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'Wir sind an einem Punkt, wo wir uns entscheiden müssen'

2. August 2013 in Interview, 1 Lesermeinung
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Interview mit dem designierten Weihbischof von Köln, Msgr. Ansgar Puff, über seine Berufung zum Weihbischof, seinen Weg zu Gott und seine Zugehörigkeit zum Neokatechumenalen Weg. Teil 2. Von Georg Dietlein und Christoph Sötsch (f1rstlife)


Köln (kath.net/f1rstlife) Im zweiten Teil des Interviews, „Wir brauchen katechumenale Prozesse auf dem Weg hin zu einem erwachsenen Christentum“, spricht der designierte Weihbischof von Köln, Ansgar Puff (Foto), mit den f1rstlife-Redakteuren Georg Dietlein und Christoph Sötsch über die Zukunft der Kirche und geistlichen Gemeinschaften, über die Firmkatechese und den Weg zu einer persönlichen Freundschaft mit Gott.

f1rstlife: Msgr. Ansgar Puff, beim Neokatechumenalen Weg nimmt die geistliche und persönliche Erfahrung des Glaubens eine wichtige Rolle ein: den Alltag als geistlich geprägte Realität erleben. Wie erleben Sie die Spannung zwischen Alltagswelt und Glauben?

Msgr. Ansgar Puff: Das ist schon so wie bei den ersten Christen auch. Irgendwann muss man sich ja einmal bekehren, einen neuen Lebenswandel an den Tag legen, für sich Klarheit schaffen. Die Jugendlichen bei uns in der Gemeinschaft etwa werden irgendwann damit konfrontiert, dass sie anders leben als viele andere Jugendliche. Und das wird dann ganz konkret in solchen Fragen wie: Schläft man miteinander vor der Ehe? Schaut man sich Pornos im Internet an? Ist Geld das Wichtigste im Leben? Diese Fragen führen dann natürlich dazu, dass man als Jugendlicher, Schüler oder Student, anders ist als seine Klassenkameraden oder Kommilitonen. Aber das gehört zum Christsein dazu.

f1rstlife: Das Modell der Pfarrgemeinde wird zunehmend ergänzt durch kategoriale Seelsorge und auch kleinere, geistliche Gemeinschaften, etwa das Neokatechumenat. Ist das auf Dauer die Zukunft der Kirche?


Puff: Entweder schaffen es die neuen geistlichen Gemeinschaften, eine Pfarrei zu erfrischen und lebendig zu machen oder die Pfarrei wird nicht mehr die Bedeutung für die Bekehrung der Menschen haben wie früher.

Wir sind an einem Punkt, wo wir uns entscheiden müssen. Es gibt sicherlich noch ganz viele wirklich funktionierende Pfarreien. Das Modell Pfarrgemeinde hat allerdings folgendes Problem: Sie atmet nur noch auf einem Lungenflügel. Man braucht allerdings zwei Lungenflügel, um leben zu können.

Der eine Lungenflügel ist die Sonntagsmesse. Der zweite Lungenflügel sind Gruppen und Gemeinschaften, wo man sich in einem kleineren Kreis noch einmal mit anderen trifft, um das, was man in der Sonntagsmesse erfahren hat, in den eigenen Alltag umzusetzen. Diese Aufgabe haben früher die Verbände wahrgenommen, die leider immer mehr an Bedeutung verlieren.

Die Gemeindemitglieder gehen heute Sonntags zur Messe, haben allerdings keine Gemeinschaft mehr, wo sie ihren Glauben im Alltag vertiefen und ausprobieren können. Auch ein Familienkreis und Kirchenchor reicht da nicht aus, wenn man sich nicht wirklich intensiv über den eigenen Glauben und die Erfahrungen damit austauschen kann. Was ist etwa, wenn das eigene Kind stirbt? Wie lässt sich das mit dem eigenen Glauben vereinbaren? Wenn sich das Christsein auf die Sonntagsmesse reduziert, ist das deutlich zu wenig.

