4. April 2025 in Spirituelles
Apostolischer Nuntius: „Leider wenden wir diese Gabe der Freiheit oft schlecht an und wählen das Gegenteil vom Willen Gottes, wie auch das, was unserem eigenen Wohl entgegensteht“ – Gott „erwartet stets von uns eine radikale Kurkorrektur, Umkehr“
Kemnath (kath.net) kath.net dokumentiert die Predigt von Erzbischof Dr. Nikola Eterović, Apostolischer Nuntius in Berlin, am 4. Fastensonntag (Laetare), 30. März 2025 in Kemnath in voller Länge und dankt S.E. für die freundliche Erlaubnis zur Weiterveröffentlichung – Jos 5,9a.10-12; Ps 34; 2 Kor 5,17-21; Lk 15,1-3.11-32
„Denn dieser, mein Sohn, war tot und lebt wieder“ (Lk 15,24).
Liebe Brüder und Schwestern!
Die Botschaft der Barmherzigkeit wie wir sie in den biblischen Lesungen und vor allem im Abschnitt des Lukasevangeliums mit dem Gleichnis vom barmherzigen Vater gehört haben, wirft ein leuchtendes Licht auf den Namen des vierten Fastensonntags: Laetare. Der Name ist dem Eingangsvers der Liturgie der Heiligen Messe entnommen, der lautet: „Freue dich, Stadt Jerusalem (Laetare Jerusalem)! Seid fröhlich zusammen mit ihr, alle, die ihr traurig wart. Freut euch und trinkt euch satt an der Quelle göttlicher Tröstung“ (vgl. Jes 66,10-11). Man könnte fragen, wieso die Kirche inmitten der Österlichen Bußzeit zur Freude aufruft, wo wir uns darauf vorbereiten, Jesus auf seinem Weg nach Jerusalem zu folgen, zu seiner Demütigung, Verurteilung und seinem Tod am Kreuz? Diese Frage stellt sich insbesondere nach der gestrigen Vorstellung der Kemnather Passion 2025. Auf plastische Weise haben uns die guten Darsteller das Opfer des Herrn Jesus präsentiert, der Leiden und Tod bereitwillig angenommen hat, denn er liebt uns bis zur Vollendung (vgl. Joh 13,1). Doch sein Tod ist lediglich der Übergang zum ewigen Leben. Nachdem er zu neuem Leben auferstanden ist, wünscht der Herr Jesus auch für uns das ewige Leben. Den Königsweg hierzu präsentiert uns das heutige Evangelium. Er gründet in der großen Barmherzigkeit Gottes. Diese Barmherzigkeit bezieht alle in der Erzählung des heiligen Lukas mit ein. Somit kann man das Gleichnis auch das Gleichnis vom barmherzigen Vater nennen. Es zeigt nicht nur seine Barmherzigkeit zu den beiden Söhnen, sondern zu uns allen. In dieser Betrachtung wollen wir insbesondere die liebende Haltung des Vaters zum jüngeren Sohn bedenken.
„Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht“ (Lk 15,12).
Die Forderung des jüngeren Sohnes geht dem Vater sicherlich zu Herzen. Er erfasst, dass der Sohn noch nicht ausreichend reif ist und das Gute, das er empfangen hat, nicht zu schätzen weiß. In einem fernen Land erfährt er sodann Hunger und Demütigung nach einer kurzen Phase des ausschweifenden Lebens. Trotz seiner Wahrnehmung widersetzt sich der Vater der Forderung des jüngeren Sohnes nicht und gibt ihm das erwartete Erbteil. Er nimmt dessen Freiheit ernst, auch wenn er sich vorstellen kann, dass er sein Erbe zum Schlechten verwenden wird. Zugleich aber hofft der Vater, der jüngere Sohn würde seine übereilte Entscheidung zurücknehmen, nachdem er mit den Schwierigkeiten des Lebens konfrontiert worden ist, und zum Haus des Vaters zurückkehren.
Liebe Schwestern und Brüder, die Freiheit ist die große Gabe des guten und barmherzigen Gottes, die er den Menschen verliehen hat. Freiheit ist eines der Elemente, das den Menschen als Geschöpf nach dem Bild und Gleichnis Gottes ausmacht (vgl. Gen 1,26-27). Nächst dem allmächtigen Gott ist der allein die menschliche Person in der Lage, frei zu sein. Die wahre Freiheit aber besteht darin, das Gute zu wählen, um frei auf die grenzenlose Liebe Gottes mit Liebe zu antworten. Diesbezüglich mahnt uns der heilige Paulus: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen“ (Gal 5,1). Leider wenden wir diese Gabe der Freiheit oft schlecht an und wählen das Gegenteil vom Willen Gottes, wie auch das, was unserem eigenen Wohl entgegensteht. Das geschieht, wenn der Mensch zum Sklaven seiner Laster wird, wenn er beispielsweise abhängig von Drogen, Alkohol, anderen Rauschmitteln oder spielsüchtig ist etc. Der gute Vater, der uns auch den schlechten Gebrauch der Freiheit gewährt, erwartet stets von uns eine radikale Kurkorrektur, was wir Umkehr nennen können.
