Theologie konzentrierte. „Orgel-Ratz“ und „Bücher-Ratz“ nannten sie die Kommilitonen zur besseren Unterscheidung. Am 29. Juni 1951 wurde Georg Ratzinger zusammen mit seinem Bruder Joseph von Erzbischof Michael Kardinal von Faulhaber zum Priester geweiht. „Als wir in den Dom eintraten, hat die Orgel gebraust und der Männerchor gesungen“, erinnerte er sich in unserem Buch, „Unsere Liturgie schenkt uns doch so wunderbare Erlebnisse!“

In den folgenden Jahren studierte Georg Ratzinger Kirchenmusik an der Musikhochschule München, während er als Kirchenmusiker und Kaplan an verschiedenen Pfarreien diente. 1957 schloss er die Meisterklasse ab und wurde Chordirektor in Traunstein. Als sein Bruder von Josef Kardinal Frings zum Peritus des Zweiten Vatikanischen Konzils berufen wurde, reiste Georg Ratzinger 1962 mit ihm zum ersten Mal nach Rom – und war zutiefst beeindruckt von der Ewigen Stadt.

Gerade einmal sechs Wochen nach dem Tod seiner geliebten Mutter, am 1. Februar 1964, folgte der Kirchenmusiker seiner Berufung zum Nachfolger Theobald Schrems als neuer Domkapellmeister am Regensburger Dom und Chorleiter der bald weltberühmten Regensburger Domspatzen, die schon damals auf eine fast tausendjährige Geschichte zurückblicken konnten. Mit ihnen bereiste er ganz Europa, aber auch gleich zweimal die USA (1983 und 1987) und Japan (1988 und 1991). Doch der Höhepunkt der Chorgeschichte war zunächst ein anderer: Im Oktober 1965 traten die Domspatzen in Rom auf und sangen für die Konzilsväter und Papst Paul VI. Auch vor Johannes Paul II. sang der Chor beim Besuch des Papstes in München.

In den 30 Jahren als Domkapellmeister sollte es ihm gelingen, den Knabenchor der Domstadt zu einer weltweiten Institution und zu „bayerischen Kulturbotschaftern“ auf drei Kontinenten heranreifen zu lassen. Seine Schüler erlebten ihn als streng und perfektionistisch, aber auch als herzensgut und gerecht. „Ich habe meine Tätigkeit im musikalischen Bereich immer auch als Seelsorge verstanden“, erklärte er mir, „denn wir wollten mit allem, was wir gesungen haben, den Menschen etwas von der Größe Gottes vermitteln.“ Galt Joseph Ratzinger damals noch als „der kleine Bruder des berühmten Chorleiters“, änderte sich das bald nach dessen Ernennung zum Erzbischof von München und Freising, dann seiner Berufung nach Rom als Präfekt der Glaubenskongregation. Wer die enge Verbundenheit der beiden Brüder kennt, der kann erahnen, wie sehr sich der Domkapellmeister seit seiner Pensionierung 1994 den Ruhestand seines Bruders herbeisehnte: Eine Zeit, die man für  gemeinsame Reisen und viele gute Gespräche nutzen wollte. Doch der Herrgott hatte andere Pläne. So fand sich Georg Ratzinger nach dem Konklave 2005, damals 81 Jahre alt, plötzlich und unversehens in einer ganz neuen Rolle wieder – als Papstbruder.

Die Berichte, er habe nach dem „Habemus Papam“ sein Telefon ausgehängt, um dem Presserummel zu entkommen, sind wahr. Ebenso wahr ist, dass erst am nächsten Mittag seine treue, leider im November 2013 verstorbene Haushälterin Agnes Heindl das Telefon wieder einhängte, beim nächsten Klingeln zum Hörer griff – und gleich Papst Benedikt XVI. „an der Strippe“ hatte. Ein schönes Beispiel für das enge Verhältnis der beiden Brüder wie für die Bescheidenheit Georg Ratzingers: Benedikt XVI. hatte bereits stundenlang versucht, seinen Bruder zu erreichen, während dieser sich sicher war, der neue Papst habe jetzt viel Wichtigeres zu tun. So blieb das Verhältnis zwischen den beiden Ratzingers so eng wie je zuvor. Jeden Abend telefonierten sie, rief der Papst seinen Bruder auf einer Nummer an, die einzig zu diesem Zweck eingerichtet worden war. Dabei sprach dieser Benedikt XVI. nach wie vor als „Joseph“ an – „alles andere wäre unnatürlich“, verriet er mir. Viermal im Jahr besuchte er ihn, hatte sein eigenes Appartement im Apostolischen Palast und in der Papstresidenz von Castelgandolfo. Legendär waren die großen Konzerte, die von beiden stets mit großer Begeisterung verfolgt wurden. Doch nach Rom zu ziehen, das kam für den Domkapellmeister i.R. nie infrage. Das Leben in Rom sei ihm zu teuer, außerdem spreche er kein Italienisch, antwortete er auf entsprechende Nachfragen. Beides ist richtig, aber auch nur ein Teil der Wahrheit. Vor allem wollte er seinen Lebensmittelpunkt nie aufgeben, hing sein Herz an Bayern, an Regensburg, an seinen vielen Freunden und ehemaligen Domspatzen.

