
20. Jänner 2026 in Kommentar
„Betrachten wir zum Beispiel die Situation in Deutschland… Das Problem kommt von innen“ – „Ist das Einzige, was wir zu fürchten haben, eine Theologie, die es nicht mehr wagt, an das zu glauben, was sie einst verkündete?“
‘s-Hertogenbosch (kath.net) kath.net dokumentiert den Beitrag „Das Problem sind nicht die Barbaren“ von Rob Mutsaerts (Link), Weihbischof von ‘s-Hertogenbosch (Niederlande), auf seinem Blog „Paarse Pepers“ von 5.1.2026 wegen seiner Wichtigkeit in voller Länge in eigener Arbeitsübersetzung:
Hillary Belloc schrieb einst, er fürchte nicht die „Barbaren, die an den Toren rütteln“, sondern die Gefahr, die von innen kommt. Diese Aussage wird leicht missverstanden. Belloc meinte nicht, dass äußere Bedrohungen harmlos seien, sondern dass Zivilisationen selten durch äußere Feinde untergehen. Sie gehen unter, wenn sie aufhören, an das zu glauben, was sie ursprünglich zum Glauben geführt hat.
Ich möchte mich nun an liberale Theologen und Gläubige wenden. Nicht um sie anzuklagen, sondern um sie zum Umdenken einzuladen. Denn wenn Belloc Recht hätte und heute zu uns spräche, würde er vielleicht sagen: Das Christentum in Europa ist nicht allein durch die Säkularisierung bedroht, sondern durch eine Theologie, die ihrem eigenen Kern nicht mehr vertraut.
Betrachten wir zum Beispiel die Situation in Deutschland. Die „Barbaren“ sind nicht das Problem. Das Problem kommt von innen. Die deutschen Bischöfe haben ein Dokument („Segen gibt der Liebe Kraft“ - Link) veröffentlicht, das pastorale Richtlinien für Priester und Seelsorger zur Segnung von Paaren in eheähnlichen Gemeinschaften bietet, die die Kirche als „ungeordnet“ bezeichnet. Die Segnung wird als Möglichkeit dargestellt, die Liebe und Hoffnung der Menschen unter Gottes Segen zu stellen. Deutsche synodale Prozesse haben zuvor Dokumente gebilligt, die eine Überprüfung der Lehre zur Homosexualität, Raum für Geschlechtervielfalt und die Inklusion von trans- und intersexuellen Menschen sowie Diskussionen über den Zölibat fordern. All dies geschieht unter dem Deckmantel der Seelsorge.
Doch der Kernpunkt ist: In der katholischen Theologie ist seelsorgerisches Handeln untrennbar mit der Wahrheit verbunden. Die Kirche unterscheidet zwischen objektiver moralischer Ordnung (was gut oder sündhaft ist) und subjektiver Schuld (wie verantwortlich jemand persönlich ist). Die Kirche kann in Bezug auf Schuld nachsichtig sein, bei der Gewissensbildung Orientierung geben und Menschen Schritt für Schritt begleiten, aber sie kann nichts als moralisch gut erklären, was sie stets als in sich ungeordnet betrachtet hat. Wenn eine Bischofskonferenz Beziehungen segnet, die objektiv sündhaft sind, ohne klar zur Umkehr oder Lebensänderung aufzurufen, wird der moralische Maßstab faktisch revidiert, selbst wenn dies nicht formell ausgesprochen wird. Deshalb erklärte Rom unter Papst Franziskus 2021 ausdrücklich: „Gott kann die Sünde nicht segnen.“
Die katholische Kirche hat stets entscheidend zwischen der Tat und dem Täter, zwischen dem Menschen (der von Gott immer geliebt wird) und seinen Handlungen oder seinem Lebenszustand unterschieden. Man denke an die berühmten Worte Augustins: „Hasse die Sünde, liebe den Sünder.“ Wer die Sünde rechtfertigt, führt den Sünder tiefer in den Abgrund. Das ist zutiefst unselig. Werden sündhafte Situationen systematisch gesegnet, ohne klar über Umkehr, Kreuz, Askese oder moralisches Wachstum zu sprechen, wird die Sünde als „Unvollkommenheit“ verharmlost. Das mag pastoral schön klingen, doch wo es keine Sünde mehr gibt, gibt es auch keinen Grund mehr zur Umkehr, und das Opfer Jesu am Kreuz wird für überflüssig erklärt. Jeder Segen verliert seine Bedeutung. Und nein, das ist nicht pastoral. Liebe ohne Wahrheit ist lieblos.
