30 Juli 2013, 11:30
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Interview mit dem designierten Weihbischof von Köln, Msgr. Ansgar Puff, über seine Berufung zum Weihbischof, seinen Weg zu Gott und seine Zugehörigkeit zum Neokatechumenalen Weg. Teil 1. Von Georg Dietlein und Christoph Sötsch (f1rstlife)

Köln (kath.net/f1rstlife) Mit dem ernannten Weihbischof von Köln, Ansgar Puff, sprachen die f1rstlife-Redakteure Georg Dietlein und Christoph Sötsch im ersten Teil über seine Berufung zum Weihbischof, seinen Weg zu Gott und seine Zugehörigkeit zum Neokatechumenalen Weg, einer Gemeinschaft, die die Taufgnade und die Vorbereitungszeit vor der Taufe besonders in den Mittelpunkt stellt.

f1rstlife: Msgr. Puff, Sie wurden erst vor wenigen Wochen zum Weihbischof im Erzbistum Köln ernannt. Wie fühlen Sie sich mittlerweile?

Msgr. Ansgar Puff:
Am Anfang war die Ernennung für mich überraschend. Aber die erste Überraschung ist überwunden. Im ersten Moment fühlte ich mich – geistlich gesprochen – unwürdig für diese Aufgabe. Wer bin ich, dass ich so eine Aufgabe übernehmen kann? Inzwischen ist nach dem ersten Staunen eine Zuversicht und Vorfreude gewachsen. Ich freue mich auf das, was an Aufgaben auf mich zukommt. Ich bin froh, dass es langsam losgeht.

f1rstlife: Haben Sie schon ein Profil, was Sie genau machen werden?

Puff:
Die Arbeitsfelder sind genau dieselben, die Weihbischof Dr. Heiner Koch hatte, bevor er nach Dresden ging. Es gibt eine klare Arbeitsplatzbeschreibung, nämlich die Region Süd des Erzbistums Köln. Das ist die Stadt Bonn, linksrheinisch weiter über Euskirchen, Meckenheim, Zülpich und rechtsrheinisch bis Bergisch-Gladbach und der ganze Rhein-Sieg-Kreis. Das andere Arbeitsfeld ist die internationale Seelsorge. Mit der Ernennung als Bischofsvikar hat man bestimmte Aufgaben in der ganzen Diözese. Das war auch bei Heiner Koch die internationale katholische Seelsorge, d.h. die Gemeinden, die aus spanischen, portugiesischen, philippinischen, ghanaischen und anderen nicht-deutschsprachigen Katholiken bestehen.

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f1rstlife: Sie sind ein Priester mit spezieller Prägung – zunächst Kaplan und Pfarrer, später im Neokatechumenat, außerdem sozial engagiert und immer ganz nah bei den Menschen. Wie verstehen Sie sich als Bischof?

Puff:
Mich reizen an dieser neuen, bischöflichen Aufgabe wieder die Seelsorge und die Verkündigung. Mich würde ich beschreiben als jemanden, der gut auf fernstehende und suchende Menschen zugehen kann, der gut mit Leuten umgehen kann, die am Rand stehen – sowohl sozial als auch spirituell. Ich glaube, dass ich verstehe, wie manche Leute ticken, die außerhalb der Kirche sind. Das war auch schon in der Pfarrei so. Natürlich muss man die „normalen Dinge“, die zu tun sind, erfüllen. Aber auch da kann man Akzente setzten und mit Leuten zusammenkommen, die auf der Suche nach Christus sind. Mein Anliegen ist eigentlich nur, diese zu begleiten.

f1rstlife: Wenn man Artikel über Ihre Ernennung liest, liest man, dass Sie im Neokatechumenat tätig sind und waren. Was kann man sich darunter vorstellen? Was ist das?

Puff:
Ich erzähle ein wenig aus meiner Lebensgeschichte: Ich wuchs in Bad Godesberg auf, war auf der Schule von Jesuiten, komme aus einer religiösen Familie – meine Eltern waren in der Gemeinde engagiert. Mein Problem im Alter von 15 und 16 war, dass ich keine persönliche Begegnung mit Jesus Christus hatte, sondern alles über den Glauben nur daher wusste, weil mir das andere erzählt hatten. Ich wurde schon im Glauben erzogen, hatte aber keine persönliche Erfahrung mit Gott. Das führte dazu, dass ich den Glauben für mich irgendwann aufgab. Ich zog mit dem Glaubensleben einen Schlussstrich und war überzeugt, dass ich den Glauben nicht brauche und auch anders gut leben kann. Ich wollte ein guter Mensch werden. Ich wollte hilfsbereit und nett sein. Daher war mein Berufsziel, im sozialen Bereich tätig zu sein. Also studierte ich Sozialarbeit.

f1rstlife: Trotzdem kommen doch sicher irgendwann existenzielle Fragen auf, die Sie mit Ihrer Vernunft nicht beantworten konnten?

