Warum Kirchen jetzt Frieden, Recht und Wahrheit verteidigen müssen

16. Jänner 2026 in Aktuelles


Wenn die Welt zur „Räuberhöhle“ wird – Russische Orthodoxie zwischen Staatskirche und Geheimdienst – Katholische Weltkirche zwischen Diplomatie und Prophetie (Benedikt XVI.; Franziskus; Leo XIV.). Von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer


Eichstätt (kath.net) 1. Alarmzeichen „Räuberhöhle“: Wenn Macht das Recht frisst
Der biblische Ausdruck der „Räuberhöhle“ (Jer 7,11; Mk 11,17) ist kein affektiver Moralruf, sondern eine präzise Diagnose des Ordnungsverfalls. Eine Gesellschaft kippt dort, wo Recht nicht mehr bindet, sondern nur noch als Kulisse dient. In einer solchen Ordnung entscheidet nicht mehr der bessere Grund, sondern die stärkere Durchsetzungsmacht. Territorien, Ressourcen, historische Narrative und religiöse Symbole werden verfügbar gemacht; das Recht bleibt auf dem Papier bestehen, verliert jedoch seine normative Kraft.

Bemerkenswert ist, dass diese Metapher inzwischen auch in die politische Gegenwartssprache eingegangen ist. Der deutsche Bundespräsident warnte 2026 bei einem Berliner Symposium der Körber-Stiftung ausdrücklich davor, dass die Welt nicht zur „Räuberhöhle“ werden dürfe; die Respektlosigkeit gegenüber dem Völkerrecht und die Erosion der internationalen Ordnung seien bereits weit fortgeschritten¹. Diese politische Diagnose trifft sich auffällig mit der theologischen Analyse: Wo Recht seine bindende Kraft verliert, tritt nicht Neutralität ein, sondern Willkür – und Willkür ist der strukturelle Nährboden von Gewalt.

Christlich gesehen handelt es sich dabei nicht bloß um ein politisches Defizit, sondern um eine anthropologische Entstellung. Wo Menschenleben zu Material geopolitischer Kalküle werden, wird die Wahrheit von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen faktisch suspendiert. Kirchen können dazu nicht neutral stehen. Neutralität in Fragen elementarer Würde wird zur stillschweigenden Akzeptanz der Gewaltlogik.

Die Leitfrage dieses Beitrags lautet daher: Wie müssen Kirchen handeln, wenn die Welt in eine „Räuberhöhlen“-Logik abrutscht – und woran erkennt man, ob sie Friedensdiener bleiben oder zu Legitimationsapparaten der Macht werden?

2. Das Menschenbild als Schutzwall: Würde, Sünde, Verantwortung
2.1 Würde: Der Mensch ist nicht verhandelbar

Die biblische Anthropologie setzt den Ausgangspunkt politischer Ethik nicht bei Interessen, sondern bei Würde: „Gott schuf den Menschen als sein Bild“ (Gen 1,27). Daraus folgt Unverfügbarkeit. Kein Mensch, kein Volk darf Mittel zum Zweck werden. Politische Ordnungen werden daran gemessen, ob sie diese Würde schützen – gerade unter Druck, gerade im Ausnahmezustand.

2.2 Strukturen der Sünde: Wenn Unrecht Normalform wird
Johannes Paul II. beschreibt „Strukturen der Sünde“ als Systeme, die Unrecht stabilisieren, Verantwortung zerstreuen und Gewissen abstumpfen². Die „Räuberhöhle“ ist genau eine solche Struktur: Skrupellosigkeit wird belohnt, Rechtsbindung gilt als naiv, moralische Selbstbegrenzung als Schwäche. Der eigentliche Kipppunkt liegt dabei oft nicht im offenen Gewaltakt, sondern im Sprachgebrauch. Wo Begriffe wie Recht, Frieden oder Sicherheit systematisch entleert werden, wird Gewalt vorbereitbar.

2.3 Kirchliche Verantwortung: Schweigen ist nicht neutral
Das Zweite Vatikanische Konzil bestimmt die Kirche als „Zeichen und Werkzeug“ der Einheit der Menschheit³. Wo diese Einheit durch Gewalt, Imperialismus und Entmenschlichung zerstört wird, kann Schweigen zur moralischen Komplizenschaft werden. Die Kirche ist nicht Partei im engen Sinn – wohl aber Anwältin von Würde, Wahrheit und Recht als Bedingungen des Friedens.

