Die Geburt des neuen Antisemitismus aus dem verurteilten alten Antisemitismus

8. September 2026 in Kommentar


Gedanken von Alain Finkielkraut. Von Lothar C. Rilinger


Berlin-Jerusalem (kath.net) Es ist ein scheinbares Paradoxon, dass die Geisel des linken und islamischen Antisemitismus gerade aus dem überwunden geglaubten rechtsextremistischen Antisemitismus geboren sein soll – dass gerade aus dem Bemühen, den Judenhass zu überwinden, der Keim gelegt worden ist, ihn in anderer Form zur tragischen Wiederkehr zu verhelfen. Jahrhunderte lang wurden die Juden verfolgt, drangsaliert und auch vernichtet. Immer wurden sie als Fremdkörper in der Gesellschaft empfunden, immer als Außenseiter, die sich zu separieren hatten. Sie mussten sich in Ghettos zurückziehen, um sich vor Angriffen besser schützen zu können, aber auch, um sie von der übrigen Gesellschaft fernzuhalten. Gottes auserwähltes Volk wurde zum akzeptierten Paria der Welt. Wenn sich die Völker und Gesellschaften in einer Beziehung einig waren, selbst dann, wenn sie sich in erbitterter Feindschaft gegenüberstanden: Die Abneigung gegen das Judentum verband sie auf eine unsichtbare Weise, die für das Judentum tragisch war. Nirgends konnten sich Juden in einen sicheren Hafen zurückziehen, nirgends waren sie vor Verfolgung geschützt, immer drohten ihnen Anfeindungen und schlimmstenfalls Pogrome – überall auf der Welt. Wie ein böses Schicksal lastete auf dem verstreut in der Diaspora lebende Volk Israels die kollektive Abneigung der Völker, die sich gerade in den christlichen Gesellschaften auf das Urteil stützte, dass die Juden als die Gottesmörder angesehen wurden, als Mörder von Jesus Christus, da er nach früher übereinstimmender christlicher Auffassung ausschließlich durch die Juden den entwürdigenden Tod am Kreuz habe sterben müssen. Die Juden sollten Jahrhunderte lang die Schuld an dem Tod Christi tragen – nicht nur die Juden, die damals gerufen haben: „Kreuzige Ihn!“, auch sämtliche damals lebende Juden und alle weiteren geborenen, ausnahmslos, schicksalshaft. 

Immer unverständlicher wurde mir die Jahrhunderte lang vertretene These, dass die Juden im Rahmen einer Kollektivschuld als Gottesmörder angesehen werden müssten und auf immer und ewig verurteilt worden seien. Und deshalb machte ich mir Gedanken über den Tatbeitrag der Juden am Kreuzestod Jesu Christi. Bevor ich mich dieser juristischen Frage zuwandte, fragte ich mich, wie die Welt wohl aussähe, wenn Jesus nicht am Kreuz gestorben wäre – wenn er nicht die erste causa gesetzt hätte, um die Welt zu erlösen. Die Heilsgeschichte sah vor, dass er alle Schuld der Welt auf sich nehmen und deshalb durch den Kreuzestod für alle damals gelebten und auch späterhin lebenden Menschen die Sündenschuld von uns nehmen müsste. Wäre er nicht ans Kreuz ausgeliefert worden, wäre die Welt infolge dessen nicht erlöst worden.

Pontius Pilatus sah keinen Grund, Jesus zum Tode zu verurteilen. Nur er als römischer Staatsbürger hatte die Befähigung, Recht zu sprechen; diese Möglichkeit war Mitgliedern der unterworfenen Völker, also auch den Juden, untersagt. Aus diesem Grund war es auch ausgeschlossen, dass Juden Jesu Christi zum Tode verurteilen konnten und durften. Sie hatten keine prozessualen Möglichkeiten, Einfluss auf den Prozess zu nehmen – sie waren unbeteiligte Dritte, die zwar die Verurteilung lauthals fordern konnten, aber mehr nicht. Der Richter Pontius Pilatus lehnte die Verurteilung ab, doch die Juden forderten gleichwohl, das Todesurteil auszusprechen. Auch wenn Pilatus seine Hände in Unschuld wusch – er gab dem Drängen der Juden gegen das damals geltende Prozessrecht nach und verurteilte Jesus zum Tode. 

