Kurienerzbischof Pozzo: „Die beiden Formen des Römischen Ritus nicht gegeneinander ausspielen“

11. Juni 2026 in Weltkirche


Überraschende Töne aus dem Vatikan: „Zunächst muss ein weit verbreitetes Missverständnis ausgeräumt werden: die Annahme, die beiden Formen des Römischen Ritus seien gegensätzlich oder unvereinbar.“


Vatikan (kath.net/pl) „Es gilt, die ideologischen Fesseln zu sprengen, die die beiden Formen des Römischen Ritus gegeneinander ausspielen. Der Novus Ordo ist zweifellos die gemeinsame, universelle und gewohnte Form der katholischen Liturgie. Die Form des alten Römischen Ritus ist besonders und eigentümlich; daher gibt es eine konkrete Norm, die von der kirchlichen Autorität festgelegt wird, hinsichtlich der Bedingungen, unter denen er gefeiert werden soll.“ Das erläutert Kurienerzbischof Guido Pozzo (Foto) im Interview mit Niwa Limbu für die englisch- und italienischsprachigen Website „Ad Vaticanum“.

Die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils dürfe dabei „nicht als Bruch mit der traditionellen Liturgie verstanden werden, sondern muss als Erneuerung in substanzieller Kontinuität gelesen werden. Leider hat der von großen Teilen der Kirche eingeschlagene Weg des Bruchs mit der Tradition zu einer kirchlichen und liturgischen Krise geführt, die bis heute andauert“, erklärt Pozzo und zitiert diesbezüglich Kardinal Joseph Ratzinger (den späteren Papst Benedikt XVI.): „Ich bin überzeugt, dass die Kirchenkrise, in der wir uns befinden, zu einem großen Teil auf den Zerfall der Liturgie zurückzuführen ist. … Es bleibt abzuwarten, inwieweit die einzelnen Phasen der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils echte Verbesserungen oder vielmehr Banalisierungen waren, inwieweit sie pastoral klug oder im Gegenteil unüberlegt waren.“

Deshalb sei „die entscheidende Frage … nicht die vom Konzil angestrebte Erneuerung, sondern die Rezeption und die konkrete Form ihrer Umsetzung in der Praxis“, so Pozzo. „Kritische Anmerkungen zu fragwürdigen Umsetzungsformen können das von Papst Paul VI. herausgegebene und später mit Zustimmung von Papst Johannes Paul II. ein drittes Mal neu aufgelegte Messbuch nicht infrage stellen, das weiterhin die ordentliche und allgemeine Form der Eucharistiefeier darstellt.“ Jedoch trage „die Feier der Heiligen Messe im alten Ritus … sicherlich dazu bei, bestimmte Aspekte und Lehrsätze, die durch eine fehlerhafte oder banalisierte Feier des reformierten Ritus in den Hintergrund zu geraten drohen, wiederzuentdecken und deutlicher hervorzuheben.“

Pozzo führt dazu aus, dass beispielsweise „der gesellige Aspekt der Eucharistie, also die Eucharistie als Festmahl (bereits von Pius XII. in der Enzyklika Mediator Dei hervorgehoben und vom Zweiten Vatikanischen Konzil und der Liturgiereform noch einmal betont), so stark hervorgehoben“ werde, „dass der im Wesentlichen opferhafte Charakter der Eucharistie in den Hintergrund tritt. Dadurch gerät in Vergessenheit, dass es ohne das Opfer keine Gemeinschaft gibt. Die Gemeinschaft entspringt dem Opfer Christi, nicht umgekehrt. Der Aspekt der Versammlung und der gesellschaftlichen Teilhabe, der in der Liturgiereform zweifellos betont und sichtbarer gemacht wird, wird mitunter auf Kosten des Transzendenten und Christozentrischen hervorgehoben. Der Aspekt des gemeinsamen Priestertums aller Gläubigen wird auf Kosten der unersetzlichen Rolle des amtierenden Priestertums betont.“ Pozzo weist eigens darauf hin, dass es „klar“ sei, „dass in den Texten und liturgischen Büchern des Novus Ordo kein solches Ungleichgewicht besteht; vielmehr zeigt es sich vor allem in der Art und Weise, wie das Denken der Christen und auch der Priester geprägt wird und wie der Ritus von einigen konkret verstanden, interpretiert und gefeiert wird.“

