10 Mai 2015, 09:55
Die ‚schlechten Geheimnisse‘ der Sexualpädagogen
 
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Ein Kommentar von Dominik Lusser, Stiftung Zukunft CH.

Zürich (kath.net)
Gute von schlechten Geheimnissen zu unterscheiden gehört zum Einmaleins der Präventionsarbeit mit Kindern. Ziel dabei ist, dass das Kind lernt Gefahren zu erkennen und darüber zu reden. Dunkles wird so ans Licht geholt und als Bedrohung entlarvt. Ernüchternd ist die Erfahrung, dass sich die Elite der Schweizer Sexualpädagogen – die sich am 13. März 2015 in Luzern zur wissenschaftlichen Tagung „Sexualaufklärung bei Kindern“ traf – selbst nicht an ihre Prinzipien hält.

Die neoemanzipatorische Sexualpädagogik gibt vor, offen über Sexualität zu reden und so von allen Zwängen in der Sexualität zu befreien. Tatsache aber ist, dass die Fachleute um die Dachorganisation Sexuelle Gesundheit Schweiz das Feigenblatt einfach an andere Stellen verschoben haben. Das fängt schon mit der Darstellung der eigenen Geschichte an, wie eine sehr selektive Rückschau der Berner Historikerin Brigitte Ruckstuhl auf die Geschichte der „Sexualität des Kindes“ der letzten 200 Jahre zeigte.

Mit dem französischen Queer-Theoretiker Michel Foucault deutet Ruckstuhl das Sexualitäts-Verständnis einer Epoche als Abbild der jeweiligen sozialen Ordnung und Machtverhältnisse. Ruckstuhl konstatiert eine zunehmende Entleerung der Sexualität von einem objektiven Sinn sowie die Abnahme einer gesellschaftlichen Normierung zugunsten einer individuell-selbstbestimmten Beliebigkeit. Diese Geschichte der „Befreiung“, in der sich die Aushandlungsmoral als bisher neueste Form der Regulierung von Machtverhältnissen herausgebildet hat, sei aber noch nicht zu Ende. Der gesellschaftliche Diskurs über die Grenzen der sexuellen Selbstbestimmung des Kindes sei beispielsweise immer noch konflikthaft

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Die sexuelle Befreiung – eine Erfolgsgeschichte?

Um 1800 sei man der Überzeugung gewesen, dass die Onanie zu Geistesstörungen führe. Und noch in den 1960er-Jahren hätte der christliche Arzt Theodor Bovet vor der Suchtgefahr der Onanie gewarnt und sie als billige Lustbefriedigung beurteilt. „In den 1970er Jahren aber haben sich diese Bedenken“ – so Ruckstuhls vorschnelles Urteil – „in Nichts aufgelöst“. Dass mit der Onanie einhergehende Probleme heute kaum mehr Thema sind, ist wahr. Ob mit dem fehlenden Diskurs aber auch die Probleme verschwunden sind, ist eine andere Frage. Aufgrund des heutigen Wissenstandes wird niemand mehr August Tissots These von der Krankheit Onanie verteidigen.

Onanie als Sucht – häufig in Verbindung mit Pornokonsum – ist hingegen ein zunehmendes Problem, das die Sexualpädagogik nicht einfach übergehen kann. Vor allem dann, wenn man mit gutem Grund annehmen darf, dass erfüllte Sexualität etwas mit der Beziehung sich liebender Menschen zu tun hat. Nur wer mit der ideologischen Sexualpädagogik unserer Tage behauptet, dass Taschenvagina und Dildo den realen Partner gleichwertig ersetzen können, wird den Rückzug in die virtuelle Sexualität als Zunahme an sexueller „Vielfalt“ deuten können.

Fragliche Normalisierungsprozesse

Ab der Mitte des 20 Jahrhunderts hat, so Ruckstuhl, im Gefolge der berühmten Kinsey-Reports die sozialstatistische Erfassung sexueller Praktiken nach und nach zu einer „Normalisierung“ von bislang tabuisierten Formen der Sexualität geführt. Abgesehen davon, dass Kinseys Angaben z.B. zur Orgasmusfähigkeit von Kleinkindern auf Fälschungen und dubiosen Quellen beruhen, mit denen Gesellschaft und Politik ganz gezielt dazu gedrängt werden sollten, die gesetzlichen Normen der „gelebten Realität“ anzupassen, stellt sich hier auch die Frage, ob das faktisch häufige Vorkommen einer sexuellen Praxis bereits als zureichendes Kriterium für seine Normalität bzw. Qualität gelten darf.