Nicht die Juden wurden infolgedessen zu Gottesmördern, sondern ausschließlich der Römer Pontius Pilatus, der in dem wichtigsten Fehlurteil, das wir kennen und das wir als eine strafbare Rechtsbeugung ansehen müssen, das Todesurteil ausgesprochen hat. Allerdings ist ihm oder dem römischen Volk niemals vorgeworfen worden, Gottesmörder zu sein. 

Den Höhepunkt der Judenverfolgung mussten wir im Dritten Reich erleben. Sechs Millionen Juden mussten im Namen der Ideologie des Nationalsozialismus ihr Leben lassen, was weltweit verurteilt worden ist. Die nationalsozialistischen Verbrechen waren so schrecklich, dass erstmalig in der Geschichte über die wahre Verantwortung der Juden am Tod Christi nachgedacht wurde. Auch die katholische Kirche schloss sich durch die Konzilserklärung Nostra aetate dieser neuen Sichtweise an und bezeichnet seitdem die Juden als die älteren Geschwister der Christen. Endlich …

Auch wenn die Welt davon ausgegangen ist, dass der Antisemitismus habe überwunden werden können, wurde nur der rechtsextremistische Judenhass und der hieraus geborene Antisemitismus als verwerflich verurteilt – nicht aber der Antisemitismus an sich, der unterschwellig im Verborgenen weiter existierte. Und diese andere Ausprägung des Antisemitismus erlebt momentan eine schreckliche Ausbreitung, die auf dem islamischen und linken Extremismus fußt. 

Die Shoa im Dritten Reich war nicht nur der Tiefpunkt in der jüdischen Geschichte, sie wurde auch zum Gründungsmythos des neuen jüdischen Staates Israel. Dieser Staat sollte nicht einer sein, der, wie andere Nationalstaaten, den Zuzug aus fremden Ländern und fremden Kulturen sowie Religionen ermöglichen würde – Israel sollte zu allererst die Heimstatt, das homeland, für das jüdische Volk sein, ein geschützter Raum, in dem die Juden keine Pogrome und keine Rechtsbeeinträchtigen zu befürchten hätten. In der Balfour-Erklärung aus dem Jahr 1917 wurde den Juden seitens der damaligen britischen Mandats-Regierung zugesichert, dass sie in Palästina leben dürften, ohne dass ihnen aber die Gründung eines eigenen Staates zugesichert worden wäre. Daraufhin haben wohlhabende Juden wertloses Wüsten- und Sumpfland käuflich erworben, damit Zionisten dort eine Landwirtschaft betreiben konnten. In der Biographie von Ben Gurion, die Michael Bar-Zohar vorgelegt hat, wird die aufopferungsvolle Arbeit der jüdisch-zionistischen Siedler beschrieben. Das Gebiet um den Zustrom des Jordans in den See Genezareth wurde durch Kaufverträge erworben – ein malariaverseuchtes, landwirtschaftlich brach liegendes Gebiet. Unter sehr großen Opfern und vielen Verlusten – Ben Gurion sprach davon, dass von zehn jüdischen Siedlern nur einer überlebt habe – wurde das Gebiet urbar gemacht. Ebenso andere scheinbar unfruchtbare und käuflich erworbene Ländereien. Die Araber verkauften scheinbar wertloses Land, mussten dann aber sehen, wie mit Fleiß aus ihrem vermeintlich unfruchtbaren Land blühende landwirtschaftliche Flächen entstanden. Zuweilen wurde auch später Land im Rahmen der Siedlungspolitik rechtswidrig okkupiert, aber die Folgen der internationalen Vertreibungspolitik begegnen uns in extenso auf dem gesamten amerikanischen Kontinent, ohne dass die Weltbevölkerung an dem Besiegen und der Vertreibung der Urbevölkerung nennenswerten Anstoß nehmen würde.

