
14. Juli 2026 in Spirituelles
Der bekannte US-Unternehmer, Tech-Milliardär und gläubige Protestant Peter Thiel hat dazu einen spannenden Essay bei "First Things" veröffentlicht. War Hans Küng der Anti-Christ?
Rom (kath.net)
Der bekannte US-Unternehmer, Tech-Milliardär und gläubige Protestant Peter Thiel hat in einem diese Woche veröffentlichten Essay für das Magazin First Things eine spannende These aufgestellt: Der emeritierte Papst Benedikt XVI. war zutiefst davon überzeugt, dass wir in der Endzeit leben – hielt sich jedoch aus akademischer und strategischer Vorsicht lange Zeit mit öffentlichen Äußerungen über den Antichristen zurück.
Thiel, der kürzlich selbst in Rom diskrete Vorträge über die Eschatologie hielt und prompt von Paparazzi belagert sowie von einem Priester scherzhaft der „politischen Häresie gegen den liberalen Konsens“ bezichtigt wurde, zieht in seinem Text faszinierende Parallelen zwischen der aktuellen Weltlage und dem theologischen Erbe von Joseph Ratzinger.
Die geflüsterte Apokalypse: Benedikts geheime Überzeugung
Wörtlich schreibt der bekannte Tech-Millionär: Ich bin nicht nach Rom gekommen, um zu versuchen, katholischer als der Papst zu sein; doch ich hegte die Hoffnung, selbst als Protestant katholischer zu sein als der durchschnittliche Katholik. Um diesen Anspruch zu erfüllen – wie ich in meinen Vorträgen darlegte –, muss man Papst Benedikt nicht nur dann zuhören, wenn er *ex cathedra* sprach, sondern auch, wenn er *sotto voce* sprach. Man hört ihn flüstern und dann rufen: Die Welt geht unter."
Laut Thiel war Benedikt überzeugt, in den Endzeiten zu leben. Diese Behauptung schockiere laut dem Autor viele, weil der Papst erst in seinen letzten Lebensjahren – nach seinem Rücktritt und als seine Verbündeten im Vatikan bereits ins Abseits gedrängt waren – Klartext redete. "Wir werden nie erfahren, warum er gewartet hat. Möglicherweise fürchtete er, seine Autorität zu gefährden, die auf seiner akademischen Brillanz beruhte – und nichts wirkt akademisch weniger seriös als Untergangspredigten. Wohlwollender betrachtet mag Benedikt geglaubt haben, dass seine apokalyptischen Vorhersagen zu selbsterfüllenden Prophezeiungen würden, die seine Gläubigen verstörten und von der Kirche entfremdeten", schreibt der Gründer von Paypal und anderen Tech-Firmen.
Dabei, so Thiel, hätte eine ehrliche Diskussion über die Apokalypse gerade bei der heutigen Jugend einen Nerv getroffen. Junge Menschen sorgen sich ohnehin um existenzielle Bedrohungen wie Künstliche Intelligenz, Klimawandel, den demografischen Kollaps und Atomwaffen. Benedikt hätte ihnen die biblische Perspektive aufzeigen können, die trotz allem Mut zuspricht: „Erschreckt nicht!“ (Mt 24,6).
Dann verweist Thiel auf die Habilitationsschrift von 1957 über die Geschichtstheologie des heiligen Bonaventura. Thiel zeichnet die historischen Parallelen nach. Bonaventura bekämpfte die averroistische Idee, dass die Geschichte unendlich weitergeht, ohne je ein göttliches Ende zu finden. Er sah darin die „Ur-Häresie“ und das Wesen des apokalyptischen Monsters. Während Thomas von Aquin lehrte, dass der Zeitpunkt des Endes völlig unerkennbar sei (wodurch das eschatologische Bewusstsein in den Hintergrund trat), plädierte Bonaventura dafür, die Zeichen der Zeit wachsam zu deuten.
Ratzinger sympathisierte stets mit Bonaventura, hielt sich aber jahrzehntelang an die Warnung seines Doktorvaters Gottlieb Söhngen: Apokalyptische Bilder seien wie eine Flut, die man schwer im Zaum halten kann. Selbst ein Mozart könne eine Trompete nicht unauffällig klingen lassen.
Thiel schreibt: "Ungeachtet etwaiger Grenzen hat Ratzingers Darstellung Bonaventuras dessen Genialität erwiesen. Sie übersetzt die mittelalterliche Dichte Bonaventuras in eine für den modernen Geist verständliche Sprache. Im Verlauf seiner Ausführungen scheint Ratzinger daran zu gehen, Fragen zu klären, die die Kirche über Jahrhunderte hinweg vernachlässigt hat – Fragen, die bis zum geheimnisvollen Kern des Christentums reichen. In diesem Kern liegt das Problem, dem Ratzinger den letzten Abschnitt seiner Abhandlung gewidmet hat: Wie und wann wird die Welt enden?"
