Papst Leo: Das Theologiestudium ist keine „akademische Verpflichtung, sondern eine mutige Reise“

3. März 2026 in Weltkirche


„Ich lade Sie ein, von einer akademischen Gemeinschaft zu träumen, in der angehende Geistliche, geweihte Männer und Frauen sowie männliche und weibliche Laien gemeinsam ausgebildet werden“. Von Petra Lorleberg


Vatikan (kath.net/pl) kath.net dokumentiert die Ansprache Seiner Heiligkeit Papst Leo XIV. an die Gemeinschaft der Theologischen Fakultät Apuliens und des Theologischen Instituts Kalabriens in der Sala Clementina am Montag, den 2. März 2026, in voller Länge in eigener Übersetzung:

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Friede sei mit euch!

Liebe Brüder, herzlich willkommen!

Es freut mich, Sie heute Morgen hier zu treffen und mit Ihnen einige Gedanken zum Ausbildungsprogramm Ihrer jeweiligen Institutionen, der Theologischen Fakultät Apuliens und des Kalabrischen Theologischen Instituts, zu teilen.

Beim Gedanken an die beiden Regionen, aus denen Sie stammen, die von der Schönheit und Weite des Meeres umspült werden, erinnere ich mich an die Worte von Papst Franziskus an die Autoren der „La Civiltà Cattolica“, die Ihnen vielleicht auch von Nutzen sind: „Bleibt auf dem offenen Meer. Katholiken dürfen das offene Meer nicht fürchten; sie dürfen nicht den Schutz sicherer Häfen suchen.“ (Treffen mit den Autoren der „La Civiltà Cattolica“, 9. Februar 2017).

Diese Haltung ist dringend notwendig, insbesondere in Kontexten, in denen der Glaube heute verkündet und in die Kultur integriert werden muss. Es geht nicht darum, Wissen zu erwerben, um akademische Verpflichtungen zu erfüllen, sondern darum, sich auf eine mutige Reise zu begeben, eine Überquerung der hohen See. Diese Reise verläuft in beide Richtungen: Zum einen ist es eine Reise hinab in die Tiefen, ein Blick in die Tiefen des Geheimnisses Gottes und die vielfältigen Dimensionen des christlichen Glaubens; Zum anderen bedeutet es, in See zu stechen, über den Tellerrand hinauszuschauen, neue Horizonte zu erkunden und so neue Formen und neue Sprachen zu finden, um das Evangelium in den vielfältigen Situationen der Geschichte zu verkünden.

Dies ist ein wichtiger Punkt, den ich noch einmal hervorheben möchte: Theologie dient der Verkündigung des Evangeliums und ist daher ein integraler und grundlegender Bestandteil der Sendung der Kirche. Theologische Ausbildung ist keine Bestimmung für einige wenige Spezialisten, sondern eine Berufung an alle, damit jeder sein Verständnis des Geheimnisses des Glaubens vertiefen und die nötigen Werkzeuge erhalten kann, um sich leidenschaftlich für das „beharrliche Bemühen um eine kulturelle und soziale Vermittlung des Evangeliums“ (Apostolische Konstitution Veritatis Gaudium, Einleitung 3) einzusetzen.

Aus dieser Perspektive möchte ich an den wertvollen Weg der Einheit erinnern, den Sie in Ihren Regionen eingeschlagen haben, auch durch die Zusammenführung von Einrichtungen, Instituten und Ausbildungsprogrammen, die zuvor unabhängig voneinander agierten. Dies ist eine wahrhaft wichtige Synergie: ein historischer Wandel, den Sie anführen, indem Sie die Gemeinschaft der Diözesen fördern, die Überwindung des jahrhundertealten Parochialismus* unterstützen und vor allem einen kirchlichen Weg der Einheit und Brüderlichkeit bestärken. Auf diesem Weg können wir einen gemeinsamen Horizont des Denkens entwickeln und uns den pastoralen Herausforderungen und Anforderungen der Evangelisierung annähern.

Daher die Einladung: Lassen Sie uns gemeinsam Theologie betreiben! Eine Ausbildung, die der Verkündigung des Evangeliums dient, ist nur gemeinsam möglich, indem wir „das offene Meer“ befahren, nicht als Einzelgänger. Und dies, wie bereits erwähnt, indem wir unseren sicheren Hafen verlassen, unsere territorialen und kirchlichen Grenzen überschreiten, in Begegnung und Gespräch, im gegenseitigen Zuhören und Dialog, in jener Gemeinschaft der Kirchen, die Ressourcen, Fähigkeiten und Charismen verbindet.

Durch das gemeinsame Theologiestudium erweitern und verschmelzen intellektuelle, spirituelle und pastorale Horizonte. So entstehen gemeinsame Perspektiven und ein tieferes, gelebtes kirchliches Engagement für die Gemeinde vor Ort. Dies bietet Ihnen die Möglichkeit, die Ausdrucksformen und die Sprache des Glaubens in Ihrem konkreten Umfeld neu zu gestalten.

Im gemeinsamen Theologiestudium werden Sie entdecken, dass Sie ein Labor bilden, das zukünftige Priester und Seelsorger darauf vorbereitet, kirchliche Beziehungen im synodalen Stil zu erleben. Dabei ergänzen sich die verschiedenen kirchlichen Themen, Dienste und Charismen und überwinden alle Barrieren.

Das gemeinsame Theologiestudium befähigt Sie, die Fragen und Herausforderungen des sozialen und kulturellen Kontextes besser anzugehen. Denn die reiche Geschichte Ihrer Herkunft und die weitverbreitete Religiosität Ihres Volkes können die zahlreichen sozialen Probleme, die Arbeitslosenkrise, die Auswanderung und all jene Formen von Unterdrückung, Sklaverei und Ungerechtigkeit nicht ausblenden, die ein neues Bewusstsein und ein entschlossenes Engagement von allen erfordern. Theologische Bildung fördert kritisches und prophetisches Denken und stellt eine kulturelle Investition in die Zukunft dar, die der Logik von Resignation und Gleichgültigkeit entgegenwirkt.

Ich ermutige Sie, dieses Vorhaben mit Begeisterung und Entschlossenheit zu verfolgen, ohne sich von der Versuchung des Rückzugs verführen zu lassen. Ich lade Sie ein, von einer akademischen Gemeinschaft zu träumen, in der angehende Geistliche, geweihte Männer und Frauen sowie männliche und weibliche Laien gemeinsam ausgebildet werden und christlichen Gemeinden helfen, Zeichen des Evangeliums und Hoffnungsträger zu werden.

Liebe Geschwister, vielen Dank für euer Engagement, euren selbstlosen Dienst, eure Geduld und euren Fleiß, mit denen ihr dieses Mosaik der Einheit und Gemeinschaft aufbaut. Es hilft uns, in der Welt zwischen Treue und Kreativität, Tradition und Innovation, Einheit und Vielfalt zu leben, stets aufmerksam darauf, was der Geist des Herrn der Kirche auch heute noch sagen möchte.

Möge der heilige Franz von Paola und die allerseligste Jungfrau Maria, Königin von Apulien, euch beschützen und für euch Fürsprache einlegen. Danke!

* Anm.d.Ü.: „Parochie“ bedeutet Pfarrgemeinde. „Parochialismus“ ist entsprechend eine ungesunde Betonung des Pfarrgemeindeprinzips.

Foto aus dieser Veranstaltung (c) Vatican Media

 


© 2026 www.kath.net