28 Dezember 2012, 09:00
Unredlicher 'Faktencheck' im ZDF
 
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Da kam das öffentlich-rechtliche Fernsehen seinem Bildungsauftrag aber so gar nicht nach: zwölf Hypothesen wurden ganz frech als „Fakten“ verkauft, obwohl sie fast alle keine waren. Yuliya Tkachova interviewt Michael Hesemann

Rom (kath.net) Als „fromme Legende“ und „farbenfrohen Roman“ bezeichnete die ZDF-Dokumentation „Das Geheimnis der Geburt Jesu“ die Weihnachtsgeschichte der Evangelisten Matthäus und Lukas. Doch sind die von der Moderatorin Petra Gerster als „Fakt“ bezeichneten Hypothesen überhaupt wissenschaftlich haltbar? Yuliya Tkachova sprach mit dem Historiker Michael Hesemann, Autor der Bücher „Jesus von Nazareth“ und „Maria von Nazareth“:

Yuliya Tkachova: Herr Hesemann, am Ersten Weihnachtstag strahlte das ZDF zur besten Sendezeit den Beitrag „Das Geheimnis der Geburt Jesu. Ein Faktencheck mit Petra Gerster“ aus. Haben Sie die Sendung gesehen?

Michael Hesemann:
Ja, das habe ich, und fast wäre mir dabei der Weihnachtsbraten im Hals steckengeblieben. Da kam das öffentlich-rechtliche Fernsehen seinem Bildungsauftrag aber so gar nicht nach. Dabei war der Beitrag wirklich gut gemacht, wunderbar gestaltet, mit herrlichen Landschaftsaufnahmen aus Israel, mit nachgestellten Szenen aus der Kindheit Jesu, mit den eingeblendeten Werken großer Meister – ein wahrer Festtagsschmaus für die Augen, der so richtig viel von unseren Fernsehgebühren verschlungen haben muss. Nur leider war es kein Stummfilm. Was dort nämlich erzählt wurde, war geradezu hanebüchen.

Tkachova: Inwiefern?

Hesemann:
Weil es einfach nicht stimmte. Es entsprach zwar der Lehrmeinung der „historisch-kritischen Exegese“, doch diese ist längst durch viele historische Fakten und archäologische Funde widerlegt worden, wie ich in meinen Büchern aufzuzeigen versuche. Gerne hätte ich den Produzenten und Frau Gerster auch das neue Buch des Heiligen Vaters in die Hand gedrückt, das sie eines Besseren belehrt hätte. Stattdessen wurden zwölf Hypothesen ganz frech als „Fakten“ verkauft, obwohl sie fast alle keine waren.

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Tkachova: Gehen wir diese Thesen einmal der Reihe nach durch. Da hieß es, gleich am Anfang: „Fakt ist: Die Jungfrau Maria war eine junge Frau“. Das stimmt doch, oder?

Hesemann:
Natürlich war Maria eine junge Frau, eine sehr junge Frau sogar, gerade einmal 13 Jahre, als Jesus geboren wurde. Aber das wollte Frau Gerster damit gerade nicht sagen, sondern etwas anderes. Denn tatsächlich behaupten die Kritiker der Evangelien, Matthäus hätte sich Mariens Jungfräulichkeit nur ausgedacht, um die Prophezeiung des Jesaja als erfüllt darzustellen. Doch kein Jude hat diese Schriftstelle je auf den Messias bezogen! Stattdessen finden wir, was bei Matthäus geradezu Methode hat: Der Evangelist versucht krampfhaft, nachzuweisen, dass in Jesus von Nazareth die Schrift erfüllt wurde, indem er nach allem sucht, was auch nur irgendwie zu seiner Vita passt. Das war sinnvoll zu einer Zeit, als die Lebensdaten Jesu noch bekannt und überprüfbar waren. Heute freilich behaupten dann die Kritiker der Evangelien, der Evangelist habe sich Ereignisse im Leben Jesu ausgedacht, um den Eindruck zu erwecken, Jesu habe die Prophezeiungen erfüllt. Damit degradiert man Matthäus zum Falschmünzer, unterstellt ihm unredliche Taschenspielertricks, ignoriert aber, wie schnell der Schwindel zu einer Zeit, als noch Augenzeugen lebten, von den Gegnern Jesu aufgedeckt worden wäre. Dass dies gerade nicht der Fall war, dass selbst die Verfolger der jungen Kirche so vieles für bare Münze nahmen, was in den Evangelien steht (wenn sie dieses Geschehen auch anders interpretierten), beweist, dass die Evangelisten wahrheitsgemäß berichteten.