Ab den dreißiger Jahren wuchsen die Spannungen zwischen Juden und Muslimen, die in blutigen Auseinandersetzungen ausarteten. Auch die Briten erlitten erhebliche Verluste an Soldaten und Zivilisten in Ausführung des ihnen vom Völkerbund übertragenen Verwaltungsmandats. Nach dem sehr verlustreichen muslimischen Anschlag auf das Hotel King David verlor Groß-Britannien das Interesse an dem Mandat. Israel konnte deshalb im Jahr 1949 als neuer souveräner Staat gegründet werden. Die Heimstatt – das homeland – erstarkte zum Staat, der dem Schutz der Juden vor Verfolgung verpflichtet ist. Nicht die allgemeine Geltung der Menschenrechte für alle Menschen dominiert primär die israelische Verfassung, sondern der besondere Schutz der Juden. Israel sollte auch in Zukunft allen verfolgten Juden auf der Welt Schutz gewähren, um ein Leben in Frieden und ohne Bedrohung für Leib und Eigentum führen zu können.

Die Geschichte, diese leidvolle und grausame Geschichte der Juden im Dritten Reich ist nicht nur ein Genozid, sie ist viel mehr – sie markiert auch das Ende der Toleranz gegenüber dem Antisemitismus, der in vielen Gesellschaften in unterschiedlichen Formen seinen Ausdruck erfuhr, einmal mehr, einmal weniger, doch fast immer zumindest latent. Georges Bernanos fasste diesen Bruch in der Sicht auf das Judentum mit den Worten zusammen, dass Hitler „den Antisemitismus in Misskredit gebracht“ habe. Es war eine Zeitenwende, durch die der Antisemitismus als verwerflich angesehen wurde. Die schlimmen Verbrechen konnte keine vernünftig denkende Person mehr übersehen und tolerieren. 

Doch Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre deutete sich wiederum eine Zeitenwende an, die das Verhältnis der Linken zum Judentum grundlegend ändern sollte. War der Antisemitismus bis zu diesem Zeitpunkt vornehmlich rechtsextremistisch begründet, öffnete sich die Linke für diese Einstellung. Der Gründungsmythos Israels, die Shoa, wurde nicht mehr als legitime Rechtfertigung für die Gründung des Staates Israel anerkannt. Es trat eine „Normalisierung des Genozids“ ein, wie es Alain Finkielkraut schon vor 40 Jahren diagnostizierte. Mit der Normalisierung des Genozids an den Juden im Dritten Reich wird diesen Verbrechen nicht nur die Einzigartigkeit abgesprochen. Sie werden zwar grundsätzlich als verwerflich angesehen, doch gleichzeitig als ungeeignet, Sonderrechte für Israel zu reklamieren. Auch in Israel gelten die Menschenrechte für alle und deren Missachtung wird verfolgt. Da sich Israel aber als einen jüdischen Staat versteht, ist infolge dessen die Verfassung darauf ausgerichtet, Juden zu beschützen. Der jüdische Glaube ist das konstitutive Moment der Verfassung, was zur Folge hat, dass die Bewahrung des jüdischen Glaubens und der jüdischen Tradition Priorität genießen, aber gleichwohl andere Religionen nicht ausschließt. Dadurch soll gewährleistet sein, dass der ursprüngliche Zweck der Staatsgründung auch in Zukunft berücksichtigt wird. Noch darf jeder Staat selbst entscheiden, wer zum Staatsvolk gehört und jeder Staat ist legitimiert, seine eigenen Grenzen zu schützen, um Personen abzuweisen, die nicht zur eigenen Kultur passen. Auch wenn das Grundrecht auf Asyl gewahrt werden muss – es darf eingeschränkt werden und gilt nicht bedingungslos. 

