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Neutestamentler Klaus Berger über das Judasevangelium

14. April 2006 in Aktuelles, keine Lesermeinung
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Ein historischer Wert für die Erforschung des Lebens Jesu besteht kaum, dafür erfahren wir von einer extremen Richtung der Gnosis des zweiten Jahrhunderts. Von Klaus Berger.


Würzburg (www.kath.net / Tagespost)
Das neu gefundene „Evangelium des Judas“ gehört zu den apokryphen, das heißt nicht in den Kanon des Neuen Testaments aufgenommenen, Evangelien. Davon gibt es rund 68 namentlich bekannte. Näherhin gehört dieses in die Gruppe der Texte, die als Dialog zwischen Jesus und Jüngern gestaltet sind. Ganz ähnlich wie in zahlreichen anderen Evangelien dieser Art nimmt Jesus einen Jünger besonders beiseite, um ihm Dinge mitzuteilen, die anderen Jüngern verborgen bleiben. Nach diesem Jünger ist dann das Evangelium benannt, so auch zum Beispiel das Evangelium des Thomas oder das Evangelium der Maria Magdalena.

Der Entstehungszeit nach gehört dieses Evangelium in das Ende des zweiten Jahrhunderts nach Christus. Der Dualismus, den es vertritt, das heißt, der Gegensatz von Welt und Gott, ist von einmaliger Radikalität. Denn der gnostische Dualismus betrifft hier vor allem den Schöpfergott und so auch den neutestamentlichen Vater Jesu Christi, dessen Gottessohnschaft und daher auch dessen Tod.

Das alles ist total minderwertig, denn es hat alles mit der sichtbaren Welt zu tun. Ähnlich radikal wird Anfang des dritten Jahrhunderts dann der Manichäismus sein, dem der heilige Augustinus in seiner Jugend angehangen hat. Im Rahmen der Umwertung, die das Judasevangelium vollzieht, muss nun also auch Judas und sein Verrat ganz positiv gewertet werden. Denn Judas hat sich darum verdient gemacht, dass Jesus seine menschliche, irdische, materielle, sichtbare Natur ablegen konnte und nur noch Geistwesen ist. Denn Gottessohn war Jesus sowieso nicht, sondern Abkömmling einer hohen Weisheit (Barbelo).

Daher wird Judas zum Lieblingsjünger, und ihm wird angekündigt, dass die übrigen Jünger ihn steinigen werden. Das Neue Testament dagegen berichtet vom Selbstmord durch Erhängen, der spätere Autor Papias sagt einfach, Judas sei geplatzt.

Die Besonderheiten dieses Evangeliums sind beträchtlich: Dieses Evangelium berichtet Abweichendes über den Hergang des Judasverrats, es ist besonders kirchenkritisch und es zeigt eine bemerkenswerte Verbindung von Astrologie und gnostischer Spekulation. Die größte positive Bedeutung dürfte es für die Liturgiegeschichte haben. Denn aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus haben wir nicht gerade zahlreiche Berichte über die werdende Messliturgie.

Den – natürlich abgelehnten – Gottesdienst der zwölf Apostel nennt der Pseudo-Judas „Eucharistie über dem Brot“. Und er spricht von Opfern, die die Gläubigen den Priestern in die Hände geben. An einer Stelle ist sogar ein bekanntes Messgebet in Urform zitiert, nämlich das „Suscipiat“ („Der Herr nehme das Opfer an aus deinen Händen zum Lobe und Ruhme seines Namens“): „Siehe. Gott hat dein Opfer aus den Händen eines Priesters angenommen“ – auch wenn das aus der Sicht des Verfassers eben ein Diener des katholischen Irrtums ist.

Auch der Tod Jesu wird übrigens „Opfer“ genannt. Denn Jesus sagt zu Judas: „Du wirst die menschliche Natur opfern, die mich bekleidet.“ Die Kirchenkritik des Verfassers verstärkt noch erheblich die Kritik, die Jesus vor allem nach dem Markusevangelium an den zwölf Aposteln übt. Ihnen und den übrigen Priestern der Kirche – der Verfasser sieht die Zwölf als Priester wie auch die spätere koptische Kirche – wirft der Verfasser vor, sie übten Kinder- und Gattenmord, Homosexualität und Päderastie, also insgesamt typisch heidnische Laster. Damit wirft der Verfasser der Kirche fortdauerndes Heidentum vor.

