'Jesus macht alles und ich nichts'

1. Oktober 2026 in Deutschland


Bischof Franz-Josef Overbeck zum Gedenktag der hl. Therese von Lisieux: Muss auf den vielen Wegen der Erneuerung der Kirche nicht auch eine solche einfache Einsicht immer wieder durchbrechen, die Gott bereits am Werk sieht?


Fulda (kath.net)

kath.net dokumentiert die Predigt von Bischof Franz-Josef Overbeck (Essen) bei einer Hl. Messe bei der Deutschen Bischofskonferenz am 1. Oktober 2026 in Fulda zum Gedenktag der hl. Therese von Lisieux (vom Kinde Jesu):

I. „Jesus macht alles und ich nichts“ (Lt 142). Dieser einfache Satz der Therese von Lisieux beschreibt einen Perspektivenwechsel, hin zu Jesus Christus und weg von ihr selbst. Immer mehr bricht sich Thereses Einsicht Bahn, dass der wahre Weg der Nachfolge und der Heiligkeit ein Weg ist, Jesus Christus selbst in sich wirken zu lassen. Schon bei ihrer Bekehrung an Weihnachten 1886 hat sie diesen Perspektivenwechsel erfahren, als sie dies aus der Beschäftigung mit sich selbst herausfindet und sich ihr Herz für die anderen öffnet. Sie beschreibt dies später als ein „Kleinbleiben“, was keinen kindischen Weg meint, sondern einen der Bescheidenheit, der Einfachheit, des Hörens, der Ehrerbietung und damit der Nähe zu Jesus, also eine umstürzende Erfahrung des Durchbruchs des lebendigen Gottes in ihr Leben jenseits aller menschlichen Möglichkeiten.

II. Muss auf den vielen Wegen der Erneuerung der Kirche unter den postsäkularen Bedingungen der Welt, in der wir hier in Deutschland leben, nicht auch eine solche einfache Einsicht immer wieder durchbrechen, die Gott bereits am Werk sieht? Die heutige Lesung spricht von Gott, der tröstet, wie eine Mutter tröstet (vgl. Jes 66,13). Wer sich so getragen weiß, muss seine Grenzen und seine Bedürftigkeit nicht verbergen. Damit geht es nicht um ein Vollkommenheitsideal, das sich daran bemisst, was jemand aus sich gemacht hat, sondern darum, wie sehr sich dieser Mensch der Gegenwart Gottes und seiner Liebe öffnet. Denn wenn die Einsicht, dass die Liebe der Weg ist, in der Tat existenziell wird, dann kann auch im eigenen Inneren Gegensätzliches, Verborgenes und Unfertiges Platz haben. Gerade im Vertrauen auf das Handeln Jesu liegt für Therese der Grund des eigenen Tuns: Wer alles von ihm erwartet, wird frei, aus seiner Liebe heraus verantwortlich zu handeln.

III. Dahinter verbirgt sich eine tiefe Einsicht für den normalen Alltag eines Christenmenschen: dass sich der Gegensatz von aktivem und kontemplativem Leben relativiert und wir, im Bild von Martha und Maria gesprochen, das Hören auf Jesus Christus und den Dienst am Nächsten zusammenhalten. Denn radikal christlich zu leben bedeutet, bei Jesus zu sein und zugleich zu wissen, dass es unmöglich ist, untätig zu bleiben. Damit wird der Weg der Therese ein Weg des Paradoxes, der Größe im Kleinen, weil sich die Liebe gerade in der Verborgenheit des Alltags entfalten kann. Das bewahrt Therese allerdings nicht vor der Erfahrung, dass ihr Gottes Nähe verborgen bleibt. Gerade gegen Ende ihres Lebens erlebt sie eine tiefe Glaubensnacht. Es geht um eine Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, nicht nur mit dem eigenen Gefühl: Ihre Liebe zu Jesus Christus bewährt sich auch dort, wo ihr das Gefühl seiner Nähe fehlt. Darin kann sie auch den Menschen nahe sein, denen der Glaube schwerfällt oder nichts mehr sagt.

