23 Juli 2013, 10:00
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Hl. Johannes Cassian (360 - 435): Mönchsvater, Gebetslehrer, gemeinsames Vorbild für Orthodoxe und Katholiken – und möglicherweise ebenfalls für Papst Franziskus - Von Stefan Ahrens

Wien (kath.net)
Wer üblicherweise dem Heiligenkalender der katholischen Kirche seine Aufmerksamkeit schenkt, wird zweifelsohne wissen, dass in der Kirche am 23. Juli alljährlich vor allem das Gedenken an die große Heilige und Mystikerin Birgitta von Schweden (1303-1373) im Vordergrund steht. Doch an eben diesem Tag – sprich heute - gedenkt die Kirche ebenfalls einem weiteren wichtigen Heiligen, durch welchen die christliche Spiritualität sowohl im Orient als auch im Okzident entscheidende Impulse erhalten hat und der die Kirchengeschichte bis auf den heutigen Tag mitprägt: Dem hl. Johannes Cassian (360 – 435).
Cassian gilt einerseits für die Kirche des Westens als derjenige, der das sich in der ägyptischen Wüste entwickelnde christliche Mönchtum der „Wüstenväter“ (zu denen beispielsweise der Hl. Antonius oder Cassians Lehrer Evagrius Pontikus gehörten und denen er sich über Jahre hinweg selber anschloss) dem Abendland bekannt machte, so dass beispielsweise der hl. Benedikt von Nursia nicht umhin kam, die Schriften des Johannes Cassian allen Mönchen benediktinischer Prägung zur kontinuierlichen Pflichtlektüre zu erklären (vgl. Regula Benedicti Kap. 42,3.5 sowie 73,5) und der hl. Thomas von Aquin in seinen Schriften Cassian mehrfach als Autorität bezeichnet.

Für die Kirche des Ostens (und mittlerweile auch für nicht wenige westliche Christen) wiederum gilt Cassian vor allem als Initiator der Gebetspraxis des ihm von den Wüstenvätern nahegebrachten „immerwährenden Gebets“ oder „Ruhegebets“ beziehungsweise als einer der Initiatoren des Jahrhunderte später so bezeichneten „Hesychasmus“ (abgeleitet von dem griechischen Wort hesychia (ἡσυχία hēsychía), das „Ruhe“, „Stille“, „Schweigen“, „Einsamkeit“, „Gelassenheit“, „Friede“ bedeutet) .

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Aus dem Hsychasmus entwickelten sich das Herzensgebet sowie das Jesusgebet, dessen Zentrum vor allem in den Klöstern auf dem griechischen Berg Athos und dann im 19. und 20. Jahrhundert in Russland anzutreffen war – letzteres inspiriert durch den spirituellen Klassiker „Aufrechte Erzählungen eines russischen Pilgers“ (1870). Darüber hinaus kannte Cassian bedeutende Theologen des Ostens (wie Evagrius Pontikus oder den hl. Johannes Chrysostomos) und des Westens (wie den hl. Papst Leo den Großen und Papst Innozenz I.) persönlich und wurde zu einem Wanderer zwischen Rom und Konstantinopel, um schließlich seinen Weg in Marseille zu beenden, wo er als Begründer eines Männer- und Frauenklosters seinen Lebensabend verbrachte.

Wie kam es zu diesem außergewöhnlichen und so fruchtbaren Leben für die Kirche in Ost und West, welches nachweißlich sowohl theologische Giganten wie Benedikt von Nursia, Thomas von Kempen, Dominikus, Franz von Assisi, Thomas von Aquin, Teresa von Avila, Johannes vom Kreuz, Ignatius von Loyola als auch die Mönche vom Berg Athos und die russischen Starzen beeinflussen sollte ?

Von der Donau nach Palästina und in die Wüste

Johannes Cassian wurde um das Jahr 360 möglicherweise in der römischen Provinz Scythia Minor (heutiges Rumänien) südlich der Donaumündung geboren. Als Sohn reicher Eltern genoss er eine klassische Bildung, beherrschte sowohl Latein als auch griechisch und pilgerte als junger Mann mit seinem Freund Germanus nach Palästina, wo er einem Kloster in Bethlehem beitrat. Enttäuscht von der dort vorgefundenen spirituellen Mittelmäßigkeit zogen er und Germanus nach drei Jahren für knapp fünfzehn Jahre nach Ägypten, um bei den Einsiedlern in der ägyptischen Wüste das Koinobitentum kennenzulernen.