Außerdem kritisiert er Einseitigkeiten beim „Begriff der ‚actuosa participatio‘ (aktiven Teilnahme)“, der „in der Liturgiereform so stark betont“ worden sei. Er lasse sich aber „nicht auf äußere Aktivitäten, Reden, Worte oder Kommentare, auf eine Art ‚Selbsthilfe‘ reduzieren. Dazu gehört auch die Stille, die eine echte, tiefe und persönliche Teilnahme zum Ausdruck bringt, denn die Liturgie verlangt keine willkürliche und reizvolle Kreativität, sondern feierliche Wiederholung. Daher besteht die reale Gefahr dieses Zusammenbruchs, dieser Instrumentalisierung des reformierten Ritus zum Nachteil der Integrität des Glaubens und des Gottesdienstes.“

Der Kurienerzbischof erklärt in deutlichen Worten: „Wenn die Messe nach Paul VI. mit Treue, Sammlung und im Bewusstsein des Geheimnisses gefeiert wird, erscheint der geistliche Abstand zwischen dem alten Römischen Ritus und dem reformierten Ritus weit weniger ausgeprägt, als manche behaupten möchten.“ Außerdem betont er, dass „die Kritik an den unerträglichen Abweichungen und Entstellungen der Liturgie in der Form des ‚Novus Ordo‘ – die oft durch Nachlässigkeit, willkürliches Übergehen von Rubriken und Manipulationen herabgewürdigt wird und die leider immer noch vorkommen, teils durch ungerechtfertigte Toleranz kirchlicher Autoritäten begünstigt – nicht dazu führen“ dürfe, „die reformierte Liturgie als solche infrage zu stellen“.

Pozzo zitierte dann aus einem Gespräch, das Papst Leo XIV. vor einiger Zeit mit der Journalistin Elise Ann Allen hatte. „Der Heilige Vater betonte, dass es im Kern nicht um die Sprache der Feier oder um die Unterscheidung zwischen dem alten Römischen Ritus (‚Vetus Ordo‘) und dem erneuerten Messbuch des ‚Novus Ordo‘ gehe, sondern um die Fähigkeit der Liturgie, in der Seele das Staunen vor dem lebendigen Gott zu wecken. Der entscheidende Punkt ist meiner Ansicht nach heute, dass die Liturgie wieder zu einer neuen Ermutigung zum Glauben werden muss: dazu, ein Leben aus der Mitte und der Dynamik des Glaubens zu führen, Gott durch die Wiederentdeckung Christi neu zu finden und so die Zentralität des christlichen Glaubens, wie er im liturgischen Geheimnis gefeiert wird, neu zu entdecken. Im Verhältnis zur Liturgie entscheidet sich das Schicksal des Glaubens der Kirche (Benedikt XVI.)“, erläutert dazu der Kurienerzbischof.

Erzbischof Pozzo, der aus dem Erzbistum Triest stammt, war zunächst Mitarbeiter der Kongregation für die Glaubenslehre unter Kardinal Joseph Ratzinger, danach Sekretär der Päpstlichen Komission Ecclesia Dei. Zeitgleich ist er Professor an der Päpstlichen Lateranuniversität. Pozzo leitete 2009 bis 2012 die Gespräche vatikanischer Theologen mit Vertretern der Priesterbruderschaft St. Pius X. mit dem Ziel einer Wiederannäherung. Er ist Mitverfasser der am 13. Mai 2011 veröffentlichten Instruktion Universae Ecclesiae zur Ausführung des Motu proprio Summorum Pontificum. Benedikt XVI. ernannte ihn 2012 zum Päpstlichen Almosenier. Papst Franziskus ernannte Pozzo 2013 erneut zum Sekretär der Päpstlichen Kommission Ecclesia Die, dieses Amt hatte Pozzo bis zur Auflösung der Kommission Ecclesia Dei im Januar 2019 inne. Danach ernannte ihn Papst Franziskus zum Mitglied der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse. Aktuell ist Pozzo außerdem der Superintendent für die wirtschaftlichen Angelegenheiten des Päpstlichen Chores der Sixtinischen Kapelle, der sowohl die Gregorianik wie auch die klassische Polyphonie pflegt.

Archivfoto Kurienerzbischof Pozzo (c) Vatican Media

In an exclusive interview with AdVaticanum, Archbishop Guido Pozzo discusses Gregorian chant, sacred polyphony, Latin in the liturgy, the relationship between the Novus Ordo and the Vetus Ordo, and the path towards greater liturgical unity in the Church.

✍️@NiwaLimbu1988

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— AdVaticanum (@RealAdVaticanum) June 8, 2026

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