3. Universal – niemals national: Warum christlicher Glaube seiner Natur nach universal ist
Wenn die Welt in eine „Räuberhöhlen“-Logik gerät, wächst eine alte Versuchung: Religion wird in nationale Schutzräume eingeschlossen, Christentum zur identitären Grenzmarke gemacht, das Evangelium zum kulturellen Besitzstand umgedeutet. Genau hier setzt Hans Joas an. Seine zentrale These lautet: Christentum kann seinem Wesen nach nicht national sein⁴.

3.1 Die erneute Versuchung des Nationalen
Joas beobachtet, dass in westlichen Debatten Motive wie „christliches Abendland“ oder „Christian Nationalism“ neu mobilisiert werden. Der Mechanismus ist bekannt: Wo gesellschaftliche Verunsicherung wächst, wird Religion zur Identitätsprothese. Der Glaube dient dann nicht mehr der Bekehrung des Herzens und der Überschreitung des Stammes, sondern der Abgrenzung gegen „die anderen“. Theologisch ist dies ein performativer Selbstwiderspruch: Das Evangelium beginnt dort, wo die Logik des Kollektivs überschritten wird (Gal 3,28).

3.2 Globalisierung des Christentums: Rückkehr zum Ursprung
Joas deutet den gegenwärtigen Gestaltwandel des Christentums nicht als Verlust, sondern als Rückkehr zu seiner ursprünglichen Universalität. Die bürgerlich-europäische Form des 19. Jahrhunderts verliert an Dominanz; das Christentum wächst in Afrika, Lateinamerika und Ostasien⁵. Gerade diese Entwicklung macht sichtbar, dass „katholisch“ kein europäisches Etikett, sondern eine Wesenseigenschaft des Glaubens ist.

3.3 Moralischer Universalismus: Radikalisierung, nicht Monopol
Universalismus ist keine exklusive Erfindung des Christentums. Die Einsicht, dass moralische Verpflichtungen nicht allein für den eigenen Stamm, die eigene Polis oder das eigene Reich gelten, sondern prinzipiell allen Menschen zukommen, entsteht bereits in der sogenannten „Achsenzeit“ (geprägt von Karl Jaspers). In der Epoche zwischen etwa 800 und 200 v. Chr. entwickeln sich in verschiedenen Kulturräumen – im antiken Israel, in Griechenland, in Indien und in China – ethisch-religiöse Denkformen, die Macht relativieren, Gerechtigkeit verallgemeinern und den Menschen nicht mehr nur als Glied eines Kollektivs, sondern als moralisch verantwortliches Subjekt begreifen.

Das Christentum übernimmt diesen universalistischen Horizont nicht lediglich, sondern radikalisiert ihn: durch die Betonung der Gottesebenbildlichkeit jedes Menschen, durch die Zentrierung auf den Gekreuzigten statt auf den Sieger und durch die Norm der Feindesliebe. Gerade dadurch wird christlicher Universalismus strukturell unvereinbar mit jeder Form nationaler, ethnischer oder imperialer Selbstsakralisierung⁶.

3.4 Universalismus ohne Imperium
Joas stellt die entscheidende Frage, ob Universalismus historisch oft mit imperialer Macht verbunden war – und insistiert dennoch auf seiner Unterscheidung vom Imperialismus⁷. Gerade hier liegt die politische Relevanz des Christentums: Universalität ohne Zwang, Einheit ohne Homogenisierung, Moral ohne Imperium. In einer Welt der Einflusszonen ist dies keine Utopie, sondern die einzige Alternative zur Barbarei.

3.5 Kirche als transnationale Gewissensinstanz
Joas sieht in global vernetzten religiösen Akteuren – insbesondere in der katholischen Weltkirche und ihren weltweiten Orden – ein Potential, Universalismus praktisch zu verkörpern⁸. Damit ist ein Maßstab gesetzt: Wo Kirche national verschmilzt, verliert sie ihre kritische Freiheit; wo sie universal bleibt, kann sie Macht begrenzen.