Ruckstuhl liess ferner unerwähnt, dass bis heute sehr einflussreiche Sexualpädagogen wie Helmut Kentler nach 1968 auch eine Normalisierung von Sex zwischen Kindern und Erwachsenen forderten. Ebenso unterschlug sie die Tatsache, dass Pro Familia, die deutsche Partnerorganisation von Sexuelle Gesundheit Schweiz, bis in die 90er-Jahre hinein pädophilen-freundliche Standpunkte vertrat.

Der Soziologe Rüdiger Lautmann, der einen Unterschied zwischen Kindesmissbrauch und einvernehmlichen Sex zwischen Kindern und Erwachsenen forderte, konnte noch 1995 im Pro Familia Magazin (Nr. 3) eine „natürlichen Willensübereinstimmung“ behaupten: Der „echte Pädophilie“ gehe „ausserordentlich vorsichtig“ vor, eine Schädigung der Kinder sei „sehr fraglich“. Und selbst die von Sexuelle Gesundheit Schweiz mitverfassten „WHO-Standards für Sexualaufklärung in Europa“ von 2011 beziehen sich noch auf die „Forschungsarbeiten“ von Theo Sandfort (Childhood sexuality, 2000), einem niederländischen Psychologen und Mitbegründer der Pädophilenzeitschrift Paidika.

Ohne diese und viele andere dunklen Seiten historischer Normalisierungsprozesse zu erwähnen, hob Ruckstuhl deren ideologischen Ausgangspunkt – die Konstituierung des Kindes „als selbstbestimmtes sexuelle Wesen“ durch die 68er-Pädagogik – als Meilenstein der sexuellen Befreiung hervor. Was nicht politisch motivierte Forschung dazu sagt, zeigt exemplarisch der Schweizer Kinderarzt Remo Largo, der in „Jugendjahre“ (2011) schreibt: „Körperlichkeit im Umgang mit dem Kind, sei es in der Pflege, im sozialen Austausch oder im Spiel, trägt wesentlich zu seinem emotionalen Wohlbefinden bei. Sie sollte aber von oftmals selbst ernannten Fachleuten nicht willkürlich und missbräuchlich sexuell umgedeutet werden.“

Die „sexuellen Rechte“ von Kindern und Jugendlichen

Wie das neue Unterrichts-Standartwerk „Sexualpädagogik der Vielfalt“ (12008; 22014) zeigt, ist auch die aktuelle Generation der neoemanzipatorischen Sexualpädagogen nicht vom Vorwurf freizusprechen, durch sexuell übergriffigen Unterricht die Gesellschaft verändern zu wollen. Das Werk bezieht sich explizit auf Kentler und wird bereits in mehreren Schweizer Kantonen von Fachorganisationen (z.B. Berner Gesundheit) und Schulbehörden (Volksschulamt Kanton Zürich) empfohlen.

Laut den Autoren sollen Kinder ab zehn Jahren zeigen, was sie sexuell immer schon mal ausprobieren wollten. Bei den Massagen, Stichwort „Gänsehaut", genügt laut Anweisung dünne Kleidung, damit der unterschiedliche Druck und die verschiedenen Streichrichtungen auch erspürt werden können. Dabei dürfen verschiedene Massagetechniken angewendet werden, auch „vorgezeigt durch die Leitung“.

Von aussen sollte der Raum nicht einsehbar sein, empfehlen die Autoren. In einer anderen Übung werden die Schüler eingeladen, ihre „Lieblingsstellung“ und „Lieblingssexualpraktik“ mitzuteilen. In „Galaktischer Sex“ sollen Jugendliche alle ihnen bekannten Bezeichnungen für sexuelle Praktiken nennen. „Die Jugendlichen werden ermutigt, auch scheinbar Ekliges, Perverses und Verbotenes zu nennen. (…) In einem nächsten Schritt bilden die Teilnehmenden Kleingruppen und erfinden galaktische Sexpraktiken, die auf der Erde unbekannt sind.“

Diese Beispiele zeigen, worauf das dubiose Recht auf sexuelle Selbstbestimmung zielt, das angeblich schon Kindern zukommt. Anstatt dem Recht des Kindes auf Sexualerziehung, d.h. auf Orientierung und Wertvermittlung zu entsprechen, werden Kinder zu möglichst frühen und beliebigen sexuellen Erfahrungen ermutigt, wobei sie gemäss WHO-Standards „auf diesem Weg“ selbst herausfinden sollen, „mit Intimität umzugehen“ und „Verhaltensregeln für sexuelle Situationen“ zu entwickeln. Es wäre übrigens auch eine dringliche Frage an die Forschung herauszufinden, wieweit die Zunahme sexueller Übergriffe unter Kindern und Jugendlichen mit dieser Art Sexualpädagogik in Verbindung steht.

