
19. Oktober 2026 in Familie
„Das Familienleben ist heute aus verschiedensten Gründen – soziologischen, finanziellen und kulturellen – unter Druck. Wir sind uns dessen sehr bewusst. All diese Aspekte verdienen Beachtung“ – Der Beitrag in voller Länge
Trondheim (kath.net/Blog „Coram fratribus“/pl) Erik Varden (siehe Link), Bischof von Trondheim (Norwegen) und Apostolischer Administrator von Tromsø, ist Trappistenmönch, Präsident der Skandinavischen Bischofskonferenz, geistlicher Autor und Exerzitienleiter. Unter dem Titel „Laetitiae amor“ [„Die Freude der Liebe“, eine Anspielung auf den Titel des Nachsynodalen Schreibens „Amoris laetitia“ (siehe Link), das Papst Franziskus 2016 veröffentlichte und das zu erheblichen innerkirchlichen Diskussionen führte] äußert sich der im Vatikan geschätzte norwegische Bischof auf seinem Blog.
kath.net dokumentiert den Blogbeitrag vom 15. Oktober 2026 wegen seiner Wichtigkeit in voller Länge in eigener Übersetzung:
Am diesjährigen Fest des heiligen Josef kündigte Papst Leo XIV. seinen Wunsch an, alle Vorsitzenden der Bischofskonferenzen der Welt nach Rom einzuberufen, um die Auswirkungen von „Amoris Laetitia“ zehn Jahre nach dessen Veröffentlichung zu erörtern.
Der Heilige Vater bat uns zu überlegen, wie wir das Evangelium den Familien wirksamer verkünden können.
Das einwöchige Treffen ging gestern zu Ende. Ein Bericht wird veröffentlicht, sobald der Heilige Vater von seiner Krankheit genesen ist – wir beten für eine baldige und vollständige Genesung –, doch Papst Leo XIV. hat die Teilnehmer gebeten, ihre Erfahrungen von diesem Treffen unverzüglich in ihren Bischofskonferenzen und Diözesen weiterzugeben.
Das Treffen folgte einem Rahmen, der auf fünf Hauptthemen basierte. Jedes dieser Themen bot Stoff für einen ganzen Tag des Austauschs. Im Folgenden lege ich meine persönlichen Überlegungen zu diesen Themen dar.
Diese Reflexionen sprechen nicht für die gesamte Versammlung; deren reichhaltige Arbeit wird zu gegebener Zeit für alle sichtbar werden. Sie sind lediglich der Beitrag einer einzelnen Stimme – einer zweiten Bratsche – in diesem großen, wohlkomponierten Orchester.
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Familien heute
Das Familienleben ist heute aus verschiedensten Gründen – soziologischen, finanziellen und kulturellen – unter Druck. Wir sind uns dessen sehr bewusst. All diese Aspekte verdienen Beachtung.
Der hartnäckigste Druck reicht jedoch tiefer. In erstaunlich kurzer Zeit haben wir unser gemeinsames Verständnis vom Menschsein verloren. Außerhalb spezifischer Interessengruppen ist es heute schwierig, eine gemeinsame Sprache zu finden, um zu beschreiben, was ein Mensch eigentlich ist. Wir sind uns nicht mehr einig darüber, was eine Frau, einen Mann oder ein Kind ausmacht.
Transhumanisten aus dem technologischen Bereich entwerfen eine Zukunft, in der der Mensch vom „Fortschritt“ zurückgelassen werden könnte, sofern seine Natur nicht „verbessert“ wird. Da wir den Gedanken der Erlösung aufgegeben haben, setzen wir nun unsere Hoffnung auf „Upgrades“. Wir gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass die heutigen Rahmenbedingungen morgen schon nicht mehr gelten. Infolgedessen erscheint die Vorstellung einer dauerhaften Bindung – welcher Art auch immer – geradezu absurd.
In Politik und Wirtschaft treten an die Stelle von Bündnissen und festen Zusagen zunehmend bloße „Geschäfte“ oder „Vereinbarungen“. Dasselbe gilt für menschliche Beziehungen, die zunehmend als pragmatische Transaktionen betrachtet werden: Ich bleibe bei etwas – oder bei jemandem –, solange ich einen Nutzen oder ein Vergnügen daraus ziehe. Danach wende ich mich wieder anderen Dingen zu.