Schließlich erinnert Thiel auch an die "Prophezeiung" von Benedikt von 1969 und den „Widerpart“ im Vatikan. 1969 prophezeite Ratzinger im Radio die heutige Kirchenkrise: Die Kirche werde klein werden, viele Privilegien verlieren und fast von vorne anfangen müssen – dafür aber spiritueller und unbelastet von politischen Mandaten sein. "Aus der Krise von heute wird die Kirche von morgen hervorgehen – eine Kirche, die vieles verloren hat. Sie wird klein werden und mehr oder weniger von Grund auf neu beginnen müssen. ... Die Kirche wird eine stärker geistliche Kirche sein, die keinen politischen Auftrag für sich in Anspruch nimmt."
Als Papst sandte Benedikt dann immer deutlichere Signale zu dem Thema. 2007 bat er Kardinal Giacomo Biffi, die Fastenmeditationen über Wladimir Solowjows Erzählung vom Antichristen zu halten, und lobte dessen „präzise Diagnose unserer heutigen Situation“. In seiner Enzyklika "Spe Salvi" zitierte Beneidkt Immanuel Kant mit der Warnung, dass das Regime des Antichristen beginne, wenn das Christentum aufhöre, liebenswert zu sein. Und schließlich teilte Benedikt 2018 in einem Interview mit Peter Seewald mit, dass die moderne Gesellschaft ein „antichristliches Credo“ formuliere. Wer dies ablehne, werde sozial exkommuniziert. Er rief dazu auf, für die Kirche zu beten, um der „spirituellen Macht des Antichristen“ zu widerstehen.
Peter Thiel schreibt dann in seinem Beitrag über "Hans Küng" und stellte sich die Frage, ob denn der Antichrist in Tübingen gewesen sei? Dazu erinnerte er an den russischen Philosophen Solowjow. Dort sei der Antichrist kein optisches Monster, sondern ein hochgebildeter, philanthropischer, liberaler Theologe gewesen.
Für Benedikt und seinen engen Freund, den Philosophen Robert Spaemann, hatte dieses fiktive Profil reale Züge: Hans Küng und sein Projekt eines „Weltethos“. Solowjows Antichrist verspricht den Weltfrieden und kritisiert Christus dafür, die Menschheit in Gut und Böse zu spalten. Küngs Weltethos fordert den Konsens der Religionen für das irdische Überleben, klammert aber die Apokalypse, das Gericht und die radikale Nachfolge Christi aus. Thiel erinnert daran, dass Ratzinger in seiner berühmten Debatte mit Jürgen Habermas im Jahr 2004 Küngs Thesen nicht einmal selbst widerlegte, sondern schlicht auf den kritischen Essay von Robert Spaemann verwies.
Heute sind Ratzinger, Spaemann und Küng tot. Die Vorstellung, der Antichrist sitze tippend in einer Universität, wirke laut Thiel in unserer heutigen, intellektuell verarmten Welt laut Thiel fast schon nostalgisch. Thiel übte am Schluss ein wenig Kritik an Benedikt, weil er zu lange geglaubt habe, dass akademische Debatten die Welt bewegen, während die Realität die Gelehrsamkeit längst überholt hat.
Wörtlich schrieb Thiel am Schluss. "Man mag es dem Akademiker Benedikt nachsehen, dass er glaubte, seine Welt würde ewig währen; für den Christen Benedikt jedoch war dies ein schwerer Irrtum. Platon, Aristoteles und die ihnen nachfolgenden Philosophen schrieben zwischen den Zeilen über die ewigen Fragen. Sie schrieben nicht nur für ihre brillanten Zeitgenossen, sondern für Menschen aller Zeiten und Orte, die das Denken lieben. Sie bejahten die Ewigkeit der Welt und zweifelten nicht daran, dass die Zukunft neue Schüler hervorbringen würde – Menschen mit der nötigen Intelligenz und Zeit, um sich jener langwierigen, niemals leichten, aber stets erfreulichen Arbeit der Interpretation zu widmen, die dem Philosophen eigen ist. Doch der Christ weiß, dass nichts ewig währt, denn diese Welt hat einen Anfang und ein Ende. Die Apokalypse – die Offenbarung aller Geheimnisse und das Ende aller Interpretationen – wird schließlich eintreffen. Es gibt eine Zeit und einen Ort für die Esoterik, deren Gegenbegriff die Offenbarung ist. Doch nicht in Fragen, die das Schicksal der Welt – und unserer Seelen – betreffen. Denn wenn die Zeit knapp und die Stunde spät ist: Wer kann dann noch auf Erlösung durch philosophische Zurückhaltung hoffen?
https://firstthings.com/the-pope-and-the-antichrist/
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