
21. Oktober 2026 in Kommentar
„Vielleicht liegt der eigentliche Glaubensverlust … dort, wo die Kirche zwar noch von Engeln, Satan, Sünde und Erlösung spricht ... aber so beschreibt, als gäbe es all das nicht“ – Kolumne „Blick in die katholische Fülle“ von Diakon Ulrich Franzke
Essen (kath.net/uf) Das abendliche Gebet der Vesper ist mir wichtig. Oft wird es für mich zu einem Moment der Gottesbegegnung. Ich versuche, mir dafür Zeit zu nehmen, auch dann, wenn der Tag voll war und eigentlich schon wieder alles andere drängt. Fünfzehn Minuten? Lieber zwanzig. Und manchmal kommen mit der Drehleier noch ein paar Kirchenlieder davor und danach. Auf einen Text freue ich mich mittwochs besonders: das Canticum aus dem Kolosserbrief (Kol 1,12–20). Schon der Anfang hält mich immer wieder fest: „Dankt dem Vater mit Freude! Er hat euch fähig gemacht, Anteil zu haben am Los der Heiligen, die im Licht sind.“
Die Kirche legt uns diesen Text nicht irgendwann einmal vor. Sie lässt ihn uns regelmäßig beten. Im Vierwochenpsalter kehrt er an jedem Mittwoch wieder: die Rede vom Sichtbaren und Unsichtbaren, von Thronen, Herrschaften, Mächten und Gewalten. Johannes Paul II., der Papst meiner Jugend, nannte ihn einen „großartigen Christushymnus“. Benedikt XVI., der ausdrücklich auf seine Wiederkehr in allen vier Wochen der Vesperliturgie hinwies, sprach von einem „großartigen Bild Christi, des Herrn des Universums und der Geschichte“. Die Kirche behandelt diesen Text also nicht wie eine fremdartige Erinnerung aus einer vergangenen Vorstellungswelt. Sie macht ihn zu ihrem Gebet.
Und dann kommen die Verse, an denen ich jedes Mal hängenbleibe: „Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen.“ Ist das nicht gewaltig? Was für ein Bild von Christus, von Schöpfung, von Wirklichkeit! Sichtbares und Unsichtbares. Throne und Herrschaften. Mächte und Gewalten.
Vielleicht hat mich die Stelle auch deshalb nie losgelassen, weil ich mich schon vor Jahren intensiv mit diesen Themen beschäftigt hatte: In meiner Abschlussarbeit „Similitudo in dissimilitudine – Die Möglichkeit der Rede von Gott“ hatte ich Pseudo-Dionysius gelesen und irgendwann kaufte ich mir Thomas von Aquin, ausgerechnet den Band über Schöpfung und Engelwelt. Dort begegnete mir Dionysius wieder. Thomas übernimmt seine Hierarchie der Engel nicht einfach nur, er nimmt sie ernst, prüft und ordnet sie in seine eigene Theologie ein. Für mich waren „Throne, Herrschaften, Mächte und Gewalten“ deshalb nie bloß altertümliche Wörter. Für Dionysius und Thomas waren diese Worte keine poetische Staffage. Sie bezeichneten eine unsichtbare Welt, die ebenso zur Schöpfung gehörte wie die sichtbare.
Umso mehr irritierte mich, was ich Jahre später in einem modernen Kommentar las. Die Begriffe waren noch da. Die Welt, auf die sie einmal verwiesen hatten, schien plötzlich viel blasser geworden zu sein. In der Kommentierten Studienausgabe der Einheitsübersetzung wird der Vers so erläutert: Christus habe „alles ins Werk gesetzt“, „alle sichtbaren und unsichtbaren Mächte und Gewalten eingeschlossen“. Das ist nicht falsch. Aber ich saß davor und dachte: Mächte und Gewalten? Das war alles? Wo waren die Throne geblieben, die Herrschaften, die ganze geistige Welt, die mich bei Dionysius und Thomas beschäftigt hatte? Vielleicht störte mich deshalb weniger, was dort stand, als das, was da nicht mehr stand.
Der Kolosserbrief schreibt nicht einfach von „Mächten“. Er zählt auf: Throne. Herrschaften. Mächte. Gewalten. Vier Bezeichnungen, die in der späteren christlichen Tradition in die Lehre von den neun Engelordnungen eingingen. Jahrhunderte christlicher Theologie sind an diesen Worten nicht achtlos vorbeigegangen. Und nun standen sie vor mir wie vier Begriffe, deren Konturen sich aufgelöst hatten. War das nur exegetische Nüchternheit? War die spätere Engelhierarchie mehr Systematik, als der Kolosserbrief selbst beabsichtigte? Oder hatte sich zwischen Thomas und meinem modernen Kommentar noch etwas anderes verändert: unsere Vorstellung davon, was überhaupt wirklich sein darf?