In einem solchen Umfeld muss die Familie, als grundlegende Einheit der menschlichen Gesellschaft, zwangsläufig zerfallen. Es gilt nicht mehr als selbstverständlich, dass Familien stabile Einheiten sein sollten, die auf der lebenslangen Bindung zwischen einer Frau und einem Mann – in der Hoffnung, Kinder zu zeugen – beruhen.
Eine Frau und ein Mann können sich zwar weiterhin zusammentun – wir leben schließlich in einer freien Welt –, doch eine solche Verbindung wird nicht mehr als grundlegend andersartig betrachtet als die Verbindung zwischen zwei Frauen, zwei Männern oder zwei Personen, die sich selbst als geschlechtlich „fließend“ definieren. Warum sollte man die Einheit überhaupt auf zwei Personen beschränken? Forderungen nach einer rechtlichen Anerkennung von Polyamorie nehmen zu.
Wir befinden uns in einer Phase der metaphysischen Finsternis.
Der Glaube an Gott als gütigen Schöpfer ist weitgehend verloren gegangen. Wir glauben nicht mehr daran, dass wir gewollt ins Dasein gerufen wurden. Wie können wir dann noch ein Gespür dafür bewahren, dass unser eigenes Leben ein Geschenk ist – ein Geschenk, das wir wiederum einem anderen Menschen machen, ja, dem wir es sogar weihen können? Wir leben in einer Zeit der Entweihung, die aus einer buchstäblichen Hoffnungslosigkeit entspringt – aus dem Ausschluss der bloßen Möglichkeit von „Hoffnung“.
Ich beobachte diese Entwicklungen in meinem sozialen Umfeld, in meinem Schriftverkehr, in Gesprächen und im Beichtstuhl.
Gleichzeitig nehme ich einen Gegentrend wahr. Ich begegne vielen Menschen – jungen wie älteren –, die des Vergänglichen überdrüssig sind. Sie weigern sich, die „Hoffnung“ aufzugeben. Sie wagen den Gedanken, dass es so etwas wie eine „Wahrheit“ geben könnte, auf der sie ihr Leben aufbauen können.
Indem wir solche Menschen fördern und unterstützen und ihnen helfen, aufzublühen, könnten wir eine Erneuerung der Familienkultur bewirken. Schließlich möchte jeder Mensch glücklich sein. Viele sind es jedoch nicht – darin sind sich Soziologen einig. Der Anblick einer aufblühenden Familie weckt in anderen den Wunsch, selbst aufzublühen.
Aufzublühen bedeutet dabei nicht, sich in einem dauerhaften Zustand euphorischen Glücks zu befinden.
Das menschliche Leben ist – in welcher Form auch immer – mühsam. Die meisten Menschen, denen ich begegne, sind sich dessen durchaus bewusst. Folglich können sie eines wohlmeinenden, aber sich ständig wiederholenden Vokabulars – etwa von „Begleitung“, vom „Unterwegssein“ oder davon, dass man „jemandem zuhört“ – überdrüssig werden. Natürlich wünschen sie sich, mit Aufmerksamkeit und Respekt behandelt zu werden; doch was sie eigentlich suchen, ist eine Richtung, die Angabe eines Ziels, eine Unterweisung darin, wie man ein gutes Leben führt.
Gott wurde zu diesem Zweck Mensch: um uns zu zeigen, worum es im Leben geht und wohin es führt; um uns durch Ratschläge und Gebote zu lehren, wie wir ein gutes, fruchtbares Leben führen können. Als Christus der Samariterin am Brunnen begegnete, sagte er nicht: „Nun, lass uns doch mal hinsitzen, damit du mir alles erzählen kannst.“ Vielmehr sagte er ihr „alles, was sie getan hatte“ (vgl. Joh 4,29
Genau das ermöglichte es ihr, ein neues Leben zu beginnen.
Wir müssen zulassen, dass Christus uns sagt, wer wir sind, dass er uns auf unsere Irrwege hinweist, uns unsere Fehler vor Augen führt und uns auf das Ziel ausrichtet, für das wir erschaffen wurden.
Christus ist unser Erlöser, doch das ist noch nicht alles. Er ist auch das Ebenbild, nach dem wir geschaffen wurden – der Urbild-Entwurf, der uns unser eigenes Wesen offenbart. Unsere seelsorgliche Wirksamkeit hängt davon ab, inwieweit wir ihm in liebevollem Gehorsam verbunden bleiben. Vielleicht gelingt es uns sogar, der Gesellschaft wieder Hoffnung zu schenken.