Entweder wir kriegen die neuen Gemeinschaften in die Pfarrei, so dass die Pfarrei wieder zwei Lungenflügel bekommt, oder die Pfarrei wird immer asthmatischer werden. Aber hier herrscht ja bereits ganz viel Aufbruch und Umbruch in der Kirche. Warum sollte der Heilige Geist da nicht etwas Neues schaffen?

f1rstlife: Als Weihbischof werden Sie vor allem Jugendliche firmen und die Seelsorge im Pastoralbezirk Süd unterstützen. Wie wollen Sie – trotz des großen Umfangs Ihres Amtes – junge Menschen persönlich erreichen und begleiten?

Puff: Ich habe den Eindruck, dass viele Jugendliche wirklich nach dem Großen, Schönen und Wahren suchen, nach Gott, nach Glück, nach dem Sinn im Leben. Leider bekommen sie davon manchmal viel zu wenig. Mein Problem als Bischof ist es, dass ich meine Firmlinge kaum persönlich zu Gesicht bekomme, sondern immer nur in der Liturgie. Ich frage mich: Gibt es auch im Vorfeld von Firmungen die Möglichkeit, mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen? Vielleicht auch über moderne Medien?

In meiner Zeit in der Pfarrei habe ich allerdings auch erfahren, dass das persönliche Vier-Augen-Gespräch zwischen Firmling und Priester vor der Firmung am meisten Frucht trägt. Ich empfand diese Gespräche immer als sehr tief und die Jugendlichen konnten entscheiden, ob sie aus diesem Gespräch auch noch eine Beichte machen wollten. Nach diesen Gesprächen sind viele Jugendliche als Christen noch einen Schritt weitergegangen und haben ihren Zugang zu Christus gefunden.

f1rstlife: In unserem Erzbistum entdecken wir, dass Gottesdienste mit neuen geistlichen Liedgut sehr gut bei Jugendlichen ankommen. Könnte man Impulse der neuen geistlichen Gemeinschaften, etwa des Neokatechumenats, auch für die Firmkatechese fruchtbar machen?

Puff: Wir machen oft den grundlegenden Fehler, dass wir meinen, die Sonntagsmesse sei für einen suchenden Menschen oder jemanden, der weit weg von Kirche steht, die Eingangstür, durch die er reinkommt. Das stimmt leider nicht. Für viele Jugendliche ist das „Programm“ der Sonntagsmesse ja eher abschreckend: falsche Leute, falsche Musik. Wir müssen den jungen Menschen einen Weg anbieten, der vor der Sonntagsmesse steht und erst zu ihr hinführt.

Wir brauchen katechumenale Prozesse, d. h. Stufen auf dem Weg hin zu einem erwachsenen Christentum. Im Moment ist es so, dass wir auf ein Sakrament hin vorbereiten und sagen, nach dem Sakrament kannst Du in die Messe gehen. Aber das ist kein Weg. Das holt interessierte und suchende Menschen nicht ab. Da braucht es konkrete Schritte.

f1rstlife: Was würden Sie jungen Menschen heute mit auf den Weg geben, um wirklich zu einer persönlichen Freundschaft mit Jesus Christus zu finden?

Puff: Der eine Zugang ist eine konkrete Person, ein Zeuge, der den Glauben an Christus durch seinen Lebenswandel interessant macht.

Ein zweiter Zugang ist folgendes Gebet: „Wenn es Dich gibt, Herr, dann lass mich Dich erfahren.“ Das ist oft der erste Schritt. Und dann handelt der Herr an uns. Und wenn man schon etwas angedockt hat, dann braucht man meiner Meinung nach eine Gemeinschaft, andere Menschen, die den Glaubensweg mit einem gehen, und einen erfahrenen Begleiter, der im Glauben erwachsen ist, der auf dem Glaubensweg schon einige Schritte weiter ist, der mich und meine Probleme versteht und mit dem ein Austausch über den Glauben möglich ist.

f1rstlife: Msgr. Ansgar Puff, vielen Dank für das Gespräch!

Foto © PEK/ Kasiske


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