
17. September 2004 in Österreich
Ein Kommentar von Stephan Baier / DIE TAGESPOST - "Das Lehramt Zulehner belehrt den Vatikan darüber, dass dessen "neuer Kirchenkurs" gescheitert sei"
Wann endlich nimmt der Papst den Rücktritt von Bischof Krenn an? Diese Frage treibt seit mehr als einer Woche Medien und Kirchenpolitiker um. Kräfte, die jede Intervention aus Rom gewöhnlich als Drohbotschaft verdammen, erwarten plötzlich, dass der Papst mit harter Hand durchgreift. Eine kirchliche Nachrichtenagentur meldet aus dem Vieraugengespräch Krenns in Rom, dort habe Kardinal Re dem Bischof einen Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen nahe gelegt.
Zum Rücktritt also auch noch die öffentliche Demütigung, dieser sei ihm ja vom Vatikan aufgezwungen worden. Doch auf einen Krenn-Rücktritt wird man wohl noch etwas warten müssen, denn der vielgescholtene Bischof von St. Pölten denkt gar nicht daran, die Bühne freiwillig zu räumen. Wem die vorschnelle Rücktritts-Gerüchteküche eigentlich nützen soll, ist fraglich. Geschadet hat sie weniger Krenn, der sich zurückhaltender denn je, aber noch nicht gebrochen zeigt, sondern dem Apostolischen Visitator Klaus Küng. Er, der den schwierigen Auftrag seit Wochen akribisch zu erfüllen sucht, wäre desavouiert, wenn Rom Weitreichendes entscheiden würde, ohne die Ergebnisse seiner Visitation abzuwarten. Sollte Rom tatsächlich den Rücktritt des Bischofs von St. Pölten erzwingen, bevor der Visitationsbericht fertig ist, dann wäre das eine Misstrauenserklärung gegen den Visitator. Der Papst ist jetzt gar nicht am Zug, denn er hat bereits gehandelt: Indem er Bischof Küng zum Visitator mit umfassenden Vollmachten bestellte, hat er die Weichen für eine Aufklärung der Vorwürfe, Unklarheiten und Gerüchte gestellt. Am Ende wird niemand St. Pölten besser kennen als der Visitator. Deshalb täte Rom gut daran, seine Erkenntnisse und seine Empfehlungen abzuwarten.
Wer daran interessiert ist, Wahrheit und Gerechtigkeit zum Durchbruch zu verhelfen, der helfe jetzt dem Päpstlichen Visitator durch Informationen, aber auch, indem man ihn seine schwierige Arbeit vollenden lässt. Aber vielleicht geht es manchen gar nicht um die Aufklärung der konkreten Vorwürfe, nicht um Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern um ein kirchenpolitisches Spiel? Ganz offen demonstriert dies etwa der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner, der regelmäßig ex cathedra über Papst und Bischöfe urteilt. Das Lehramt Zulehner belehrt den Vatikan darüber, dass dessen neuer Kirchenkurs gescheitert sei. Damit Rom jetzt keine weiteren Fehler macht, publiziert der Theologe schon vorsorglich, wer aus welchen Gründen als Krenn-Nachfolger keinesfalls in Frage komme.
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