»Habt Mut: Ich habe die Welt besiegt!« (Joh 16,33)

3. November 2026 in Jugend


BOTSCHAFT VON PAPST LEO XIV. ZUM XLI. WELTJUGENDTAG - 3.–8. August 2027


Rom (kath.net)

Liebe junge Menschen, mit dieser Botschaft möchte ich euch allen meine Nähe zeigen, und ich möchte vor allem Gott für das Geschenk danken, das ihr für die Kirche und die Gesellschaft seid. Er kennt euch, er liebt euch und begleitet euch auf eurem Lebensweg. Sein Geist weckt in euch allen – trotz eurer Verschiedenheit und obwohl ihr über die ganze Welt verstreut lebt – dasselbe Streben nach Großem und Bleibendem und treibt euch zur Suche nach der Freiheit und der Wahrheit an. Von Gott kommt euer Wunsch, zu lieben und geliebt zu werden, und die Hoffnung, die der Heilige Geist in euren Herzen weckt: eine Hoffnung, die auch für andere zum Licht werden kann. Für all das danke ich dem Herrn.

Wir bereiten uns darauf vor, am kommenden 22. November, dem Christkönigssonntag, in den Ortskirchen den 41. Weltjugendtag zu feiern; und wir blicken bereits auf unser internationales Treffen in Seoul im August 2027. Zur Vorbereitung auf diese Ereignisse möchte ich euch die Worte Jesu mit auf den Weg geben: »Habt Mut: Ich habe die Welt besiegt!« (Joh 16,33). Über dieses Thema, das uns in den kommenden Monaten leiten wird, wollen wir nun gemeinsam nachdenken.

Woher kommt der Mut?

Die Worte Christi beginnen mit dem Aufruf mutig zu sein. Ich weiß, dass in uns, genau wie bei den ersten Jüngern, statt Mut manchmal eher Unsicherheit oder Angst vorherrschen. Viele von euch haben Fragen und Sorgen, die das Herz schwer machen. Vielleicht habt ihr Angst vor der Zukunft, spürt ihr den Druck, erfolgreich und perfekt sein zu müssen, und seid dem Stress eines ständigen Sich-Vergleichens mit anderen oder mit unerreichbaren, künstlichen Vorbildern ausgesetzt. Es mag euch schwerfallen, zu erkennen und zu akzeptieren, wer ihr seid, wenn ihr unter dem Einfluss von Bildern steht, die von den sozialen Medien konstruiert wurden. Ihr verspürt das Bedürfnis nach aufrichtiger Zuneigung, denn die Technik kann Empathie zwar nachahmen, aber echte menschliche Nähe nicht ersetzen. Einige von euch kennen Einsamkeit, Enttäuschung oder die Sorge, nicht gut genug zu sein.

Aus diesen Gründen habt ihr euch vielleicht auch schon einmal so wie die Jünger Jesu gefühlt, als sie damals in einem kleinen Boot mitten in der Nacht den See überquerten. Der Wind wird stärker, die Wellen werden höher und das Ufer verschwindet in der Dunkelheit. In einer ganz ähnlichen Situation erklingt im Evangelium der Aufruf, mutig zu sein. Jesus kommt seinen Jüngern entgegen und sagt zu ihnen: »Ich bin es, fürchtet euch nicht!« (Joh 6,20). Das ist die Gewissheit, die ich euch ins Herz legen möchte: Noch bevor ihr anfangt, Christus zu suchen, sucht er euch bereits in den unruhigen Wassern eures Lebens. Christlicher Mut erwächst uns nicht in erster Linie aus unserer eigenen Kraft: Er erwächst aus seiner Gegenwart.

Jesu Leben verlief gewiss nicht ohne Turbulenzen, und auch uns verspricht er kein Leben, in dem keine stürmischen Zeiten gibt. Aber keine Dunkelheit und kein Leid ist mächtiger als seine Liebe. Er lässt euch niemals im Stich. Er lädt euch ein, mit ihm befreundet zu sein und ihm euren Weg und den eurer Gemeinschaften anzuvertrauen. Lasst euch also auf Jesus Christus ein, der euch sucht, und vertraut ihm euren persönlichen Weg an wie auch den Weg, den ihr mit anderen geht. Ihr werdet spüren, wie in eurem Herzen neuer Mut wächst, der nicht vergeht.