Tkachova: Trotzdem lautet die zweite These: „Fakt ist: Wir wissen nicht, ob Josef der Vater war.“

Hesemann:
Wenn wir etwas sicher wissen, dann, dass Josef nicht der leibliche Vater war. Denn das geht ganz klar aus den Evangelien hervor. Als Maria schwanger wurde, war sie noch nicht mit Joseph verheiratet. Dass Josef der Vater war, ist auszuschließen, denn auch im Markus-Evangelium wird Jesus demonstrativ als „Sohn der Maria“ (6,3) bezeichnet, was einzigartig in der gesamten jüdischen Literatur ist; stets wurde der Vater, nie die Mutter genannt. Sowohl Matthäus wie auch Lukas schließen die Vaterschaft Josefs aus. Eine voreheliche Affäre ist einer so frommen Jüdin aus bestem Hause, wie wir sie in der Verkünderin des „Magnificat“ erkennen, nun wirklich nicht zuzutrauen. Eine Vergewaltigung, etwa durch einen römischen Soldaten, wäre ein Skandal gewesen, aber nichts, was Josef ihr verzeihen müsste; sie wäre ja nur das unschuldige Opfer einer Gewalttat. Aber als Christ sage ich: Gott hat sich für seine Menschwerdung keinen „Unfall“ ausgesucht, sondern hat auch hier machtvoll gewirkt, wie sich ja auch später durch eine ganze Reihe von Zeichen zeigte.


Tkachova: Dritte These: „Fakt ist: Jesus wurde in einem Haus geboren.“

Hesemann:
Was da alles als „Fakt“ verkauft wurde, ist schon haarsträubend. Sicher wurde Jesus in keinem Holzstall geboren, denn als Ställe dienten im holzarmen Heiligen Land eben Höhlen. Nun gab es große Stallhöhlen für Schafherden und kleine Stallhöhlen, oft auch unter den Häusern, für den Esel, die Ziege oder die Milchkuh einer ländlichen Familie. Da im Judentum eine Frau nach der Geburt eines Sohnes 40 Tage lang und bei einer Tochter sogar 80 Tage lang als „unrein“ galt, zogen sich Frauen zur Geburt gerade vor den großen Festen gerne in einen weniger frequentierten Teil des Hauses, einen Lagerraum etwa, zurück. Darauf kann sich die Stelle im Lukas-Evangelium beziehen, in der nicht etwa – wie in unserer Übersetzung – von einer „Herberge“, sondern von einem „Obergemach“ – der „guten Stube“ also – die Rede ist, in dem kein Platz mehr war. Aber dann wurde Jesus eben nicht IN einem Haus, sondern unter oder neben einem Haus geboren. Oder halt doch in einer größeren Stallhöhle, die leer stand, weil die Herde bereits auf die Weide getrieben worden war. Das wissen wir nicht, darum kann man auch nicht von „Fakten“ sprechen. Fakt ist nur, dass Jesus in einer Stallhöhle geboren wurde, wie weit diese auch immer vom nächsten Haus entfernt lag.

Tkachova: Vierte These: „Fakt ist: Jesus war zeitlebens Jude“.

Hesemann:
Der klügste Satz der ganzen Sendung. Dem kann niemand widersprechen!