Junge Menschen und die Entdeckung der Ehe
Eine vor einigen Jahren vom „American College of Paediatricians“ veröffentlichte Studie ergab, dass 54 % der Jugendlichen bis zu ihrem 13. Lebensjahr bereits mit Pornografie in Kontakt gekommen waren – 15 % sogar schon vor dem 11. Lebensjahr. Diese Zahlen dürften inzwischen weiter gestiegen sein. Der Konsum von Pornografie ist unter jungen Erwachsenen – Männern wie Frauen – weltweit weit verbreitet. Er hat tiefgreifende Auswirkungen darauf, wie junge Menschen in emotionaler Hinsicht miteinander umgehen.
Wer von Kindheit an von einer Welt der Lust geprägt ist – einer Welt, in der Sexualität zum reinen Konsumgut degradiert wird, in der das Objekt des Begehrens beliebig austauschbar (und dabei stets körperlich perfekt) ist, in der Romantik keinen Platz hat und keinerlei Regeln gelten –, für den ist der Schritt in eine dauerhafte, treue Beziehung zu einem konkreten, fehlbaren und bedürftigen Menschen – dessen Anderssein sich eben nicht einfach ausblenden lässt – eine gewaltige, womöglich sogar unüberwindbare Hürde.
Die Welt der Pornografie ist auf Grenzüberschreitung ausgelegt. Sie suggeriert Grenzen nur, um den Konsumenten dazu zu verleiten, sie zu überschreiten – unter der unterschwelligen Verheißung einer grenzenlosen, wandelbaren Macht. Das klassische Muster „Junge trifft Mädchen“ hat längst ausgedient. Homoerotik – noch vor nicht allzu langer Zeit mit dem Begriff einer sexuellen „Orientierung“ verknüpft – ist heute für jeden verfügbar und fester Bestandteil der Unterhaltungskultur. Tendenzen zur „Gender-Fluidität“ spiegeln Fantasien wider, die – oft aus innerer Not heraus – auf dem Marktplatz eines entfesselten Eros entstanden sind: einem Ort, an dem das flüchtige Begehren zum Gott erhoben wird und die objektive Realität den Formen weicht, die die subjektive Vorstellungskraft ihr aufzwingt oder in ihr hervorruft.
Es reicht nicht aus, die Verlockungen des Virtuellen und Unwirklichen lediglich zu beklagen. Wir müssen jungen Männern und Frauen, die in solch fesselnden Formen der Unwirklichkeit gefangen sind, die Hand reichen, sie aus diesem Sumpf herausziehen und ihnen helfen, die Welt wieder so zu entdecken, wie sie tatsächlich ist. Dazu müssen wir aufzeigen können, dass diese wahre Welt besser und tatsächlich interessanter ist – eine Welt, die den Menschen glücklich machen kann.
Vor drei Jahren habe ich ein Buch mit dem Titel „Keuschheit“ veröffentlicht. Damals wurde ich von einigen Leuten – vor allem älteren europäischen Männern – verspottet; sie versicherten mir, dass sich niemand für dieses Thema interessiere.
Doch ich war erstaunt, als ich in einem Land nach dem anderen vor großen Gruppen – überwiegend junger Menschen – sprach, die unbedingt erfahren wollten, was es mit dieser fast vergessenen, scheinbar peinlichen Tugend auf sich hat. Weit davon entfernt, sich von hypererotisierten Ersatzformen für echte Beziehungen verführen zu lassen, sind viele junge Menschen dieser Dinge überdrüssig. Sie suchen nach Freundschaft und beständiger Liebe. Ich behaupte nicht, dass sie den Mainstream repräsentieren; aber sie sind zahlreich genug, um einen Trend zu verdeutlichen.
Um jungen Menschen den Wert der Ehe nahezubringen, müssen wir an diesen Trend anknüpfen – zunächst, indem wir jungen Frauen und Männern helfen, Frieden mit sich selbst zu schließen. In einem der zentralen Texte des heiligen Paulus zur Ehe, dem Brief an die Epheser, vergleicht er das Ehepaar mit einem Leib und bemerkt: „Keiner hat je sein eigenes Fleisch gehasst“ (Eph 5,29).
