„Mit den beiden Lungenflügeln atmen“, singen und beten

29. November 2025 in Kommentar


Orthodoxe und katholische Kirche - Evangelium und Credo in Latein und Griechisch in der päpstlichen Liturgie – Historischer Befund, theologische Bedeutung und ökumenische Perspektive – Das filioque. Von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer


Eichstätt (kath.net) Einleitung:
„Mit den beiden Lungenflügeln atmen“ (lat. duabus pulmonis alis respirare)01. Dieser Ausdruck im lehramtlichen Sprachgebrauch von Papst Johannes Paul II. bezeichnet die komplementäre Einheit von Ost- und Westkirche. Der Papst bezieht sich damit auf ein Grundmotiv seiner gesamten ökumenischen und kirchlichen Vision: Die Kirche Christi lebt und verwirklicht ihre Fülle nur dann, wenn sie mit beiden Traditionen, der lateinischen und der byzantinisch-orientalischen, harmonisch „atmet“ – theologisch, liturgisch, spirituell und kirchenrechtlich. Er verwendet diese Wendung immer wieder. Und seit den 1980er Jahren erscheint sie in mehreren lehramtlichen Texten u. a. in Slavorum Apostoli (1985), Redemptoris Mater(1987), Sacri Canones (1990), Ut Unum Sint (1995), sowie in zahlreichen Ansprachen an orientalische Patriarchen, Bischöfe und Gemeinschaften. Es geht ihm um den Blick auf die wiederzuentdeckende Bedeutung der Ostkirchen.

Diese Metapher verdeutlicht für Ost und West:
- Gleichwertigkeit: Beide kirchlichen Traditionen tragen wesentliche Elemente zur katholischen Fülle bei.
- Reziprozität: Ost und West können nicht voneinander isoliert bestehen; beide sind aufeinander verwiesen.
- Heilsgeschichtliche Weite: Die eine Kirche Christi ist pluriform, nicht uniform; die Einheit ist synodale, pneumatische und vielgestaltige Communio.
- Ökumenisches Programm: Versöhnung, gegenseitige Anerkennung und Wertschätzung sollen die getrennten Traditionen wieder zu einer „sym-phonischen“ Einheit führen.

Die Klanggestalt der Einheit
Die Frage nach der zweisprachigen Verkündigung des Evangeliums und des Credo in der Papstliturgie berührt nicht nur liturgiehistorische Details, sondern das Herz des katholischen Selbstverständnisses: Wie wird die Einheit der Kirche in ihrer legitimen Vielfalt sichtbar und hörbar?

Die römische Liturgie ist – entgegen mancher modernen Gewohnheit – ihrem Ursprung nach nicht einsprachig. Frühchristliche Zeugnisse lassen erkennen, dass die Liturgie in Rom zunächst auf Griechisch gefeiert wurde und erst allmählich in einen lateinisch geprägten Ritus überging.¹ Zugleich entwickelte sich im Mittelalter die Vorstellung von den tres linguae sacrae – Hebräisch, Griechisch und Latein – als heilige Sprachen der Offenbarung.²

Gerade heute, in einer ökumenisch sensiblen Situation, in der die katholische Kirche bewusst den „Dialog der Liebe“ und den „Dialog der Wahrheit“ mit den orthodoxen Kirchen sucht, gewinnt so ein konkretes, sicht- und hörbares Zeichen besondere Bedeutung: die zweifache Proklamation des Evangeliums durch einen lateinischen und einen griechischen Diakon sowie der Gesang des Credo in Latein und Griechisch – wobei das filioque in der lateinischen, nicht aber in der griechischen Fassung erscheint.

Ziel dieses kleinen Aufsatzes ist es, auf der Basis der historischen Quellen und der lehramtlichen Entwicklungen zu zeigen, dass die Wiederaufnahme dieses alten Ritus – Evangelium und Credo in Latein und Griechisch – heute ein besonders sprechendes ökumenisches Zeichen wäre. Es sollte verstärkt und wieder öfters bei den besonderen päpstlichen Gottesdiensten in Anwendung kommen.