Aus diesen Erfahrungen in der Wüste heraus entstanden Jahrzehnte später seine beiden bedeutendsten Schriften: Zum einen um 420 die für Verfassung des abendländischen Mönchtum wichtige Schrift „De institutis coenibiorum et de octo principalibus vitiis“ („Über die Grundsätze der Koinobiten und die acht Hauptlaster“), in der er vom ägyptischen Klosterleben berichtete und seine dort an der Lehre des Evagrius Pontikus ausgerichtete Achtlasterlehre entfaltete. Und zum anderen um 426 bis 428 die „Collationes (Conlationes) patrum“( „Unterredungen mit den Vätern“), in denen er seine Erfahrungen mit den Mönchen in der ägyptischen Wüste in Form von Gesprächen und Dialogen wiedergab.

Mit den Collationes machte er die Lebens-, Glaubens- und Gebetsweisheiten der ägyptischen Mönche in der westlichen Kirche bekannt. Eine dritte und finale Schrift („De incarnatione Christi contra Nestorium“ („Über die Fleischwerdung Christi, gegen Nestorius“) entstand um 430 auf Bitte des späteren Papstes Leo des Großen, in welcher er sich auch gegen den zeitweilig gegen ihn selbst erhobenen Vorwurf des Semipelagianismus zur Wehr setzte.

In der „Bibliothek der Kirchenväter“ (BKV) kann das Gesamtwerk Cassians in deutscher Übersetzung von 1879 online (http://www.unifr.ch/bkv/awerk.htm#Cassian) eingesehen werden. Ebenfalls veröffentlicht das Benediktinerkloster Münsterschwarzach im Rahmen seines Johannes Cassian-Projekts (http://www.cassian-projekt.de/home.html) in Zusammenarbeit mit der Benediktiner-Erzabtei St. Martin Beuron und Gabriele Ziegler seit 2011 Neuübersetzungen des Werkes von Johannes Cassian.

So erschienen bislang die ersten 10 „Unterredungen mit den Vätern“ (Johannes Cassian, Unterredungen mit den Vätern - Collationes patrum. Teil 1: Collationes 1-10. Übersetzt und erläutert von Gabriele Ziegler. Mit einer Einleitung von Georges Descoeudres (Quellen der Spiritualität, Band 5), Münsterschwarzach 2011), die „Unterredungen“ 11 bis 17 folgen im August 2013.

Zwischen Konstantinopel, Rom und Marseille

Um 400 verließen er und Germanus die ägyptische Wüste und wurden Schüler des hl. Johannes Chrysostomos, damals Bischof in Konstantinopel, der Cassian zum Diakon weihte und ihn für den Klerus gewinnen konnte. Um 405 ging Johannes Cassian nach Rom, um den in Hof- und Glaubensintrigen verwickelten Johannes Chrysostomos bei Papst Innozenz I. zu verteidigen. Während er in Rom verweilte wurde er zum Priester geweiht und akzeptierte das Angebot, ein den ägyptischen Monasterien nachempfundenes Kloster im heutigen Südfrankreich zu begründen. Um 415 gründete er bei Marseille das Männerkloster St. Viktor und das Frauenkloster St. Salvator – bei beiden handelt es sich um die ältesten Klostergemeinschaften Westeuropas.

