10 Juni 2014, 11:00
Bischof Tebartz-van Elst und die Presse
 
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Ich möchte mein Augenmerk nicht auf Schuld und Fahrlässigkeit des unglücklichen Bischofs lenken, sondern auf die Art, wie sich die Presse des Falles angenommen hat, bevor der Sachverhalt unzweideutig offen lag. Gastkommentar von Martin Mosebach

Bonn (kath.net/Die neue Ordnung) Ist der Fall des Bischofs von Limburg Franz-Peter Tebartz-van Elst wirklich schon abgeschlossen? Man betrachte die dürren Fakten: die Untersuchungskommission, die die Deutsche Bischofskonferenz eingesetzt hatte, um festzustellen, wie es zu der Explosion der Kosten beim Bau der vom Limburger Domkapitel in Auftrag gegebenen Bischofsresidenz gekommen ist, hat dem Bischof einen großen Teil der Verantwortung an dieser Fehlplanung gegeben; einen anderen Teil trägt das Domkapitel, das seiner Aufsichtspflicht nicht genügt hat, und auch dem Generalvikar werden Vorwürfe nicht erspart.

Der Bischof hatte, wie spät erst bekannt wurde, bereits im Oktober 2013 dem Papst seinen Rücktritt angeboten, den der Heilige Vater nach Lektüre des Kommissionsberichts dann angenommen hat – eine Nuance, die zur Kenntnis zu nehmen jedoch lohnt: Der Bischof wurde nicht getadelt und nicht mit einer Kirchenstrafe belegt, weil man das bei Abwägung der Umstände offenbar nicht für angemessen hielt; der Rücktritt sei angenommen worden, weil der Bischof „in der entstandenen Lage sein Bischofssamt nicht mehr ausüben könne“ – das war eine nüchterne und durchaus zutreffende Schlußfolgerung angesichts der Welle von Verachtung und Haß, die dem Bischof aus den Kreisen der Priesterschaft und der Berufskatholiken aus den Laienorganisationen entgegenschlug; der Fall Tebartz hatte in Monaten, in denen Syrien brannte, die europäische Währung zu zerbrechen drohte und in vielen Ländern die Christen verfolgt wurden, die Schlagzeilen der meisten Zeitungen beherrscht; Priester der Limburger Diözese weigerten sich, während der Messe im Kanon für den Bischof zu beten, viele Leute (wie viele eigentlich?) traten aus der Kirche aus, dem Bischof wurden tätliche Angriffe angedroht – kurzum, das Odium plebis, von dem das Kirchenrecht als Grund einer Unmöglichkeit spricht, das Bischofsamt auszuüben, war zweifelsfrei gegeben und wäre auch gegeben gewesen, wenn die Untersuchung den Bischof von seiner Verantwortung freigesprochen hätte.

Dies gilt es festzuhalten; und dieser Tatsache waren sich sowohl der Papst wie auch die römische Bischofskongregation offenbar bewußt, als sie das Domkapitel bei der Bestellung eines Administrators während der Sedisvakanz übergingen und den Administrator ohne Mitwirkung des Kapitels einsetzten. Ob ein Domkapitel, das der Entstehung eines solchen Odium plebis vor Klärung des Sachverhalts nachdrücklich Vorschub geleistet hat, überhaupt an der Ernennung eines neuen Bischofs beteiligt werden sollte, ist aber leider wohl nur eine theoretische Frage für Kirchenjuristen.

Ich möchte mein Augenmerk aber nicht auf die Schuld, die Fahrlässigkeit, das Ungeschick, die Idiosynkrasien des unglücklichen Bischofs lenken – von allem zusammen darf gewiß die Rede sein –, sondern auf die Art und Weise, wie sich die Presse dieses Falles angenommen hat, bevor der Sachverhalt unzweideutig auf dem Tisch lag. Und zwar gedenke ich nicht, die ganze Fülle der zu dieser Sache erschienenen Artikel zu analysieren, sondern einen einzigen, der aber beanspruchen kann, einzigartig zu sein und in dem Blatt, in dem er erscheinen durfte, eine neue Ära begründet zu haben. Es ist dies ein Blatt – in der Sprache des Zeitungsbetriebs „Leitmedium“ genannt , das bei der Mehrzahl seiner Leser immer noch den Ruf der Seriosität genießt, soweit Presse ihrem Wesen nach überhaupt seriös sein kann – Karl Kraus hätte das bekanntlich grundsätzlich und mit schwer zu entkräftenden Argumenten bestritten.