Das Problem ist, dass heute viele Menschen genau das tun – sie hassen ihren eigenen Körper oder fühlen sich ihm gegenüber fremd. In einer säkularen Sichtweise wird der Körper oft nur als ein Bündel von Sehnen und Muskeln betrachtet, das man beliebig umgestalten kann. Die bemerkenswerte, befreiende christliche Botschaft lautet hingegen: Ich bin mein Körper – und mein Körper ist, ebenso wie meine Seele, nach dem Ebenbild Gottes geschaffen und verdient daher Ehrfurcht.
Wenn wir junge Menschen auf die Ehe vorbereiten wollen, müssen wir ihnen zunächst helfen, ihre Identität als Frauen und Männer – in ihrem leiblichen Dasein – zu finden. Bevor wir anderen helfen können, müssen wir diesen Prozess selbst durchlaufen.
Es kann eine heilsame Demütigung sein, selbst im reiferen Alter festzustellen, dass man in dieser Hinsicht noch einen Weg vor sich hat.
Welche Sprache hilft jungen Menschen dabei, in ihrem Gefühlsleben zu reifen?
Eine Sprache der Wahrheit, die die Dinge gelassen und ohne Gewalt beim Namen nennt – und die niemals an Gottes Barmherzigkeit verzweifelt. Eine solche Sprache würdigt Wunden, ohne das Opfersein zu idealisieren. Sie entspringt dem Glauben an den Willen Jesu, zu retten.
Die Ehe macht das Heil sichtbar. Um für sie bereit zu sein, muss man zunächst erkennen, dass man selbst der Rettung bedarf – und dass man gerettet werden kann.
Die ersten Jahre des Ehelebens
Ein Paar, das ich kenne, erzählte mir von einer Entscheidung, die sie trafen, als ihnen klar wurde, dass ihre Beziehung ernst wurde. Sie verbrachten ein langes Wochenende gemeinsam in einer Hütte im Wald. In dieser Zeit erzählten sie einander ihre Lebensgeschichten. Beide wollten, dass der andere ihre gesamte Geschichte kennt – mit all ihren Licht- und Schattenseiten, Erfolgen und Misserfolgen. Da sie ihre Zukunft miteinander verbinden wollten, wollten sie sicherstellen, dass später keine Hindernisse aus einer unaufgearbeiteten Vergangenheit auftauchen könnten.
Ein solches Vorhaben ist mutig und weise. Das Wesen der Liebe besteht darin, zu wissen, dass ich so sein darf, wie ich bin – ohne Maske –, und dennoch geliebt werde. Gott liebt uns auf diese Weise. Zu lernen, so zu lieben wie Er, bedeutet, es Ihm gleichzutun. Eine Ehe kann gedeihen, wenn beide Partner ihr innerstes Selbst dem anderen anvertrauen können.
Zu Beginn der Trauungsfeier fragt der Priester: „Seid ihr aus freiem Entschluss hierhergekommen?“ Die Freiheit, von der die Gültigkeit des Sakraments abhängt, setzt voraus, dass die Ehepartner wissen, wen sie heiraten. Viele Herausforderungen, die in den ersten Ehejahren häufig auftreten, lassen sich durch ehrliche Offenheit vermeiden, noch bevor der Ehebund geschlossen wird.
Die Ehepartner sind selbst die Spender des Sakraments. Dennoch versprechen sie dies in der Kirche, vor dem Kreuz. Wer auf die Frage: „Wollt ihr einander alle Tage eures Lebens lieben und ehren und die Kinder, die Gott euch schenken mag, in Liebe annehmen?“, mit „Ja“ antwortet, willigt darin ein, Anteil am Kreuz zu haben. Jede eheliche und elterliche Liebe ist mit Leiden verbunden. Sie wird das Herz durchdringen. Sie erfordert, dass man sein eigenes Leben hingibt, damit andere leben können.
Wenn man diese Wirklichkeit von Anfang an bewusst annimmt – und damit einwilligt, am lebenspendenden Kreuz Christi teilzuhaben –, schenkt dies den Ehepartnern die Kraft, ihre Lasten zu tragen, sodass selbst schwere Dinge leicht erscheinen. Die horizontale Beziehung zwischen Mann und Frau, Eltern und Kindern wird dann von einer sicheren, verlässlichen vertikalen Achse gestützt.