Der Sieg über die Welt

Jesus, der Herr, der seinen Jüngern auf dem Wasser entgegenkam, sagt nun zu uns: »Habt Mut: Ich habe die Welt besiegt!« (Joh 16,33). Versteht diese Worte als ein Versprechen, das jedem von euch persönlich gilt und ebenso den Brüdern und Schwestern, mit denen ihr gemeinsam unterwegs seid. Diese Worte sind nicht nur eine ermutigende Aufforderung, sondern vor allem ein Geschenk. Christus sagt nicht: »Ihr werdet die Welt besiegen«. Er sagt: »Ich habe die Welt besiegt«. Wir wissen, dass mit „Welt“ in dieser Evangeliumsstelle nicht das von Gott geschaffene, geliebte und zur Erlösung bestimmte Universum gemeint ist, sondern die „Welt der Finsternis“ (vgl. Eph 6,12), also jene geheimnisvolle Wirklichkeit, welche sich auch im Herzen jedes Menschen findet und sich Gott widersetzt und entgegenstellt. Jesus, und nur er allein, hat durch seinen Tod und seine Auferstehung diese dunkle Wirklichkeit besiegt und der Menschheit den Weg zu Gott, zum Glück, zur Gerechtigkeit und zum Frieden neu erschlossen.

So verstehen wir nun weitere Aspekte dieses Mutes, zu dem Jesus euch einlädt. Er entsteht nicht aus euren Vorsätzen oder aus der Stärke eures Charakters. Er entsteht aus dem Vertrauen in den, der euch vorausgeht, er entsteht aus dem Glauben an Jesus Christus. Wenn wir bedenken, dass Christus die Welt besiegt hat, indem er sie liebte, verstehen wir, dass christlicher Mut kein Mut „gegen“ etwas oder jemanden ist, sondern ein Mut „zu etwas“: zum Leben, zur Wahrheit, zur Freiheit, zur Gerechtigkeit.

Mit dem Mut, den Christus uns schenkt, können wir uns dann mit neuen Augen der Welt zuwenden, die Gott so sehr geliebt hat (vgl. Joh 3,16). Auch uns ist unser Teil anvertraut, so klein er auch sein mag, damit der Übergang von einer „Welt der Finsternis“ zu einer „geretteten Welt“ gelingt. Christus ruft euch nicht dazu auf, vor dieser Welt zu fliehen, sondern sie mit seinem Blick zu sehen und sie mit seiner Liebe zu berühren, die alles heilt. Lasst euch von der Wirklichkeit berühren und bewegen! Jesus hat die Welt nicht aus der Ferne geliebt. Er ist voll und ganz in unsere Wirklichkeit eingetreten und hat sich bis zum Kreuz erniedrigt (vgl. Phil 2,7-8). Er hat Freude und Freundschaft erfahren, aber auch Mühe, Ablehnung, Einsamkeit und Leid, ohne dabei sein Herz zu verschließen.

Auch ihr lebt in einer Welt, die gut geschaffen wurde, aber verwundet ist; sie ist voller Möglichkeiten, aber auch gezeichnet von Unrecht, Spannungen und Ängsten. Viele sehnen sich nach Frieden, stoßen aber auf Gewalt; viele sehnen sich nach Gemeinschaft, erleben aber Einsamkeit. Inmitten dieser Widersprüche sind die Christen aufgerufen, Christus in seinem sanften Mut nachzufolgen: in dem Mut, liebevoll zu sein, wenn Härte einfacher und wirkungsvoller erscheint; in dem Mut, den Frieden zu suchen, wenn Konfrontation vorteilhafter scheint; in dem Mut, die Hoffnung zu bewahren, wenn Zynismus überzeugender wirkt.

Der Sieg der Liebe, die sich schenkt

Wenn man von „Sieg“ sprechen hört, könnte man meinen, es ginge darum, stärker zu sein als andere, sich durchzusetzen oder ständig den eigenen Wert unter Beweis stellen zu müssen. Aber das sind die Siege, die die gängige Denkweise nahelegt, die Siege einer Welt ohne Gott. Wenn wir auf Jesus schauen, finden wir eine andere Art von Sieg. Der heilige Paulus sagt, dass Christus, obwohl er Gott gleich war, sich selbst entäußerte und die Gestalt eines Knechts annahm (vgl. Phil 2,6-7). Der Sohn Gottes erniedrigt sich, weil seine Liebe frei ist; er muss nichts beweisen und sich nicht absichern; durch diese Erniedrigung verliert er nicht seine Würde, sondern offenbart er die Größe und Tiefe seines göttlichen Herzens, das fähig ist, denen Leben zu schenken, die tot waren. Sein Sieg ist der Sieg der Liebe, die sich selbstlos schenkt.

