
3. Juli 2026 in Weltkirche
Kardinal Gerhard Müller: „Traditionis Custodes hat keine positive Wirkung gezeigt…Sicherlich darf es bei Glaubenssätzen keine Kompromisse geben, aber in der praktischen Seelsorge kann es durchaus ein gewisses Maß an Toleranz geben.“
Vatikan (kath.net/pl) „Restriktive Maßnahmen haben faktisch als Propaganda für die Lefebvre-Anhänger gedient, die diese nutzen konnten, um ihre Argumente zu verbreiten.“ Das erläutert der emeritierte Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller im Gespräch mit Nico Spuntoni in der italienischen Zeitung „Il Giornale“. Die restriktiven Maßnahmen sollten „nicht zuletzt deshalb“ aufgehoben werden, so Müller, „weil die Lefebvre-Anhänger diese Verbote zu einem Symbol des Widerstands gegen Rom machen können“. Sputoni beschreibt den emeritierten Präfekten der Glaubenskongregation als einen „der bedeutendsten lebenden Theologen“ und als „hochangesehenes Mitglied des Kardinalskollegiums“. Das „Il Giornale“-Interview trägt den Titel: „Lassen Sie die alten und neuen Riten nebeneinander bestehen. Latein verbieten? Das spielt den Rebellen in die Hände“. Müller plädiert dafür, die Ära der Beschränkungen für die tridentinische Messe – die 2021 mit der Veröffentlichung von Traditionis Custodes begann – zu beenden und zur Liberalisierung der alten Liturgie zurückzukehren, ganz im Sinne Ratzingers.
Traditionis Custodes hat nach Einschätzung des früheren Präfekten der Glaubenskongregation „keine positive Wirkung gezeigt. Mit autoritären Methoden blinden Gehorsam zu verlangen, entspricht nicht unserem Stil – es ist nicht der christliche Weg. Sicherlich darf es bei Glaubenssätzen keine Kompromisse geben, aber in der praktischen Seelsorge kann es durchaus ein gewisses Maß an Toleranz geben.“
Benedikt XVI. habe „mit Summorum Pontificum eine gute Lösung gefunden, indem er den alten Ritus voll und ganz anerkannt“ hatte, dies habe großen Frieden in die Kirche gebracht. Zum wiederholten Male erinnert der Kardinal daran, „dass die Kirche über verschiedene Riten verfügt, die auch unterschiedliche Formen annehmen. Man kann den Ritus in seiner überlieferten Form nicht einfach verbieten.“
Nach Traditionis Custodes habe „das autoritäre Vorgehen vieler Bischöfe, die nur an Verbote dachten“, sicher nicht geholfen, erläutert Müller, dies entspreche auch „nicht dem Stil eines guten Hirten. Ich glaube, hier ist etwas Selbstkritik angebracht. Die Behauptung, jeder, der den überlieferten Ritus bevorzugt, lehne das Zweite Vatikanische Konzil ab, ist falsch. Nach derselben Logik könnte man sagen, dass nicht jeder, der den Novus Ordo bevorzugt, das Konzil akzeptiert: Man denke nur an die Situation in Deutschland, wo sich manche Bischöfe zwar gern auf das Konzil berufen, dessen Lehre dann aber konsequent ablehnen.“
Spuntoni fragte, wie man jenen begegnen sollte, die der Ansicht sind, die sogenannte Lateinische Messe schade der Einheit? Kardinal Müller antwortete darauf: „Wie kann sie schaden, wenn doch die Heiligen und die Kirchenväter in dieser Form gefeiert haben? Und das Zweite Vatikanische Konzil hat niemals erklärt, die bis dahin gefeierte Form sei falsch gewesen! Vergleicht man die beiden Formen, so erkennt man auf einen Blick, dass es sich um denselben Ritus handelt, der sich nur in sehr geringen Nuancen unterscheidet.“
Der emeritierte Präfekt der Glaubenskongregation führte gegenüber „Il Giornale“ weiter aus: „Ich feiere die Liturgie in der neuen Form, hatte aber keinerlei Bedenken, Einladungen anzunehmen, für jene Gruppen und Vereinigungen zu feiern, die der Kirche voll und ganz treu sind. Vor einigen Jahren feierte ich die Abschlussmesse der traditionellen Wallfahrt nach Chartres vor 22.000 jungen Menschen. Wie könnten wir ihnen sagen, sie müssten zu Hause bleiben, wenn sie die Messe in der überlieferten Form bevorzugen?“
Dezidierte Nachhilfe bei Fehleinschätzungen gibt Müller auf Nachfrage: „Es gibt innerhalb der Kirche bereits Vereinigungen und Gruppen, die rechtmäßig die überlieferte Form feiern und das Konzil voll anerkennen – in Einheit mit dem Papst und dem Bischofskollegium. Tatsächlich würde ich sagen, dass die uneingeschränkte Zulassung dieser liturgischen Form und die Förderung der Akzeptanz des Konzils eine Lösung für jene bieten, die – nach dem Ungehorsam im Zusammenhang mit den Weihen der Priesterbruderschaft St. Pius X. – in die volle Einheit mit dem Papst zurückkehren möchten, der das bleibende Prinzip der Einheit und das Fundament der Kirche ist.“
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