19 Mai 2015, 10:00
'Unser Blut ist billiger als Öl'
 
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Auf dem 1. Syrisch-Orthodoxen Kirchentag im westfälischen Warburg warnt Patriarch Mor Ignatius Aphrem II. vor dem Versagen des Westens im Angesicht des Terrors. Von Michael Hesemann

Warburg (kath.net) Es waren gleich zwei Ereignisse, die unüberhörbar verkündeten, dass die Syrisch-Orthodoxe Kirche in der Mitte der Gesellschaft und im Herzen Deutschlands angekommen ist. Seit 1848 finden in Deutschland „Kirchentage“ statt, die zunächst von katholischen, dann auch von evangelischen Gläubigen veranstaltet werden. Seit 2003 gibt es sogar „ökumenische Kirchentage“, bislang zwei an der Zahl. Doch seit 2015 wird das Spektrum um eine neue Komponente erweitert, als im ostwestfälischen Städtchen Warburg der erste syrisch-orthodoxe Kirchentag abgehalten wurde. Das zeugt, zuallererst einmal, von einem gesunden Selbstbewusstsein der etwa 100.000 Gläubigen dieser altorientalischen Kirche, deren Zahl durch den Bürgerkrieg in Syrien, den IS-Terror im Nordirak und die Diskriminierung der Christen in der Türkei ständig zunimmt. Sie wollen dazugehören, sie wollen angehört werden. Und das ist auch gut und richtig so.

Doch dabei beließen sie es nicht. Denn der Höhepunkt des ersten syrisch-orthodoxen Kirchentages der deutschen Geschichte war ein nicht minder historisches Ereignis: Der erste Deutschlandbesuch des neuen syrisch-orthodoxen Patriarchen, Seiner Heiligkeit Moran Mor Ignatius Aphrem II., der zuvor in Frankfurt und Gießen von seiner versprengten Herde euphorisch begrüßt wurde.

Beide Ereignisse verlangen einen Blick in die Kirchengeschichte. Denn die Syrisch-Orthodoxe Kirche gilt immerhin als die Älteste der Christenheit. Als die Jünger Jesu beschlossen, im Auftrag des Herrn das Evangelium der ganzen Welt zu verkünden, richtete der heilige Petrus auf jedem der damals bekannten Kontinente ein „Missionszentrum“ ein. Die Gemeinde von Antiochia, der seinerzeit bedeutendsten Stadt Asiens, wurde bereits im ersten Jahrzehnt nach dem Pfingstereignis begründet. Hier wurden, wie es in der Apostelgeschichte heißt, die Jünger Jesu „zum ersten Mal Christen“ (Apg 11,26) genannt. Nach seiner Rückkehr aus Rom, dem Zentrum der Missionsarbeit in Europa, begründete Petrus selbst in Antiochia den zweiten apostolischen Stuhl, bevor er Markus in das dritte Missionszentrum, nach Alexandria, entsandte. Da der Apostelfürst, wie die Apostelgeschichte und der Galaterbrief des Paulus belegen, selbst jahrelang der Gemeinde von Antiochia vorstand, erhebt der heutige Patriarch (der längst in Damaskus residiert) den (völlig legitimen) Anspruch, neben dem römischen Papst ebenfalls „Nachfolger Petri“, hier eben auf dem „Heiligen Stuhl von Antiochia und ganz Asien“, zu sein. Die Kirchenspaltungen von 451 (Chalcedon) und 1054 führten dazu, dass es mittlerweile fünf Patriarchen von Antiochia gibt, nämlich jene der Syrisch-Orthodoxen, Griechisch-Orthodoxen, Maronitischen, Melkitischen (Griechisch-Katholischen) und Syrisch-katholischen Kirche mit Sitzen in Damaskus und Beirut. Die längste Sukzessionslinie kann freilich der syrisch-orthodoxe Patriarch vorweisen, Moran Mor Ignatius Aphem II., der am 31. März 2014 zum „123. Patriarchen auf dem apostolischen Stuhle Petri“ gewählt wurde.

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Der gerade einmal 50jährige ist ein Glücksfall für seine Kirche. Nicht nur, dass seine ebenso stattliche wie gütige Erscheinung etwas Gewinnendes hat, er ist auch ein Mann der Ökumene und ein echter Kosmopolit. Am 3. Mai 1965 in Qamishli (Syrien) geboren, studierte er im Libanon und in Ägypten, bevor er als Sekretär des verstorbenen Patriarchen Mor Ignatius Zakka diente. 1991 setzte er seine Studien im St. Patrick’s College in Maynooth/Irland fort, wo er erfolgreich promovierte. Mit nur 30 Jahren wurde er zum Erzbischof geweiht und als Patriarchalvikar in die neu gegründete Erzdiözese der Vereinigten Staaten von Amerika mit Sitz in Teaneck/New Jersey entsandt. Während seiner Amtszeit begründete er eine Vielzahl neuer Gemeinden, auch in der Hauptstadt Washington D.C. Zudem wurde er der Beauftragte seiner Kirche für Fragen der Ökumene und gehörte bald dem Zentralkomitee des Ökumenischen Rates der Kirchen und dem Nationalen Kirchenrat der USA an. Auch nach seiner Wahl stellte er die ökumenische Begegnung in das Zentrum seines Dienstes. Zuletzt traf er sich in Etschmiadzin/Armenien mit den Repräsentanten der Weltkirche, wo er nicht nur der 1,5 Millionen armenischen Opfer des Völkermordes von 1915/16 gedachte. Auch rund 300.000 syrisch-orthodoxe Christen, Aramäer und Assyrer, wurden damals von den Türken ermordet.

