Hoffnung schlägt Optimismus

9. Jänner 2026 in Kommentar


In einer Kultur, die Unsicherheit als Mangel empfindet, ist christliche Hoffnung ein stiller Widerspruch. Sie muss nicht beweisen, dass alles gut wird. Sie bekennt, dass Gott gut ist - BeneDicta am Freitag von Dorothea Schmidt


Regensburg (kath.net)

Ist Optimismus echte Hoffnung? Oder speist er sich nicht doch vor allem aus Statistiken, Trends, technischen Möglichkeiten oder der eigenen Resilienz – getragen von jener leisen Selbstberuhigung, die sagt: Es wird schon gut gehen? In einer Zeit globaler Krisen zeigt sich immer deutlicher, dass positives Denken an Grenzen stößt. Christliche Hoffnung hingegen setzt tiefer an.

Während das Gros der Menschen nach Neujahr den Weihnachtsschmuck abhängt, die Lichter auf den Straßen nach und nach erlöschen und der Alltag wieder die Oberhand gewinnt, feiern Christen weiter. Weihnachten endet für sie nicht am 26. Dezember und auch nicht mit dem Fest der Erscheinung des Herrn. Liturgisch schließt die Weihnachtszeit mit dem Fest der Taufe des Herrn; das Fest der Darstellung des Herrn am 2. Februar greift jedoch zentrale Motive von Weihnachten – Licht, Hingabe, Menschwerdung – nochmals auf; Christus wird dem wartenden Volk Israel, vertreten durch Simeon und Hanna, als der verheißene Messias vorgestellt. In vielen Kirchen halten sich daher bis dahin bestimmte Traditionen wie etwa, dass der Christbaum bis dahin stehen bleibt.

Im Herzen der Christen kann aber immer Weihnachten sein. Denn das Geschenk der Geburt Jesu erschöpft sich nicht im romantisch-gemütlichen Flair von Keksen, Glühwein, Lichtern und musikalischem Geriesel. Es gründet in der Menschwerdung Gottes selbst, die von Anfang an auf Kreuz und Auferstehung hin geöffnet ist und nicht einen Moment in der Heilsgeschichte markiert, sondern ein Zustand ist: Gott ist da, und er bleibt. Christus ist der Emmanuel, der „Gott mit uns“.

Aus seiner Menschwerdung erwächst die Kraft der Erlösung, also die Befreiung von Sünde, Tod und Gottferne, und eine Hoffnung, die nicht aus menschlicher Zuversicht stammt, sondern Gabe Gottes ist und den Menschen über sich selbst hinaus trägt. Sich dies neu bewusst zu machen, kann zu Beginn des Neuen Jahres hilfreich sein. Denn der Kalenderwechsel allein verändert noch nichts. Alte Konflikte verschwinden nicht, persönliche Sorgen lassen sich nicht einfach zurücklassen oder mit Vorsätzen betäuben. Christliche Hoffnung lädt ein, sich neu im Vertrauen auf Gott zu verankern, der derselbe ist „gestern, heute und in Ewigkeit“ (Hebr 13,8).

Gerade hier zeigt sich der entscheidende Unterschied zu jenem Optimismus, der vor allem auf Machbarkeit, Fortschritt oder die eigene Resilienz, begleitet vom stillen Basso continuo „Es wird schon gut gehen“ setzt. 2026 prägen Kriege, gesellschaftliche Polarisierung, wirtschaftliche Sorgen und eine spürbare Erschöpfung vieler Menschen den Blick nach vorn. Während Optimismus aus menschlichen Möglichkeiten lebt, wurzelt christliche Hoffnung in einem Geschehen, das der Mensch nicht selbst hervorbringen kann: eben darin, dass Gott in Jesus Christus in die Geschichte eingetreten ist und sie nicht sich selbst überlässt. Von hier aus öffnet sich der Blick auf eine Hoffnung, die auch dann trägt, wenn Zuversicht versagt.

Christliche Hoffnung Christliche Hoffnung ist nicht einfach eine gesteigerte positive Einstellung. Sie ist die Gewissheit, dass Gott selbst in schwierigen Umständen gegenwärtig ist. Christliche Hoffnung kennt das Kreuz, schließlich begann das Christentum nicht mit einer Erfolgsgeschichte, sondern mit dem scheinbaren Scheitern am Kreuz. Auch Ostern erschließt sich nur von dort her. Ostern ist das bis zum letzten Moment unsichtbare Licht am Ende eines – manchmal sehr langen – Tunnels. Hoffnung verdrängt das Dunkle nicht, sondern weiß, dass es nicht das letzte Wort hat.

