20 März 2013, 08:00
Papst Franz - eine Verbindung wie Nitro und Glyzerin
 
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Doch in der Messe überrascht der Papst vor allem jene, die neue Überraschungen von ihm erwartet hatten. Es ist die alte Würde der Römer, deren starker Liturgie sich der Papst aus Argentinien erstmals unterwirft und beugt. Von Paul Badde (Die Welt)

Vatikan (kath.net/Die Welt) Es ist nicht alles anders bei Papst Franziskus. So schön wie jetzt war es auch am 24. April 2005, als Benedikt XVI. in sein Amt eingeführt wurde. Damals war es noch ein wenig wärmer.

Doch wenn Petrus zwischen all den Klimakatastrophen noch irgendein Wort mitzureden hat beim Wetter, dann hat er an diesem Dienstag in Rom wieder ein Machtwort gesprochen. Makelloses Himmelblau überwölbt den Petersplatz zur Einführung seines 265. Nachfolgers. Tage lang hat es davor gestürmt und geschüttet. Jetzt hat Petrus den Vorhang himmelweit aufgezogen. Frühling! Als Papst Franz auf seinem offenen weißen Jeep in die abgesperrten Bahnen in die unübersehbare Menschenmenge einfährt, zeigt sich für Minuten lang nirgendwo auch nur die kleinste Wolke am Himmel.

Es ist der Gedenktag des heiligen Josef, den die katholische Kirche an diesem 19. März feiert, des Bräutigams Marias und Ziehvaters Jesu. Von den 144 Heiligenfiguren über Berninis prächtigen Kolonnaden ringsum den Petersplatz findet sich der Heilige allerdings nirgends, und auch nicht neben und zwischen Christus und den Aposteln über der Fassade des Petersdoms. Josef taucht in den frühesten Dokumenten über die Kindheit Jesu auf. Dennoch hat die Kirche ihn Jahrhunderte lang fast nicht beachtet. Er war immer der Heilige im Hintergrund – bis die Jesuiten ihn in der Barockzeit regelrecht entdeckten und Papst Pius IX. ihn 1870 zum Schutzpatron der katholischen Kirche erklärte. Doch jetzt hat ihn der Jesuiten-Papst Franziskus als Schutzpatron für seine Amtseinführung gewählt, um damit auch den Namenstag seines „geliebten Vorgängers“ zu ehren, wie er zu Beginn seiner Predigt sagt, in der viele auch so etwas wie eine versteckte Programmankündigung des neuen Bischofs von Rom „vom Ende der Welt“ erwarten. Bei der Nennung Papst Benedikt XVI. brandet der erste mächtige Applaus auf. Heilige Kontinuität.

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Um 8.45 Uhr war der neue Papst plötzlich – und irgendwie unpünktlich verfrüht – stehend in seinem offenen weißen Jeep in der Menschenmenge auf dem Platz aufgetaucht, auf einer ungewohnten Route. Schweizer Gardisten, die sonst im würdevollen Gardeschritt den Platz durchmessen, fingen plötzlich zu laufen und zu rennen an. Vor der Altarinsel unterhalb des Hauptportals sprangen tausende von Priestern auf die Stühle.

Auf riesigen Bildschirmen ließ sich verfolgen, wie der Papst einen fast unberechenbaren Kurs durch die Menge nahm. Von hinten sieht er auf dem ungeschützten Jeep aus wie die mächtige Gestalt Johannes Paul II. Er küsst Babys und gegebenenfalls die Mutter gleich mit. Applaus. Francesco- Francesco-Francesco-Rufe. Der Tango-Papst auf der Love-Parade.

Für ihn haben die Römer schon seit den Morgenstunden versucht, zum Petersplatz durchzukommen. Oben auf der Altarinsel haben sich an die hundert Staatschefs rechts vom Altar mit ihrem Gefolge eingefunden, darunter Scheichs in Gewändern und Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Minister Philip Rösler, Bundestagspräsident Norbert Lammert, Ministerpräsident Kretschmann aus Stuttgart e tutti quanti.

Links davon die Bischöfe und Kardinäle aus Ost und West mit Patriarch Bartholomaios I. aus Konstantinopel, erstmals bei solch einem Anlass seit der Kirchenspaltung im Jahr 1054 - jedoch nach intensiver Vorarbeit unter den letzten Päpsten. Der Brokat und die Kronen mancher Hirten übertreffen die Mitra und das schlichte Messgewand des Papstes wie der Glanz der Königin von Saba.

Kann es sein, dass heute auch der Blumenschmuck auf der Marmorinsel weniger üppig ist als sonst. Gut möglich. Neue Verhaltenheit. Kein Glitz und Glamour.