Der Vorwurf des Genozids an dem arabischen Volk der Palästinenser und der Vorwurf, eine Apartheitspolitik zu betreiben, griff die Linke auf, um sich eine neue pressure group zu sichern. Ursprünglich war die Linke angetreten, die Interessen der Arbeiter zu vertreten. Doch die Verbindung zwischen den linken Parteien und der Arbeiterschaft wurde immer brüchiger. Die Arbeiter sehen ihre Interessen mehr in anderen Parteien vertreten. Die gesamte Linke kümmert sich vornehmlich um ideologische Politik, um die Gesellschaft zu verändern, sie widmet sich dem Kampf für die Entkriminalisierung der Abtreibung, für die Anerkennung von Transpersonen, um das human enhancement und die Eugenik, um die Gleichstellung und den Umweltschutz, um nur einige Politikfelder zu nennen. Die Rechte der Arbeiter hat sie vor lauter ideologischer Ausrichtung aus den Augen verloren. Deshalb bot es sich an, nach einer neuen pressure group zu suchen. In dem arabischen Kampf gegen Israel sah die Linke ihre neuen Unterstützer, da der linke Antiamerikanismus sich erweitern ließ um den Kampf gegen Israel als dem Freund der USA und damit für den islamischen Antizionismus und Antisemitismus. Aus der unheiligen Allianz der Linken mit dem islamischen Antisemitismus wurde dieser wieder gesellschaftsfähig, zwar mit Worten verurteilt, doch juristisch nahezu unbehelligt belassen, um nicht als islamophob angesehen zu werden. Gleichsam im Windschatten dieser Toleranz wird, nahezu unwidersprochen von der Weltpolitik, die massenhafte weltweite islamische Christenverfolgung hingenommen

Der Genozid der Juden im Dritten Reich verliert in den Augen der extremen Linken und der Islamisten seine Außergewöhnlichkeit, so dass er nicht herangezogen werden dürfe, um einen Staat zu gründen, der auf dem Gedanken der Einheit des jüdischen Volkes und der jüdischen Religion basiere – was allerdings bezogen auf den Islam jeder islamisch-theokratische Staat entsprechend den Regelungen des Korans für sich in Anspruch nimmt. Von Teilen der Linken wird sogar angezweifelt, dass die Juden in den Konzentrationslagern umgekommen sind. Damit näherte sich die Linke zwar nicht dem Antisemitismus der Rechten an, sie übernahm vielmehr Vorstellungen, die von den Ultralinken vertreten werden. Der Verteidigungskampf Israels nach dem Überfall der Palästinenser vom 7. Oktober 2023 wird als Angriffs- und Eroberungskrieg gegen Muslime uminterpretiert und als Genozid an den Palästinensern verurteilt – eine Einstellung, die von der öffentlichen Meinung nahezu weltweit übernommen wurde.

An diesem 7. Oktober 2023 haben Kämpfer der Hamas über 1200 Juden auf grausamste Weise getötet und vergewaltigt sowie mehr als 230 Geiseln gefangen genommen. Es war eine Kriegserklärung, die Israel nach dem Kriegsvölkerrecht berechtigt hat, sich zu verteidigen. Da sich die muslimischen Kämpfer, oft ohne Uniform, nicht unterscheidbar unter Zivilisten aufhalten und von dort aus, in der Deckung vermeintlicher menschlicher Schutzschilde, Israel bekämpfen, werden sie völkerrechtlich nicht als Kombattanten angesehen und getötete und verletzte Kämpfer infolge dessen auch nicht als gefallen oder verwundet bezeichnet – es wird kein Unterschied zwischen Kämpfern und realen Zivilisten gemacht. Obwohl die mögliche Zahl der getöteten als Zivilisten getarnten Kämpfer hoch ist, war die Führung der Hamas ursprünglich nicht bereit, sämtliche Geiseln, ob tot oder lebendig, herauszugeben. Da die Hamas die Herausgabe aber abgelehnt hatte, hat sie die Verantwortung für den Tod der Palästinenser, ihres eigenen Volkes, zu tragen.

