„Die Ursache der Kirchenkrise und ihre Überwindung“

6. Jänner 2026 in Kommentar


„Die größte Gefahr für die Neuevangelisierung im Westen, gerade auch in Deutschland, sehe ich in der Wiederkehr der Lehre von der doppelten Wahrheit. Sie ist gnostischen Ursprungs.“ Von Gerhard Card. Müller, Roma


Rom (kath.net) Die ganze Kirche dankt Papst Leo XIV. für seine Christo-zentrische Verkündigung, in der er als Nachfolger Petri alle Bischöfe und Gläubigen vereint im Bekenntnis zu Christus, dem Sohn des lebendigen Gottes (Mt 16,16). 

Die größte Gefahr für die Neuevangelisierung im Westen, gerade auch in Deutschland, sehe ich in der Wiederkehr der Lehre von der doppelten Wahrheit. Sie ist gnostischen Ursprungs. Schon Irenäus von Lyon hat ihr die katholische Hermeneutik entgegengestellt. Die Einheit und Ganzheit der Offenbarung ist gegenwärtig in der Kirche vermittels der Heiligen Schrift, der Apostolischen Tradition und des Lehramtes der Bischöfe besonders in der römischen Kirche. Das II. Vatikanum hat in Dogmatischen Konstitution über die Göttliche Offenbarung „Dei verbum“ 1-10 in diesem Sinne gegen die Immanentisierung des Glaubens und die Säkularisierung der Kirche die Übernatürlichkeit des Glaubens und die Sakramentalität der Kirche herausgearbeitet sowohl gegen den Rationalismus der Aufklärung mit der Reduktion des Christentums auf eine natürliche Moral (Kant) als auch gegen den Irrationalismus der Romantik mit Verfälschung des vernunftgemäßen Glaubens in einen mystischen Sentimentalismus (Rousseau). Populär gesagt: Die Religion sei Sache des individuellen und kollektiven Gefühls und darum seien alle historischen Religion nur ihr kulturbedingter Ausdruck. Keine Religion habe allein Anspruch auf die Wahrheit, selbst wenn die Kirche sich als die von Gott eingesetzte Lehrerin der in Christus ein für alle Mal ergangenen Offenbarung, also als Sakrament des Heils in Christus versteht. Der neuen Kirchenlehrer John Henry Newman hat in seinem letzten großen Werk, „Entwurf einer Zustimmungslehre“ (An Essay in Aid of a Grammar of Assent) der katholischen Hermeneutik nach dem Naturalismus der Aufklärung eine zeitgenössische Gestalt gegeben. 

Die Lehre von der Doppelten Wahrheit kleidet sich heute in den Slogan von Paradigmenwechsel. Das mag für die Theoriebildung in den Naturwissenschaften gültig sein. Für die Theologie, die sich auf die Fülle der Wahrheit und Gnade in Christus stützt, ist sie ein Verhängnis. Es ist nicht wie bei Nietzsche, der die Wahrheit abhängig macht von der Perspektive oder wie bei Heidegger, der die Wahrheit des Seins abhängig macht von ihrer Enthüllung in der jeweiligen Epoche. Die Wahrheit ist also zeitbedingt. 

Christus ist jedoch in seiner Person die Wahrheit in der Fülle der Zeit. Und er verbindet alle Epochen der Heils- und Kirchen- und Dogmengeschichte in der Einheit des Glaubensbewusstsein der Kirche in ihrer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Der Sohn Gottes vermittelt kraft seiner angenommen menschlichen Natur jeden Glaubenden und die ganze Kirche in die Unmittelbarkeit zu dem einzigen und wahren Gott, der in der Gottheit und Menschheit seines Sohnes alle Zeiten umfasst.