Nach langem Aufenthalt in Südgallien, in welchem er die Klostergründungen vornahm und seine obengenannten Schriften verfasste, starb er dort um 435 im Rufe der Heiligkeit. Seine sterblichen Überreste befinden sich in der Abtei von St. Viktor.
„Über das Gebet“: Die Gebetslehre des hl. Johannes Cassian
In den Büchern 9 und 10 der „Unterredungen mit den Vätern“ beschreibt Johannes Cassian, wie ihm und Germanus von Abt Issak (ein Pseudonym für Evagrius Pontikus) das Wissen um das „immerwährende Gebet“ beziehungsweise das „Ruhegebet“ übermittelt wird. Das Ruhegebet soll zum einen den Weisungen „Betet ohne Unterlass!“ (1. Thessalonicherbrief 5, 17) und „Ich will, dass die Männer überall beim Gebet ihre Hände in Reinheit erheben, frei von Zorn und Streit“ ( 1. Timotheusbrief 2,8) des Apostels Paulus gerecht werden sowie den Betenden über seine Vorstellungswelt und über sich selbst hinausführen und ihm Erfahrungen eines immer tiefer werdenden, liebevollen Schweigens in Gott vermitteln. Im Ruhegebet wird die Hingabe des eigenen Willens an Gott und die Erkenntnis der eigenen Demut geübt, um die dritte Bitte des „Vater Unser“ „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden!“ stärker im eigenen Leben durchsetzen zu können. Ziel ist es laut Cassian, eine „Reinheit des Herzens“ (puritas cordis) zu erzielen und somit Gott permanent den ersten Platz im inneren und äußeren Leben einzuräumen.

Während des Gebets (sowohl Cassian als auch die westliche Tradition empfehlen kurze, täglich praktizierte Gebetszeiten, beispielsweise zwei Mal täglich 20 Minuten) sollen alle Vorstellungen über Gott, die Welt sowie die eigenen Gedanken abgelegt und jegliche Form der Aktivität eingestellt werden. Ebenso schlicht wie wirkungsvoll ist Cassians Weisung, in diese Situation hinein folgendes Gebetwort zu verwenden: „O Gott, komm mir zu Hilfe. Herr, eile, mir zu helfen.“ (Psalm 70,2). Auf diesen Ausspruch lenkt der Betende ständig seinen inneren Blick und kehrt bei gedanklichen Abschweifungen immer wieder zu diesem zurück. Auch andere Gebetsworte wie „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner, einem Sünder“ oder „Christus Jesus“ können hierfür verwendet werden. Dieser Vorgang, der keine aktive Betrachtung mehr ist, bewirkt im Betenden eine Veränderung und führt diesen allmählich in eine neue Dimension des Seins und zu immer tieferer Herzensruhe. In von Cassian empfohlenen Bibelzitat werden laut diesem sowohl alle verschiedenen Intentionen des Betens (Bittgebet, kontemplatives Gebet, Fürbitte und Danksagung) berücksichtigt als auch in die Gebetsweise Jesu selbst eingeführt. Dieser zog sich zum Beten immer in die Stille und Einsamkeit zurück und forderte bekanntermaßen dazu auf im Verborgenen zu beten und es nicht öffentlich zur Schau zu stellen wie die „Heuchler … in … Synagogen und Straßenecken“. (Vgl. Matthäus 6,5-15). Cassian empfiehlt, diesen Psalmvers sowohl in während des kontemplativen Gebets als auch immer dann zu beten, wen man in körperlicher und geistiger Bedrängnis ist.

Cassianische Impulse bei Papst Franziskus?

Es ist wohl zu früh, um tatsächlich Aussagen über einen möglichen Einfluss von Johannes Cassian auf Papst Franziskus zu tätigen. Möglicherweise besteht dieser zumindest indirekt über die ignatianische und die franziskanische Spiritualität. Gleichwohl gibt es drei unübersehbare Aspekte im Leben und Werk Cassians, die auch Ähnlichkeiten zur Spiritualität von Jorge Mario Bergoglio aufweisen und uns auch heute noch einiges lehren können für unsere Glaubenspraxis:

- Der Vorrang Christi, des Gebets, der Demut und der Nächstenliebe: Wenn Papst Franziskus auf dem Petersplatz den Gläubigen zuruft, dass sie mehr „Jesus!“ und weniger „Papst Franziskus!“ rufen sollten, dann ist dies ein Zeichen für den Vorrang, den Jesus Christus im Leben eines gläubigen Christen eingeräumt bekommen sollte.