I. Historischer Befund: Rom als zweisprachiger Liturgieort
1. Griechische Ursprünge und lateinische Integration
Die ältesten Spuren der römischen Eucharistiefeier bestätigen, dass die erste Kultsprache der Gemeinde von Rom Griechisch war.¹ Die römische Gemeinde entstand aus Immigranten aus dem Osten, Kleinasien und Ägypten – Syrern, Griechen, Kopten, Judenchristen –, die in der Weltsprache der frühchristlichen Ökumene beteten und das Evangelium verkündeten.¹

Der Bischof von Rom verwendete in den ersten Jahrhunderten dieselbe Sprache wie seine Gläubigen. Viele frühchristliche Märtyrerakten – etwa jene des hl. Clemens oder des Ignatius von Antiochien, des Origenes und des hl. Athanasius – sind noch in griechischer Sprache abgefasst.¹ Erst im 3./4. Jahrhundert setzte sich im römischen Alltag das Lateinische durch; dieser Wandel spiegelte sich auch in der Liturgie, jedoch nicht als plötzlicher Bruch, sondern als organische Integration. Jungmann weist darauf hin, dass griechische Akklamationen – allen voran das Κύριε ἐλέησον – als fester Bestandteil im lateinischen Ordo Missae bewahrt blieben.¹

Hinzu kommt, dass nicht nur einzelne Akklamationen, sondern ganze Gebetsstrukturen der römischen Eucharistie griechischen Ursprungs sind. Die Traditio Apostolica, die als repräsentatives Zeugnis der römischen Liturgie um 215 gilt, überliefert ein Eucharistiegebet, das in Aufbau, Vokabular und theologischer Akzentuierung eine deutlich griechische Matrix erkennen lässt.¹ Auch große Teile des römischen Canon Missae bewahren – trotz ihrer späteren lateinischen Textgestalt – griechische Syntax, Terminologie und Anaphorastruktur.¹

Die Einführung des Lateinischen bedeutete daher keine Ablösung einer griechischen Liturgie, sondern eine doppelsprachige Übergangsphase, in der griechische und lateinische Fassungen parallel existierten und liturgisch kooperierten.¹ Die Liturgiegeschichte spricht deshalb nicht von einer „Verdrängung“, sondern von einer Einfügung des Lateinischen in eine ursprünglich griechische Struktur bei gleichzeitiger Bewahrung griechischer Schichten.¹

2. Die tres linguae sacrae – Hebräisch, Griechisch, Latein

Im mittelalterlichen Denken verdichtete sich die Erfahrung der Mehrsprachigkeit zur Theorie der tres linguae sacrae: Hebräisch, Griechisch und Latein als die drei Sprachen der Kreuzinschrift (Joh 19,20).² Die patristische und mittelalterliche Exegese, etwa bei Hilarius von Poitiers, spricht von einer „dreifachen Sprache des Heils“ (triplex lingua salutis).²

Konkret bedeutete dies für die römische Liturgie:
- Latein als Hauptsprache der Texte,
- Griechisch als ehrwürdige Sprache wichtiger Akklamationen und Gesänge,
- hebräische Worte wie Amen, Alleluia, Hosanna als biblische Residuen.

In der konkreten Feier standen hebräische (bzw. aramäische, syrische) , griechische und lateinische Elemente oft unmittelbar nebeneinander: hebräische Akklamationen wurden von griechischen Dialogformeln (Κύριος μετὰ πάντων – Καὶ μετὰ τοῦ πνεύματός σου) und einem lateinischen Kanon umrahmt, der seinerseits eine griechisch geprägte Struktur erkennen lässt.² Mehrsprachigkeit war somit kein zufälliges Beiwerk, sondern Ausdruck einer heilsgeschichtlichen Kontinuität von Israel über die griechischsprachige Mission bis zur lateinischen Weltkirche.²

3. Die „Schola Graeca“ und der bilinguale Hofklerus
Seit dem 6./7. Jahrhundert belegen Quellen die Existenz einer „Schola Graeca“ in Rom: griechische Mönche, Flüchtlinge aus dem Osten, verstärkt durch die Kämpfe im Bilderstreit (Ikonoklasmus), und süditalienisch-byzantinische Kleriker siedelten sich insbesondere in Trastevere und auf dem Aventin an.³ Diese Gruppen gründeten eigene Klöster und Titelkirchen mit griechischem Ritus – unter päpstlicher Jurisdiktion, aber mit eigener Sprache und Liturgie.³

Der Liber Pontificalis erwähnt für mehrere Päpste griechische Diakone und Subdiakone in Diensten der römischen Kurie; Chavasse beschreibt diese griechische Hofkapelle als strukturell eigenständige, aber eng mit der lateinischen Kapelle verbundene Einheit.⁴

In der Praxis führte dies zu einer doppelten liturgischen Struktur: Bei feierlichen Papstmessen treten regelmäßig ein lateinischer (Kardinal-) Diakon und ein griechischer Diakon auf, die beide am Ambo das Evangelium verkünden – zuerst auf Latein, dann auf Griechisch.⁴

