24 Mai 2006, 12:15
Die neun Polenreisen von Johannes Paul II.
 
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Karol Wojtylas Heimatbesuche werden als ein neues Kapitel moderner Apostelgeschichte in die Geschichte Europas eingehen. Ein Rückblick von Christoph Hurnaus aus Warschau.

Warschau (www.kath.net) Während seines 27-jährigen Pontifikates besuchte Papst Johannes Paul II. neun Mal seine Heimat Polen. Heute ist es sicher nicht vermessen zu behaupten, dass seine Besuche das Angesicht seiner Heimat verändert haben. Seine Ansprachen, die Begegnungen mit den Gläubigen seiner Heimat, das Sichtbarwerden der besonderen Verbindung polnischer Kultur, Identität und Gläubigkeit auf diesen Heimatvisiten, werden nicht nur in die polnische Geschichte eingehen.

Ein Jahr nach seiner Wahl zum Papst besuchte Johannes Paul II. vom 2. bis 10. Juni 1979 das damals noch kommunistisch regierte Polen. Als die Machthaber nach langen Verhandlungen mit dem Vatikan sahen, dass eine Heimatreise des Papstes nicht zu verhindern war, versuchten sie den Besuch durch verschiedenste Schikanen zu stören.

Die Regierenden begrenzten die Zugänge für die Gläubigen, die den Feiern mit dem Papst beiwohnen wollten. Die Schüler erinnerte man an ihre Anwesenheitspflicht in den Schulen. Starke Militärpräsenz zeigte sich in den Tagen des Heimatbesuchs in allen polnischen Städten, die der Papst besuchte. Trotz aller Bemühungen warteten nach der Ankunft des Papstes schon über eine Million Menschen auf den Straßen Warschaus.

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Besondere Beachtung fanden die Worte Johannes Paul II. auf dem Warschauer Siegesplatz: „Man darf Christus aus der Geschichte des Menschen nirgendwo auf Erden ausschließen. Der Ausschluss Christi aus der Geschichte des Menschen ist ein Akt gegen den Menschen selbst. Ohne Christus kann man die Geschichte Polens nicht begreifen...“

Seine Rede wurde immer wieder von „Wir wollen Gott“-Rufen der Gläubigen unterbrochen. Johannes Paul II. beendete damals seine Predigt mit den Worten: „Möge Dein Geist herabkommen und das Angesicht der Erde erneuern!“ Genau 20 Jahre später feierte er 1999 genau an jenem Ort im Zentrum Warschaus, der nun wieder Pilsudski-Platz heißt, einen Gottesdienst.

Umwälzende politische Ereignisse hatten seither Europa verändert. Von diesem Platz aus, den die Kommunisten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in „Siegesplatz“ umbenannten, hatte die „Freiheit“ nun für ganz Europa ihren Sieg davon getragen. Der Papst dankte Gott, der die Kirchen westlicher und östlicher Tradition aus ihren Katakomben herausholte.

Er sagte: „Wie sollen wir nicht heute dem dreieinigen Gott danken für alles, was uns im Zeitraum dieser letzten zwanzig Jahre wie seine Antwort auf jenen Schrei erscheint! Ist nicht Gottes Antwort alles, was in dieser Zeit in Europa und der Welt geschehen ist, angefangen bei unserer Heimat? Vor unseren Augen ist es zur Änderung der politischen, der Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme gekommen, wodurch die Einzelpersonen und die Nationen den Glanz ihrer Würde neu gesehen haben.“

Während seiner legendären Polen-Pilgerreise 1979 besuchte der Papst auch das Grab des heiligen Adalbert in Gnesen. Seine Botschaft hatte politische Sprengkraft: „Will Christus nicht vielleicht, dass dieser polnische, dieser slawische Papst gerade jetzt die geistige Einheit des christlichen Europas sichtbar macht, die zwar den zwei großen christlichen Traditionen von Ost und West viel verdankt, aber in beiden, einen Glauben, eine Taufe, einen Gott und Vater aller verkündet? Ja, Christus will es...“

Schon kurz nach diesem Besuch schien klar, dass es den Kommunisten nicht gelungen war, diese Revolution Gottes aufzuhalten. In diesen zehn Tagen verlor das polnische Volk jegliche Angst vor den Machthabern. Die Worte des Papstes wirkten wie ein Impfstoff, der fortan die Gläubigen gegen den Druck der Kommunisten immunisierte und Mut, Furchtlosigkeit und Hoffung wachsen ließ.