Puff:
Durch viele verschiedene Vorstufen begann irgendwann eine Art Sehnsucht. Eine Stufe muss ich erzählen: Es war 1974 in Toulouse. Ich hatte gerade mein Abitur gemacht. Kurz vorher war ein entfernter Verwandter bei uns zu Besuch gewesen, den ich noch nie gesehen hatte. Meine Mutter pries ihn an als interessanten Typ: Er lebte in Afrika, zog jetzt nach Südfrankreich, war Atheist gewesen und hatte sich irgendwie spektakulär bekehrt. Ich habe mir alles angehört und unterm Strich sah ich in ihm einen richtig sympathischen, netten Menschen. Am Ende des Besuches sagte er, dass er in Südfrankreich wohne und ich vorbei kommen solle, wenn ich mal Ferien machen möchte.

f1rstlife: Und Sie sind seinem Aufruf gefolgt?

Puff:
Genau. Nach dem Abitur wollte ich mich belohnen und eine schöne Reise machen. Dann habe ich ihn angerufen und ihm gesagt, dass ich vorbeikomme. Ich fuhr dorthin und habe ihn 14 Tage besucht. Nur hatte ich gar nicht gepeilt, was er eigentlich machte und dass er zu einem Orden gehörte, den kleinen Brüdern von Charles de Foucauld. Er lebte in Toulouse zusammen mit anderen Ordensbrüdern und studierte an der Hochschule der Dominikaner Theologie. Das habe ich alles nicht mitbekommen.

Es war schön mit ihm. Mein Handicap war nur, dass ich kein Französisch konnte, aber er konnte Deutsch. Wir sind durch die Stadt gezogen und abends sagte er immer: Ich gehe in die Kirche beten. „Ja“, habe ich gesagt, „geh du, kein Problem. Für mich ist die Sache vorbei.“ Dann bin ich die ersten Abende allein durch Toulouse gestöbert. Das wurde auch langweilig, weil ich kein Französisch konnte. Mehr aus Langeweile sagte ich ihm dann: „Ich gehe mal mit in die Kirche“. Dort gab es eine charismatische Gebetsgruppe, zu der auch die „Kleinen Brüder Jesu“ gehörten. Ich ging mit denen in die Gottesdienste und dort hat der Herr mich berührt. Ich bekam die Sehnsucht, dass – für den Fall, dass es stimmen sollte mit Gott – ich ihn gerne kennen lernen wollte. Es war ein Kampf, denn auf der einen Seite hatte ich den Eindruck: „Du hast das abgeschlossen, das willst du nicht mehr“, und auf der anderen Seite hatte ich das Gefühl: „Ja, aber vielleicht doch“.

f1rstlife: Würden Sie sagen, dass Sie durch diesen einen Besuch den Weg zu Gott gefunden haben?

Puff:
Ich würde nicht sagen, dass das mein Bekehrungserlebnis war. Aber es war der Anfang, mich bewusst mit Glaubensfragen auseinanderzusetzen. Später kam als zweites hinzu, dass mein Vater an Krebs starb. In der Phase, in der ich Sozialarbeit machte, stand für mich auf einmal die Sinnfrage im Raum, mit der ich nicht klar kam. Für mich war da die Frage: Was für einen Sinn hat das Leben, wenn du am Ende stirbst? Was für einen Sinn hat meine Arbeit, wenn die Leute, denen ich aus dem Dreck helfe, nachher sterben? Von dem Punkt des Sterbens an war auf einmal das ganze Leben existenziell unsinnig. Mir wurde klar, dass ich darauf eine Antwort finden musste und Freunde, die Theologie studierten, sagten mir: „Die Antwort darauf findest du im Theologiestudium“. Ich hatte die Sozialarbeiterausbildung zu Ende gebracht und dachte, dass ich die Antwort auf meine Fragen finde, wenn ich Theologie studiere.

Das war aber eine böse Falle, denn was ich suchte, habe ich dort nicht gefunden. Nach vier Semestern Theologie kam eine Krise und ich war unsicher, wie es jetzt weitergehen sollte. Dann probierte ich verschiedene Möglichkeiten aus und ein Priester, den ich gut kannte, schickte mich in eine Pfarrei nach Köln.