IV. Es ist eine Schule der Menschlichkeit und der Freundschaft, die bei Therese in der Tiefe des Alltags prägend wird, weil Christsein Teilhabe an der Sendung Jesu bedeutet. Im Gebet und in ihrer Liebe überschreitet Therese selbst die Grenzen des Karmel und der kleinen Welt, in der sie lebt, und erkennt dabei immer mehr, wie der Glaube im Dienst am Nächsten wächst. Es geht hier um Wandlung im Sinne eines Durchbruchs zum „Jesus allein“ und zum Paradox der Größe in der Kleinheit. Im Blick auf Jesus selbst, in dem Gott mit seinem persönlichen Antlitz sichtbar wird, erkennt sie sich auch in ihrer Schwachheit von seiner Liebe getragen. Eine solche Haltung kann helfen, die offenen Fragen im gegenwärtigen Wandel der Kirche auszuhalten und dabei Verantwortung für ihren weiteren Weg zu übernehmen. Das Vertrauen auf Gottes Wirken gibt uns die Freiheit, auch unter ungewissen Bedingungen Entscheidungen zu treffen. Sich dabei immer wieder neu auf Jesus Christus zu besinnen und seine Kraft sowohl im geistlichen Leben als auch im konkreten Dienst am Nächsten zu erkennen, wird dann die Hauptaufgabe sein.

V. Von diesem Weg erzählt Therese rückblickend in ihren autobiografischen Aufzeichnungen, die nach ihrem Tod unter dem Titel „Geschichte einer Seele“ veröffentlicht werden. Gerade die Verwandlung ihrer Schwäche hat den Grund in einer leidenschaftlichen Liebe. Hiervon zu lernen und für unseren Auftrag in der gegenwärtigen Welt das Christliche als eine Kraft der Erneuerung auch gesellschaftlich und politisch zu erinnern, scheint mir von Bedeutung zu sein. In den vielen Auseinandersetzungen, die heute politisch wichtig und auch kirchlich nicht zu vergessen sind, spielt diese Form der Menschlichkeit eine wichtige Rolle. Wo Solidarität gering geschätzt und Macht und Gewinnstreben absolut gesetzt werden, wird der Blick auf den menschlichen, einfachen Jesus, in dem Gott auf uns zukommt, verstellt. Und damit erst recht der Blick auf den Menschen.
 
Zu den Kräften der Erneuerung, nicht nur des kirchlichen und geistlichen Lebens, sondern auch unserer Gesellschaft, wird in diesem Sinne die Wiederentdeckung der Menschlichkeit gehören, die sich in Formen der Solidarität, der Nähe zu den Armen und den Geschundenen, der Wachsamkeit für den Frieden gegen den Krieg und der Aufmerksamkeit für die Einsamkeiten des Alltags zeigt. Das heutige Evangelium gibt dieser Menschlichkeit einen konkreten Maßstab: Die Jünger fragen nach dem Größten im Himmelreich. Jesus stellt ein Kind in ihre Mitte (vgl. Mt 18,1–5). Er ruft sie zur Umkehr: Wer klein wird, erkennt seine Angewiesenheit auf Gott und muss seinen Wert nicht durch scheinbare eigene Größe und persönlichen Einfluss beweisen.

VI. Kirchliche und gesellschaftlich relevante Überzeugungen müssen immer in konkreter Nähe zu den Menschen erfahrbar werden. Jesus lenkt unseren Blick auf den schutzlosen Menschen, den einfachen, nach Gemeinschaft sich sehnenden, ein Obdach für Seele und Leib brauchenden, eben den Menschen, der in einer zerrissenen und für viele heimatlosen Welt Heimat sucht. Wer einen solchen Menschen in Gottes Namen aufnimmt, nimmt Christus selbst auf (vgl. Mt 18,5). So wird verständlich, dass Therese ihr Ideal der Nachfolge in der Liebe sieht und ihr Ordensname dies einfach deutet: Sie ist die Therese „vom Kinde Jesu“, in dem die Kraft zur Wandlung und zum mutigen Einsatz für die Menschlichkeit der Menschen gegen alle Verneinung und alle Vernichtung sichtbar wird.

In der Eucharistie, die wir jetzt miteinander feiern, empfangen wir diesen Jesus Christus, der sich uns schenkt. Aus dieser Gabe leben wir. Aus ihr wächst unser Auftrag, seine Liebe zu den Menschen zu tragen – ganz menschlich. Am Ende ist es ein einfaches Geheimnis für uns alle: Seien wir menschlich! Geben wir dem Menschen Raum, in dem Jesus uns begegnet. So wächst die Ahnung, wer Christus für uns ist, nämlich der Jesus, in dem Gott als Mensch auf uns zukommt, bei uns ist und uns vollendet.
Amen.


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