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Die Zeitung, von der die Rede ist, gilt als liberal-konservativ, faßt diese Begriffe aber sehr weit und legt Wert darauf, in ihren Spalten immer auch Stimmen zu Wort kommen zu lassen, die von der redaktionellen Hauptlinie abweichen. So war es jedenfalls lange Zeit; wer die Zeitung nicht mochte, verspottete sie nachgerade wegen ihres Bemühens um Ausgewogenheit; man sagte ihr etwas Graues nach, aber das war ein ehrenwertes Grau, das Leser schätzten, die sich von ihrer Zeitung nicht unterhalten, sondern unterrichten lassen wollten, um zu ihrer eigenen Meinung zu gelangen. Daß die Zeitung regelrechte Kämpfe ausgetragen hätte, daß sie versucht hätte, ihr politisches Gewicht in die Waagschale zu werfen, kam gelegentlich vor, war aber eher selten.

Umso auffälliger eine Serie von Artikeln, die sich mit der Frage befaßten, ob die deutschen Bischöfe durch ihre Teilnahme an der staatlichen Schwangerschaftsberatung Abtreibungen möglich machen dürften. Da gab es zwei katholische Autoren im Feuilleton, die leidenschaftlich gegen den Verbleib der deutschen katholischen Kirche in diesem Beratungssystem stritten, und das mit Erfolg. Nachdem dann noch ein großer Aufsatz von Robert Spaemann gegen die konsequenzialistische Ethik erschien, war die Diskussion über diese Frage beendet. Aber die unterlegenen Kräfte im deutschen Episkopat schwiegen nun zwar, waren aber entschlossen, etwas derartiges nicht noch einmal erleben zu wollen.

Zunächst wurde der bösartige Begriff „Feuilleton-Katholizismus“ lanciert, um den schreibenden Laien, die sonst so heftig umworben wurden, den geistlichen Ernst abzusprechen. Aber das war nur ein Vorgeplänkel. Und bald waren hinter den Kulissen die Weichen dann so gestellt, daß von einem „Feuilleton-Katholizismus“, der sich in einem Dissens zu den herrschenden Milieus im offiziellen Raum der Kirche befunden hätte, auch nicht mehr gesprochen werden mußte. Der Ton der Zeitung, wenn von Kirche die Rede war, hatte sich deutlichst geändert, und zwar nicht nur im Argumentativen, sondern auch im Stimmungshaften.

Nun ist es so, daß im liberalen, ökonomisch orientierten Bürgertum, das immer noch einen gewissen Anteil der Abonnenten der Zeitung ausmacht, das Interesse an kirchlichen Fragen ohnehin inzwischen gering ist. Daß die Artikel polemischer wurden, daß sie dem Ressentiment gegen tradierte Kirchlichkeit breiteren Raum ließen, ist vom größeren Teil des lesenden Publikums vielleicht nur achselzuckend registriert worden.

Im Fall des Limburger Bischofs sollte sich das ändern. Allmählich wurde für einen größeren Leserkreis, der jedenfalls über die Anteil nehmenden Katholiken deutlich hinausging, unübersehbar, das die Zeitung sich entschlossen von einer um Objektivität bemühten Berichterstattung verabschiedet hatte und die finanzielle Sorglosigkeit des Geistlichen zu einer Groß-Affäre machte, die in Sprache und Verfolgungseifer dem Muster der Corrida gegen den Minister Guttenberg und seinen erschlichenen Doktortitel und den Bundespräsidenten Wulff und sein Wüstenrot-Häuschen folgten.