Im leuchtend hellen Fahnenmeer über der Menge fehlt diesmal aber auch deutlich das Schwarz-Rot-Gelb der letzten Jahre. Es fehlt auch in der Liturgie. Es gibt keine deutschen Fürbitten mehr, auch keine deutschen Übersetzungen in dem Begleitheft. Die deutsche Stunde in Rom ist vorbei.

Nach der Messe rühmt Bundeskanzlerin Merkel nebenan im Campo Santo Teutonico dennoch das Wort von der Barmherzigkeit des neuen Papstes und Erzbischof Zollitsch verrät, Franziskus habe ihm gesagt habe, dass er Deutschland vor allem mit Kardinal Meisner und Angela Merkel verbinde. In der Messe aber überrascht der neue Papst nun vor allem all diejenigen, die neue Überraschungen von ihm erwartet hatten. Es ist die alte Würde der Römer, deren starker Liturgie sich der Papst aus Argentinien heute erstmals unterwirft und beugt. Am Grab des Apostels holt er in einer langen Prozession das päpstliche Pallium ab. Es ist die Stola aus der Wolle junger Lämmer, die ihn erinnern soll, dass es von nun an die vornehmste Aufgabe seines Hirtenamtes ist, besonders den verloren gegangenen Lämmern nachzugehen. Vor dem Hauptportal streift Kardinaldekan Sodano ihm den neuen Fischerring über den Finger.

Die Messe wird in fast allen Teilen auf Lateinisch zelebriert, mit dem großen römischen Kanon zum Hochgebet, und das Evangelium wird überhaupt nur im griechischen Original gesungen. Papst Franziskus aber singt überhaupt nicht, das gehört nun wohl zu seinem Markenprofil. Er teilt – bei aller Volkstümlichkeit – auch nicht selber die Kommunion aus wie seine Vorgänger, sondern setzt sich in dieser Zeit versonnen hin.

Diesmal liest er seine Predigt auch erstmals streng vom Blatt ab und wer dabei eine Regierungserklärung erwartet hat, den überrascht er nun nur durch eine traditionelle Meditation über den heiligen Josef. Er singt nicht, doch nun erinnert seine Stimme manchmal an das schwer atmende Organ Atahualpa Yupanquis, des legendären alten und melancholischen Sängers vom Rio della Plata, der selbst für die Toten noch fröhliche Lieder zu singen wusste („aber nur für die, die tanzen konnten“).

Die Predigt selbst aber nähert sich mehr dem Sonnengesang des heiligen Franziskus an die Schöpfung als einem Entwurf über sein kommendes Pontifikat. Am Beispiel seiner Erzählung Josefs ist es, als würde er auf die Frage Gottes nach dem Verbleib des Bruders Abel aus der Schöpfungsgeschichte zurückkommen – und die rhetorische Frage in der Antwort Kains an Gott endlich ins Gegenteil kehren: „Ja, ich bin der Hüter meines Bruders!“

Der Anspruch „Hüter zu sein“, ist die Mitte seiner Rede, „rücksichtsvoll wie Josef, demütig, still, beständig gegenwärtig und absolut treu auch in Tagen, wo er nichts versteht“. Hüter zu sein in den Stunden der Geburt und der Flucht und des Alltags. „Die Berufung zum Hüten geht jedoch nicht nur uns Christen an“, führt er leidenschaftlich weiter aus, sondern „alle Menschen guten Willen“, die sich heute berufen fühlen müssen, „die Schöpfung zu hüten und die Schönheit der Schöpfung zu bewahren, wie es uns schon im Schöpfungsbericht aufgetragen wurde.“

Davon habe auch der heilige Franz von Assisi gesungen. Es sei ein gegenseitiger Vorgang und ganz in der Mitte dieser Schöpfung stehe der Mensch, dessen Leben bewahrt und geschützt werden müsse von der ersten bis zur letzten Sekunde, und vor allem in den allerschwächsten Gliedern.

„Wahre Macht ist Dienst!“ Wo diese Aufgabe aufgegeben werde, stoße der Mensch die Tore zum Reich des Todes auf. Wo Johannes Paul II. im Oktober 1978 die Menschen beschwor, „keine Angst“ zu haben, ruft Papst Franz die neue Generation nun dazu auf, keine Angst vor der Zärtlichkeit Josephs zu haben. „Habt Mut zur Zärtlichkeit!“ Fertig. Er hat 1.385 Worte gemacht, wo Benedikt XVI. vor acht Jahren bei gleicher Gelegenheit 2.663 Worte machte. Die schwere Andreas-Glocke läutet. Habemus Papam! Und einen neuen Hüter der Schöpfung und Kreatur.

Ist er also vielleicht ein grüner, ein Öko-Papst? Eher nicht. In Papst Franz kommen Amt und Charisma aber nun wieder in einer Person so zusammen zur Verbindung wie Nitro und Glyzerin.

Predigt und Credo als VIDEO




Gebet beim Petrusgrab




Die Eucharistiefeier und Spendung der Hl. Eucharistie





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