Ich schätze einen Ritus, der im lateinischen Ritus vorgesehen ist: Nachdem der Priester das Eheversprechen entgegengenommen hat, umhüllt er die ineinandergelegten Hände des Paares mit seiner Stola und spricht: „Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.“
Jedes Mal, wenn der Priester die Stola anlegt, spricht er das schöne Ankleidegebet: „Herr, gib mir das Gewand der Unsterblichkeit zurück, das ich durch das Handeln unserer Stammeltern verloren habe.“
Der Ehebund lässt uns einen Blick auf die Herrlichkeit erhaschen, die vor dem Sündenfall auf Adam und Eva ruhte. In einigen östlichen Riten werden die Eheleute gekrönt – als Anerkennung für ihre wiedererlangte königliche Würde als Kinder Gottes.
In unserem durch und durch säkularen Klima – in dem die Ehe oft sentimentalisiert und Kinder konsumorientiert betrachtet werden, als Güter, die man sich zu einem passenden Zeitpunkt „bestellen“ und nach Wunschvorgaben „produzieren“ kann –, ist diese übernatürliche Sichtweise eine große Hilfe. Sie erinnert uns daran, dass es bei der Ehe nicht nur um eine Frau und einen Mann geht. Sie bindet die beiden in eine lebendige Gemeinschaft mit Gott ein. Tatsächlich lässt es sie gemeinsam als ein Abbild – eine lebendige Ikone – der heiligen Kirche Gottes erscheinen.
Das Wissen, dass Christus in ihrer Verbindung grundlegend gegenwärtig ist, schenkt ihnen Kraft für die anspruchsvolle Aufgabe, das „Ich“ zugunsten eines „Wir“ zurückzustellen: nicht mehr „ich will“, sondern „wir wollen“ zu sagen; nicht „ich habe“, sondern „wir haben“. Es kann ihnen helfen, mit der elementaren Kraft und der tiefen Verletzlichkeit der Sexualität umzugehen und sowohl deren einigende als auch deren zeugende Aspekte stimmig zu integrieren. Es bereitet sie darauf vor, Kinder ehrfürchtig als gnadenvolle Geschenke Gottes anzunehmen.
Ein Ehepaar bedarf des Halts durch eine Gemeinschaft. Es ist ein Irrtum, das Paar als autark zu betrachten und von ihm zu erwarten, dass es alle notwendigen Ressourcen und seine Zufriedenheit aus sich selbst schöpft – eine solche Sichtweise überträgt lediglich einen säkularen Individualismus auf eine Gemeinschaftseinheit, die unter dieser Last ins Wanken geraten würde.
Hier kommen die katholische Gemeinschaft und die Pfarrei ins Spiel; sie sind dazu berufen, jene Fürsorge, praktische Unterstützung, jenen Humor und jenen mitfühlenden Rat zu bieten, die früher von größeren Familienverbänden – die heute weitgehend verschwunden sind – geleistet wurden.
Familien in komplexen Lebenssituationen
Wir sprechen von der „Freude und Schönheit“ der Ehe. Zu Recht. Diese Eigenschaften stehen für ein Ideal. Doch wir sollten auch behutsam sein und Plattitüden vermeiden.
Man braucht nur „Anna Karenina“ zu lesen oder Bergmans „Szenen einer Ehe“ zu betrachten, um zu erkennen, dass Ehepartner einander das Leben zur Hölle machen können. Auch das muss bedacht werden.
Vor der Einkleidung in einem Kloster liest der Postulant oft aus dem Buch Jesus Sirach: „Kind, wenn du herantrittst, um dem Herrn zu dienen, mach dich bereit für die Erprobung!“ Ähnliches gilt für Verlobte. Prüfungen werden kommen.
Papst Franziskus schrieb nicht nur über „Evangelii gaudium“, sondern auch über „Amoris laetitia“. Das ist ein interessanter semantischer Unterschied.
Die Grundbedeutung des lateinischen Wortstamms „laet-„ (enthalten in „laetus“ und „laetare“) ist „Freude“ oder „Glück“. Schon im klassischen Latein besaß dieser Stamm jedoch auch eine agrarökologische Bedeutung: Er bezeichnete das „Gedeihen“ von Pflanzen und einen „fruchtbaren“ Boden. Das ergibt durchaus Sinn. „Glückliche“ Vegetation gedeiht in einem Boden, der so bearbeitet wurde, dass er nährstoffreich ist. So könnte aus der Wurzel „laet-„ auch das Substantiv „laetamen“ – „Dünger“ – hervorgehen. In der Antike war Dünger gleichbedeutend mit Mist, der einen üblen Geruch verbreitet. Die „laetitia“ (Freude) der Liebe setzt einen von Steinen befreiten, gut gepflügten Boden sowie eine ausreichende Menge an nährstoffreichem Dünger voraus.
