
19. April 2026 in Spirituelles
„Das ist eines der stillsten und zugleich tiefsten Evangelien der Osterzeit. Kein kein sichtbarer Triumph, sondern ein See im Morgengrauen, erschöpfte Männer, leere Netze, eine Nacht ohne Ertrag.“ Von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer
Eichstätt (kath.net) Predigt zum 3. Sonntag der Osterzeit (Lesejahr A, Joh 21,1–17)
Liebe Schwestern und Brüder,
es ist eines der stillsten und zugleich tiefsten Evangelien der Osterzeit. Keine große Erklärung, kein sichtbarer Triumph, sondern ein See im Morgengrauen, erschöpfte Männer, leere Netze, eine Nacht ohne Ertrag. Die Jünger sind zurückgekehrt zu dem, was sie kennen: zum Fischen. Und doch ist nichts mehr wie zuvor. Ostern ist geschehen – aber ihr Herz ist noch unterwegs, um diese Wirklichkeit einzuholen.
Sie stehen wieder am See. Und dieser See ist mehr als eine Landschaft. Er ist ein geistliches Bild: das Wasser gilt einerseits als Symbol des Lebens, andererseits aber auch als Symbol der Tiefe, des Ungewissen, ja der Todesnähe; das Ufer als Schwelle zwischen Chaos und Leben. Genau dort stehen sie – zwischen Hoffnung und Resignation. Sie tun, was sie können. Sie arbeiten. Sie ringen. Und doch heißt es nüchtern und fast schmerzlich: „In dieser Nacht fingen sie nichts.“
I. Die Nacht der Kirche – und das verborgene Gegenüber
Diese Szene ist ein Spiegel – nicht nur für die Jünger, sondern für die Kirche aller Zeiten. Auch die Kirche steht oft „am See“: im Mühen ohne sichtbaren Erfolg, im Ringen mit der eigenen „Armut“, im Eindruck, wenig zu bewirken. Und doch – gerade dort steht Christus. Unscheinbar. Unerkannt. Am Ufer. Er tritt nicht in den Lärm menschlicher Aktivität, sondern spricht ein leises, schöpferisches Wort: „Werft das Netz auf der rechten Seite aus.“ Das heißt: Nicht aus bloßer Routine. Nicht aus eigener Kraft. Sondern im Hören auf sein Wort.
Und dann geschieht das Unerwartete: Fülle. Der heilige Johannes Chrysostomus deutet diese Szene mit großer Klarheit: „Nicht ihre Mühe brachte den Fang hervor, sondern das Wort des Herrn; denn wo Gott wirkt, da übersteigt das Ergebnis alle menschliche Erwartung.“ Hier liegt der Schlüssel: Nicht die Anstrengung allein trägt – sondern die Gegenwart Christi.
II. Die 153 Fische – die ganze Welt im Netz Gottes
Der Evangelist nennt eine auffallend genaue Zahl: 153 große Fische – und das Netz zerreißt nicht. Diese Zahl ist kein Zufall. Sie ist Theologie in Zahlenform.
Der große Kirchenvater Augustinus von Hippo erkennt darin eine tiefe geistliche Ordnung: 10 – die Zahl des Gesetzes, 7 – die Zahl der Gnade, zusammen 17. Und die Summe aller Zahlen von 1 bis 17 (1+2+3+4+5 …+17) ergibt 153. Das bedeutet: In Christus kommt alles zur Vollendung – Gesetz und Gnade, Wahrheit und Liebe. Zugleich sah man in der Antike in der Zahl 153 ein Bild der Gesamtheit aller Völker. Das Netz ist also die Kirche: eine Kirche, die alle umfasst, eine Kirche, die trotzdem nicht zerreißt, eine Kirche, die von Gott her Fülle ist – auch wenn sie menschlich armselig erscheint.
Noch tiefer führt eine geistliche Deutung, die wir bei dem Mönchsvater Evagrius Ponticus finden: 100 - die Zahl des Quadrates: das Feste, Geordnete; 28 - die Zahl des Dreiecks: die Bewegung, die Beziehung; 25- die Zahl der Kugel: die Vollkommenheit der Ganzheit. Zusammen: 153.