So wurde, acht Jahre lang, das Haus in der Luzengasse praktisch zu einer zweiten, privaten Nuntiatur, zur ständigen Vertretung des Heiligen Vaters in der „Papststadt“ Regensburg. Auch wenn die Kräfte und das Augenlicht nachließen, hatte Georg Ratzinger für viele Bittgesuche stets ein offenes Herz, während Journalisten sich an ihm die Zähne ausbissen: Die Diskretion des Papstbruders war sprichwörtlich, nicht einmal „verplapperte“ er sich. Seine spürbare Herzenswärme und menschliche Bescheidenheit ließ den fernen, weisen Mann in Rom uns Deutschen (und speziell den Bayern) näher und menschlicher erscheinen. Kein Wunder, dass unser Buch „Mein Bruder, der Papst“ in 14 Sprachen verlegt und zum Weltbestseller wurde.

Seit seiner Pensionierung war Georg Ratzinger Kanonikus des Kollegiatsstiftes St. Johann in Regensburg und betätigte sich u.a. auch als Komponist. Seine „Missa Anno Santo“, komponiert zum „Heiligen Jahr 2000“, gilt als sein Meisterwerk; 2012 wurde sie zuletzt in der Sixtina in Rom aufgeführt. Anlässlich seines 85. Geburtstages ernannte ihn der damalige Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller 2009 zum Ehrendomherrn. 2011 feierte er zusammen mit seinem Bruder, Papst Benedikt XVI., sein 60jähriges Priesterjubiläum. „Wenn Sie nach den schönsten Momenten meines Priesterlebens fragen, dann muss ich antworten: Das war immer ein feierlicher Gottesdienst, bei dem wir mithelfen konnten, ihn durch herrliche Musik zu gestalten“, erklärte er mir damals.

Domkapellmeister Dr. Georg Ratzinger wurde 1967 von Papst Paul VI. zum Kaplan Seiner Heiligkeit und 1976 zum Päpstlichen Ehrenprälaten ernannt. 1993 verlieh ihm Papst Johannes Paul II. den Titel eines Apostolischen Protonotars. Zudem wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, dem Bayerischen Verdienstorden, dem Österreichischen Ehrenkreuz sowie dem Großkreuz des Verdienstordens der Italienischen Republik ausgezeichnet. 2008 ernannte ihn die Gemeinde Castel Gandolfo, wo er seit 2005 mit seinem Bruder den August in der päpstlichen Sommerresidenz verbrachte, zum Ehrenbürger. 2010 erhielt er in Rom den „Ehrenpreis der Fondazione Pro Musica e Arte Sacra“.

Doch trotz all dieser Ehrungen blieb er stets bescheiden und herzensgut. So war sein Haus in der Regensburger Luzengasse ein beliebter Treffpunkt prominenter Musiker und engagierter Katholiken, langjähriger Weggefährten und ehemaliger Domspatzen, die ihm ein Leben lang durch das, was er ihnen geschenkt hat, verbunden blieben.

Den Rücktritt seines Bruders, über den er natürlich schon ein halbes Jahr zuvor informiert worden war, nahm er mit einer „gewissen Erleichterung“ zur Kenntnis. So konnte er endlich auch als Papstbruder in den wohlverdienten Ruhestand treten. Die Telefonate mit dem Heiligen Vater i.R. wurden länger und intensiver, die Romaufenthalte ebenfalls. Natürlich hatte er sein eigenes kleines Appartement auch im Kloster Mater Ecclesiae, in unmittelbarer Nähe Benedikts XVI., das sein Bruder eigens für ihn einrichten ließ. Gleich nebenan, in den Räumen von Radio Vatikan, wurde schon sein 90. Geburtstag 2014 mit einem Festkonzert gefeiert.

Sein feiner und oft verschmitzter, urbayerischer Humor war sprichwörtlich. Er half ihm, auch über ungerechte Angriffe, ja Verleumdungen besser hinwegzukommen. Er wusste, dass er eines Tages, wie er es nannte, das „Ex-Amen“ ablegen müsste, „das allerletzte Examen vor dem himmlischen Prüfer“. Als sein Herz immer schwächer wurde, als sein geliebter Bruder ihn im Juni 2020 noch einmal in Regensburg besuchte, war er bereit. Sein Sterben war, wie sein ganzes Leben, in seinem tiefen Glauben verankert. Und in dem Bewusstsein, dass er danach in den himmlischen Chören singen wird.

Auch heute noch, vier Jahre später, ist er unvergessen geblieben. Noch immer pilgern zahlreiche seiner Freunde zu seinem Grab auf dem Regensburger Friedhof. Gestern zelebrierte Bischof Rudolf Voderholzer im Regensburger Dom ihm zu Ehren ein Pontifikalamt, zu dem seine geliebten Domspatzen sangen. Heute abend wird er in Rom im deutschen Kolleg Santa Maria dell’Anima mit einem Konzert geehrt. Mit Anastassiya Dranchuk (Klavier), Wolfgang Nöth (Tenor) und Baptiste Pawlik (Violine) spielen drei Musiker, die schon zu Lebzeiten zu seinem Freundeskreis gehört und an seinem 90. und 95. Geburtstag für ihn gespielt hatten. Zuvor zelebriert der ehemalige Regensburger Bischof du spätere Präfekt der Glaubenskongregation, Gerhard Kardinal Müller, ihm zu Ehren ein Pontifikalamt in der Kirche der „Anima“.

Archivfoto Domkapellmeister Georg Ratzinger (c) Michael Hesemann


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