Dies zu betonen, bedeutet keineswegs, der Ehe und der Familie die Freude abzusprechen; es bedeutet vielmehr, darauf hinzuweisen, dass diese Freude aus Arbeit erwächst – einer Arbeit, die hart und oft scheinbar undankbar ist.
Das klösterliche Leben und das Eheleben setzen einander voraus und spiegeln einander wider. Ich bin der Überzeugung – und habe die Erfahrung gemacht –, dass Familien von der überlieferten Weisheit und den Erfahrungen des klösterlichen Lebens profitieren können.
Ordensleute leben nach einer Regel, die den Bund des gemeinsamen Lebens festschreibt und dessen Sinn und Ziel klar benennt. Wenn Ehepartner sich über die Bestimmung ihrer Familie einig sind, sind sie besser gerüstet, um Hindernisse zu überwinden, als wenn sie ihre Verbindung nicht als eine gemeinsame Aufgabe begriffen haben.
Ordensleute leben nach einer Regel, die den Bund des gemeinsamen Lebens festschreibt und dessen Sinn und Ziel explizit benennt. Wenn Ehepartner sich über das Ziel ihrer gemeinsamen Lebensgestaltung einig sind, sind sie besser in der Lage, Hindernisse zu überwinden, als wenn sie ihre Verbindung nicht als eine gemeinsame Aufgabe begriffen haben.
Dies gilt in besonderem Maße, wenn ihr gemeinsames Ziel einen transzendenten Charakter hat. Dann lassen sie Gott in sich wirken. Sie betrachten Schwierigkeiten als Gelegenheiten zur Umkehr – als Anstoß, aus der engen, stickigen Zelle des eigenen Ichs herauszutreten.
Mönche und Nonnen gehen realistisch mit den Kämpfen um, die mit ihrer Berufung einhergehen. Die frühe monastische Literatur, die „Sprüche der Wüstenväter“, setzt sich ganz direkt mit den typischen Herausforderungen auseinander. In diesen Texten finden Mönche konkrete Hilfestellungen für ihre persönlichen Kämpfe – unter sachlichen Überschriften wie „Entäußerung“, „Geduld“, „Begierde“ oder „Nachsicht“.
Es ist erstaunlich, wie praxisnah diese Ratschläge auch nach 1500 Jahren noch sind.
Ich halte es für sehr gewinnbringend, eine auf Erfahrung und Glauben basierende Sammlung solcher Apophthegmen für Familien zusammenzustellen – eine Art Wegweiser, der aufzeigt, wie sich Prüfungen im klärenden Licht der Gebote Christi und seiner wirksamen Gnade konstruktiv bewältigen lassen.
In schwierigen Zeiten verengt sich unser Blickwinkel. Wir sehen nur noch den gegenwärtigen Schmerz, nicht aber den Weg, der darüber hinausführen könnte.
Ein zentrales seelsorgliches Anliegen ist es in solchen Situationen, den Blick auf das große Ganze zu lenken. Die Betroffenen sollen entdecken, dass ihre Nöte einen potenziell fruchtbaren Sinn haben können: Sie dienen dazu, den Egoismus zu verringern und die Liebe zu läutern. Die Ehe ist – ebenso wie das Ordensleben – eine Schule der Umkehr.
Was sogenannte „irreguläre“ Lebensformen betrifft, so erlebe ich unsere katholischen Gemeinschaften meist als Orte, an denen man diesen Menschen mit Reife und Wohlwollen begegnet. Für Betroffene kann es befreiend sein, in einem Umfeld zu leben, in dem ihre „Irregularität“ zwar wahrgenommen – und nicht etwa relativiert – wird, sie aber dennoch in christlicher Freundschaft aufgenommen sind und einen Beitrag zur Gemeinschaft leisten können. Ich denke an das Beispiel vieler gläubiger Menschen, die ich kenne und die Sonntag für Sonntag zur Kommunion nach vorne treten, um einen Segen zu empfangen – wohl wissend, dass sie das Sakrament nicht empfangen können, sich aber dennoch der Barmherzigkeit Gottes anvertrauen, die in der Kirche wirksam ist.