Niemand – nicht einmal der Papst oder die Heiligen – darf eine höhere Priorität genießen. Wie schon sein Vorgänger Benedikt XVI. ist Papst Franziskus ein zutiefst christozentrischer Papst und ebenfalls ein Mann des Gebets und der Kontemplation. Seine Vorliebe für die Eucharistische Anbetung ist bekannt, genauso wie sein Tatendrang und seine aus dem Glauben resultierende persönliche Einfachheit.

Johannes Cassian betonte ebenfalls die Notwendigkeit der Verbindung von Kontemplation und Aktion und die Notwendigkeit der Einfachheit, die durch eine durch das Ruhegebet erwirkte „Reinheit des Herzens“ (puritas cordis) erzielt wird. Passend hierzu teilte Papst Franziskus am 16.07.2013 per Twitter seinen Followern mit: "Zu einem christlichen Leben gehören unbedingt Gebet, Demut und Liebe zu allen Menschen: Das ist der Weg zur Heiligkeit." Ein Tweet ganz im Sinne Cassians.

- Christentum als Weg:

Cassian ist ein Gläubiger, der sich buchstäblich „auf dem Weg“ befindet – eines der liebsten spirituellen Bilder von Papst Franziskus. Christen müssen sich bewegen, dürfen nicht selbstgenügsam und unbeweglich sein, sondern sollen sich mit Jesus Christus, der „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14, 6) ist, auf den Weg des Glaubens begeben. Und ist dieser Papst, der „vom anderen Ende der Welt“ kam, nicht ebenso wie Cassian jemand, der bereit ist im Namen Gottes buchstäblich seine Zelte abzubrechen und um Jesu Christi Willen sogar bis an die Enden der Welt aufzubrechen um das jeweils „andere Ende der Welt“ geistlich und persönlich zu bereichern? Cassian tat es – Papst Franziskus tut es ihm nach.

- Ökumene mit der Orthodoxie und die gegenseitige Wertschätzung der jeweiligen Spiritualität:

Als Jorge Mario Bergoglio Erzbischof von Buenos Aires wurde, wurde er ebenfalls Ordinarius für die Gläubigen für die orientalischen Riten, die in Argentinien leben. In dieser Funktion hat er auch mehrfach die „göttliche Liturgie“ beziehungsweise die „Chrysostomos-Liturgie“ (benannt nach dem Lehrer Cassians) der Ostkirchen gefeiert sowie solchen liturgischen Feiern beigewohnt. Somit ist Papst Franziskus eine gewisse Kenntnis (und auch Wertschätzung) der orthodoxen Spiritualität definitiv nicht abzusprechen und es bleibt zu hoffen, dass die Brücke zu den orientalischen Kirchen, die unter Benedikt XVI. so hervorragend ausgebaut werden konnte auch gerade unter dem Pontifikat von Papst Franziskus eifrig von beiden Seiten weitergebaut wird.

Als Vorbild kann hierbei beispielsweise das Benediktinerkloster Niederaltaich gelten: Seit Jahrzehnten ist dieses ein Kloster mit zwei kirchlichen Traditionen: Ein Teil der Mönche betet und lebt nach dem römischen, ein Teil nach dem byzantinischen Ritus.

Vielleicht sollten diesbezüglich gerade an den hl. Johannes Cassian die Gläubigen beider Konfessionen ihre Fürbitten richten? Keiner wäre wohl besser hierfür geeignet als dieser christozentrische Mönchsvater, Lehrer des Gebets und Grenzgänger zwischen Ost und West.


Weiterführende Literatur:

- Johannes Cassian: Unterredungen mit den Vätern – Collationes Patrum, Teil 1: Collationes I–X, übersetzt und erläutert von Gabriele Ziegler; Vier-Türme-Verlag, Münsterschwarzach 2011.

- Peter Dyckhoff: Gebet als Quelle des Lebens. Systematisch-theologische Untersuchung des Ruhegebetes ausgehend von Johannes Cassian. Verlag Don Bosco, München 2006.

- Peter Dyckhoff: Das Ruhegebet einüben, Herder, Freiburg 2011.

- Gabriele Ziegler: Frei werden – Der geistliche Weg des Johannes Cassian, Vier-Türme-Verlag, Münsterschwarzach 2011.







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