Das tausendjährige Warburg ist neben Gütersloh, Paderborn und Delmenhorst das wichtigste Zentrum der Syrisch-Orthodoxen Kirche in Deutschland, seit das neugotische Kloster, das die Altstadt überragt, 1997 an sie abgetreten, zu ihrem Bischofssitz ausgebaut und nach dem hl. Jakob von Sarug benannt wurde. Hier wird die Liturgie in Aramäisch gefeiert, der Sprache Jesu. Das ausgedehnte Klostergelände beherbergte auch den ersten Syrisch-Orthodoxen Kirchentag, der am 15. Mai feierlich eröffnet wurde. Sein Ziel war Programm: „Kirche lebendig und erlebbar machen“.

Schon die Eröffnungsfeier zeigte, wie gut Ökumene funktionieren kann und welches Ansehen die Syrisch-Orthodoxe Kirche in Deutschland Dank der Pionierarbeit ihres ersten Erzbischofs Julius Dr. Hanna Aydin, mittlerweile emeritiert, genießt. So nahm an ihr auch der Vorsitzende der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Gerhard Feige (Magdeburg), teil, der in einem Grußwort die guten Beziehungen und den ökumenischen Geist zwischen der katholischen und der Syrisch-Orthodoxen Kirche hervorhob. Dabei erinnerte er an die Gemeinsamen Erklärung vom 23. Juni 1984, in welcher Papst Johannes Paul II. und der Syrisch-Orthodoxe Patriarch von Antiochia, Ignatius Zakka I. Iwas, die Übereinstimmung im Verständnis der Christologie erklärt und gegenseitige pastorale Hilfen vereinbart hatten. „Ich bin gewiss, dass wir unsere geschwisterlichen Kontakte auch in Zukunft fortsetzen und vertiefen werden“, betonte Bischof Feige und wünschte den Gläubigen den Segen Gottes zum Aufbau und zur Festigung der syrisch-orthodoxen Gemeinden in Deutschland.

Angesichts der angespannten Lage im Nahen und Mittleren Osten verwies Bischof Feige mit Sorge auf die Verfolgung und Vertreibung von Christen in Syrien und anderen Regionen: „Es ist nicht hinzunehmen, dass die Zahl der Christen, die zur Flucht getrieben werden, steigt und das Christentum von dort, wo es seit alters her seine Heimatstätte hat, verdrängt zu werden droht.“ Im Syrisch-Orthodoxen Kirchentag sehe er die Chance, in Deutschland noch stärker auf die bedrückende Situation in Syrien und den Nachbarländern aufmerksam zu machen. Stellvertretend für das Leiden der Christen erinnerte er an die beiden verschleppten Bischöfe Mar Gregorius Yohanna Ibrahim, syrisch-orthodoxer Metropolit von Aleppo, und Boulos Jazigi, griechisch-orthodoxer Metropolit von Aleppo, deren Schicksal noch immer ungewiss sei. Gemeinsam mit den Kirchen vor Ort engagieren sich die Deutsche Bischofskonferenz und ihre Hilfswerke, um die schlimmste Not zu lindern und immer wieder an die politisch Verantwortlichen zu appellieren, sich für Frieden und die Flüchtlinge in der Region einzusetzen. Bischof Feige: „Ich möchte den Kirchen und Christen in den Krisengebieten versichern, dass die Deutsche Bischofskonferenz ihnen solidarisch verbunden bleibt und dass wir sie in unser fürbittendes Gebet einschließen.“