Die Shoa wird von der extremen Linken als Lüge denunziert, als eine weltweit verbreitete Unwahrheit, um zu begründen, dass die staatliche Legitimität Israels widerrechtlich sein soll. Finkielkraut sieht deshalb in dieser alternativen Geschichtsbetrachtung, dass sich der linke Antisemitismus „aus dem radikalen Antikapitalismus entwickelt“ habe und dass er „in der Radikalität des Antizionismus zur Entfaltung gelangt“ sei. Der Hass der Linken und der Islamisten auf Israel ist exorbitant und lebt sich auch auf den Straßen der europäischen Städte aus. Offen rufen die Ultralinke und die Islamisten zum Tod der Juden auf und zur Vernichtung des Staates Israel. Die Hassäußerungen der Ultralinken sind so absurd und unappetitlich, dass auf eine nähere Darlegung verzichtet wird. Nur die Bemerkung des portugiesischen Literaturnobelpreisträgers José Saramago soll zitiert werden – auch um aufzuzeigen, wen das Komitee für die Vergabe des Nobelpreises für Literatur für würdig befunden hat, sich mit dem wichtigsten Literaturpreis der Welt schmücken zu können: „Das jüdische Volk verdient kein Mitleid mehr für das im Holocaust erlittene Leid, denn es fügt den Palästinensern Leid von derselben Art zu.“ Saramago setzt also den millionenfachen Mord an den Juden mit der Behandlung der Palästinenser im Gaza-Streifen gleich, wobei er aber negiert, dass die Juden nicht dem Dritten Reich durch kriegerische Handlungen den Krieg erklärt haben, die Hamas aber Israel brutal überfallen hat, und rechtfertigt dadurch die ständigen Angriffe der Hamas gegenüber Israel, um dann zu insinuieren, dass Israel der Angreifer sei.

Israel nimmt allerdings das Völkerrecht für sich in Anspruch, das jedem Staat erlaubt, sich im Fall eines Angriffs zu verteidigen. Zwar muss die Verhältnismäßigkeit der Mittel gewahrt werden, doch wenn der Gegner alles unternimmt, um die Opferzahlen auf seiner Seite zu steigern, indem bewusst sogenannte Zivilisten geopfert werden, darf dieses bewusste Inkaufnehmen der hohen Verluste nicht herangezogen werden, um eine Unverhältnismäßigkeit zu begründen, zumal israelische Angriffe immer vorab angekündigt wurden, so dass sich die Zivilbevölkerung hätte zurückziehen können.

Finkielkraut hat erkannt, dass der Kampf gegen den Antisemitismus den neuen Antisemitismus geboren hat. Dieser Kampf wurde auf der Grundlage einer Toleranz gegenüber anderen Kulturen geführt, wodurch den Juden die Fremdheit genommen wurde und sie nicht mehr als außenstehend angesehen wurden. Dieses Gefühl der Toleranz erstreckte sich auch auf den Islam, weshalb sich der ehemalige Bundespräsident Wulff zu der Feststellung verstieg, dass der Islam auch zu Deutschland gehöre. Dadurch wird jede Kritik am Islam als islamophob und damit als rechtsextremistisch verurteilt. Aber: „Aus Respekt vor dem Nächsten“ – so Alain Finkielkraut – „räumt man kampflos die Stellung.“ In der unbedingten Toleranz anderen und fremden Kulturen gegenüber wird stillschweigend alles hingenommen, was diese Kulturen ausmachen, selbst wenn es nicht mit unserer Kultur vereinbar ist, allein um zu zeigen, wie weltaufgeschlossen man ist, ja, wie scheinbar kosmopolitisch oder, um mit Marx zu sprechen: wie internationalistisch. Die ständige Verurteilung des „Antisemitismus von gestern und der Wille, Konsequenzen aus ihm zu ziehen, sind nicht nur weit davon entfernt, ihn wirksam zu verhindern, sondern ebnen im Gegenteil einem künftigen Antisemitismus den Weg.“ In der Toleranz gegenüber allen Kulturen, insbesondere dem Islam gegenüber, wurde auch der neue islamische Antisemitismus hingenommen, um nicht als islamfeindlich – als islamophob – angesehen zu werden. Dadurch dürfen Muslime auf deutschen Straßen gegen Israel protestieren und den Tod Israels und der Juden einfordern – was juristisch betrachtet als Aufruf zum Genozid gewertet werden muss, aber selbstverständlich im Rahmen des neuen links-islamistischen Antisemitismus als legitim eingestuft wird. Die Feindseligkeit vieler Muslime aus dem islamischen Orient, aus Nordafrika und Schwarzafrika speist sich nicht aus dem rechtsextremistischen Antisemitismus vergangener Tage, ihr Antisemitismus gründet auf den Vorfällen in Palästina. Seltsam ist es nur, dass diejenigen, die Israel einen Genozid an den Palästinensern vorwerfen, den Genozid an den Juden lautstark fordern. Stringenz ist der linken-islamistischen Ideologie fremd und stört nur im Hass auf die Juden.