Neuere Forschungen machen deutlich, dass sich diese institutionalisierte Zweisprachigkeit nicht nur auf die Evangelienverkündigung beschränkte. In Papstmessen waren auch Litaneien, bestimmte diakonale Ausrufe, Teile des Präfationsdialogs und wohl auch Segens- und Friedensformeln von einer bewussten Rollenverteilung zwischen diaconus latinus und diaconus graecus geprägt.⁴–⁵ Damit erscheint Rom nicht nur als Ort zweier parallel existierender Riten, sondern als liturgischer Raum, in dem Ost und West innerhalb derselben Feier sichtbar zusammenwirken.⁴–⁵

4. Die Ordines Romani: normierte Zweisprachigkeit
Die wichtigste Quelle für Aufbau und Ablauf der Papstliturgie sind die Ordines Romani, die Michel Andrieu in kritischer Edition vorgelegt hat.⁵

Besondere Bedeutung kommt dem Ordo Romanus XIV (8. Jh.) zu. In Kapitel XVII findet sich die programmatische Rubrik: „De Epistola Latina et Graeca, et Evangelio Latino et Graeco cantandis super pulpitum…“⁵ Damit ist belegt: In der feierlichen Missa papalis sind die zweifache Epistellesung und die zweifache Evangelienproklamation kein schmückendes Beiwerk, sondern Bestandteil der normativen Ordnung. Vogel weist darauf hin, dass die Handschriften ausdrücklich zwischen diaconus latinus und diaconus graecus unterscheiden und so eine institutionalisierte Zweisprachigkeit im Dienstamt dokumentieren.⁵

Zugleich zeigen andere Ordines – insbesondere OR I und OR XI –, dass diese Zweisprachigkeit nicht auf den Bereich der Lesungen beschränkt war, sondern in Prozessionen, Akklamationen und bestimmten Gebetsdialogen strukturell verankert war.⁵ ⁸ Die römische Papstliturgie des Früh- und Hochmittelalters ist damit strukturell bilingual: Latein und Griechisch treten am Ambo in einen geordneten liturgischen Dialog.⁵

5. Neuzeitliche Kontinuität
Auch nach dem sogenannten „Schisma von 1054“ blieb die Mitwirkung eines griechischen Diakons bemerkenswert stabil. Das Caeremoniale Romanum Burchards von Straßburg (15. Jh.) und das Caeremoniale Episcoporum (1600) nennen den griechischen Diakon weiterhin als Teil der päpstlichen Zeremonien.⁶

Tagebuchnotizen aus der Zeit Leos XIII. (Pontifikat 1878–1903) vermerken bei päpstlichen Hochämtern: „Semper in Pontificali Missa Pontificis Maximi Diaconus Graecus Evangelium Graece cantat.“⁶ Erst im Zuge der liturgischen Vereinfachungen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde diese zweisprachige Verkündigung als generelle Rubrik aufgegeben und nur noch punktuell als ökumenisches Zeichen verwendet,⁶ was sehr schade ist. Gerade dieser Bruch macht heute nötig, die Tradition nicht einfach zu restaurieren, sondern bewusst wieder als ökumenisches Symbol zu wählen.

II. Liturgischer Vollzug: Evangelium und Credo in zwei Sprachen
1. Dramaturgie der Evangelienverkündigung
Der Ordo Romanus I und der Ordo Romanus XIV schildern die Papstmesse als komplexen Ablauf von Prozessionen, Gesängen und symbolischen Handlungen.⁵ Am Ambo, dem Ort der Verkündigung, vollzieht sich die doppelte Evangelien-Proklamation:
- Lateinisch: Der (Kardinal-) Diakon, umgeben von sieben Akolythen mit Lichtern und Rauchfass, singt das Evangelium in lateinischer Sprache nach römischer Melodie.
- Griechisch: Es folgt der griechische Diakon, in byzantinischer Gewandung (Sticharion, Orarion), begleitet von eigenen Altardienern (Hypodiakone), der denselben Text in griechischer Sprache nach östlicher Melodie singt.⁷

Die byzantinische Diakonstola (Orarion) und die oft prächtig gestalteten griechischen Evangeliare machen die zweifache Tradition auch visuell erfahrbar.⁷

2. Das Credo in Latein und Griechisch
Der Ordo Romanus XI (Cod. Wissembourg 91) überliefert das Nicäno-Konstantinopolitanum in einer bemerkenswerten Doppelfassung: griechischer Text (teilweise in lateinischer Umschrift) und lateinischer Text stehen parallel nebeneinander – beide ohne filioque.⁸