Ihr Beispiel der Treue trägt wesentlich zum Aufbau der christlichen Gemeinschaft bei. Es zeugt vom lebendigen Realismus des Sakraments und von der Tugend der Hoffnung. Ein über längere Zeit andauerndes „sakramentales Exil“ kann eine freudvolle Heimkehr vorbereiten.
Christus hat uns seine anspruchsvollen Gebote gegeben, um uns zu erziehen und uns von uns selbst zu befreien – „damit wir nicht mehr für uns selbst leben, sondern für ihn, der für uns gestorben und auferstanden ist“ (Viertes Hochgebet). Sein Ziel ist es, dass wir in ein neues, vergöttlichtes Leben hineinwachsen.
Dieses Leben muss stets das Ziel sein, das wir den Menschen vor Augen stellen – nicht bloß menschliche Bestätigung, auch wenn wir alle ein wenig davon brauchen.
Familien als Handlungsträger der Mission
Was unterscheidet das Weltbild des Christen von dem der Säkularisten?
Es ist die Überzeugung, dass Gottes Treue zu den Menschen – die nach seinem Ebenbild geschaffen sind – durch alle Wechselfälle der Geschichte und alle Veränderungen, die durch die Evolution der Natur oder den menschlichen Erfindungsreichtum entstehen, absolut bleibt. Was auch immer geschehen mag: Gottes Liebe, die in Jesus Christus endgültig offenbart wurde, ist gewiss. Sie ist der Fels, auf dem ein Leben und eine Gesellschaft aufgebaut werden können. Stürme mögen aufkommen, Winde mögen wehen und toben – doch dieses Fundament bleibt bestehen.
Die erste missionarische Aufgabe der Familie besteht darin, von dieser beständigen Liebe Zeugnis abzulegen. Deshalb ist die Unauflöslichkeit der Ehe als Geschenk und als hohe Berufung zu verstehen – als ein Vertrauensbeweis seitens Gottes (vgl. AL 62). Indem Ehemann und Ehefrau einander die Treue bis zum Tod versprechen, machen sie die Wirklichkeit der Liebe Gottes in der Geschichte sichtbar.
Die menschliche Natur, durch die Sünde verwundet, ist von Egoismus und Unbeständigkeit geprägt: Wir suchen unseren eigenen Vorteil und schrecken nicht davor zurück, diesen in verschiedenste Richtungen zugleich zu verfolgen. Auf diese Weise mag man zwar kurzzeitige Reize verspüren, doch zu echter, friedvoller Zufriedenheit führt dies kaum. Wir sehnen uns stets nach einer einzigen, alles prägenden Liebe – davon zeugen Lieder aus allen Epochen, auch aus unserer heutigen, weitgehend gottlosen Zeit.
Eine Familie ist daher in erster Linie durch ihre Treue missionarisch. Gerade in einer Zeit, in der viele traditionelle Strukturen des gesellschaftlichen Zusammenhalts um uns herum zerfallen, ist diese Mission von entscheidender Bedeutung.
Eine zweite Form der missionarischen Aufgabe der Familie ist die Gastfreundschaft. So wie ein Kloster „niemals ohne Gäste“ sein sollte (Regula Benedicti 53) – es darf kein in sich geschlossener Zirkel sein, der nur seinen Mitgliedern dient –, so öffnet sich auch eine christliche Familie für andere. „Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen“ (Matthäus 25,35). Durch ein kluges und verantwortungsbewusstes Engagement für dieses Ideal kann die Familie ihren eigenen Zusammenhalt im Geiste des Dienens und der Zuwendung stärken.
Es stellt sich bisweilen die Frage: Wie können Familien zur Ausbildung von Priestern beitragen? Nicht in erster Linie dadurch, dass man mit PowerPoint-Präsentationen über das Familienleben im Priesterseminar aufkreuzt, sondern indem man Seminaristen, Priester – und wer weiß, vielleicht sogar Bischöfe? – am eigenen Leben teilhaben lässt. Ein zölibatärer Priester, der seiner Berufung treu bleibt, erinnert eine Familie an ihre übernatürliche Dimension; die Familie wiederum erinnert den Priester daran, dass sein Zölibat der Fruchtbarkeit dient. So entsteht ein gegenseitiger, freudvoller Gewinn.