Und dann kam es vor einem Jahr, am 24. Juni 2013, schließlich zu jenem Artikel auf Seite drei des Organs, an herausgehobener Stelle also, ganzseitig, der bisher ohnegleichen war, und dem ich mich nun ins Einzelne gehend noch einmal widmen will, mit Widerwillen, so schmerzhaft peinlich ist der Text.

Noch einmal sei rekapituliert: Geschrieben wurde er lange bevor der Kommissionsbericht vorlag; es gab eine starke Fronde im Bistum gegen den Bischof, deren Vorwürfe für Außenstehende aber nicht wirklich faßbar waren: er verbreite unter seinen Mitarbeitern eine Atmosphäre „lähmender Angst“ hieß es; er sei „kalt“; seine Residenz – die nota bene auch die Residenz seiner Nachfolger sein würde, es handelte sich nicht um ein privates Eigenheim – werde möglicherweise dreimal so teuer wie zunächst geplant – statt drei Millionen rechne man nun mit neun Millionen – und er sei „beratungsresistent“ – ein ominöses Wort, das sich jeder so auslegen konnte, wie er wollte: zum Beispiel mochte es ja auch heißen, daß der Bischof nicht ohne weiteres bereit war, sich von seinem Apparat lenken zu lassen. Für diese Vermutung sprach für Kenner der Verhältnisse manches. Bischof Tebartz-van Elst hatte es unternommen, ein Lieblingsprojekt seines Vorgängers, die Einrichtung von durch Laien, nicht mehr durch Priester geleiteten Gemeinden, die dem Kirchenrecht widersprach, zu kassieren, und das gegen den nachdrücklichen „Rat“ ebendieser Laien und der von einer neuen Ekklesiologie berauschten Priester.

Von diesem sehr ernsten, die Zukunft der ganzen Kirche betreffenden Konflikt würde man in unserem Aufsatz aber keine Zeile finden, obwohl er es war, der den Dissens zwischen Bischof und seinen Synodalräten, seinen Priesterräten und anderen nachkonziliär reichlich installierten Sowjets begründet hatte. Es sollte in diesem Aufsatz, wie man sehen wird, überhaupt nicht um etwas so Biederes wie Information gehen, sondern um, nun ja, vielleicht ist „Literatur“ der passende Begriff, so „atmosphärisch dicht“, um es in der Sprache der Literaturrezensionen zu sagen, beginnt das Stück, das nichts geringeres zum Ziel hat, als einen Mann lange vor Verkündung des Urteils dem bürgerlichen Tod zu überantworten:

„Limburg, den 23. Juni. Kalt ist es am Ostersonntag, so kalt, daß es die wenigen Zaungäste, die sich in der Abenddämmerung vor den Limburger Dom verirrt haben, schon beim Anblick des windumtosten Platzes fröstelt. Auch das Schauspiel, das sich ihnen wenige Minuten vor fünf Uhr bietet, ist nicht geeignet, die Herzen zu wärmen. Wie von Geisterhand geführt schreitet eine Phalanx von Ministranten und Geistlichen schweigend um den Dom, um kurze Zeit später in dem Gebäude zu verschwinden. ‚Großer Einzug’ hatte der Mann, der das Ende der Prozession bildet, seinem verschreckten Domkapitel kurz und bündig befohlen. In Rom wird abgerüstet, in Limburg aufgerüstet. Die Kälte kriecht durch Mark und Bein.“