Das heißt: Wenn Christus spricht und wir hören, dann wird unser Leben verwandelt. dann werden selbst Gegensätze eine Einheit: Eckiges, Rundes, Widriges, Beziehungsloses, Feindliches, alles wird, auf Gott hin gesehen, immer wieder ein sinnvolles Ganzes. Das Harte und das Zarte, das Zerbrochene und das Ganze, das Ungeordnete und das Sehnsuchtsvolle, alles kann in Gott zur Einheit finden. Nichts ist verloren. Alles kann hineingenommen werden in die größere Ordnung seiner Liebe.
III. „Kommt her und esst!“ – die Eucharistie als Zukunft Gottes
Und dann geschieht etwas Schönes und Wunderbares: „Kommt her und esst!“ Am Ufer ist bereits alles bereitet: ein Feuer, Brot, Fisch. Das ist mehr als eine Mahlzeit. Es ist ein österliches Zeichen: Der Auferstandene ist nicht einfach zurückgekehrt. Er ist uns vorausgegangen – in die neue Schöpfung. Und aus dieser Zukunft heraus lädt er uns ein.
Darum erkennen ihn die Jünger im Mahl. Darum begegnet er uns in der Eucharistie. Der heilige Gregor der Große sagt dazu: „Der Herr speist die Seinen mit sich selbst; er ist zugleich Gastgeber und Speise.“
Hier geschieht das Entscheidende: Nicht wir erlösen die Welt. Er hat sie erlöst. Aber wir dürfen mitwirken, dass viele diesen Tisch, mit der Speise für ihren Weg finden, an dem gilt: Alles ist bereitet.
IV. „Liebst du mich?“ – die Mitte jeder Berufung
Nach dem Mahl richtet sich der Blick auf Petrus. Dreimal fragt Jesus: „Liebst du mich?“ Das ist die Mitte aller Berufung. Nicht Leistung. Nicht Perfektion. Nicht Fehlerlosigkeit, sondern Liebe.
Petrus, der Gescheiterte, der Verleugner, - er wird nicht verworfen, sondern neu berufen. Der heilige Basilius der Große erklärt dazu: Gott macht, in der Kraft des Heiligen Geistes, aus einem Zöllner einen Evangelisten (Matthäus), aus einem Verfolger einen Apostel (Saulus/Paulus), und aus einem Verleugner (Simon/Petrus), den Ersten in der Bezeugung seiner Liebe, den Hirten seiner Herde.
So handelt Gott. Er schreibt niemanden ab. Er schenkt neue Anfänge – immer wieder: „Liebst du mich?“. Das ist die entscheidende Frage. Und diese Liebe wird konkret: „Weide meine Schafe.“ Die Liebe zu Christus zeigt sich im Dienst am Menschen.
V. Ostern heute – „Es ist der Herr!“
Am Anfang erkennen die Jünger Jesus nicht. Erst im Glauben sagt der Jünger: „Es ist der Herr!“ Das ist Ostern. Zu erkennen: Er ist da. Am Ufer meines Lebens. In meinen Nächten. In meinem Mühen. Auch in meiner scheinbaren Erfolglosigkeit.
Und er spricht: „Wirf dein Netz aus.“ - „Fürchte dich nicht.“ - „Komm und iss.“ - „Liebst du mich?“
Schluss
Liebe Schwestern und Brüder, dieses Evangelium ist ein Evangelium der leisen, aber unerschütterlichen Hoffnung. Es sagt uns: Die Kirche lebt nicht aus ihrer Stärke, sondern aus dem Hören auf den Herrn. Desgleichen gilt für uns: Unser Leben wird nicht erfüllt durch Perfektion, sondern durch Liebe. Und unsere Mühe ist nicht vergeblich, wenn sie im Vertrauen geschieht. Denn der Auferstandene lebt. Er ruft uns – aus der Nacht ins Licht, aus der Leere in die Fülle, aus der Angst in die Liebe.
Und vielleicht dürfen auch wir einmal still, leise, aber gewiss erfahren und für unser Leben sagen: Ja, ich habe den Herrn erkannt in meinem Leben: Es ist der Herr. – Er war da. – Er ist da. Und er führt uns heim – an sein „anderes“ Ufer, in sein Licht, in jenes freundliche und abendlose Licht seiner ewigen Liebe. Amen.
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