Es braucht ein Zeugnis für Fruchtbarkeit. Weltweit sinken die Geburtenraten drastisch. Die Menschheit pflanzt sich nicht mehr in ausreichendem Maße fort. Vor dreißig Jahren sorgten sich Soziologen noch um eine Überbevölkerung und übten scharfe Kritik an der katholischen Lehre zur Empfängnisregelung. Heute sehen wir, dass der gegenteilige Trend vorherrscht. Der zuversichtliche Wunsch, Kinder zu bekommen, schwindet auf allen Kontinenten rapide.
Katholische Familienplanung muss heute darauf abzielen, Familien zu befähigen, „Ja“ zu Kindern zu sagen. Dies erfordert praktische Maßnahmen – etwa bezahlbaren Wohnraum, Kinderbetreuung und Schulen –, womit die Sendung auch eine politische Dimension erhält. Vor allem aber geht es um eine Umkehr der Herzen.
Der Wunsch, heute eine kinderreiche Familie zu gründen, läuft dem Zeitgeist entgegen – es ist fast so, als würde man in den wilden 1970er Jahren als Punk auftreten. Die Kirche ist dazu berufen, diese gesunde Revolution zu unterstützen und jungen Menschen zu helfen, sich für das Leben zu entscheiden und sich ihm zu verpflichten.
Natürlich stößt jeder Versuch, die Familie als missionarische Kraft zu begreifen, auf eine exegetische Herausforderung.
Die Haltung Christi zur Familie kann eine echte Herausforderung darstellen. Er ruft Jakobus und Johannes aus ihren familiären Bindungen heraus und lässt den armen alten Zebedäus ratlos in seinem Boot zurück (Mk 1,19–21). Wenn Jesus die Schwiegermutter des Petrus heilt, stellt sich die Frage: Was wurde eigentlich aus ihr, als Kephas seinem Ruf folgte (Mk 1,30–31)? Und wir erschrecken bei den Worten: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht würdig; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht würdig“ (Mt 10,37).
Solche Aussagen schmälern keineswegs den Wert der Familie; sie fordern uns jedoch dazu auf, die Familie im Licht einer radikalen Nachfolge zu betrachten. „Sucht aber zuerst nach dem Himmelreich!“ (Matthäus 6,33).
Dieser Grundsatz gilt auch für Familien. Wenn er verwirklicht wird, kann eine Familie jenes Reich auf geheimnisvolle, aber dennoch glaubhafte Weise sichtbar machen.
Am Tag nach der römischen Versammlung – auf die wir, die wir das Glück hatten, daran teilzunehmen, dankbar zurückblicken – feiert die Kirche, wie es die Vorsehung wollte, das Fest der unvergleichlichen Kirchenlehrerin, der heiligen Teresa von Ávila. Die heutige Lesehore enthält einen Abschnitt aus ihrer Autobiografie, der so beginnt:
„Wer Christus Jesus als Freund und edlen Anführer in sich wohnen hat, der kann alles ertragen. Christus hilft uns, stärkt uns und lässt uns niemals im Stich. Er ist ein wahrer Freund. Und ich sehe deutlich: Wenn wir ihm gefallen und eine Fülle seiner Gnaden empfangen wollen, dann möchte Gott, dass uns diese Gnaden aus den Händen Christi zuteilwerden – durch seine heiligste Menschheit, an der Gott Wohlgefallen findet.“
Das ist eine wunderbare Perspektive, aus der man die Gnaden und Herausforderungen des Familienlebens betrachten kann. Im Tagesgebet für das heutige Fest bitten wir: „Entzünde in uns das Verlangen nach wahrer Heiligkeit.“ Amen!
Doch ist ein solcher Ruf nicht eine Nummer zu groß für uns einfache, arme Menschen?
Nicht, wenn wir zulassen, dass Gott sein Erlösungswerk in uns vollbringt, und wenn wir uns der großen Bedeutung der alltäglichen, kleinen Akte der Treue bewusst sind – jener Handlungen, die einen ein für alle Mal gefassten Entschluss zur treuen Liebe immer wieder neu verwirklichen und erneuern.
Das letzte Wort gebührt Tevje und Golde.
Bischof Varden fügt seinem Beitrag folgendes Video an:
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