Man sieht, es ist von einem mächtigen Schamanen die Rede, dessen Herzenswunsch sogar den Kosmos abkühlen lassen kann. Journalisten sollen komplexe Vorgänge, so hören wir, nicht aus Insider-Perspektive schildern, damit der ahnungslose Leser folgen kann: Unser Autor bemüht sich deshalb, die österliche Liturgie, deren Zeuge er geworden ist, aus dem Blickwinkel religiöser Ignoranz zu beschreiben, die er bei der Mehrheit seiner Leser wohl zurecht vermutet; und so hofft er die Lacher auf seiner Seite, wenn er die katholische Liturgie als lugubres Theater präsentiert; aber vielleicht handelt es sich hier doch um einen Fall der Übererfüllung. Der „Große Einzug“ zur Pontifikalvesper am Ostersonntag ist eine Selbstverständlichkeit, die gar nicht erst angeordnet werden muß, und schon gar nicht „kurz und bündig befohlen“; das gilt nebenbei an diesem höchsten Festtag der Kirche auch für jede einfache Gemeindekirche; im übrigen hat jedes sonntägliche Hochamt mit diesem „Großen Einzug“ zu beginnen, der den königlichen Einzug Jesu in Jerusalem am Palmsonntag darstellt, jener paradoxale Beginn der Passion, der zugleich über das Leiden hinausweist und die Wiederkunft präfiguriert.

Das kann ein simpler Journalist nicht wissen? Nicht jeder, aber dieser hier durchaus, denn er hat Theologie studiert, hat die ewigen Gelübde als Mönch abgelegt und ist zum Diakon geweiht worden, bevor er den geistlichen Stand aufgab. Er wäre von seiner Vorbildung hervorragend dazu disponiert, den Ritenschatz der Kirche einem unwissenden Publikum zu erläutern – wenngleich seine Kenntnis der Sprachen der Bibel so wacklig sind, daß er nicht weiß, was eine „Phalanx“ ist, es wäre freilich schade gewesen, bei der Beschreibung der Prozession, die nicht von „Geisterhand“, sondern von einem vorangetragenen Kruzifix geführt wurde, auf ein komisch-martialisches Gewürz zu verzichten.

„Von Einheit ist jetzt, fünf Jahre später (nach Amtsantritt) nichts zu spüren. Von Spannungen umso mehr“, heißt es später. Spannungen – ein ominöser Begriff – woraus mögen sie sich ergeben? Was sind die Pole, zwischen denen im Bistum Limburg Spannungen bestanden? Der Leser erfährt es nicht. Dabei gäbe es viel zu reportieren aus einer Bistumsgeschichte, in der in den letzten fünf Jahrzehnten ein antirömischer Affekt gezüchtet worden war. Von Bischof Kamphaus, dem Vorgänger von Tebartz, heißt es verharmlosend nur, er habe „Papst Johannes Paul II. länger als alle anderen deutschen Bischöfe im Kampf gegen den Ausstieg aus der gesetzlichen Schwangerenkonfliktberatung die Stirn geboten und habe dennoch erst im Alter von 75 seinen Rücktritt anbieten müssen“ – das ist unvollständig: Kamphaus war, nachdem er seine Rücktrittsdrohung erwartungsgemäß nicht wahrgemacht hatte, vom Papst durch die Entziehung der Verantwortung in der Beratungssache bestraft worden. In einem solchen Bistum mag der Übergang zu einem romtreuen Hirten tatsächlich nicht ganz spannungsfrei ausfallen, aber das vermochte nur der informierte Leser zu ahnen. Weiter im Text:

„’Der Hirte muß den Geruch seiner Schafe haben’, so hatte es der neue Papst Franziskus in Rom den Bischöfen und Kardinälen zu Beginn der Karwoche eingeschärft. In Limburg riecht es eher nach feinstem Leder. Eine schwarze blankgewienerte Limousine steht vor dem Eingang der Bischofsresidenz, ein braungebrannter Mittfünfziger mit reichlich Gel im Haar weicht dem Bischof nicht von der Seite. In der Kathedrale nimmt der Qualm gleich aus zwei Rauchfässern den Gläubigen buchstäblich den Atem.“