Die Gründung der Gewerkschaftsbewegung „Solidarnosc“ war nur eine Folge davon. Seine Worte „Öffnet die Tore für Christus“, die er in Gnesen sprach, schufen nicht nur der Kirche neue Räume, sondern öffneten auch alle politischen und staatlichen Räume. Der Papst besuchte Gnesen ein weiteres Mal während seiner Pilgerreise 1997.

Er sprach davon, dass jene Predigt von Gnesen in gewissem Sinn zum Programm seines Pontifikates wurde: „Von diesem Ort strömte dann die gewaltige Kraft des Heiligen Geistes aus. Hier begann die Idee von der Neuevangelisierung konkrete Formen anzunehmen. Die Mauer, die Europa teilte, ist gefallen. Fünfzig Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkrieges endeten seine Auswirkungen, die das Gesicht Europas geprägt hatten.“

Der Papst dankte am Grab des heiligen Adalbert dem allmächtigen Gott für das Geschenk der Freiheit, das den europäischen Nationen zuteil geworden war. In einer sehr programmatischen Rede vertiefte er das Ziel der Einheit des europäischen Kontinents. Er sprach von einer unsichtbaren Mauer, die den Kontinent noch immer teilt, von einer Mauer, die durch die Herzen der Menschen geht.

Er beklagte das Fehlen jener geistigen Einheit, das hauptsächlich darauf zurückzuführen ist, dass sich die Europäer von ihren Wurzeln getrennt haben: „In Europa wird es keine Einheit geben, solange diese nicht auf der Einheit des Geistes beruht. Dieses tiefste Fundament der Einheit wurde vom Christentum nach Europa gebracht; es wurde im Laufe der Jahrhunderte von seinem Evangelium, seinem Menschenbild und seinem Beitrag zur Entwicklung der Geschichte der Völker und Nationen gefestigt. Das bedeutet nicht, sich die Geschichte einverleiben zu wollen. Denn die Geschichte Europas ist ein breiter Strom, in den viele Nebenflüsse münden, und die Vielfalt der Traditionen und Kulturen machen ihren großen Reichtum aus.“

Bei seinem letzten Heimatbesuch in Polen 2002 stand eher die spirituelle Botschaft im Mittelpunkt. Es war die Botschaft der göttlichen Liebe, die ihren Ausgang aus dem Kloster Lagewnieki in seiner Heimatstadt Krakau genommen hatte. 2,5 Millionen Pilger, die größte Ansammlung an Menschen, die Europa in seiner Geschichte je gesehen hatte, versammelten sich auf den „Blonie-Wiesen“ von Krakau.

So kraftvoll seine Worte von 1979 erklangen, so leise und schwach sprach Johannes Paul II. auf der letzten Etappe seines langen polnischen Pilgerweges. Er besuchte nochmals alle wichtigen Stätten seines Lebens in seiner Bischofstadt Krakau, um der Welt jene Worte zuzurufen, die sich heute wie ein geistliches Testament des Papstes lesen: „Die Stunde ist gekommen, in der die Botschaft vom Erbarmen Gottes die Herzen mit Hoffnung erfüllt und zum Funken einer neuen Zivilisation - der Zivilisation der Liebe - wird.“

Genau am Vorabend des Festes der Göttlichen Barmherzigkeit, das er für die Weltkirche einführte, starb Johannes Paul II. Der Papst besuchte auf seinen neun Polenreisen alle wichtigen Städte Polens, er sprach zu Priestern, Studenten, Arbeitern und Intellektuellen. Auf seiner längsten Pilgerreise 1999 besuchte er 18 Städte in 12 Tagen. Eine Reise der Superlative. 20 Millionen Pilger nahmen an den verschienen Stationen dieser Papstreise teil.

Er gab nochmals allen seinen Heimatbürgern die Gelegenheit, ihn zu sehen und mit ihm zu feiern. Die Liebe und Begeisterung seiner Landsleute kannte keine Grenzen. Johannes Paul II. kam immer wieder in seine Heimat, um die Gläubigen zu stärken, sie zu ermuntern, und wenn es sein musste, so wie beim Besuch 1991, sie auch zu tadeln.

Die Polenbesuche von Johannes Paul II. werden als ein neues Kapitel der modernen Apostelgeschichte in die Geschichte Europas eingehen. Niemals zuvor begegnete ein Apostel Christi so unmittelbar und authentisch, auch dank der modernen Kommunikationsmittel, so großen Menschenmengen.

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