Die Situation der Christen im Nahen Osten stand auch im Mittelpunkt des zweiten Kirchentags-Tages. In der Hauptveranstaltung diskutierte Seine Heiligkeit, Patriarch Moran Mor Ignatius Aphrem II., auf großer Bühne mit Prof. Thomas Schirrmacher von der Weltweiten Evangelischen Allianz und dem MdB Prof. Heribert Hirte (CDU), der stellvertretend für den verhinderten Fraktionsvorsitzenden der CDU/CSU, Dr. Volker Kauder, nach Warburg gekommen war und überzeugte durch Eloquenz und Sachverstand. „Wir wissen, dass wir der Politik nicht wichtig sind“, stellte er eher resignierend als provokativ fest, „unser Blut ist ihnen weniger wert als Öl.“ Verständnis dafür, dass der Westen die syrische „Opposition“ unterstützt, hat er nicht. „Wir hatten die meisten Freiheiten, vor allem aber hatten wir Frieden. Syrien war ein sicherer Ort für jedermann, bevor der ‚arabische Frühling‘ ausbrach. Und, glauben Sie mir: Das war keine spontane Bewegung unzufriedener Bürger. Das war von außen gesteuert. Dahinter standen fremde Mächte: Saudi Arabien, Katar und die Türkei“. Doch auch Schirrmacher machte sich keine Illusionen: „Wenn wir so weitermachen, ist das Problem in drei Jahren gelöst. Dann sind die Christen tot und die Länder des Nahen Ostens zerstört.“ Um das zu verhindern, hätte die Politik genau zwei Alternativen: Sie könne entweder „die Tore weit öffnen“ und Hunderttausende Flüchtlinge aufnehmen, oder sie müsse in Syrien und dem Irak vor Ort militärisch eingreifen. Schirrmacher: „Ich bin dafür, die Christen in ihrer Heimat zu schützen!“

Doch eben dafür ließe sich in den europäischen Parlamenten, auch im Bundestag, keine Mehrheit bekommen, wandte Hirte ein: „In Deutschland fehlt noch das Verständnis für eine solche Intervention.“ Muss es also erst „krachen“, muss es erst in Deutschland selbst zu einem Terrorakt kommen, damit den Deutschen der Ernst der Lage bewusst wird? „In diesem Moment würden bei uns die Karten neu gemischt“, weiß Schirrmacher. Bis dahin aber gelte in der Politik das St. Florian-Prinzip: „Verschon mein Haus, zünd‘ andere an!“ Papst Franziskus nannte das treffend „die Globalisierung der Indifferenz“.

Hat die Staatengemeinschaft also bislang versagt? „Sind sich die Regierungen denn überhaupt in irgendetwas einig?“, stellte der Patriarch die Gegenfrage. Er sieht den Konflikt in Syrien jedenfalls „nicht als lokalen, nicht als regionalen, sondern als internationalen Konflikt: Hier stehen die Russen und ihre Alliierten auf der einen, die USA und ihre Verbündeten auf der anderen Seite. Wir stehen da gar nicht auf der Agenda. Wir gelten als Kollateralschaden. Aber wir glauben, dass wir ein anderes Schicksal verdient haben.“

Völlig unterschätzt würde, welche Gefahr vom „Islamischen Staat“ (IS) ausginge. „Der IS ist gegen die Zivilisation“, erklärte Moran Mor Ignatius Aphrem II., „sie vertreten die Kultur des Todes. Der Westen darf das nicht zulassen. Denn Terror kennt keine Grenzen!“

Wohin es führen kann, wenn die Staatengemeinschaft kollektiv wegschaut, zeigte eindrucksvoll eine Sonderausstellung zum „Sayfo“ („Jahr des Schwertes“), dem Völkermord an den aramäischen und assyrischen Christen vor hundert Jahren. Kein Zweifel, dass die syrischen Christen damals ebenso blutig verfolgt wurden wie die Armenier. Doch ihre Heimat lag zu entlegen, zu weit von der Hauptstadt Konstantinopel und den Großstädten mit ihren internationalen Konsulaten entfernt, um damals gleichermaßen Beachtung zu finden. Zudem behaupteten die Türken, die von Massakern begleiteten Deportationen seien Maßnahmen gegen politische Autonomiebestrebungen der Armenier; die syrischen Christen wurden, wenn überhaupt von ihnen gesprochen wurde, auch damals schon zum Kollateralschaden erklärt. Erst allmählich setzte sich die Erkenntnis durch, dass es gar nicht um die Armenier allein ging, dass keine Aufstände verhindert, sondern ein lange vorbereiteter Plan umgesetzt werden sollte: die gewaltsame Verwandlung des multireligiösen Vielvölkerstaates Türkei in einen homogenen Nationalstaat, die fast vollständige Vernichtung des christlichen Elementes in Anatolien.

Dass dies den Türken nicht ganz gelungen ist, machte die syrischen Christen stark und selbstbewusst. Sie sind es leid, übersehen und überhört zu werden. Auch in dieser Hinsicht war ihr Kirchentag in Warburg ein deutliches Signal: Es gibt uns, wir möchten dazugehören! Jetzt sind wir alle sind aufgefordert, sie als Brüder zu umarmen… und zu verhindern, dass sich die schrecklichen Ereignisse von 1915 vor unseren Augen wiederholen.

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Völkermord an den Armeniern
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Foto vom syrisch-orthodoxen Kirchentag (c) Michael Hesemann







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