Verblüfft es nicht, daß der Autor offenbar glauben darf, mit Sozialressentiments bei seinen gutbürgerliche Lesern gegen einen Bischof Stimmung machen zu können? Denn es ist wieder Stimmung, nur Stimmung, aber sie wird immer giftiger. Das etwas peinliche Papst-Wort mag mit der Erfahrung Südamerikas ausdrücken wollen, daß für Seelsorger englisches Rasierwasser beim Dienst im Slum von Sao Paulo unpassend ist – das wirkliche Problem einer Diözese wie Limburg, das dem Autor natürlich bekannt ist, besteht aber doch darin, daß sie eine Kirche der Reichen ist, die die Verbindung zu den eigenen Armen – nicht zu jenen in exotischen Regionen! – längst verloren hat. Kirche und Gläubige der Rhein-Main-Region riechen nun einmal nach „feinstem Leder“, um den spießigen Vergleich des Autors aufzugreifen. Die Limousine des Bischofs wird, wie jeder bischöfliche Dienstwagen in Deutschland, zum Vorzugspreis gemietet, was dem Autor bekannt sein dürfte, aber „blankgewienert“ – weckt das nicht Assoziationen von Luxus, Macht und Herrschaft?

Man sieht den Sklaven vor sich, der den Wagen nicht gewaschen, sondern gleichsam auf Knien wienert, aber es ist kein Sklave, es ist ein „braungebrannter Mittfünfziger mit reichlich Gel im Haar“, und er wienert nicht nur den Wagen, „er weicht dem Bischof nicht von der Seite“. Und auch dem Autor nicht: der weiß, was für ein kostbarer Trumpf die Gestalt dieses Mannes in seinem substanzlosen Artikel werden kann; vier Mal läßt er ihn durch seinen Artikel wandern, bis der Qualm aus Verdächtigung, Insinuation, unschuldsvoller Andeutung – „Ich hab nix gesagt“, schließt die Schwätzerin auf der Hintertreppe gern ihre üble Nachrede – bis dieser Qualm sich zur Verleumdung verdichtet hat – einer unangreifbaren allerdings, man hört den Autor höhnisch rufen: „Sie müssen sich den Schuh ja nicht anziehen!“, diese Redensartlichkeit paßt jedenfalls in seinen Stil. Weiter:

„’Irres Bambi’, rief man Tebartz-van Elst bald hinterher.“ Wie lange ist es her, daß hämische Anspielungen auf körperliche Eigenheiten, hier die übergroßen Augen des Bischofs, in politischen Artikeln verpönt waren? Einen Kommentar über die Körperlichkeit der Kanzlerin hätte spätestens der gegenlesende Redakteur gestrichen, aber da hätte man es ja auch mit realer Macht zu tun gehabt, während der Bischof längst zum Abschuß freigegeben war, es lag nur noch kein hinreichend belastendes Material vor, aber die Löcher in der Argumentation ließen sich mit reichlichem Gel verschmieren. Beim Leser bleibt hängen oder besser kleben: Gegen den Bischof liegt offenbar Unerhörtes vor, was aber nicht faßbar ist.

Die Baustelle auf dem Domberg „verwandelte sich in einen Wald aus Planen“, wieder ein verunglücktes Bild, aber kein greifbarer Vorwurf, der die Konklusion „Aus Erwartung wurde Enttäuschung, die Fremdheit schlug in beiderseitiges Mißtrauen um“ mit Substanz zu füllen vermag. Ganz schlimm ist natürlich die Feststellung, der Bischof habe in der Liturgie ein „Bedürfnis nach seelenlosem Pomp“ und die Suggestion, die Gläubigen hätten Asthmaanfälle vor lauter Weihrauch, Klischees aus der Katholizismusschelte seit Luther – wie tröstlich, daß der Autor dagegen so seelenvoll schreiben kann. Spaß beiseite: die Klage über Seelenlosigkeit ist stets höchst verdächtig, sie ist beinahe immer Indiz für Sentimentalität und Verlogenheit.