Eine zerstörerische Konsequenz der Lehre von der doppelten Wahrheit ist die Forderung, die Pastoral müsse Vorrang haben vor den geoffenbarten Wahrheiten der Glaubens- und Sittenlehre. Was dogmatisch wahr sei, könne pastoral falsch sein und umgekehrt, z.B. die Ehe von Mann und Frau sei zwar im Logos des Schöpfers und Erlösers begründet, in dem alles geworden ist, aber dennoch könne man homosexuelle Paaren aus pastoralen Gründen, d.h. ihres subjektiven Wohlfühlens, in der Illusion wiegen, ihr objektiv sündhaftes Verhältnis sei trotzdem von Gott gesegnet. 

Um ein anderes Beispiel zu erwähnen: Man kann nicht einerseits mit dem II. Vatikanum die hierarchisch-sakramentale Verfassung der Kirche als geoffenbarte Wahrheit bekennen (Lumen gentium 18-29) und gleichzeitig die Synode der Bischöfe in ein Symposion von Teilnehmern aus allen Ständen der Kirche verwandeln, deren Ansichten dann – entgegen aller Kollegialität der Bischöfe- vom Papst quasi wie ein absolutistischer Fürst mit der Autorität des ordentlichen Lehramt ausgestattet wird, obwohl mit dem ordentlichen Lehramt die regelmäßige Verkündigung der geoffenbarten Wahrheiten gemeint ist seitens der Bischöfe und des Papstes (also, dass sie an Weihnachten über die Geburt Christi und die Menschwerdung des Sohnes Gottes predigen und nicht von ihren privaten Ideen zur Politik). Auch kann die Kirche in Deutschland sich nicht zugleich katholisch nennen und mit dem Synodalen Rat – als einem von Menschen eingesetzten Entscheidungsgremium – die Lehrautorität und die Jurisdiktion der Bischöfe göttlichen Rechtes (iuris divini) unterlaufen und das Hirtenamt der Bischöfe in einem Kirchenparlament anglikanischer Bauart aufgehen lassen.

Aber man kann nicht Christus als Lehrer der Wahrheit und Christus als guter Hirte neo-nestorianisch voneinander trennen, weil er die eine und selbe göttliche Person ist, die sowohl die göttliche Wahrheit lehrt als auch das göttliche Leben der Gnade, der Umkehr und der Erneuerung im Heiligen Geist seinen Jüngern schenkt. Wir müssen den dualistischen Gegensatz von Dogma und Pastoral, von Wahrheit und Leben überwinden. Wir müssen unser Denken und Urteilen vor den ideologischen Kategorien bewahren, welche den einen und ungeteilten Leib Christi, der die Kirche ist, spalten in Traditionalisten und Progressisten, Konservative und Liberale.

Die apostolische Überlieferung kennt in der Kirche unter dem Beistand des Heiligen Geistes einen Fortschritt im Verständnis der ein für alle Mal ergangenen Offenbarung, besonders auch durch die Verkündigung derer, die mit der Nachfolge im Bischofsamt das sichere Charisma der Wahrheit empfangen haben (vgl. Dei verbum 8). Und nur in dem einen und selben Christus ist die ganze Tiefe der Wahrheit über Gott und das Heil des Menschen erschlossen, weil er „zugleich – in seiner Menschheit – der Mittler und – in seiner Gottheit – die Fülle der ganzen Offenbarung ist.“ (Dei verbum 2).

Archivfoto: Kardinal Müller beim Konklave 2025 (c) Vatican Media

VIDEO - Kardinal Müller zelebrierte im Petersdom das Pontifikalamt zum Gedenken an Papst Benedikt XVI. zu dessen dritten Todestag:

On the third anniversary of the death of Pope Benedict XVI, who passed away on 31 December 2022, Cardinal Gerhard Ludwig Müller, former Prefect of the Congregation for the Doctrine of the Faith, presided over a Mass at St Peter’s Basilica, where in his homily he recalled… pic.twitter.com/wdtKNMVJ9d

— EWTN Vatican (@EWTNVatican) December 30, 2025

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