Tkachova: Fünfte These: „Für Astronomen gibt es den Stern von Bethlehem nicht“.

Hesemann:
Unsinn! Unbestreitbar ist, dass Jesus in den letzten Jahren des Königs Herodes, also irgendwann zwischen 7 und 4 v.Chr., geboren wurde. Die Frage ist jetzt, ob es im fraglichen Zeitraum Himmelserscheinungen gab, die als historischer „Stern von Bethlehem“ infrage kommen. Und diese Frage ist nun mal eindeutig mit „Ja“ zu beantworten. Da gab es einmal im Jahre 7 v.Chr. die dreifache Jupiter-Saturn-Konjunktion und dann, von März bis Mai 5 v.Chr., die Supernova im Sternbild Adler. Beide Himmelsphänomene wurden von unterschiedlichen Astronomen – von Kepler über Konradin Ferrari d’Occhieppo bis Mark Kidger – für den historischen Stern von Bethlehem gehalten. Welcher Theorie man auch immer zustimmt – eine „Marketingstrategie der Evangelisten“ war der Stern bestimmt nicht, dafür waren diese beiden Himmelsphänomene zu auffällig und – für antike Astrologen wie die Magoi – zu bedeutungsschwer.

Tkachova: Sechste These: „Fakt ist: Die Heiligen Drei Könige sind eine schöne Erfindung.“

Hesemann:
Als Könige gewiss, doch bei Matthäus steht von Königen kein Wort. Er schreibt von „Magoi“, von persischen Priestern. Und die hatten einen guten Grund, nach dem Jesuskind zu suchen, als die Konjunktion und die Supernova am Himmel erschienen. Ihr Prophet, Zarathustra, hatte die Geburt des Heilsbringers Saoschyant vorhergesagt. Dieser würde „von einer Jungfrau geboren“, wenn „ein neuer Stern am Himmel erscheint“.

Tkachova: Siebte These: „Fakt ist: Jesus war auch für die Ärmsten der Armen da.“

Hesemann:
Auch dem stimme ich uneingeschränkt zu.

Tkachova: Achte These: „Den Kindermord des Herodes gab es nicht.“

Hesemann:
Ja, über diese Stelle des Beitrages habe ich mich besonders geärgert. Da wird von einer „Hollywood-reifen Erzählung“ und einer „filmreifen Flucht nach Ägypten“ gefaselt. Nun gibt es tatsächlich keinen historischen Beweis für den Kindermord etwa in Form einer unabhängigen Quelle. Andererseits war Herodes in seinen letzten Jahren geradezu ein paranoider Psychopath, der vor nichts zurückschreckte und überall Verschwörungen witterte. Er hat Tausende umgebracht. Da passt die Ermordung von maximal ein paar Dutzend Babies in Bethlehem zumindest gut ins Bild. Nach Ägypten floh die Heilige Familie natürlich nicht, weil es dort so schön ist oder um den Spuren des Moses in umgekehrter Richtung zu folgen, sondern einfach weil es das Nachbarland war; Ägypten war zu diesem Zeitpunkt voller Juden, die vor der Grausamkeit des Herodes geflohen waren. Und selbst Herodes war einmal nach Ägypten geflohen, als ihm die Hasmonäer den frisch errungenen Thron streitig machen wollten….

Tkachova: Neunte These: „Fakt ist: Vieles spricht für Nazareth als Geburtsort Jesu“.

Hesemann:
Und noch mehr spricht für Bethlehem – nämlich eine seit dem frühen 2. Jahrhundert bezeugte Lokaltradition… und da Jesus eindeutig aus dem Hause Davids stammte – seine Cousins und deren Nachkommen wurden später von den Römern vor Gericht gestellt, weil sie der Königsfamilie angehörten! – bestand auch ein Bezug nach Bethlehem, das ja immerhin der Stammsitz der Davididen war.

Tkachova: Zehnte These: „Fakt ist: Jesus hatte viele Geschwister“.