Liebe junge Menschen, der wahre Sieg besteht nicht darin, sich anderen gegenüber zu behaupten, sondern sich selbst zu schenken. Wenn ihr dem Weg folgt, den Jesus Christus eröffnet hat, dann habt auch ihr es nicht nötig, euch behaupten zu müssen, ständig zu beweisen zu müssen, wie viel ihr wert seid, perfekt zu erscheinen oder eure Schwächen, eure Zweifel oder eure Grenzen zu verbergen. Habt den Mut, vor Gott und vor den anderen authentisch zu sein. Eure Würde ergibt sich nicht aus dem Bild, welches ihr von euch selbst zu schaffen vermögt. Ihr seid wertvoll, weil ihr nach dem Bild Gottes geschaffen seid, weil er euch kennt und liebt. Wir entdecken, wer wir wirklich sind, wenn wir erkennen, dass unser Herz für Gott geschaffen wurde, um ihn zu lieben und in ihm unsere Brüder und Schwestern zu lieben. Wir tragen nämlich in uns den Wunsch, uns hinzugeben, uns für das Glück und das Wohl anderer einzusetzen. Darin besteht die Freiheit, die Christus euch schenkt: über die ausschließliche Sorge um sich selbst hinauszugehen und sich zu öffnen für die große Kreativität der Liebe.

Der Mut zur Demut

Die Erniedrigung Christi aus Liebe zu uns endet nicht am Kreuz: Der Vater erweckt den Sohn zum Leben und erhöht ihn über alle Geschöpfe (vgl. Phil 2, 9-11). Beachten wir, dass die Auferstehung kein Akt der Selbsterhöhung ist, sondern ein Geschenk des Vaters und seines Heiligen Geistes. Hier entdecken wir einen weiteren Aspekt des Mutes: den Mut zum Empfangen. Wir könnten ihn den Mut zur Demut nennen. Freunde Jesu zu sein bedeutet, ihm auch darin immer ähnlicher zu werden.

Eine bestimmte Denkweise sagt uns, wir müssten alles allein schaffen, an uns selbst arbeiten, um uns ständig zu verbessern, eine stärkere Persönlichkeit und einen stärkeren Charakter aufzubauen – doch letztendlich kann das dazu führen, dass wir zu der Überzeugung gelangen, wir seien unsere eigenen Retter. Das Evangelium zeigt uns einen anderen Weg des Wachstums, der nicht darin besteht, dass wir uns selbst retten, sondern darin, dass wir uns von Jesus Christus retten lassen. Dazu braucht es den Mut, die Hilfe anderer anzunehmen, die eigenen Grenzen zu erkennen, innezuhalten, zuzuhören und das eigene Leben Gott anzuvertrauen.

Liebe junge Menschen, wenn ihr euer Herz für Christus öffnet, verliert ihr euch nicht selbst – ganz im Gegenteil: Ihr werdet tiefer entdecken, wer ihr in Gottes Augen seid, und euch selbst mit seinen Augen erkennen. Geht daher in die Tiefe eures Herzens: Ihr werdet euch nicht verirren, denn gerade dort wartet Gott auf euch. Lasst euch von ihm retten, lasst zu, dass seine Liebe – der Heilige Geist – euer Leben formt und dass Jesus in euch wohnt, in euren Entscheidungen. Wenn das geschieht, wird alles neu, auch in den alltäglichen Situationen: in der Treue zu euren Freunden, im Respekt gegenüber denen, die anders denken als ihr, in der Aufmerksamkeit für die Einsamen, in der Nähe zu den Schwächsten und auch in der Art und Weise, wie ihr euch in der digitalen Welt verhaltet. Alles wird durch die Liebe verwandelt. Für viele ist Liebe eine Form der Schwäche, Christus hingegen zeigt uns, dass sie Quelle der Freiheit und der Stärke ist.