Die Handschrift zeigt, dass die römische Liturgie das Credo sowohl lateinisch als auch griechisch verwenden konnte. Westwell weist darauf hin, dass die griechische Fassung in Rom bewusst an der konziliaren Urgestalt festhielt, insbesondere dort, wo griechische Kleriker beteiligt waren.⁸

Die mittelalterliche Papstmesse kennt zumindest analog dazu die Möglichkeit, das Credo nacheinander in beiden Sprachen zu singen: zuerst Latein, dann Griechisch.⁸ Damit wird hörbar, was die Ekklesiologie später theologisch formuliert: Einheit des Glaubens bei legitimer Verschiedenheit der Ausdrucksweisen.⁸

3. Theologische Deutung: Pfingsten und Katholizität
Die zweifache Verkündigung von Evangelium und Credo ist mehr als ein zeremonielles Detail. Sie inszeniert liturgisch eine Pfingst-Ekklesiologie: Das eine Wort Gottes wird in verschiedenen Sprachen verkündet, bleibt aber als eine Botschaft verständlich.⁹

Fiedrowicz deutet die Mehrsprachigkeit der Kirche im Anschluss an Pfingsten als Zeichen für eine Einheit, die nicht durch Uniformität, sondern durch gegenseitige Verständlichkeit in Vielfalt konstituiert ist.⁹ Joseph Ratzinger spricht in diesem Zusammenhang von der liturgischen „Form des Glaubens“, in der sich die Katholizität der Kirche ausdrückt; Hugo Rahner hebt hervor, dass liturgische Zeichen „komprimierte Ekklesiologie“ sind.⁹ Johannes Paul II. hat diese Intuition mit der Formel von den „zwei Lungenflügeln“ (Ost und West) verdichtet.⁹

Die zweifache Proklamation von Evangelium und Credo in der Papstmesse ist damit eine „klingende Ekklesiologie“: Im konkreten Vollzug wird hör- und sichtbar, dass die Kirche eine ist – aber nicht einsprachig.

III. Das griechische Credo ohne filioque – Text, Geschichte, Theologie
1. Der ursprüngliche Konzilstext
Das Konzil von Konstantinopel (381) formuliert im dritten Artikel des Glaubensbekenntnisses den Heiligen Geist als „den Herrn und Lebensspender, der aus dem Vater hervorgeht“ (τὸ ἐκ τοῦ Πατρὸς ἐκπορευόμενον).¹⁰ Der Zusatz filioque fehlt im griechischen Original vollständig.¹⁰

Erst in der westlichen Rezeption – besonders im hispanischen Raum – wurde der Zusatz „und vom Sohn“ eingefügt, um eine anti-arianische Akzentuierung der vollen Gottheit von Sohn und Geist zu ermöglichen.¹⁰ Rom übernahm diesen Zusatz spät und zögernd; liturgiegeschichtliche Zeugnisse legen nahe, dass in der römischen Liturgie das Credo über längere Zeit ohne filioque gesungen wurde.¹⁰

2. Römische Praxis: Latein mit filioque, Griechisch ohne
Die Handschrift des Ordo Romanus XI zeigt, dass in Rom die griechische Fassung des Credo der konziliaren Form von 381 entspricht – also ohne filioque –, während die lateinische Fassung später den Zusatz integrierte.⁸ 

Damit ergibt sich eine feine Unterscheidung:
- In der lateinischen Liturgieform wird – in Kontinuität mit der westlichen Tradition – qui ex Patre Filioque procedit gesprochen oder gesungen.
- In der griechischen Fassung wird der ursprüngliche Text τὸ ἐκ τοῦ Πατρὸς ἐκπορευόμενον beibehalten.

Die moderne Dogmengeschichte hat herausgearbeitet, dass sich hier keine zwei unterschiedlichen Glaubensbekenntnisse gegenüberstehen, sondern zwei Sprachlogiken: Das griechische ἐκπορεύεσθαι bezeichnet den Ursprung des Geistes allein aus dem Vater, das lateinische procedere hat eine größere semantische Breite und kann auch die Sendung „durch den Sohn“ mit einschließen.¹⁰

3. Lehramtliche Klärung (1995)
Das Dokument des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen The Greek and the Latin Traditions Regarding the Procession of the Holy Spirit (1995) hat diese Einsicht offiziell rezipiert.¹¹

Es stellt fest, dass die beiden Formulierungen – mit und ohne filioque – bei richtiger Deutung keinen Widerspruch bilden, sondern unterschiedliche Akzentsetzungen innerhalb desselben Mysteriums. Gleichzeitig wird ausdrücklich festgelegt, dass dort, wo die griechische Sprache verwendet wird, die Formel des Konzils von Konstantinopel (381) ohne filioque zu gebrauchen ist,¹¹ so z. B. bei den unierten Ostkirchen.