Hesemann:
Die hatte er nicht. Als er zwölf Jahr alt war und Maria und Josef mit ihm nach Jerusalem pilgerten, lesen wir da etwas von Geschwistern? Oder als Maria zur Hochzeit in Kana eingeladen war, nahmen da auch Geschwister an der Feier teil? Den deutlichsten Beweis gegen diese Hypothese finden wir im Johannes-Evangelium, als Jesus noch vom Kreuz herab seine Mutter dem Lieblingsjünger Johannes anvertraute. Das wäre geradezu ein Affront gewesen, wenn es noch einen Bruder gegeben hätte, denn bei den Juden war es die Pflicht der Kinder, sich um die verwitwete Mutter zu kümmern. Der Irrglaube, Jesus habe Geschwister gehabt, ist freilich nachvollziehbar. Schließlich fragen die Bewohner Nazareths etwa im Markus-Evangelium: „Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder des Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns?“ (Mk 6,3) Allerdings fragten sie dies natürlich nicht auf Deutsch oder Latein, sondern auf Aramäisch. Im Aramäischen, wie auch im Hebräischen, gibt es aber keine sprachliche Unterscheidung zwischen „Vetter“ und „Bruder“, für beide wird das gleiche Wort verwendet, hebr. ach oder aram. ah. Dass Markus dann tatsächlich Vettern meinte, zeigt sich in Mk 15,40, wo zwei von ihnen, Jakobus und Joses, ausdrücklich als Söhne einer anderen Maria, der „Schwester“ (oder Schwägerin) der Gottesmutter bezeichnet werden; ihr Mann hieß Klopas (lt. Joh 19,25).

Tkachova: Und die elfte These: „Fakt ist: Jesus war eine Ausnahmeerscheinung“.

Hesemann:
Dem stimme ich unbedingt zu: Jesus ist der Sohn Gottes und daher in jeder Hinsicht einzigartig. Aber Sie haben die zwölfte These vergessen…

Tkachova: Die habe ich mir für den Schluss aufbewahrt, auch wenn sie relativ zu Anfang der Sendung formuliert wurde, denn sie ist gewissermaßen das Fazit dieser Dokumentation: „Fakt ist: Jesus wurde geboren wie jeder andere Mensch auch“.

Hesemann:
Was indiziert: Er war ein ganz gewöhnlicher Mensch, nur mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Und das war er eben nicht. Er war zwar ganz Mensch, aber eben auch ganz Gott. Das Wort, das Fleisch geworden ist. Der Schöpfer des unendlichen Universums, der sich aus Liebe klein machte und als Kind in der Krippe erschien, um sich uns, seiner Schöpfung, zu offenbaren und uns zu erlösen. Darin liegt das Geheimnis der Weihnachtsgeschichte. Doch das wollte Frau Gerster nicht wahrhaben. Für sie ist die Weihnachtsgeschichte eine „fromme Legende“, bestenfalls „ein farbenfroher Roman“. Das mag ihr persönlicher Glaube oder Unglaube sein, das sei ihr überlassen. Aber den Zuschauern einen „Faktencheck“ zu versprechen und dann simple, schnell widerlegbare Hypothesen als „Fakt“ zu verkaufen, das ist einfach unredlich. Schade um die schönen Fernsehgebühren, die man so viel sinnvoller im Sinne der Weihnachtsbotschaft hätte einsetzen können!

kath.net-Buchtipps:
Jesus von Nazareth
Archäologen auf den Spuren des Erlösers
von Michael Hesemann
304 Seiten; 32 Farbtaf.;
2009 Sankt Ulrich Verlag
ISBN 978-3-86744-092-9
Preis 22.70 €

Maria von Nazareth
Geschichte - Archäologie - Legenden
von Michael Hesemann
303 Seiten; 16 Farbfotos;
2011 Sankt Ulrich Verlag
ISBN 978-3-86744-163-6
Preis 22.70 €

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Foto Michael Hesemann: © kath.net/Petra Lorleberg







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