Emeritierter Kurienkardinal Sarah: „Riten können nicht willkürlich abgeschafft werden“

7. August 2026 in Weltkirche


Kardinal Sarah: Manche überzogene Haltungen zugunsten der traditionellen Liturgie seien zum Teil eine Reaktion auf „drastische und weitverbreitete Missbräuche“ bei der Feier der ordentlichen Form des Römischen Ritus.


Vatikan (kath.net/Katholische Nachrichtenagentur Polen KAI/red) Die Spaltung rund um die traditionelle Heilige Messe ist laut Kardinal Robert Sarah eine „Tragödie, eine wirkliche und echte Sünde“. Der emeritierte Präfekt des Dikasteriums für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung plädierte für eine Rückkehr zu der von Benedikt XVI. eingeführten Lösung, die ein Nebeneinander der ordentlichen und der außerordentlichen Form des Römischen Ritus vorsah. Seiner Ansicht nach erlebt die Kirche im Westen derzeit eine „Zeit großer Schwierigkeiten und sogar der Verwirrung“, die sich auf die Bereiche Lehre, Moral und Disziplin erstreckt. Dies erläuterte Sarah in einem Interview mit der italienischen Tageszeitung „Il Foglio“, das er dem Chefredakteur Matteo Matzuzzi gab, wie die polnische Katholische Nachrichtenagentur (KAI) berichtet.

Der emeritierte Kurienkardinal kritisierte, dass die Liturgie zu einer Quelle der Spaltung geworden sei. „Es ist eine Tragödie, eine wirkliche und echte Sünde, dass eine Art Krieg um eine so wesentliche Angelegenheit wie die Liturgie geführt wird“, sagte er. Er betonte, dass die Liturgie das Fundament der Einheit der Kirche sei und nicht zu Konflikten führen dürfe.

Kardinal Sarah stellte weiter fest, dass liturgische Riten zur lebendigen Tradition der Kirche gehörten und nicht Gegenstand willkürlicher Entscheidungen sein könnten. „Niemand hat die Befugnis über Riten, die aus der jahrhundertealten Geschichte der Kirche stammen. Riten können nicht willkürlich abgeschafft werden“, erklärte er. Seiner Ansicht nach sei eine Rückkehr zur „ausgewogenen Position“ Benedikts XVI. notwendig; dieser hatte das Nebeneinander der beiden Formen des Römischen Ritus zugelassen, damit sie sich gegenseitig bereichern und den Gläubigen dienen könnten.

Dem aus Guinea stammenden Prälaten zufolge befindet sich die westliche Kirche derzeit in einer tiefen Krise. Er argumentierte, dass die Glaubensweitergabe sich nicht mehr auf die vorherrschende Kultur stützen könne, sondern auf Gemeinschaften, die im Gebet, in der Stille, in einer würdevoll gefeierten Liturgie und in der Treue zum Evangelium verwurzelt seien. Trotz der Schwierigkeiten äußerte er die Überzeugung, dass die Kirche ihre gegenwärtigen Prüfungen überstehen werde. „Im Laufe der Jahrhunderte hat die Kirche viele Stürme überstanden, doch wir dürfen nie vergessen, dass sie göttlichen Ursprungs ist und daher niemals verschwinden wird“, betonte er.

Kardinal Sarah räumte ein, dass in Kreisen, die der traditionellen Liturgie verbunden sind, durchaus überzogene Haltungen vorkommen. Zugleich erkannte er an, dass diese zum Teil eine Reaktion auf – wie er es formulierte – „drastische und weitverbreitete Missbräuche“ bei der Feier der ordentlichen Form des Römischen Ritus seien.

Zudem kritisierte er Predigten, die auf die Erwartungen der Zuhörer und aktuelle kulturelle Trends zugeschnitten sind. Seiner Ansicht nach werden Homilien, die sich auf soziale Fragen beschränken, banal und verfehlen es, auf die tiefsten menschlichen Bedürfnisse einzugehen. „Es ist niemals gerechtfertigt, das Evangelium auf soziale und horizontale Themen zu reduzieren“, merkte er an.

Auf die Frage, wie die gegenwärtige Krise der Kirche überwunden werden könne, verwies er vor allem auf die Notwendigkeit einer fundierten Ausbildung. „Der Schlüssel liegt in der liturgischen Bildung, Bildung und nochmals Bildung – für Bischöfe, Priester und Laien“, schloss er.

Die Äußerungen von Kardinal Sarah folgten auf jüngste Aussagen von Kardinal Arthur Roche, dem Präfekten des Dikasteriums für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung. Dieser hatte erklärt, Papst Leo habe nicht die Absicht, das 2021 erlassene Motu proprio „Traditionis custodes“ aufzuheben, welches die Feier der Liturgie nach den liturgischen Büchern der Zeit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil einschränkt.

Archivfoto Kardinal Sarah (c) Vatican Media


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