Die größten Herausforderungen unserer Zeit – wissenschaftlicher Fortschritt, Pluralismus, religiöse Vielfalt, Geschichtskritik – sind keine Barbaren. Sie sind keine Feinde des Glaubens. Im Gegenteil: Oftmals entstammen sie einer christlichen Zivilisation, die die Wahrheit so ernst nahm, dass sie es wagte, sie zu erforschen. Doch was geschieht, wenn Bischöfe, Priester und Theologen so sehr damit beschäftigt sind, das Christentum zu verteidigen, dass die säkulare Welt sich an ihren abweichenden Ansichten nicht mehr stört? Haben sie dann nicht tatsächlich aufgehört, das Christentum zu verteidigen? Wenn die Auferstehung Jesu auf „Die Geschichte geht weiter“ reduziert wird, anstatt als tatsächliche Auferstehung Jesu aus dem Grab anerkannt zu werden; wenn Jesus nicht mehr Erlöser, sondern in erster Linie ein moralisches Vorbild ist; wenn Sünde durch „Gebrochenheit“ ohne Schuld und Gnade durch Bestätigung ohne Umkehr ersetzt wird? Was bleibt, ist ein vages, höfliches, respektables Quasi-Christentum, in dem nichts auf dem Spiel steht und das sich in keiner Weise von säkularen Ansichten unterscheidet.
Der Liberalismus beginnt oft mit einem edlen Motiv: Wie können wir den christlichen Glauben für moderne Menschen verständlich machen? Doch wenn dies nur zu bloßer Bestätigung führt – wenn sich das Christentum zu sehr dem Zeitgeist anpasst –, verliert es genau das, was es relevant macht. Und wird somit völlig überflüssig. Außerdem entstehen an seiner Stelle neue Dogmen: das Dogma der Autonomie, das Dogma der Authentizität ohne Wahrheit und das Dogma der Inklusivität ohne Unterscheidung. Dies sind nicht weniger strenge Glaubenssysteme, die zu einem tragischen Menschenbild führen.
Die liberale Theologie betont zu Recht die Menschenwürde, ringt aber oft mit der radikalen Sünde – nicht als moralischem Versagen, sondern als existenziellem Ungleichgewicht. Die große Tragödie ist, dass mit dem Verschwinden der Sünde auch die Vergebung bedeutungslos wird. Und ohne Vergebung wird die Gnade zu einem leeren Wort. Und der Segen ebenso. Dann bleibt ein Christentum übrig, das die Menschen nicht mehr rettet, sondern sie nur noch führt. In den Abgrund.
Die entscheidende Frage lautet letztlich nicht: Was bedeutet Christus für mich?, sondern: Wer ist Christus, unabhängig von meiner Interpretation? Christus ist kein Symbol universeller Werte, sondern eine historische, konkrete und aufrüttelnde Gegenwart Gottes selbst. Eine Theologie, die Christus für die moderne Menschheit „unbedenklich“ macht, entfremdet ihn dem Evangelium.
Die Frage ist nicht, ob wir kritisch denken, sondern wo unsere Kritik endet. Die wahre Herausforderung für die liberale Theologie heute lautet vielleicht: 1. Wagen wir es, wieder an die Wahrheit des Christentums zu glauben, nicht nur an seinen Wert? 2. Wagen wir es, anzunehmen, dass das Evangelium uns richtet, bevor es uns befreit? 3. Wagen wir es, wieder ohne Entschuldigung von Bekehrung, Opfer und Erlösung zu sprechen? Nicht weil die Barbaren vor den Toren stehen, sondern weil die Kirche Gefahr läuft, leer zu werden.
Bellock fürchtete nicht die Barbaren vor den Toren, sondern eine Zivilisation, die ihre eigene Seele vergessen hat. Er fürchtete nicht die Vernunft, sondern die Vernunft ohne Glauben. Er fürchtete nicht die Moderne, sondern eine Menschheit, die ihr Bedürfnis nach Vergebung vergessen hat. Ist das Einzige, was wir zu fürchten haben, eine Theologie, die es nicht mehr wagt, an das zu glauben, was sie einst verkündete?
© 2026 www.kath.net