Jetzt schließt sich der Bogen: Dort begann – kurz nachdem ich dort ein wenig angedockt hatte – das Neokatechumenat. Dieses Neokatechumenat entstand damals zum ersten Mal in unserer Diözese. Es war eine Art Glaubenskurs, 15 Abende und ein Wochenende. Die Abende wurden von einem Ehepaar aus Venedig – Italiener, die schon seit einiger Zeit in München wohnten –, einem italienischen Priester und einem Jugendlichen gehalten. An diesen Abenden fand ich eine Synthese von paulinischer Theologie, also kerygmatischer Theologie, existenziellen Fragen und liturgischen Elementen vor. Es war im Grunde das, wonach ich die ganze Zeit suchte. Das half mir sehr, Theologie zu studieren und Richtung Priestertum gehen.

f1rstlife: Wie sehr prägt Sie das Neokatechumenat heute als Mensch und Weihbischof?

Puff:
Die Neokatechumenale Gemeinschaft, die damals entstand – also vor 28 Jahren ungefähr – existiert heute noch. Wir treffen uns jede Woche zweimal. Mittwochs feiern wir eine Wortliturgie, samstags eine Eucharistiefeier und alle zwei Monate einen Tag, an dem wir zusammen sind und unsere Erfahrungen aus der letzten Zeit austauschen können. Diese Schwestern und Brüder kennen mich inzwischen besser als jeder andere. Wir sind wirklich ein Stück Lebensgeschichte miteinander gegangen.

Der Neokatechumenale Weg an sich ist ein Weg zur Vertiefung der Taufe. Entstanden ist er zeitgleich mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil in Madrid in Barackenvierteln. Die Initiatoren Kiko Argüello und Carmen Hernández haben bei den Leuten in den Baracken die Kraft der Verkündigung entdeckt. Sie verkündeten den Tod und die Auferstehung Christi bei den ganz einfachen Menschen. Sie machten die Erfahrung, dass, wenn diese sagten „Ok stimmt, so bin ich, ich habe Fehler“ und hörten, dass Gott sie als Sünder liebt, das Leben sich ohne jeden Moralismus durch diesen Glauben total verändert.

Das wurde kombiniert mit der Erfahrung, die der damalige Kardinal von Madrid, Morcillo Gonzáles, auf dem Konzil machte. Während des Konzils entdeckte man das alte Taufkatechumenat wieder, d. h. die Vorbereitungszeit für Erwachsenentaufen in der alten Kirche. Der Kardinal hatte erkannt, dass die Erfahrung, die er in seiner Diözese um Kiko herum machte, und das, was auf dem Konzil theologisch durchdacht wurde, dasselbe ist. Er förderte das Katechumenat und bat die neue Gemeinschaft, in die Pfarreien zu gehen und dort die Katechesen zu halten. Dort entstanden die ersten Gemeinschaften. Als sie immer stärker wuchsen und immer mehr Zulauf bekamen, war der Kardinal überzeugt, dass dieser Weg auch von Rom, also von Papst Paul VI., geprüft werden müsste und hat das Katechumenat ihm vorgestellt. Paul VI. erfand den Namen „Neokatechumenat“, denn er meinte, dass es ein Katechumenat, eine Taufvorbereitung, ist, aber für Leute, die schon getauft sind, und nicht für Leute, die erst getauft werden müssen. Deswegen nennen wir es Neu-Katechumenat.

f1rstlife: Warum sollten sich Menschen Ihrer Meinung nach mit dem Neokatechumenat beschäftigen oder sich der Gemeinschaft anschließen?

Puff:
Die Idee ist, dass man den Prozess, den man früher vor der Taufe machte, jetzt nach der Taufe durchläuft, um so die Vielfalt der Taufe und alles was zur Taufe gehört, im Grunde das christliche Leben, in der ganzen Fülle auszufalten und zu leben. Das ganze zielt auf einen stabilen, erwachsenen Glauben. Pastoral finde ich das deshalb interessant, weil ich in der Pfarrei Menschen erlebte, die ihre letzte katechetische Unterweisung mit der Erstkommunion hatten. Diese stehen als Erwachsene im Berufsleben und in der Familie. Sie werden konfrontiert mit allen möglichen Problemen, haben aber aus dem Glauben heraus keine Antworten, weil ihre Antworten Kinderantworten sind. Jetzt brauchen sie etwas Neues und haben nichts. Und in den Pfarreien wird für Erwachsene katechetisch nicht sehr viel angeboten. Hier setzt der Neokatechumenale Weg an.

Foto © PEK/ Kasiske







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