4. Zivilreligion und politische Religion
Moderne Gesellschaften leben – so Charles Taylor – im „immanenten Rahmen“⁹. In diesem entstehen Ersatzformen von Transzendenz. Zivilreligion integriert das Gemeinwesen moralisch¹⁰; politische Religion hingegen unterwirft es total¹¹. Entscheidend ist: Zivilreligion integriert – politische Religion sakralisiert Loyalität und kriminalisiert Abweichung.

Für die Kirche bedeutet dies: Mitarbeit an einer zivilen Werteordnung ist möglich; Unterwerfung unter politische Religion zerstört ihr Wesen.

5. Russland: Von der „Symphonia“ zur Staatskirche – und zur politischen Religion
5.1 Tiefenstruktur staatlicher Kontrolle

Die russisch-orthodoxe Kirche steht nicht erst seit dem Ukrainekrieg in einem problematischen Näheverhältnis zum Staat. Historisch ist dieses Verhältnis durch eine lange Tradition staatlicher Kontrolle geprägt. Die byzantinische Idee der symphonia – ursprünglich als wechselseitige Verantwortung von geistlicher und weltlicher Gewalt gedacht – wurde im russischen Kontext zur strukturellen Dominanz des Staates über die Kirche. Mit der synodalen Ordnung von 1721 wurde die Kirche faktisch in den Staatsapparat integriert¹¹–¹². Diese Prägung wirkt über politische Systemwechsel hinweg fort.

5.2 Sicherheitsdienste und kirchliche Führung
Die Durchdringung kirchlicher Führungsschichten durch den KGB ist historisch gut belegt. Die Keston-Dokumentation The Patriarch and the KGB (2000) wertet Archivmaterial aus, das eine systematische Zusammenarbeit hochrangiger Kirchenvertreter mit den Sicherheitsdiensten belegt¹³. Für die Gegenwart gilt: Direkte Befehlsketten lassen sich selten nachweisen, wohl aber funktionale Abhängigkeiten. Analysen zeigen, wie kirchliche Strukturen für hybride Einflussoperationen, außenpolitische Narrative und Desinformation genutzt werden¹⁴–¹⁵.

5.3 „Russische Welt“: Sakralisierte Geopolitik
Die Ideologie der „Russischen Welt“ entwickelte sich von einer kulturellen Zivilreligion zur politischen Religion¹⁶–¹⁷. Der Ukrainekrieg markiert den theologischen Kipppunkt: Mit dem „Gebet für die Heilige Rus’“(2022) wird der Krieg liturgisch aufgeladen; nicht Frieden, sondern Sieg wird erbeten¹⁸–¹⁹. Liturgie wird Loyalitätsritual, das Evangelium zum Überbau der Staatsräson.

6. Krieg, Repression und Desinformation: Religion als Waffe – und als Ressource
UN-Berichte dokumentieren schwere Verletzungen der Religionsfreiheit in den besetzten Gebieten der Ukraine²⁰. Zugleich entsteht konfessionsübergreifende Solidarität. Parallel wirkt Desinformation als zweite Front, die religiöse Narrative instrumentalisiert²¹. Wo Lüge systemisch wird, wird Recht handlungsunfähig – und die „Räuberhöhle“ stabilisiert sich.

7. Christliche Sozialethik – der Prüfstein Gaza
Christliche Sozialethik übersetzt das Evangelium in Mindestbedingungen politischer Humanität. Gemeinwohl meint jene Bedingungen, die Menschen befähigen, in Würde zu leben²². Solidarität verlangt Täter-Opfer-Klarheit²³; Subsidiarität schützt vor imperialer Willkür²⁴.

Kardinal Pierbattista Pizzaballa bringt dies auf den Punkt: „Niemand darf den Wunsch nach Würde ignorieren“²⁵. Die Aussagen des UNRWA-Leiters Lazzarini verschärfen diese Diagnose: Wenn das Völkerrecht „krank“ wird, droht Barbarei²⁶. Die Kirche steht hier nicht auf der Seite geopolitischer Interessen, sondern auf der Seite des Menschen.

8. Europa und die innere Erosion: Entchristlichung und gefährdetes Menschenbild
Die „Räuberhöhle“ wächst nicht nur durch äußere Kriege. Sie entsteht auch im Inneren politischer Ordnungen, wenn deren moralische Substanz erodiert. Europa verfügt zwar über einen ausgefeilten Rechtsrahmen zum Schutz der Menschenwürde, doch dieser droht sich von seinen anthropologischen Grundlagen zu lösen.