Damit wird die liturgische Praxis, in gemeinsamen Feiern mit der Orthodoxie das griechische Credo ohne Zusatz zu verwenden, lehramtlich gestützt.¹¹

4. Ökumenische Gesten des 20. und 21. Jahrhunderts
Von besonderer Symbolkraft war die Begegnung von Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras I., die in den 1960er-Jahren zur Aufhebung der gegenseitigen Exkommunikationen von 1054 und zu gemeinsamen Gebetsakten führte.¹² Bei entsprechenden Feiern wurde das Credo auf Griechisch in der konziliaren Form bekannt – ein bewusster Rückgriff auf die ältere römische Praxis.¹²

Spätere Begegnungen der Päpste mit dem Ökumenischen Patriarchen – etwa Feiern mit Patriarch Bartholomaios I. in Rom – folgten demselben Muster: griechisches Credo und griechische Evangelienlesung ohne filioque als sicht- und hörbares Zeichen der Annäherung.¹³

Die römische Kirche bekennt sich damit praktisch zu jener Form des Glaubensbekenntnisses, die sie mit der Orthodoxie gemeinsam hat; das filioque bleibt Teil der eigenen lateinischen Tradition, wird aber nicht in den griechischen Text hineingetragen. Denzinger weist das Nicäno-Konstantinopolitanum von 381 in seiner griechischen Form als „normatives Symbol“ für Ost und West aus.¹⁴

IV. Der griechische Diakon in der Papstliturgie – Amt, Funktion, Symbolik
1. Amt und liturgische Rolle
Die Gestalt des griechischen Diakons in der Papstliturgie ist durch die liturgiegeschichtlichen Quellen gut belegt. Andrieu und Vogel zeigen, dass in der Papstmesse des Hochmittelalters ein diaconus latinus und ein diaconus graecus nebeneinander auftreten: der eine singt das Evangelium auf Latein, der andere denselben Text im Anschluss auf Griechisch.⁵

Chavasse beschreibt die griechische Kapelle des Papstes als eigene Einheit innerhalb des Hofklerus; ihre Diakone traten in byzantinischer Liturgiegewandung auf und standen oft in Verbindung mit griechischen Klöstern.⁴ In der Neuzeit übernahm das Collegium Graecum (Urbanum) diese Rolle und stellte regelmäßig Diakone und Subdiakone für päpstliche Feiern.¹⁵

Der griechische Diakon hatte damit keine dekorative, sondern eine klar umrissene liturgische Funktion: Er verkörperte am Ambo die östliche Tradition und gab ihr in der römischen Liturgie Stimme und Gestalt.⁴ ¹⁵

2. Symbolische Deutung
Die mittelalterliche Symboltheologie deutete die Doppelgestalt der Diakone als Bild für Ost und West, die gemeinsam das eine Evangelium tragen. Hugo Rahner sieht in solchen doppelten Figuren der Liturgie eine „ikonische Ekklesiologie“: Die Kirche besteht aus verschiedenen Traditionen, bleibt aber ein einziger Leib Christi.⁹

In heutiger Sprache lässt sich sagen:
- Der lateinische Diakon repräsentiert die Sendung der römischen Kirche und den Dienst des Petrusamtes.
- Der griechische Diakon repräsentiert die Treue zur apostolischen Ursprache und zu den Vätern des Ostens.
Gemeinsam bilden sie eine „Diakonie der Einheit“: zwei Dienste, ein Evangelium, eine Kirche.⁹

3. Fortdauernde Praxis
Auch in der jüngeren Papstliturgie ist der griechische Diakon nicht völlig verschwunden. L’Osservatore Romano berichtet von Feiern, bei denen das Evangelium in Anwesenheit orthodoxer Patriarchen auf Griechisch vom Ambo der römischen Basiliken gesungen wurde.¹³

Solche Einzelereignisse zeigen: Die Tradition ist nicht nur historisch rekonstruierbar, sondern praktisch lebendig, – wenn auch nicht mehr in einer stabilen und regelmäßigen Form, wie sie, entsprechend der guten liturgischen Tradition, der ökumenischen Bedeutung des Zeichens entsprechen und gerecht werden würde.¹³

V. Ökumenische Perspektiven: Warum dieser Ritus heute wieder nötig ist
1. Sichtbare Katholizität in einer fragmentierten Welt
In einer globalisierten, zugleich aber kulturell und kirchlich fragmentierten Welt braucht die ökumenische Bewegung Zeichen, die unmittelbar verständlich sind.

