Beißreflex

29. September 2004 in Österreich


Ein Kommentar von Manfred Maurer / NEUES VOLKSBLATT zu den aufgeregten Äußerungen zur Seligsprechung von Kaiser Karl


Das Verhältnis der Sozialdemokratie zu den Habsburgern schien seit Kreiskys Handschlag mit Otto 1972 entkrampft. Aber eben nur: schien. Die Seligsprechung Karls I. reaktiviert den alten Beißreflex gegen das Haus Habsburg. Die Folge ist ein Polittheater, dessen Peinlichkeit mit der Attacke auf einen den Kaisersohn als „Seine Kaiserliche Hoheit“ grüßenden Museumsdirektor den Höhepunkt hoffentlich überschritten hat. - Als ob es nicht reichte, einen Bundespräsidenten zu haben, der mangels Glaubens im Vatikan keine Repräsentationspflicht wahrnehmen will (ist Fischer Kommunist, weil er einmal auf Kuba war!?), schießt sich Österreichs Linke auf jene ein, die der Seligsprechung einen würdigen Rahmen verleihen wollen. - Man mag über den Beatifikationsprozess — insbesondere das Karl zugeschriebene Wunder — und Karls historische Rolle geteilter Meinung sein. Doch Faktum ist: Rom ehrt einen großen Österreicher und Repräsentanten des im Lichte der EU-Erweiterung gar nicht mehr so vorgestrig wirkenden Vielvölkerstaates. - Man muss weder Monarchist noch Frömmler sein, um sich darüber zu freuen. Manche können sich aber nur freuen, wenn Österreicher in der Welt blöd dastehen.


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