Maria – Marta – Lazarus: Christus, der Freund des Lebens

22. März 2026 in Spirituelles


„Bethanien auch ein Bild für die Kirche. Die Kirche ist im tiefsten Sinn kein System und keine Institution. Sie ist ein Haus der Freundschaft zwischen Gott und Mensch.“ Von Archimandrit Dr. Andreas- Abraham Thiermeyer


Eichstätt (kath.net) Predigt zum 5. Fastensonntag Lesejahr A (Joh 11,1–45)

1. Bethanien – ein Haus der Freundschaft
Liebe Schwestern und Brüder, das Evangelium dieses Sonntags führt uns nach Bethanien. Es ist kein Ort großer Predigten und kein Ort großer öffentlicher Ereignisse. Es ist ein Haus. Ein einfaches Haus, in dem drei Geschwister leben: Marta, Maria und Lazarus. Und dieses Haus ist für Jesus etwas Besonderes. Der Evangelist Johannes sagt einen Satz, der im ganzen Evangelium selten ist: „Jesus liebte Marta, ihre Schwester und Lazarus.“ (Joh 11,5) Bethanien ist also mehr als ein Dorf. Es ist ein Haus der Freundschaft. Jederzeit kann Jesus und auch seine Apostel dort einkehren

Hier begegnen wir nicht zuerst dem Lehrer, dem Wundertäter oder dem Rabbi. Hier begegnen wir dem Freund. Der heilige Augustinus sagt dazu: Der Herr liebte Lazarus nicht nur als Schöpfer seine Kreatur, sondern als Freund seinen Freund.

Darum ist Bethanien auch ein Bild für die Kirche. Die Kirche ist im tiefsten Sinn kein System und keine Institution. Sie ist ein Haus der Freundschaft zwischen Gott und Mensch. Und doch geschieht gerade hier das Drama des Todes.

2. Wenn Gott scheinbar zu spät kommt
Die Schwestern schicken Jesus eine kurze Botschaft: „Herr, siehe: der, den du liebst, ist krank.“ Sie bitten nicht ausdrücklich um ein Wunder. Sie sagen nur: „den du liebst.“ Denn Liebe vertraut. Doch dann geschieht etwas Verstörendes: Jesus kommt nicht sofort. Er wartet. Zwei Tage. Und Lazarus stirbt. Viele von uns kennen diese Erfahrung: Wir beten – und Gott scheint zu schweigen. Wir hoffen – und Hilfe kommt nicht sofort.

Warum? Das Evangelium zeigt eine tiefe Wahrheit: Gottes Verzögerung ist nicht seine Gleichgültigkeit. Der heilige Gregor der Große sagt: Der Herr verzögert seine Hilfe nicht, weil er nicht liebt, sondern damit der Glaube wächst.

Oft geschieht gerade in Zeiten des Wartens etwas Entscheidendes. Der Glaube wird tiefer. Die Beziehung zu Christus wird ehrlicher. Und manchmal erkennen wir erst später, dass Gott nicht abwesend war, sondern uns auf einen größeren Horizont vorbereitet hat.

3. Marta – die Frau des großen Glaubens
Als Jesus endlich kommt, läuft Marta ihm entgegen. Gerade Marta, die man so oft nur als „Macherin“, als die „geschäftige Schwester“ sieht. Doch hier zeigt sie eine erstaunliche geistliche Größe. Sie sagt: „Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.“ - Das ist Schmerz. Das ist Klage. Vielleicht auch ein leiser Vorwurf. Aber es ist zugleich Glaube. Denn sie fügt hinzu: „Auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben.“

Und dann spricht Jesus einen der wichtigsten Sätze des Evangeliums: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ Nicht: Ich bringe irgendwann Auferstehung. Nicht: Ich erkläre euch das Leben. Sondern: „Ich bin.“ In seiner Person ist das Leben selbst gegenwärtig. Und dann stellt Jesus die entscheidende Frage: „Glaubst du das?“

Diese Frage ist nicht nur an Marta gerichtet. Sie ist an jeden von uns gerichtet. Glaubst du – auch wenn das Leben dunkel wird? Glaubst du – auch wenn Hoffnungen zerbrechen? Glaubst du – auch wenn du den Tod riechst, wie Marta sagt?

Marta antwortet mit einem der größten Bekenntnisse der Bibel: „Ja, Herr, ich glaube: Du bist der Christus, der Sohn Gottes.“

4. Maria – die Sprache der Tränen
Dann kommt Maria. Sie fällt Jesus zu Füßen und sagt denselben Satz wie Marta: „Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.“ Und nun geschieht etwas Erschütterndes. Der Evangelist schreibt: „Jesus weinte.“ Der Sohn Gottes weint. Der Herr der Auferstehung steht am Grab seines Freundes und weint.

Die Kirchenväter haben diesen Moment tief betrachtet. Der heilige Ephraim der Syrer sagt: Er weinte als Mensch über Lazarus – und rief ihn als Gott aus dem Grab.