Seine Therapie ist freilich fragwürdig: Sie ist eine Flucht in die unsinnliche Überwelt reiner Geistigkeit. Interessant sind die Abweichungen in der historischen Darstellung des Judasverrats. Denn nach dem Judasevangelium hat nicht Judas den Einfall gehabt, Jesus auszuliefern, sondern ein Mann aus der jüdischen Honoratiorenschicht hat sich an Judas gewandt.

Die Evangelien haben als Erklärung für den Judasverrat nur den Teufel, der in sein Herz gefahren sei. Christen aus Württemberg halten dagegen oft mit besonderem Nachdruck daran fest, Judas habe aus Geldgier gehandelt, da er ja Kassenwart war. Aber darf man von der allgemeinen Mentalität der Kassenwarte auf den besonderen Fall schließen?

Die jüdische Oberschicht hatte immerhin ein Motiv: Jesus war im Angesicht der Römer gefährlich für das Volk. Deshalb heißt es im Judasevangelium: „Die Hohenpriester murrten, denn Jesus war zu seinem (eucharistischen) Gebet in den Gästeraum gegangen. Aber einige der Schriftkundigen warteten dort, um ihn während des Betens gefangen zu nehmen, Denn sie hatten Angst vor dem Volk, wurde er doch von allen als Prophet angesehen. Die traten auf Judas zu und sagten zu Ihm: Was tust du hier? Du bist Jesu Jünger. Judas antwortete ihnen, was sie wissen wollten. Und er bekam etwas Geld und händigte ihnen Jesus aus.“

Dieser Text ist auch deshalb interessant, weil der Ausdruck „Sie fürchteten das Volk, denn die alle betrachteten ihn als Propheten“ nach Matthäus 14,5 und 21,26 gar nicht von Jesus, sondern von Johannes dem Täufer gilt! Galt das ursprünglich tatsächlich von Jesus? Schließlich setzt die Datierung des Gesprächs zwischen Jesus und Judas an der Stelle Markus 14,1 an: „Und nach zwei Tagen war das Passahfest der Juden“.

Zwei Tage nach was? Antwort des Judasevangeliums: Am dritten Tag, also am Tag vor den zwei Tagen von Mk 14,1, hat Jesus mit Judas gesprochen. – Wie das vierte Evangelium, so kennt auch das Judasevangelium keine Gethsemane-Szene, und das, obwohl es sich in Einzelheiten sonst eher an Matthäus zu orientieren scheint, zum Beispiel in der Notiz, dass Judas Geld erhalten habe. Das finden wir in den Evangelien als ausgeführte Handlung nur bei Matthäus. Nach Markus und Lukas wird Judas das Geld nur versprochen.

Für die historische Echtheit dieser Passage im Judasevangelium könnten auch weitere Beobachtungen sprechen: Erstens: Wir sahen bereits: In der Ereignisfolge des Judasevangeliums ist für die Szene von Gethsemane kein Platz. Es wäre bei Kenntnis der ersten drei Evangelien kaum vorstellbar, diese Szene auszulassen. Es gäbe auch keinen theologischen Grund dafür.

Offenbar kann es sich der Verfasser leisten, so zu berichten, und er stimmt darin mit dem vierten Evangelium überein, das ja auch sonst in der Passion als vertrauenswürdig gilt und meiner Auffassung nach ohnehin an den Anfang der Evangelienbildung gehört. Dann wäre das Judasevangelium hier Zeuge einer sehr alten Tradition. Zweitens ist dieser Bericht, nach dem ein Schriftgelehrter aktiv wird, gegen die Eigenintention des Judasevangeliums gerichtet, das Verdienst des Judas zu betonen.

Es wird doch eher geschmälert, wenn Judas nicht die Initiative ergreift. Und drittens gibt es nun vor allem ein Motiv für die Übergabe: Es war das Interesse der jüdischen Führungsschicht, nicht primär das dubiose Interesse des Judas selbst. Der Ausdruck, dass der Teufel in Judas gefahren sei, war doch eher Ausdruck historischer Verlegenheit – abgesehen davon, dass es als geistliches Urteil zutrifft.

Angenommen, diese Nachrichten wären alt, wie könnte man sich ihre Überlieferung vorstellen? Das Evangelium nach Judas ist in der Masse seiner Dialoge zweifellos ein Produkt des späten zweiten Jahrhunderts nach Christus. Aber ist es vorstellbar, dass für die Rahmenhandlung alte Traditionen vorlagen? Dass sie den Interessen des Autors entgegenlaufen, spricht für ihr Alter.