„Denn dieser, mein Sohn, war tot und lebt wieder“ (Lk 15,24).
Die Reaktion des Vaters, der den jüngeren Sohn wieder aufnimmt, erstaunt uns mehr als die Worte der Reue des verschwenderischen Kindes. Sein ehrliches Bekenntnis: „Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein“ (Lk 15,21) verliert angesichts der Reaktion des Vaters an Bedeutung. Er hat auf die Rückkehr des Sohnes gewartet. Von weitem sieht er ihn kommen und „hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn“ (Lk 15,20). Sogleich gab er die Anweisung: „Holt schnell das beste Gewand und zieht es ihm an, steckt einen Ring an seine Hand und gebt ihm Sandalen an die Füße“ (Lk 15,22), um ihm damit auf sichtbare Weise die Würde der Sohnschaft zurückzugeben. Danach ordnete er an, ein großes Fest vorzubereiten, was er mit der Feststellung rechtfertigt: „Denn dieser, mein Sohn, war tot und lebt wieder“ (Lk 15,24).
Liebe Brüder und Schwestern, auch wir können Ursache und Teilnehmer einer ähnlichen Freude jedes Mal dann sein, wenn wir zum Vater zurückkehren. An erster Stelle freut es das Herz des himmlischen Vaters, wenn der Sünder seine Schuld bedauert und Vergebung erbittet. Der Herr Jesus hat versichert: „Im Himmel wird mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die keine Umkehr nötig haben“ (Lk 15,7). Andererseits findet der Sünder, der in Reue zum Vater zurückkehrt, Frieden mit sich und den anderen, ja mit allem, was geschaffen ist. Diese Erfahrung macht man vor allem im Sakrament der Versöhnung, das die Kirche für uns bereithält, vor allem in dieser Österlichen Bußzeit. Wir sind zwar alle Sünder, doch wir sind alle durch die Gnade Gottes zur Heiligkeit berufen. Der heilige Paulus hat geschrieben: „Alle haben ja gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren“ (Röm 3,23). Sofort fügt er jedoch hinzu: „Umsonst werden sie gerecht, dank seiner Gnade, durch die Erlösung in Christus Jesus“ (Röm 3,24). Es ist der Heilswille Gottvaters, dass Sein Eingeborener Sohn Jesus Christus „aufgerichtet (wurde) als Sühnemal - wirksam durch Glauben - in seinem Blut, zum Erweis seiner Gerechtigkeit durch die Vergebung der Sünden, die früher, in der Zeit der Geduld Gottes, begangen wurden; ja zum Erweis seiner Gerechtigkeit in der gegenwärtigen Zeit, um zu zeigen: Er selbst ist gerecht und macht den gerecht, der aus Glauben an Jesus lebt“ (Röm 3,25-26). Ergreifen wir daher die Einladung des Vaters und kehren wir wie der jüngere Sohn zurück in das Haus des Vaters, versöhnt und erneut mit der Würde der Kinder Gottes ausgestattet.
Liebe Schwestern und Brüder, die Mitfeier der Heiligen Messe an diesem Laetaresonntag bietet uns die Möglichkeit, wiederum die große Barmherzigkeit Gottes zu erfahren, der uns die Sünden vergibt und uns zu authentischen Christen und eifrigen Missionaren des Evangeliums macht, das eine gute Nachricht ist für die Welt ist, was der Heilige Vater Franziskus oftmals sagt. Beten wir für den Papst, vor allem für seine Gesundheit, damit er erneut seine so wichtige Aufgabe in Kirche und Welt aufnehmen kann. Als sein Vertreter in der Bundesrepublik Deutschland freue ich mich, Euch seine herzlichen Grüße zu übermitteln und auf Euch am Ende der Heiligen Messe den Apostolischen Segen herabzurufen, was auch allen Bewohnern von Kemnath gilt, besonders den Kranken, den Alten und jenen, die an dieser Eucharistiefeier nicht teilnehmen können. Vertrauen wir diese Überlegungen der Fürsprache der seligen Jungfrau und Gottesmutter Maria an, damit wir gemeinsam „ein Fest feiern und uns freuen “, denn wir erfahren auch in dieser Eucharistiefeier die Größe der Barmherzigkeit Gottvaters in der Gnade des Heiligen Geistes. Amen.
Archivfoto Nuntius Eterović (c) Deutsche Bischofskonferen/Marko Orlovic
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