Ich erinnerte mich an andere Kommentare, die ich vor Jahren gelesen hatte, und so zog ich los in die Bibliothek der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum. Ich wollte wissen: Hatte ich mir den Unterschied nur eingebildet? Bei Joachim Gnilka wurde es interessant. Er zieht zur Erklärung von Kol 1,16 auch Kol 2,10 heran, wo erneut von „Mächten und Gewalten“ die Rede ist. Dort spricht er ausdrücklich von „realen überirdischen Potenzen“, die das Leben der Kolosser bestimmen und bedrohen können, womit zugleich deutlich wird, dass die unsichtbare Welt des Neuen Testaments nicht nur aus guten Engeln besteht. Also doch keine bloßen politischen Strukturen. Und doch schreibt er wenige Seiten später über personale Mächte: „Personale konzipierte Mächte, die das Schicksal der Menschen bestimmen, liegen uns fern.“ Genau dieser Satz ließ mich aufhorchen. Gnilka hält also die überirdischen Mächte des Textes fest, versucht ihre Bedeutung für den modernen Leser aber in Kategorien zu übersetzen, die diesem näherliegen. Der antike Mensch rechnete mit solchen Mächten als personalen überirdischen Wesen, die menschliches Leben beeinflussen. Dem modernen Menschen ist diese Vorstellung offenbar fremd geworden. Und dennoch ist die Wirklichkeit personaler geistiger Wesen keine verhandelbare theologische Meinung, sondern Bestandteil des dogmatischen Glaubens der Kirche.
Nicht der Text war plötzlich anders geworden. Uns war etwas fremd geworden. Auch Eduard Lohse liest die Mächte und Gewalten nicht einfach als irdische Herrschaftssysteme. Bei ihm stehen sie im kosmischen Zusammenhang des Hymnus. Christus ist Herr über sie, sie gehören zur geschaffenen Wirklichkeit, sie sind ihm untergeordnet. Der Gegensatz war also feiner, als ich zunächst gedacht hatte. Gerade das machte die Sache für mich immer spannender. Offenbar geht es nicht einfach um „alte Exegese gegen neue Exegese“. Die eigentliche Frage ist tiefer: Was geschieht, wenn ein Text von einer unsichtbaren Wirklichkeit spricht, die unsere eigene Vorstellung von Wirklichkeit kaum noch vorsieht?
Vielleicht liegt genau hier das Problem. Nicht darin, dass jemand die Engel ausdrücklich leugnet. Sondern darin, dass uns eine Wirklichkeit fremd geworden ist, in der Engel überhaupt selbstverständlich vorkommen können. Die Kirche spricht weiter von ihnen. Der Katechismus tut es völlig unbefangen. Er nennt die Existenz geistiger, körperloser Wesen eine Glaubenswahrheit. Ebenso spricht er von den gefallenen Engeln und von Satan nicht als bloßer Chiffre des Bösen, sondern als personalem Geschöpf. Das alles steht da. Niemand hat es gestrichen. Aber rechnen wir noch damit? Wie oft hören wir in Predigten noch davon? Wie selbstverständlich wird noch von der Engelwelt gesprochen? Man kann also einen Glaubenssatz stehen lassen und ihm trotzdem jede Wirklichkeit entziehen.
Glaubensverlust beginnt vielleicht gar nicht mit offenem Widerspruch. Er kann viel früher beginnen: dort, wo man das Bekenntnis noch spricht, aber längst in einer Wirklichkeit lebt, in der das, was man bekennt, keinen Platz mehr hat.
Aber ist es nicht ganz anders? Ganz unergründlich? Ganz unvorstellbar? Dass überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts, müsste eigentlich reichen, einen Menschen für den Rest seines Lebens aus der Fassung zu bringen. Schon das Sichtbare ist unergründlich. Leben, Bewusstsein, Materie, Zeit, überhaupt das Sein. Und dennoch neigen wir ausgerechnet beim Unsichtbaren dazu, sehr schnell zu wissen, was noch als wirklich gelten darf und was nicht.
Ich sitze manchmal da und schaue auf meine Fingernägel. Sie wachsen. Aber warum? Woher kommt dieses Wachstum, woher kommt das Leben? Natürlich kann man beschreiben, wie Fingernägel wachsen. Zellteilung, Keratinisierung, Stoffwechsel. Aber damit ist höchstens beschrieben, wie dieses Wachstum geschieht; noch nicht beantwortet ist damit, warum überhaupt eine Wirklichkeit existiert, in der Leben, Wachstum und Selbstorganisation möglich sind. Und doch habe ich oft den Eindruck, dass wir über solche Fragen kaum noch wirklich nachdenken. Vielleicht erklärt das auch, warum mich manche kirchliche Sprache so befremdet. Denn wenn wir Wirklichkeit nur noch gesellschaftlich, psychologisch und politisch beschreiben können und die metaphysische Dimension ausblenden, verliert dann nicht auch irgendwann die Sprache des Glaubens ihren Gegenstand?