Das ist der große Trost des Evangeliums: Christus steht nicht neben unserem Leid wie ein Beobachter. Er erklärt es nicht weg. Er geht mitten hinein. - Der Gott des Evangeliums ist kein kalter Philosoph. Er ist der Freund, der mit uns weint.

Christen dürfen trauern. Der Glaube verbietet die Tränen nicht. Aber er öffnet sie auf Hoffnung hin.

5. Das Grab – und der Stein
Dann geht Jesus zum Grab. Es ist eine Höhle. Ein schwerer Stein liegt davor. Und Marta sagt einen der realistischsten Sätze des ganzen Evangeliums: „Herr, er riecht schon.“ Das heißt: Es ist wirklich zu Ende, da ist nichts mehr zu machen. Der Tod ist keine Idee. Er ist Wirklichkeit.

Doch Jesus sagt: „Nehmt den Stein weg.“ Das ist erstaunlich. Der Herr der Auferstehung könnte den Stein selbst wegrollen. Aber er lässt Menschen mitwirken.

Der heilige Augustinus sagt: Der Herr erweckt Lazarus – doch die Menschen rollen den Stein weg und lösen die Binden.

Das Wunder kommt von Gott, aber Menschen sollen mitwirken. Sie sollen einander zur Freiheit behilflich sein.

6. „Lazarus, komm heraus!“
Dann ruft Jesus mit lauter Stimme: „Lazarus, komm heraus!“ Und der Tote kommt heraus. Doch Lazarus ist noch gebunden. Die Hände umwickelt. Die Füße gefesselt. Darum sagt Jesus: „Löst ihm die Binden und lasst ihn gehen.“ Das Evangelium endet also nicht nur mit einem Wunder. Es endet mit einem Auftrag. Christus ruft ins Leben. Aber die Gemeinschaft verhilft mit zur Freiheit.

7. Die Binden unserer Zeit
Liebe Schwestern und Brüder, auch heute gibt es viele Menschen, die wie Lazarus in einer Grabkammer sind, äußerlich zwar noch lebendig, innerlich aber gebunden und wie tot. Gebunden durch Angst. Gebunden durch Schuld. Gebunden durch Einsamkeit. Gebunden durch Hoffnungslosigkeit. Und Christus ruft auch heute in diese Grabkammern:

„Komm heraus.“ Komm heraus aus deiner Resignation. Komm heraus aus deiner inneren Grabeshöhle. Komm heraus aus dem, was dich lähmt. Und zur Kirche, zu uns allen, sagt Christus: „Löst ihm die Binden.“ Durch Geduld. Durch ein gutes Wort. Durch Vergebung. Durch konkrete Liebe. Wo Christus gegenwärtig ist, da sollen Menschen aufatmen können. Da sollen Steine weggerollt werden. Da sollen Fesseln fallen.

8. Ein Evangelium auf Ostern hin
Die Kirche liest dieses Evangelium kurz vor Ostern. Denn die Auferweckung des Lazarus ist ein bereits ein Hinweis auf die kommende Auferstehung des Herrn.

Aber es gibt einen Unterschied. Lazarus kehrt in dieses irdische Leben zurück. Er wird eines Tages wieder sterben. Christus aber wird auferstehen, um nie mehr zu sterben.

Darum ist dieses Evangelium eine Öffnung auf Ostern hin: Es zeigt uns: Der, der hier am Grab seines Freundes steht und um ihn weint, wird selbst in das Grab hinabsteigen. Und der, der ruft „Komm heraus“, wird am Ostermorgen selbst als der Lebendige hervorgehen, um uns das ewige Leben zu schenken.

9. Das Evangelium unseres Lebens
Liebe Schwestern und Brüder, jeder von uns ist einmal in diesem heutigen Evangelium gemeint:  Manchmal sind wir Marta – fragend und glaubend mitten im Schmerz. Manchmal sind wir Maria – weinend und erschüttert. Manchmal sind wir Lazarus – gebunden in irgendeiner Dunkelheit. Doch das Entscheidende ist: Christus kommt. Und er ruft: „Komm heraus.“

Denn kein Grab ist tiefer als seine Macht. Keine Dunkelheit stärker als sein Licht. Kein Tod endgültiger als seine Liebe.

Darum dürfen wir glauben: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Das letzte Wort gehört Christus. Und dieses Wort heißt: Leben. Amen.

Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer ist der Gründungsrektor des Collegium Orientale in Eichstätt. Er ist Theologe mit Schwerpunkt auf ökumenischer Theologie, ostkirchlicher Ekklesiologie und ostkirchlicher Liturgiewissenschaft. Er studierte in Eichstätt, Jerusalem und Rom, war in verschiedenen Dialogkommissionen tätig. Er veröffentlicht zu Fragen der Ökumene, des Frühen Mönchtums, der Liturgie der Ostkirchen und der ostkirchlichen Spiritualität. Weitere kath.net-Beiträge von ihm: siehe Link.
 


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