Die zweifache Evangelienlesung und das zweisprachige Credo besitzen eine hohe symbolische Klarheit:
- Ohne lange Erklärung ist hörbar: Ost und West verkünden gemeinsam das Evangelium und sprechen gemeinsam das Glaubensbekenntnis.
- Mit kurzer katechetischer Deutung wird einsichtig, warum das griechische Credo ohne filioque gesungen wird, ohne dass die westliche Tradition geleugnet wird.

So wird im Gottesdienst sichtbar, was lehramtliche Texte wie Ut unum sint theologisch entfalten: dass die Kirche ihre Einheit in der Spannung und im Zusammenklang beider Traditionen zu leben hat.¹⁶

2. Liturgie als Schule der Einheit
Liturgie ist nicht nur Ausdruck des Glaubens, sondern auch Schule des Glaubens. Wenn in Rom regelmäßig Evangelium und Credo in Latein und Griechisch erklingen, kann dies:
- katholische Gläubige mit der griechischen Sprache des Glaubens vertraut machen,
- Vorurteile gegenüber der Orthodoxie abbauen,
- den theologischen Dialog über Pneumatologie und Ekklesiologie in eine konkrete Gebets- und Hörerfahrung einbetten.

Was gemeinsam gebetet und gesungen wird, prägt sich tiefer ein als abstrakte Formeln. Papst Benedikt XVI. hat wiederholt betont, dass gerade die liturgische „Form des Glaubens“ eine ökumenische Brücke sein kann.¹⁷

3. Versöhnte Verschiedenheit im Umgang mit dem filioque
Das Dokument von 1995 zur Prozession des Heiligen Geistes und die nachfolgenden ökumenischen Gespräche haben deutlich gemacht, dass die Differenz in der Formulierung (ex Patre – ex Patre Filioque) kein ontologischer Gegensatz zweier Glaubenswelten ist.¹¹

Ein zweisprachiges Credo in der Papstmesse würde diesen Konsens liturgisch sichtbar machen:
- Das lateinische Credo mit filioque bleibt Ausdruck der westlichen Tradition.
- Das griechische Credo ohne Zusatz erinnert an die gemeinsame konziliare Basis.
- Die Koexistenz beider Formen im selben Gottesdienst zeigt, dass Einheit des Glaubens nicht Uniformität der Sprach- und Denkform voraussetzt.¹¹
Damit könnte ein neuralgischer Punkt der Kirchengeschichte zu einem „heilenden Zeichen“ werden.

4. Konkrete Vorschläge für die Papstliturgie
Aus pastoraler und ökumenischer Sicht ließen sich praxisnahe Kriterien formulieren:
Regelmäßige zweisprachige Verkündigung
- an den Hochfesten des Kirchenjahres (Ostern, Pfingsten, Weihnachten),
- am Fest der hl. Apostel Petrus und Paulus (als Fest von Rom und Konstantinopel),
- bei Jubiläen der ökumenischen Konzilien Nicäa und Konstantinopel.

Verpflichtende zweisprachige Form
- bei Papstfeiern mit Teilnahme des Ökumenischen Patriarchen oder anderer orthodoxer Patriarchen,
- bei Gedenkfeiern der Aufhebung der „Exkommunikationen von 1054“ oder bedeutender ökumenischer Schritte.¹² ¹³

Pastorale Begleitung
- kurze Erläuterungen im Messbuch bzw. im Libretto der Papstmessen,
- begleitende Artikel in L’Osservatore Romano,
- Übernahme dieses Modells in ausgewählten Kollegien, Klöstern, Kathedralen oder Wallfahrtsorten als „Schule der Einheit“.¹⁷

5. Spirituelle Dimension
Neben aller Theologie bleibt der einfache geistliche Kern: Wenn in der Petersbasilika das Evangelium erst lateinisch und dann griechisch erklingt, wenn das Credo in beiden Formen gesungen wird, wird erfahrbar:
- dass der Geist Gottes in der Geschichte der Kirche weiterwirkt,
- dass alte Wunden nicht das letzte Wort haben,
- dass die Sehnsucht nach der vollen eucharistischen communio zwischen Ost und West lebendig ist.