Je weniger Christen und christlich geprägte Überzeugungen in den öffentlichen Diskurs eingebracht werden, desto stärker wird das christliche Menschenbild zur stillschweigenden Voraussetzung ohne Verteidiger. Würde, Freiheit und Gleichheit werden dann behauptet, ohne begründet zu werden. Die Folge ist ein schleichender Nihilismus. Die EU-Grundrechtecharta formuliert den Anspruch: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Doch dieser Satz lebt nicht von sich selbst. Er braucht Überzeugungsträger.

Europa ohne Christen, nicht statistisch, sondern diskursiv, wird innerlich hohl. Wer sich zurückzieht, überlässt das Feld jenen Kräften, die Würde relativieren oder instrumentalisieren.

9. Kirchen im Vergleich: Nationalkirche und Weltkirche
Die russisch-orthodoxe Kirche ist als Nationalkirche strukturell anfällig für politische Religion. Die katholische Weltkirche besitzt – trotz aller Ambivalenzen – institutionelle Distanzfähigkeit. Diese Universalität wirkt als Strukturschutz prophetischer Freiheit.

9.1 Liturgie als Prüfstein
Wo Liturgie Kriegssemantik übernimmt, wird Religion zur politischen Religion. Das „Gebet für die Heilige Rus’“ ist hierfür paradigmatisch: Durch die Liturgie erhält der Krieg eine sakrale Aura. - Die katholische Kirche verfügt über stärkere interne Korrektive als die Nationalkirchen: universales Lehramt, transnationale Öffentlichkeit, weltweite Orden.

9.2 Drei Päpste – ein Kern
Die Akzente der Pontifikate Benedikts XVI., Franziskus’ und Leo XIV. bündeln sich in einem gemeinsamen Kern: Frieden ist rechts- und würdebasiert.

10. Schluss: Kirche als Friedensgewissen oder Legitimationsapparat
Die „Räuberhöhle“ ist kein Schicksal. Sie entsteht, wenn Normen erodieren, Worte lügen und Gewissen schweigen. Christlicher Glaube kann dieser Logik nur widerstehen, wenn er universal bleibt – nicht als Imperium, sondern als Ethos der Solidarität.

Endnoten
¹ Frank-Walter Steinmeier, Rede beim Symposium der Körber-Stiftung, Berlin, am 8.1. 2026.
² Johannes Paul II., Sollicitudo rei socialis (1987), Nr. 36–37.
³ Zweites Vatikanisches Konzil, Gaudium et spes (1965), Nr. 42.
⁴ Hans Joas, Universalismus. Weltherrschaft und Menschheitsethos, Berlin 2025.
⁵–⁸ Ebd.
⁹ Charles Taylor, Ein säkulares Zeitalter, Frankfurt a. M. 2009.
¹⁰ RGG⁴, Art. „Zivilreligion“.
¹¹ RGG⁴, Art. „Politische Religion“.
¹² LThK³, Art. „Russische Orthodoxe Kirche“.
¹³ Felix Corley, The Patriarch and the KGB, Keston News Service, 2000.
¹⁴–¹⁵ Laruelle; Hovorun.
¹⁶–¹⁹ Kilp; OSW; Reuters.
²⁰ UN OHCHR, Report 2024.
²¹ Clark, Journal of Church and State 65 (2023).
²² Gaudium et spes, Nr. 26.
²³ Sollicitudo rei socialis, Nr. 38.
²⁴ Kompendium der Soziallehre, Nr. 185–188.
²⁵ Vatican News, 13.01.2026.
²⁶ Vatican News, 12.01.2026.

Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer ist der Gründungsrektor des Collegium Orientale in Eichstätt. Er ist Theologe mit Schwerpunkt auf ökumenischer Theologie, ostkirchlicher Ekklesiologie und ostkirchlicher Liturgiewissenschaft. Er studierte in Eichstätt, Jerusalem und Rom, war in verschiedenen Dialogkommissionen tätig. Er veröffentlicht zu Fragen der Ökumene, des Frühen Mönchtums, der Liturgie der Ostkirchen und der ostkirchlichen Spiritualität. Weitere kath.net-Beiträge von ihm: siehe Link.


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