Der auferstandene Christus kommt euch mit seinem Frieden entgegen

Am Abend des Tages der Auferstehung, als das Licht von Ostern bereits in die Welt gekommen war, saßen die Jünger noch immer voller Angst hinter verschlossenen Türen im Abendmahlssaal. Der Glaube lässt die Dunkelheit nicht sofort verschwinden, aber er lässt uns in ihr nicht allein. Jesus, der Sieger, wartet nicht, bis die Jünger ihre Angst überwunden haben oder die Türen öffnen. Er kommt in ihre Mitte, und seine ersten Worte lauten: »Friede sei mit euch!« (Joh 20,19). Sie hatten ihn im Stich gelassen. Einer von ihnen hatte ihn verraten, ein anderer verleugnet. Er schenkt ihnen seinen Frieden.

Vielleicht gibt es auch in eurem Herzen und in den Gemeinschaften, denen ihr angehört, Türen, die aufgrund von Enttäuschungen, Verletzungen, Groll und Schuldgefühlen verschlossen bleiben. Christus kommt, um euch seinen Frieden zu schenken und euch miteinander zu versöhnen. Der christliche Mut stammt aus der Gegenwart des auferstandenen Herrn, der vergibt und aussendet. Das Geschenk seines Friedens verleiht uns einen Mut, den die Welt nicht geben kann: einen Mut, bei dem trotz der Wunden die Angst nicht mehr das letzte Wort hat.

Öffnet euer Herz für Christus

Wenn wir uns in Seoul treffen, werdet ihr auf ganz besondere Weise die Schönheit der Weltkirche und die herzliche Gastfreundschaft der Kirche in Korea erleben. Junge Menschen aus verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Sprachen und Kulturen werden in Christus vereint sein. In der Eucharistie, beim Kreuzweg, bei den Katechesen, den Feiern und den vielen Begegnungen dieser Tage werdet ihr erneut erfahren, dass das Evangelium alle Grenzen überwindet und zu jedem Volk spricht. Lasst diese Tage zu einer echten Begegnung mit Jesus Christus werden, zu einem Moment, in dem ihr ihm euer Leben anvertraut. Dafür sind die Weltjugendtage ins Leben gerufen worden. Unser Pilgerweg hat bereits begonnen. Bereitet nicht nur die praktischen Dinge für die Reise nach Seoul vor: Bereitet euer Herz!

Bringt eure Fragen und eure Verletzungen zu Christus, aber auch jene, die eure Gesellschaften auseinanderreißen und eure Länder gegeneinander aufbringen. Bringt ihm diese seufzende und leidende Schöpfung, den Schrei der Erde und der Armen, auf den zu hören Papst Franziskus uns gelehrt hat. Teilt eure Freuden und Hoffnungen mit Jesus. In diesem Sinne mache ich mir die Worte zu eigen, mit denen der heilige Johannes Paul II. sein Pontifikat begonnen hat: »Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus!« Wartet nicht, bis ihr perfekt seid, um euch ihm zu öffnen. Er kommt zu euch, so wie ihr seid. Öffnet euer Leben für Christus. Öffnet eure Gemeinschaften für Christus. Öffnet die Wege, die euch zum Herzen der Menschen führen, denen ihr begegnet. Der auferstandene Herr, der durch die verschlossenen Türen hereinkam, kommt auch heute noch in unsere Mitte. Gebt euch daher nicht mit einem Leben zufrieden, das hinter jenem zurückbleibt, zu dem Christus euch ruft. Lasst euch von seiner Liebe einen und verwandeln.

Liebe junge Leute, ich freue mich sehr darauf, euch in Seoul zu treffen. Aber denkt daran: Der Herr, dem wir dort begegnen werden, kommt euch bereits entgegen. Nehmt sein Versprechen an: »Habt Mut: Ich habe die Welt besiegt!« (Joh 16,33) und lasst euch von ihm auf dem ganzen Weg begleiten.

Ich vertraue jeden von euch der mütterlichen Fürsprache der seligen Jungfrau Maria, der Mutter der Kirche, an. Sie möge euch lehren, euer Herz für Christus zu öffnen, seinem Wort zu vertrauen und mit Freude seinen Frieden zu empfangen, um ihn mit allen zu teilen – so wie sie es selbst getan hat.

Aus dem Vatikan, am 22. Oktober 2026, dem Gedenktag des heiligen Johannes Paul II.

LEO PP. XIV


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