Insofern beginnt Hoffnung oft nicht als Gefühl, sondern als Entscheidung: sich auf Gott zu stützen, eine schwierige Situation anzunehmen, eigene Vorstellungen nicht durchsetzen zu wollen, sondern Gott Gott sein zu lassen – als liebenden Vater, der letztlich das Gute für den Menschen will, auch wenn dieser es im Moment nicht erkennen kann und sich von ihm im Stich gelassen fühlt. Man denke an Menschen, die ihre Familie plötzlich auf grausame Weise verlieren, an Eltern, deren Kind kurz nach der Geburt oder noch im Mutterleib stirbt, oder an andere Schicksalsschläge, die unvermittelt ins Leben einbrechen.

Dann bedeutet es einen enormen Kraftakt, Hoffnung zu bewahren oder sich neu für sie zu entscheiden. Und doch hat echte Hoffnung einen längeren Atem als bloßer Optimismus. „Optimismus ist nicht falsch; er kann motivieren und kurzfristig handlungsfähig machen. Doch er lebt von Voraussetzungen, die jederzeit wegbrechen können. Wenn Leiden zum Dauerzustand wird oder das Leben eine Wendung nimmt, die sich nicht mehr positiv denken lässt, verliert Optimismus schnell seinen Halt. Was dann trägt, ist Hoffnung – eine Hoffnung, die das Leid nicht leugnet und zu einer Haltung wird, die trägt, weil sie letztlich das „Vertrauen auf die Endlosigkeit der göttlichen Liebe“ ist, um es einmal mit Charles des Foucault zu sagen. Der Apostel Paulus formuliert es so: „Auf Hoffnung hin sind wir gerettet“ (Röm 8,24). Nietzsche war der Meinung, dass Hoffnung der Regenbogen über den herabstürzenden Bach des Lebens ist.   

Während Optimismus auf menschliche oder technologische Leistungsfähigkeit vertraut, nimmt Hoffnung die Zukunft, wie sie kommt — man könnte es auch Gelassenheit nennen —, und vertraut darauf, dass Gott die Geschichte nicht aus der Hand gegeben hat – auch dann nicht, wenn ihre Zeichen widersprüchlich erscheinen.

Der kleine Jesus in der Krippe hat die Machtverhältnisse auch nicht sofort verändert. Herodes blieb Herodes, was viele enttäuschte. Und doch hat sich Entscheidendes verschoben: Der Himmel ist auf die Erde gekommen und hat dem Menschen die Tür zum Paradies geöffnet. Hoffnung bedeutet hier: Nicht Gewalt hat das letzte Wort, sondern Gottes Nähe – eine Nähe allerdings, die sich nicht aufdrängt.

Hoffnung erfordert einen Schritt auf Gott zu und meint Augustinus zufolge auch „den Sprung ins Ungewisse“ sowie die Entscheidung, „sich ganz Gott überlassen. Insofern setzt sie Demut und ein Ja zum Willen Gottes nach dem Vorbild der Gottesmutter voraus, die ihr Fiat sicher nicht nur einmal sprach, sondern immer wieder – auch dann noch, als sie mitansehen musste, wie ihr Sohn grausam zugerichtet wurde. Hoffnung hat einen langen Atem, was sie gewissermaßen verwandt macht mit Langmut; Hoffnung nährt die Langmut, und Langmut bewahrt die Hoffnung. Sie weiß, dass Sinn und Ziel nicht allein an sichtbaren Ergebnissen hängen.

In einer Kultur, die Unsicherheit als Mangel empfindet, ist christliche Hoffnung ein stiller Widerspruch. Sie muss nicht beweisen, dass alles gut wird. Sie bekennt, dass Gott gut ist – auch wenn vieles unklar oder schwer zu ertragen bleibt. Wer so hofft, hat es nicht automatisch leichter im Leben. Aber er folgt nicht der Logik des Machbaren, sondern der Wahrheit des Evangeliums, die ihm den Weg des Lebens ausleuchtet.  


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