
17. Jänner 2026 in Aktuelles
Bereits jeder 20. Kanadier stirbt durch aktive Sterbehilfe - Ethiker sehen Beispiel als Warnung für rasche Auflösung von Schutzmechanismen.
Wien (kath.net/ KAP)
In Kanada nimmt die sogenannte "medizinische Hilfe beim Sterben" (MAiD) seit ihrer Legalisierung im Jahr 2016 stark zu. Nach offiziellen Regierungsangaben starben im Jahr 2024 16.499 Menschen durch Tötung auf Verlangen, was rund fünf Prozent aller Todesfälle entspricht. Damit liegt die Zahl inzwischen höher als die der Todesfälle durch Alzheimer und Diabetes zusammen, heißt es in einem zusammenfassenden Bericht des Wiener Bioethikinstituts IMABE. Insgesamt kamen seit der Einführung von MAiD vor neun Jahren rund 76.500 Menschen auf diesem Weg ums Leben. Nur etwa 0,1 Prozent der Fälle entfielen auf assistierten Suizid, der überwiegende Teil auf aktive Tötung auf Verlangen.
MAiD wurde 2016 zunächst auf Menschen beschränkt, deren Tod absehbar war ("Track 1"). Mit der Gesetzesänderung Bill C-7 im Jahr 2021 wurde der Anwendungsbereich jedoch ausgeweitet: Seither können auch Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen Tötung auf Verlangen beantragen, selbst wenn keine lebensverkürzende Diagnose vorliegt ("Track 2"). Eine weitere Ausweitung ist geplant: Ab 2027 sollen auch Menschen mit ausschließlich psychischen Erkrankungen zugelassen werden. Zudem wird in Fachkreisen und einzelnen Provinzen über die Einbeziehung von Minderjährigen und schwerkranken Säuglingen diskutiert.
Begleitet wird die Entwicklung von einer zunehmenden gesellschaftlichen Normalisierung. In Kanada finden inzwischen professionell organisierte MAiD-Konferenzen statt, ergänzt durch kommerzielle Angebote wie Apps zur Planung von Sterbezeremonien. Der US-Autor Wesley Smith beobachtet, dass Tötung auf Wunsch zunehmend als Instrument der "Schadensminimierung" verstanden werde. Umfragen aus dem Jahr 2023 zeigen, dass 27 Prozent der Kanadier Euthanasie aus Gründen der Armut und 28 Prozent wegen Obdachlosigkeit für akzeptabel halten.
"Tötung eher genehmigt als Rollstuhl"
Internationale Kritik kommt unter anderem von den Vereinten Nationen. Der zuständige Ausschuss der UN-Behindertenrechtskonvention forderte im April 2025 die Aufhebung der Reform C-7 sowie die Einführung eines unabhängigen Kontrollmechanismus. Die Ausweitung von MAiD beruhe auf "negativen, ableistischen Vorstellungen" über den Wert von Leben mit Behinderungen. Besonders kritisch sieht der Ausschuss, dass Frauen mit Behinderungen überproportional unter den MAiD-Fällen vertreten sind. Die kanadische Ministerin für Inklusion, Carla Qualtrough, erklärte in diesem Zusammenhang, es sei in manchen Fällen "leichter, eine medizinisch assistierte Tötung genehmigt zu bekommen als einen passenden Rollstuhl".
Auch offizielle Daten des kanadischen Gesundheitssystems zeigen soziale Faktoren als wesentliche Treiber. Antragsteller im Rahmen von "Track 2" sind überdurchschnittlich häufig arm, sozial isoliert, weiblich oder leben mit Behinderungen. Nahezu 50 Prozent der Fälle waren laut Berichten mit Einsamkeit und Isolation verbunden; viele Betroffene gaben an, sich als Belastung für andere zu empfinden. Einzelne Berichte aus medizinischen Fachkreisen legen nahe, dass auch Armut, mangelnde Versorgung oder fehlende Behandlungsoptionen eine Rolle bei der Entscheidung für MAiD spielten.
Mehrere journalistische Recherchen dokumentieren Einzelfälle, in denen medizinische Versorgung nicht oder nur unzureichend verfügbar war, während ein Antrag auf Tötung auf Verlangen genehmigt wurde. Dazu zählen Berichte über Patienten mit behandelbaren Erkrankungen, die aufgrund langer Wartezeiten oder fehlender Fachärzte MAiD beantragten. In mindestens einem Fall wurde der Tod bereits terminiert, während notwendige medizinische Eingriffe nicht zugänglich waren.
Juristische Experten kritisieren zudem Defizite bei der Kontrolle. Analysen des Macdonald-Laurier-Instituts zufolge kam es zwischen 2018 und 2024 zu 428 Gesetzesverstößen im Zusammenhang mit MAiD, ohne dass es zu strafrechtlichen Konsequenzen kam. Die Überprüfung der Fälle erfolgt überwiegend nach dem Tod der Betroffenen. Ein unabhängiges Kontroll- oder Beschwerdesystem mit Eingriffsmöglichkeiten vor der Durchführung existiert nicht.
Gefährlicher Sog
Das Institut für Medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE) bewertet diese Entwicklung kritisch. Die Betonung von Wahlfreiheit verdecke strukturelle Defizite in Pflege, sozialer Unterstützung und Gesundheitsversorgung. Unter Bedingungen fehlender Alternativen könne von echter Selbstbestimmung nicht gesprochen werden. Zudem verweist das Institut auf ökonomische Anreize: Der parlamentarische Budgetdienst Kanadas bezifferte mögliche jährliche Einsparungen durch MAiD auf rund 150 Millionen kanadische Dollar. Aus Sicht des IMABE-Instituts entstehe dadurch ein systemischer Druck: "In Zeiten knapper Budgets und überlasteter Gesundheitssysteme entsteht damit ein gefährlicher Sog, in dem Euthanasie zur effizienten Lösung wird. Die Entwicklungen in Kanada zeigen, wie schnell sich unter solchen Bedingungen Schutzmechanismen auflösen."
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