Solche Zeichen können – ohne jede Illusion – zu einem Ort der inneren Umkehr und der Erneuerung der Liebe werden, die allein wirkliche Einheit ermöglicht.¹⁸

VI. Schluss: Ein Plädoyer aus der Tradition heraus
Die zweisprachige Evangelienlesung und das zweisprachige Credo sind kein romantischer Rückblick in eine vergangene liturgische Welt. Sie sind vielmehr ein Schatz der römischen Tradition, der in der Gegenwart einen neuen, eminent ökumenischen Sinn gewinnen kann.

Historisch ist klar:
- Rom war über Jahrhunderte hinweg reale Schnittstelle von Ost und West,
- die Papstmesse war paradigmatisch zweisprachig,
- der griechische Diakon und das griechische Credo ohne filioque gehörten zum regulären Bild der päpstlichen Liturgie.¹.⁸ ¹⁵

Theologisch ist ebenso klar:
- beide Formen des Credo bekennen dieselbe trinitarische Wahrheit in unterschiedlicher Sprachlogik,¹⁰.¹¹
- das Lehramt erkennt die normative Bedeutung des griechischen Symbols an,¹¹ ¹⁴
- die ökumenischen Gesten der letzten Jahrzehnte haben gezeigt, wie fruchtbar liturgische Zeichen für den Weg zur Einheit sind.¹² ¹³ ¹⁶–¹⁸

Daraus ergibt sich ein schlichtes, aber gewichtiges Plädoyer:
Die römische Kirche sollte aus der Tiefe ihrer eigenen Tradition heraus den Ritus der zweifachen Evangelienverkündigung und des zweisprachigen Credo-Gesangs in der Papstliturgie wieder regelmäßig und bewusst pflegen. Nicht als folkloristische Beigabe, sondern als Ausdruck eines wahren Petrusdienstes, der heute in besonderer Weise den Auftrag hat, die Brüder und Schwestern des Ostens im Glauben zu stärken – und sich zugleich von ihnen stärken zu lassen.¹⁶

Wo das Evangelium in Latein und Griechisch verkündet und das Credo in beiden Formen gesungen wird, beginnt die Kirche liturgisch so zu atmen und zu beten, wie sie es tun und wie sie theologisch sein soll: mit zwei Lungenflügeln – Ost und West –, und in einem Geist.⁹ ¹⁸