Wenn sich unser Begriff von Wirklichkeit tatsächlich verengt hat, müsste man das dann nicht auch daran erkennen, worüber die Kirche in Deutschland noch mit Leidenschaft spricht – und worüber sie kaum noch spricht? Wer die kirchlichen Debatten in Deutschland verfolgt, begegnet mit großer Regelmäßigkeit Fragen nach Macht und Gewaltenteilung, Pflichtzölibat, Frauen in kirchlichen Ämtern, Sexualmoral, geschlechtlicher Identität und dem Umgang mit LGBTQ+-Personen. Natürlich darf und muss man darüber sprechen. Mich beschäftigt aber die Gewichtung: Wo ist mit vergleichbarer Intensität die Rede von Sünde und Gnade, von Umkehr und Gericht, von Eucharistie und Realpräsenz, von Beichte und Vergebung, von Himmel und Hölle, von Engeln, vom Widersacher und vom geistlichen Kampf?
Vielleicht fällt mir deshalb manches heute so stark auf. Wenn etwa ein kirchlicher Gottesdienst zum Auftakt eines CSD ausdrücklich unter das Zeichen von „Vielfalt“ gestellt wird, interessiert mich inzwischen fast mehr die dahinterliegende Frage: In welchen Kategorien deutet die Kirche selbst das Geschehen dieser Welt? Mein alter Dorfpfarrer hätte für manches, was heute freundlich als Vielfalt oder Fortschritt beschrieben wird, wahrscheinlich nur einen Ausdruck gehabt: „Siegeszug des Satans.“ Das klingt heute grob. Vielleicht war es manchmal auch zu grob. Aber es setzte etwas voraus, das mir heute fast kostbar vorkommt: dass die geistliche Welt wirklich ist. Dass Versuchung, Verführung, Sünde, Gnade und das Wirken des Bösen nicht bloß historische Vokabeln sind. Mir geht es dabei weniger darum, ob sein Urteil in jedem einzelnen Fall richtig war. Mich interessiert, welche Wirklichkeit es voraussetzte. Vielleicht war das Vokabular meines alten Dorfpfarrers damals schärfer als unseres heute. Aber vielleicht war seine Wirklichkeit größer.
Vielleicht liegt der eigentliche Glaubensverlust nicht dort, wo jemand einen Glaubenssatz bestreitet, sondern dort, wo die Kirche zwar noch von Engeln, Satan, Sünde und Erlösung spricht, ihre Gegenwart aber so beschreibt, als gäbe es all das nicht. Das wäre ein merkwürdiger Glaubensverlust. Niemand müsste einen einzigen Satz des Credo streichen. Niemand müsste die Engel abschaffen oder den Satan offiziell zur Metapher erklären. Es genügte, wenn wir all das weiterhin bekennen, aber im wirklichen Leben nicht mehr damit rechnen. Wir könnten von Engeln sprechen, solange sie nichts tun. Von Satan, solange das Böse ausschließlich psychologisch oder gesellschaftlich erklärt werden kann. Von Vorsehung, solange sie nicht in unsere wohlgeordneten Kausalitäten hineinragt. Von Himmel und Hölle, solange daraus keine allzu dringlichen Konsequenzen entstehen. Der Glaube bliebe vollständig im Vokabular erhalten. Nur seine Wirklichkeit wäre verschwunden.
In meiner Abschlussarbeit beschäftigte mich damals die similitudo in dissimilitudine, die Ähnlichkeit in Unähnlichkeit: Wir können von Gott sprechen, weil zwischen Schöpfer und Geschöpf Ähnlichkeit besteht. Und doch ist die Unähnlichkeit immer größer. Augustinus bringt denselben Abgrund mit einem Satz auf den Punkt: „Wenn du ihn verstehst, ist es nicht Gott.“ Vielleicht ist unser Problem, dass wir uns eine Wirklichkeit geschaffen haben, in die nur noch ein Gott hineinpasst, den wir verstehen können. Einen solchen Gott kann man problemlos verwalten, kommentieren und gelegentlich in einer Predigt erwähnen. Er stört nicht mehr. Aber der Gott des Kolosserhymnus ist größer. In ihm wurde alles erschaffen: das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten. Vielleicht sollten wir wieder anfangen, damit zu rechnen.
Quellen: Joh. Paul II., Generalaudienz vom 24.11.2004; Benedikt XVI., Generalaudienz vom 7.9.2005; KKK 328–330, 391–395, 414; Pseudo-Dionysius, De caelesti hierarchia VI–IX; Thomas von Aquin, Summa theologiae I, q. 108; Die Bibel. Einheitsübersetzung. Kommentierte Studienausgabe. Stuttgarter Neues Testament, Katholische Bibelanstalt, Stuttgart 2018, S. 707, zu Kol 1,15–20; Joachim Gnilka, Der Kolosserbrief, HThKNT X/1, Freiburg 1980, S. 131, 143; Eduard Lohse, Die Briefe an die Kolosser und an Philemon, KEK IX/2, Göttingen 1977; Bistum Essen, „Queere Christen feiern Gottesdienst am Vorabend des Ruhr-CSD“, 29.7.2022; Augustinus, Sermo 52,16 (PL 38,360), zit. bei Benedikt XVI., Deus caritas est 38.
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