Es könnte daher sein, dass Judas nicht aus eigenem Antrieb, sondern auf Anstiften der Obrigkeit hin Jesus ausgeliefert hat. Das wäre ein wichtiges Detail. War dann Gethsemane früher anzusetzen? Noch ein anderes Detail ist erstaunlich. Über Judas gibt es ein kleines Gedicht am Ende dieses Evangeliums: „Dein Horn ist schon erhöht. Dein Zorn ist entfacht. Dein Stern hat hell geschienen. Dein Herz hat...“

Dieser „Hymnus“ ist mit alttestamentlichen Wendungen gespickt. Kenntnis des Alten Testaments ist sonst nicht die Eigenart des Autors dieser Schrift. In diesem Hymnus ist das anders. Er enthält Aussagen, die man leicht mit einem Messias verbinden konnte. Denn dass das Horn erhoben wird, ist Aufrichtung der Macht. Und der Stern aus Numeri 24,17 - 18 ist Merkmal des Messias, wie auch aus Matthäus 2 vom Stern der Magier her bekannt ist.

Judas erhält mit diesem Hymnus messianische Züge. Jesus wird so etwas hier nicht zugesprochen. Bestand etwa in dieser Hinsicht – zumindest aus der Sicht des Verfassers dieses Evangeliums – eine Art Konkurrenz zwischen Jesus und Judas? Das würde für Judas als guten Juden sprechen, und die ältere These, Judas habe aus enttäuschten messianischen Hoffnungen gehandelt, könnte so plausibler werden: Dachte er selbst von sich, dass er sein Volk eher und wirksamer als Jesus befreien könnte?

Die Vorliebe des Judasevangeliums für Astrologie kann man an seiner besonderen Vorliebe für Sterne erkennen. Natürlich hält er Sterne für beseelt. Sie sind für ihn eine Art Engel. Denn wo sonst gesagt wird, jeder Mensch habe seinen Schutzengel, sagt das Judasevangelium, jeder Mensch habe einen Stern, der ihn führt (wie die Magier nach Mt 2). Die Sterne haben auch kalendarische Funktion und dienen dazu, die Länge des Jahres auf 360 Tage zu bestimmen.

In der Sprache der Gnosis nennt man diese unsinnlichen machtvollen Einheiten der geistigen Welt „Äonen“. Ihre Verknüpfung mit dem Kalender soll den Verfasser als gelehrt erweisen und zeigen, dass er mit seiner Gnosis („Erkenntnis“) auch die sichtbare Welt erklären kann.

Im Ganzen wird man das neu gefundene Evangelium wie folgt beurteilen können: Ein historischer Wert für die Erforschung des Lebens Jesu besteht kaum, abgesehen vielleicht (!) von den Umständen des Judasverrats. Umso mehr erfahren wir über eine extreme Richtung der Gnosis des zweiten Jahrhunderts und das hier bekämpfte katholische Verständnis von Liturgie.

Aber die Abwertung des biblischen Verständnisses von Gott als dem Schöpfer und dem Gottessohn fordert ihren Preis. Er besteht in der Konstruktion eines hochkomplizierten Systems, das für uns Heutige kaum durchschaubar ist. Der Verfasser hat sich deutlich vom biblischen und apostolischen Christentum „emanzipiert“. Seine Option gilt einem unverhohlen heidnischen System der Emanationen. Umso heftiger bekämpft er die heidnischen Laster in der Kirche. Dieser Kampf wird durch seine faktische Anlehnung an die heidnischen Spekulationen nicht gerade glaubwürdiger. Er dient eher als Feigenblatt.

In theologischer Hinsicht ist dieses Evangelium nicht nur ein Museumsstück. Leider ist die Gnosis für die Kirche eine bleibende Versuchung geblieben. Anders als der Heidelberger Theologe Peter Lampe in der Süddeutschen Zeitung (11. April 2006) vorschlägt, besteht die Lösung des gnostischen Problems gerade nicht in der Öffnung für diese Fragwürdigkeiten im Rahmen von „Versöhnter Verschiedenheit“. Vielmehr ist dieser Vorschlag bezüglich Gnosis die endgültige Selbstdisqualifizierung dieses „ökumenischen“ Programms.

Der Beitrag erschien in der Zeitung „Tagespost“ am 13. April 2006.


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