Und apropos Verlogenheit: unvergessen ist Max Schelers Beobachtung: „Wer verlogen ist, braucht nicht mehr zu lügen.“ Ja, der Autor sagt die Wahrheit, wenn er beklagt, der Bischof habe – der Ton legt nahe: skandalöserweise – „eine neue Madonna“ für die Kathedrale angeschafft. Es mag Kirchen geben, in denen so viele Madonnenbilder zu finden sind, daß ein weiteres nicht bitter notwendig erscheint – aber die Limburger Bischofskirche zeichnete sich vor allen Bischofskirchen Deutschlands dadurch aus, daß in ihr kein einziges Madonnenbild zur Verehrung durch die Gläubigen zu finden war; der Vorgänger von Bischof Tebartz hielt marianische Präsenz für überflüssig. Daß der Bischof nun nach Jahrzehnten der Beata in seiner Kathedrale wieder eine Heimstatt schuf, hätte er durchaus mit Nachdruck bekannt machen können; er tat es nicht, aus Takt gegen den Vorgänger vermutlich, aber solche Diskretion bleibt in der Sphäre der Medien, in der inzwischen alles aufs Herausbrüllen und Zerschwatzen angelegt ist, unbedankt.

Als dispensierter Mönch und Diakon hätte der Autor auch Verständnis dafür vorbereiten können, daß der Bischof liturgische Gegenstände aus dem Museum holen ließ und ihnen die ihnen bestimmte Funktion zurückgab, für die die frommen Stifter sie einst geschenkt hatten. Sakrale Gefäße haben eigentlich in einem Museum nichts zu suchen, sie gehören in die Sakristei, wo sie ja gleichfalls, wenn sie außer Gebrauch sind, betrachtet werden könnten. Aber der Autor weiß schon, wie er dem gehässigen Affen Zucker geben kann: „... ein Tablett aus dem Fundus des Diözesanmuseums so groß wie für einen Truthahn als Schale für die Handwaschung ...“

Der Bischof sei bald in den Gemeinden nicht mehr „willkommen“ gewesen, „weil er auf Pilgerreisen in das Heilige Land die Nähe seines Fahrers der seiner Priester vorzog und es sich in den vorderen Sitzreihen des Flugzeugs wohlergehen ließ, während die Pilgerschar hinten unter sich blieb.“ Wie läßt man es sich auf einem engen Flugzeugsitz, ein Plastiktablett mit eingeschweißten Brötchen vor sich, wohlergehen? Wie tritt man in einem Flugzeug in Austausch mit einer Pilgerschar? Der Autor verdreht die Tatsachen, wie es die hysterischen Frauen, die ihre Ehemänner fertigmachen, in den Boulevardstücken der Yasmina Reza tun. Und so fortan. Und wenn die mageren Fakten gänzlich aufgezehrt sind, dann darf wieder der braungebrannte Mann vorüberschleichen wie der weiße Elefant im Rilke-Gedicht – „Ich hab nix gesagt“, das ist die Devise der spionierenden Concierge, die gut als Überschrift des Artikels geeignet gewesen wäre.

Welche Steine müssen dem Autor vom Herzen gerollt sein, als der Kommissionsbericht dann tatsächlich eine Teilverantwortung des Bischofs für die Mißwirtschaft in seinem Bistum erkannte und der Papst das Rücktrittsgesuch annahm! Wie hätte er dagestanden, wenn bei der Untersuchung kein kontestables Verhalten herausgekommen wäre? Es sah ja eine Weile offenbar so aus. Aber wir müssen uns um einen Journalisten wie den Autor keine Sorgen machen. Solche Leute nehmen grundsätzlich nicht ernst, was sie geschrieben haben – ihre Menschenverachtung beginnt grundsätzlich bei ihnen selbst und der Flüchtigkeit ihres Tuns.