Endnoten
01 Diese Metapher stammt ursprünglich nicht von Johannes Paul II., sondern von Wjatscheslaw Ivanov (1866–1949), orthodox, der schon um 1930 vom Christentum sprach, das nur „mit zwei Lungen“ – Ost und West – atmen könne: „Невозможно христианину, более того, католику дышать одним лёгким: нужно иметь два лёгких – Восточное и Западное.“ - „Es ist unmöglich für einen Christen, ja mehr noch, für einen Katholiken, mit nur einer Lunge zu atmen; man muss zwei Lungen haben – die östliche und die westliche.“ Ivanov verstand seine Communio mit Rom als Erweiterung seiner Orthodoxie. Johannes Paul II. griff dieses Bild 1980 erstmals in Paris bewusst auf. Am 31. Mai 1980, Paris, Ansprache an Vertreter nichtkatholischer christlicher Gemeinschaften, sagt er auf Französisch: „On ne peut pas respirer en chrétien, je dirais plus, en catholique, avec un seul poumon; il faut avoir deux poumons, c’est-à-dire oriental et occidental.“ Er verwendet diese Formel nochmals am 28. Mai 1983, Rom, Rede zum Ivanov-Symposium („Ivanov et la culture de son temps“). Seit den 1980er Jahren erscheint es in mehreren lehramtlichen Texten von ihm, u. a. in Redemptoris Mater(1987), Sacri Canones (1990), Ut Unum Sint (1995). So wurde Ivanovs Metapher durch Johannes Paul II. zu einem zentralen ökumenischen Leitmotiv.
1 Catholic Encyclopedia, Art. „Liturgy of the Mass“; H. A. Daniel, Geschichte der Liturgie im Altertum, Leipzig 1899, 42–50; J. A. Jungmann, Missarum Sollemnia, Bd. I, Wien 1962, 317–320; LThK³, Art. „Liturgiesprachen“.
2RAC 32, Sp. 45–68, Art. „Tres linguae sacrae“; Hilarius von Poitiers, Tractatus in Psalmos 14,3; G. Martimort (Hg.), Handbuch der Liturgiegeschichte, Bd. 2, Freiburg 1990, 460–467.
3 LThK³, Art. „Schola Graeca“; C. Pietri, Roma Christiana, Bd. II, Paris 1976, 1227–1245.
4 Liber Pontificalis, ed. Duchesne, Bd. I, Paris 1886, 447 und 512; A. Chavasse, La liturgie romaine de l’époque carolingienne, Paris 1958, 233–240.
5 M. Andrieu, Les Ordines Romani du haut moyen âge, Bd. II–III, Louvain 1954–1956 (bes. Ordo Romanus XIV cap. XVII); C. Vogel, Medieval Liturgy. An Introduction to the Sources, Washington 1986, 213–220.
6 Burchard von Straßburg, Caeremoniale Romanum (um 1480), cap. XIV; Caeremoniale Episcoporum, Rom 1600, pars II, cap. XIII; Diarium Ceremoniarum Leonis XIII, Vatikanisches Apostolisches Archiv, Cod. Cerem. 33, fol. 41v; P. M. Gy, Histoire de la liturgie, Paris 1983, 232–238.
7 P. F. Palazzo, A History of Liturgical Books, Collegeville 2000, 72–78; R. F. Taft SJ, Through Their Own Eyes. Liturgy as the Byzantines Saw It, Collegeville 2006, 251–255.
8 Ordo Romanus XI, Cod. Guelf. Wissembourg 91 (HAB Wolfenbüttel), ed. M. Andrieu, Les Ordines Romani, Bd. IV, Louvain 1956, 303–310; Arthur Westwell, „Liturgical Texts in OR XI: A Wissembourg Example“, 2023 (online publ.).
9 M. Fiedrowicz, Vom Sinn des Ritus. Liturgie als Quelle des christlichen Lebens, Regensburg 2018, 214–218; J. Ratzinger, Der Geist der Liturgie. Eine Einführung, Freiburg 2000, 128–133; H. Rahner, Symbole der Kirche. Die Ekklesiologie der Väter, Freiburg 1964, 217–225.
10 Acta Conciliorum Oecumenicorum, II/1, Berlin 1914, 71–76 (Text von Konstantinopel 381); J. Daniélou, Histoire des dogmes, Bd. II, Paris 1958, 327–333; P. Chapman, The Filioque Controversy, Oxford 1983, 48–55.
11 Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen, The Greek and the Latin Traditions Regarding the Procession of the Holy Spirit, Vatikan 1995, Nr. 2–7 (dt. in: Ökumenische Theologie 7 [1996], 112–118).
12 Acta Apostolicae Sedis 59 (1967), 593–596; J. Oesterreicher, Paul VI and Athenagoras I: A New Step towards Unity, Rom 1967, 47–49.
13 L’Osservatore Romano, 10. Mai 2014, 5 (Bericht über Papstmesse mit Patriarch Bartholomaios I.).
14 A. Denzinger – P. Hünermann, Enchiridion symbolorum, Freiburg 2012, Nr. 800 u. ö.
15 Archiv des Collegium Graecum (Urbanum), Reg. XIII (1638–1775).
16 Johannes Paul II., Enzyklika Ut unum sint (1995), bes. Nr. 54–56.
17 Benedikt XVI., Predigt am Pfingstsonntag 2008 (Homiliensammlung); vgl. ekklesiologische Aussagen zur Liturgie in mehreren Ansprachen.
18 Vgl. zusammenfassend M. Fiedrowicz, Vom Sinn des Ritus; J. Ratzinger, Der Geist der Liturgie; H. Rahner, Symbole der Kirche; sowie die ökumenische Grundoption von Ut unum sint und die praktischen Gesten der jüngeren Päpste (Paul VI., Johannes Paul II., Benedikt XVI., Franziskus).

Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer ist der Gründungsrektor des Collegium Orientale in Eichstätt. Er ist Theologe mit Schwerpunkt auf ökumenischer Theologie, ostkirchlicher Ekklesiologie und ostkirchlicher Liturgiewissenschaft. Er studierte in Eichstätt, Jerusalem und Rom, war in verschiedenen Dialogkommissionen tätig. Er veröffentlicht zu Fragen der Ökumene, des Frühen Mönchtums, der Liturgie der Ostkirchen und der ostkirchlichen Spiritualität. Weitere kath.net-Beiträge von ihm: siehe Link.

Historisch: Papst Leo und die Ökumenischen Patriarchen beten 1700 Jahre später in der Türkei das Nizäische Glaubensbekenntnis auf englisch, ohne das filioque


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