Fünf weibliche Opfer von Pater Marko Ivan Rupnik schreiben offenen Brief an Papst Leo XIV.

24. September 2026 in Chronik


„Wir erfahren nur aus den Medien, dass ein Verfahren gegen Pater Rupnik eingeleitet wurde. Unsere Rechtsanwältin hat sich mehrfach an das Dikasterium für die Glaubenslehre gewandt…, jedoch niemals eine Antwort erhalten“ – Brief in voller Länge!


Rom (kath.net) Der italienischer Vatikanist Aldo Maria Valli veröffentlicht auf seinem Blog "Duc in altum" den schmerzerfüllten Brief von fünf mutmaßlichen Opfern des Ex-Jesuiten und Mosaikkünstlers Marko Rupnik mit der Bitte um Antworten aus dem Vatikan. kath.net dokumentiert den Brief wegen seiner Wichtigkeit in voller Länge in eigener Übersetzung:

Rom, 23. September 2026

Heiliger Vater,

wir sind fünf Opfer von Pater Marko Ivan Rupnik: Gloria Branciani, Mirjam Kovač, Schwester Samuelle, Vida Bernard und Pia, letztere hat sich aus begründeter Angst vor Vergeltungsmaßnahmen für einen fiktiven Namen entschieden.

Wir haben beschlossen, Ihnen anlässlich Ihrer Reise nach Frankreich zu schreiben – und insbesondere Ihres Besuchs in Lourdes, wo Sie auf Missbrauchsopfer wie uns treffen werden. Dies geschieht an einem Ort, an dem die Mosaike von Pater Rupnik an der Fassade der Basilika nicht mehr zu sehen sein werden, nachdem Seine Exzellenz Monsignore Jean-Marc Micas, Bischof von Tarbes und Lourdes, beschlossen hat, sie dauerhaft zu verdecken. Ein sehr starker und mutiger Schritt, den wir sehr begrüßt haben, auch deshalb, weil uns gegenüber nie Solidarität spürbar war; im Gegenteil: Wir sind stets auf starken Widerstand und Ablehnung gestoßen.

Wir erfahren nur aus den Medien, dass ein Verfahren gegen Pater Rupnik eingeleitet wurde. Unsere Rechtsbeiständin, Rechtsanwältin Laura Sgrò, hat sich zwar – im Interesse aller und aus Respekt vor dem Verfahren, in dem wir als Opfer eine Rolle spielen – mehrfach und mit allen Mitteln an das Dikasterium für die Glaubenslehre gewandt, um zumindest ein Mindestmaß an Klarheit zu erlangen, jedoch niemals eine Antwort erhalten.

Dieses laute und lang anhaltende Schweigen empfinden wir Opfer als weitere, fortgesetzte Gewalt, die wie das Gewicht eines schweren Felsbrocken zu der Gewalt hinzukommt, die wir bereits erlitten haben. Es handelt sich um sexuelle, körperliche, psychische und spirituelle Gewalt – eine Gewalt, die tief in die Seele hineinreicht und zu der nun diese neue, schmerzhafte Gewalt des Schweigens und des Im-Stich-Gelassenseins durch das Justizsystem hinzukommt. Man hat uns beschuldigt – oder besser: verleumdet –, Huren und Lügnerinnen zu sein, Geld dafür angenommen zu haben, Pater Rupnik zu beschuldigen, und uns an dieser schrecklichen Angelegenheit bereichert zu haben. Nachdem wir missbraucht und herabgewürdigt wurden, erleiden wir nun weiterhin Gewalt – inmitten des Grabesschweigens und der Gleichgültigkeit derer, die dazu berufen sind, über unser Leben zu entscheiden. Und leider schreckt gerade die Gewalt, der wir weiterhin öffentlich ausgesetzt sind, jene ab, die – wie wir – Ähnliches erlebt haben und eigentlich Anzeige erstatten wollten.

Wider Willen haben wir uns von einem positiven zu einem negativen Beispiel gewandelt. Denn die Botschaft, die von unseren Anschuldigungen ausgegangen ist, lautet: Es ist zwecklos, einen Missbrauch bei der kirchlichen Autorität zu melden, da ohnehin nichts geschieht, niemand zur Rechenschaft gezogen wird und die Opfer niemals Gerechtigkeit erfahren. Denn wir, Heiliger Vater, haben jede Spur von Gerechtigkeit verloren; ein Verfahren, das im Verborgenen geführt wird, bietet niemandem Garantien – weder dem Beschuldigten noch den Opfern – und ist unvereinbar mit den Begriffen von Recht, Wahrheit, Gerechtigkeit, Fairness und Barmherzigkeit, die Ihnen, Heiliger Vater, stets am Herzen liegen.

Wir sind nicht bereit, uns dem Vergessen zu überlassen oder auf Gerechtigkeit zu verzichten, solange die Schwere der Geschehnisse nicht anerkannt und der Verantwortliche nicht bestraft wird. Auf diesem beschwerlichen Weg zur Wahrheit möchten wir als Ressource betrachtet werden, nicht als Hindernis.

Wir wenden uns vertrauensvoll an Sie, Heiliger Vater, als obersten Hirten der Kirche, auf dass Sie Ihre höchste richterliche und gnadenstiftende Gewalt ausüben und unser Anliegen erhören – das Anliegen jedes Missbrauchsopfers, das die Anerkennung der Wahrheit durch ein gerechtes Verfahren anstrebt. Wir fordern, dass stets die Wahrung des rechtlichen Gehörs beider Seiten, Klarheit, Transparenz, Zügigkeit sowie die Unparteilichkeit und Unabhängigkeit der Richter gewährleistet sind, damit das Verfahren und sein Ausgang – wie auch immer dieser ausfallen mag – frei von Zweifeln bleiben.

Wir brauchen Wahrheit und Heiligkeit; doch ebenso sehr wie wir bedarf auch die Kirche ihrer.

Gloria Branciani, Miriam Kovač, Schwester Samuelle, Vida Bernard, Pia
Opfer von Pater Marko Ivan Rupnik


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