Böse Presse, böse Zeiten, böse Sitten, so könnte man klagen. Aber so einfach ist es nicht. Als ich gegen unseren Artikel beim Herausgeber der Zeitung protestierte, antwortete derselbe mit überlegener Ironie: er beobachte als Protestant „mit Interesse die Entwicklungen im deutschen Katholizismus“. Zunächst brachte mich die unverhohlene Schadenfreude des Mannes auf, aber dann erkannte ich, wie recht er hatte. Nein, dieser Artikel und all das viele, das sonst noch von diesem Autor und vielen anderen katholischen Journalisten in ebenso respektablen Blättern geschrieben wurde, ist nur zum weniger wichtigen Teil ein Problem der Presse und ihrer kirchenfeindlichen Konventionen. Es ist zu allererst ein Problem der katholischen Kirche Deutschlands und ihrer auch in Erschöpfung und Schwäche nicht verminderten Bereitschaft zu Selbstzerfleischung und innerkirchlichem Bürgerkrieg bis zur Vernichtung.

Unser Autor ist eben viel weniger Repräsentant seines Intelligenzblattes, als der inoffizielle Sprecher gewichtiger Gruppierungen der deutschen Kirche, die ihn mit Informationen versorgen und ihm die zum Abschuß vorgesehenen Würdenträger bezeichnen. Vor Bischof Tebartz war das immerhin kein geringerer als Papst Benedikt, der, mit den Worten des Autors „grottenschlechte“ Theologe. Die vierzig Jahre nach dem II. Vatikanischen Konzil haben die deutsche Kirche in eine Schlangengrube verwandelt, - bewohnt von schwachen und ängstlichen, aber überaus bissigen Schlangen. Das verhängnisvolle System der Bischofskonferenz und ihrer allmächtigen Bürokratie sorgt dafür, daß keine starke Persönlichkeit mehr die Chance hat, auf einen Bischofsstuhl zu gelangen, auch die scheinbar nicht ganz Kraftlosen liegen an kürzester Leine. Es dürfte interessant sein, wer nach dem Fall des Bischofs Tebartz unter deutschen Prälaten noch auf den Limburger Stuhl gelangen möchte – ich versage mir, über die erforderliche charakterliche Eignung Spekulationen anzustellen. Für Zukunftsprognosen eigne ich mich nicht.

In der Gegenwart sehe ich nicht, wie die deutsche Kirche ihrem eigentlichen Daseinszweck, den Menschen die überwirkliche Gegenwart Gottes, den Zugang zu dem Emmanuel der Sakramente und die Realität von Fleischwerdung und Erlösung zu eröffnen, wieder gerecht werden will. Dagegen sind die Sorgen um eine übelwollende kirchenfeindliche Presse nicht mehr als die Belästigung durch ein Mückensummen. Bei allem Bedauern über das Verkommen des Qualitätsjournalismus darf man nicht vergessen, daß die Kirche andere Aufgaben hat, als sich mit den Zeitungen zu arrangieren.

Martin Mosebach arbeitet als Schriftsteller in Frankfurt am Main. Neben zahlreichen weiteren Auszeichnungen erhielt er 2002 den Heinrich-von-Kleist-Preis, 2006 den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und 2007 den Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Zum Klassiker geworden ist sein Buch über die „Häresie der Formlosigkeit“. Sein neuester Roman trägt den Titel: „Das Blutbuchenfest“ (München 2014).

(Anmerkung von Pater Prof. Wolfgang Ockenfels OP, Redaktionsleiter "Die neue Ordnung": Wir dokumentieren hier den Text, den Martin Mosebach am 1. Mai 2014 in Bonn vorgetragen hat, eingeladen vom Institut für Gesellschaftswissenschaften Walberberg, das seinen diesjährigen medienethischen jour fixe dem Thema widmete „Erwartungen an den Qualitätsjournalismus in Zeiten der Skandalisierung“. An diesem Symposium in Bonn mit 250 Teilnehmern wirkten weiter mit die Journalisten Günther von Lojewski, früherer Intendant des Senders Freies Berlin (SFB) und Martin Lohmann, Chefredakteur des privaten Fernsehsenders K-TV.
Der Titel der Zeitung und der Name ihres Redakteurs werden von Martin Mosebach ausdrücklich nicht beim Namen genannt, lassen sich aber leicht recherchieren.)







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