Verwirrung als Programm

Als Methode möchten die Autoren von „Sexualpädagogik der Vielfalt“ ausdrücklich die „Verwirrung“ und die „Veruneindeutigung“ angewendet wissen. Wen wunderts? Wenn „Sexualität und das, was wir darunter verstehen“ – wie Brigitte Ruckstuhl behauptet – nur ein historisches bzw. soziales Produkt sein soll, wittern eben einige die Chance, die gesellschaftliche Deutungshoheit über die Sexualität selbst an sich zu reissen, nicht genehme Ansichten durch Verwirrung zu dekonstruieren um Raum zu schaffen für willkürlich neue, „galaktische“ Formen der Sexualität. Darum aber agiert die Sexualpädagogik der Vielfalt, die mit Recht als eine Speerspitze der Gender-Revolution bezeichnet werden kann, nicht auf wissenschaftlichem Boden, sondern auf der Grundlage eines revolutionären politischen Programms, das mit der subversiven Kraft der Sexualität spielt.

Wie unsensibel diese „Sex-Politik“ mit Kindern verfährt, zeigt exemplarisch ein Dialog aus einem der Workshops der Luzerner Tagung. Eine mehrfache Mutter hatte aus eigener Erfahrung geschildert, wie wichtig es ist, Kinder wenn möglich immer nur so weit aufzuklären, wie diese entsprechend ihrem Entwicklungstand danach fragen. Darauf fragte der PH-Dozent Lukas Geiser, der für die Empfehlung von „Sexualpädagogik der Vielfalt“ im Kanton Zürich mitverantwortlich ist, scheinbar verständnislos, dass dies in anderen Schulfächern wie der Mathematik ja auch nicht angeht? Auf die Rückfrage der Mutter, worin denn bitte der „intim-emotionale Aspekt der Mathematik“ liege, konnte Geiser nur ausweichend antworten.

Licht ins Dunkel!

Im krassen Gegensatz dazu wurde im Workshop-Beitrag „Ach Du dickes Ei“ – der ausgerechnet von zwei Sexualpädagoginnen von Pro Familia vorgestellt wurde – deutlich, dass es in der Praxis dennoch Fachleute gibt, die sorgfältige Arbeit leisten oder zumindest bestrebt sind, feinfühlig vorzugehen. Der besagte Workshop jedenfalls, der Kindern ab 4 Jahren zeigt, „wie sich ein Baby in Mamas Bauch entwickelt – wie also aus einem winzigen Ei ein richtiger kleiner Mensch heranwächst“, überzeugte alle Workshop-Teilnehmer.

Eindrückliche Fotos von der Entwicklung des Embryos, eine altersgerechte Herangehensweise (die den Geschlechtsakt bewusst ausklammerte) sowie viel Wertschätzung gegenüber der schwangeren Frau und dem ungeborenen Kind zeichneten dieses gute Praxisbeispiel aus. Auch wurde in diesem Workshop deutlich, dass sich sowohl für Kinder wie für unvoreingenommene Erwachsene das eigentlich Staunenswerte und Humane an der Sexualität heute wie eh und je zu allererst über die natürliche Entstehung neuen Lebens erschliesst. Es wäre wohl noch viel mehr gute Arbeit möglich, wenn der mit „schlechten Geheimnissen“ reich befrachtete ideologische Überbau an den Sexualpädagogischen Ausbildungsstätten und in den Fachorganisationen endlich abgeschüttelt würde. So lange dies aber nicht der Fall ist, tun Eltern gut daran, ihre Kinder selbst über gute und schlechte Geheimnisse aufzuklären.

Einen wichtigen Beitrag, die Sexualpädagogik in der Schweiz wieder auf wissenschaftlichen Boden zu stellen, leistet zur Zeit die Petition: „Schluss mit zweifelhafter Sexualpädagogik“:

https://www.openpetition.eu/ch/petition/online/schluss-mit-zweifelhafter-sexualpadagogik


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