Der Hass der muslimischen Migranten richtet sich auch deshalb gegen Israel, da sie diesem Staat unterstellen, eine Apartheits-Politik zu Lasten der Muslime zu betreiben. Allerdings leben nicht nur Juden in Israel, sondern auch viele Muslime. Rund 20 Prozent der Gesamtbevölkerung bekennt sich zum Islam. Im israelischen Parlament ist diese Bevölkerungsgruppe ebenfalls vertreten und kann infolge dessen Einfluss auf die israelische Politik nehmen. Ein Muslim war sogar schon Mitglied der israelischen Regierung, wodurch sich zeigt, dass Muslime in Israel ebenfalls volle Partizipationsmöglichkeiten haben und sich auf den gesamten Katalog der Menschenrechte berufen können, zumal noch niemand, wie in Südafrika vergangener Tage, Bänke im öffentlichen Raum gesehen hat, auf denen steht: „Nur für Juden!“. In den meisten arabischen Staaten ist es demgegenüber undenkbar, dass jüdische Vertreter in die Parlamente einziehen könnten, von einer Regierungsbeteiligung ganz zu schweigen. In Israel aber dienen Muslime sogar in den israelischen Streitkräften und kämpfen für ihr Land – für ihr Israel.

Israel wird von den Linken vorgeworfen, aus den Verbrechen der Nationalsozialisten unbegrenzten Kredit zu ziehen, um gegen ihre Gegner und Feinde vorzugehen. Es werde, wie es Alain Finkielkraut deutet, seitens der Feinde Israels vorgetragen, dass sich Israelis nicht in ihre Opfervergangenheit einhüllen dürften, „da sie, um ihren Staat zu errichten und zu befestigen, selbst Täter geworden“ sein sollen.“ Auschwitz dürfe nicht die Rechtfertigung für ein vergleichbares Verbrechen sein. Allerdings weist Finkielkraut diesen Vorwurf zurück, indem er darauf hinweist, dass der Slogan „Nie wieder“ Israel das Recht gebe, sich selbst zu verteidigen und für seine Daseinsberechtigung auch mit militärischer Gewalt zu kämpfen. 

Mit einer Verstärkung des linken islamischen Antisemitismus im westlichen Abendland müssen wir rechnen, wenn nicht die muslimische Migration gestoppt wird. „Da offenbar nichts die Einwanderungswelle aufhalten kann, wird sich mit dem Segen der Befürworter bedingungsloser Gastfreundschaft die Lage unweigerlich verschlechtern.“ Von der deutschen Politik wird wieder und wieder betont, dass der Schutz Israels Staatsräson sei, so dass dieser Staat immer unterstützt werden müsse. Allerdings kann diese Staatsräson nur gewahrt werden, wenn die Bevölkerung hinter dieser Räson steht und Israel bedingungslos in seinem Existenzkampf auch vom deutschen Bundeskanzler unterstützt wird – was leider nicht immer der Fall war. Doch je mehr Muslime in unser Land strömen und durch schnelle Einbürgerung auch wahlberechtigt werden, desto eher verschiebt sich die Zuneigung zu Israel. Finkielkraut hat diese Gefahr erkannt und warnt, dass durch den Kampf gegen den Antisemitismus immer wieder neuer Antisemitismus geboren werden könnte.

Lothar Rilinger (siehe Link) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht i.R., stellvertretendes Mitglied des Niedersächsischen Staatsgerichtshofes a.D., und Autor mehrerer Bücher.

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