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Alte und neue Bestreiter der Auferstehung

24. Mai 2003 in Weltkirche, keine Lesermeinung
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KATH.NET dokumentiert einen Vortrag von Bischof Gerhard Ludwig Müller bei der Videokonferenztagung der Kleruskongregation über die Auferstehung vom 29. April 2003


Die Wiederauferstehung Jesu aus dem Tode und die Offenbarung der Menschwerdung des Gotteswortes in der erlösten Person des Jesus von Nazareth ist ein einzigartiges und beispielloses Ereignis.

In der Natur ist nichts dergleichen bekannt. Deshalb ist es so problematisch, einen solchen Vorfall auf die Ebene der menschlichen Kenntnis und Sprache zu bringen, ohne der Wiederauferstehung Jesu ihre Spiritualität zu nehmen.

Die Begriffsbildung beim Menschen hängt immer von seiner durch seine Sinne vermittelten Erfahrung der Welt ab. Allerdings erfordert die Erfahrung des Objekts von der Vernunft die Fähigkeit, über das Objektive hinaus zu denken. Diese Transzendentalität der Vernunft ist die metaphysische Voraussetzung der Bildung allgemeiner Begriffe. Der Begriff einer als Objekt erfahrbaren Entität enthält deshalb implizit immer die transzendentale und nicht-objektive Erfahrung des Wesens, welches den Horizont der Kenntnis und die Quelle aller Wesen darstellt. Die Erfahrbarkeit Gottes setzt deshalb immer den Willen voraus, sich selbst als Teil des göttlichen Wortes zu betrachten, welches sich durch ein sinnlich erfassbares Medium erfahrbar macht. Die Erfahrung des Ostermysteriums besteht darin, dass Gott sich am transzendentalen Horizont der Kenntnis der Jünger erkenntlich macht, und zwar durch das Zeugnis Jesus, welcher sich den Jüngern auf eine Art und Weise zeigt, dass sie ihn als lebendigen Teil Gottes erfassen können. Der Gebrauch der alttestamentarischen theophanischen Formel (vgl. Es 3,2) verdeutlicht, dass die Ostererscheinungen Christi Offenbarungsereignisse sind.

Eine moderne Kamera hätte weder die Bilder noch die Klänge der Wiederauferstehung – die Verwirklichung des persönlichen Verhältnisses zwischen dem Vater und dem menschgewordenen Sohn im Heiligen Geiste – noch die Ostererscheinungen Jesu vor seinen Jüngern wiedergeben können. Anders als die menschliche Vernunft verfügen die Maschinen und die Tiere nicht über die Fähigkeit, transzendentale Erfahrungen zu machen und vom Wort Gottes durch sinnlich wahrnehmbare Phänomene und Zeichen angesprochen zu werden. Nur die menschliche Vernunft kann vom Geist Gottes – in seiner innigen Einheit aus Kategorialität und Transzendentalität – befähigt werden, durch die sinnliche Erfahrung der Offenbarung die reelle Person Jesus als Quelle der spirituellen Erfahrung zu erkennen.

Die Zeugen der Ostererscheinungen haben ihre Erfahrung weder auf religiöse Ekstasen noch auf ihre Phantasie noch auf subjektive Visionen oder Halluzinationen zurückgeführt. Sie sind nicht Sklaven einer vorwissenschaftlichen und mythologischen Weltanschauung. Die Wiederauferstehung war für sie nicht ein Ausdruck einer allgemeinen Überzeugung, nach welcher aus dem Tod ständig das Leben entsteht.

Das spontane Zeugnis der Jünger muss ernst genommen werden. Alle Zweifel über den Wahrheitsgehalt der Wiederauferstehung (S. Reimarus, D. F. Strauss usw.) und der Versuch, sie als eine subjektive Erfahrung der Jünger zu erklären, zeugen lediglich von ideologischer Voreingenommenheit. Für jemanden, die eine deistische Auffassung Gottes und eine mechanistische Weltanschauung pflegt, muss die Wiederauferstehung Jesus als ein wundersames natürliches Ereignis erscheinen, welches gegen die naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten der Materie verstößt.

Die Ablehnung der Wiederauferstehung Jesus von Seiten der hellenistischen Welt (vgl. Apostelgeschichte 17,31) lässt sich hingegen dadurch erklären, dass in dieser Kultur Gott nicht als der Schöpfer der Materie angesehen wird. Die Vervollkommnung des Menschen selbst in seinem gottgeschaffenen Körper erscheint außerhalb der biblischen Auffassung Gottes theologisch und anthropologisch absurd.

Die Jünger argumentieren auf hermeneutischer Ebene, welche die Erkenntnis der Wiederauferstehung Jesu und der Erfahrung Israels mit Gott – Schöpfer des Geistes und der Materie, welcher sich für den Menschen in die Geschichte eingreift – durchaus erlaubt. Er ist der Gott der „selber jedermann Leben und Odem und alles gibt" (Apostelgeschichte 17,25). Als Schöpfer allen Lebens und des Menschen, hat er „einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis richten will mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat" (At 17,31). Diese Grunderfahrung der transzendentalen Realität Gottes und seines mächtigen Werks in der Geschichte ermöglicht es, Gott als Jesus von Nazareth sowie seine Selbstoffenbarung in seinem Sohn zu erkennen (Ga 1,16).

Die Wiederauferstehung Jesu ist demnach in Verhältnis zu den kognitiven Möglichkeiten der Schöpfung ein transzendentales Ereignis. Es wird dem Menschen nur durch die Selbstoffenbarung des gekreuzigten Jesus zugänglich, welcher sich als Mittler der erlösten und beim Vater lebenden basileia zu erkennen gibt. Die Ostererscheinungen sind ein historisch beweisbares Faktum, welches den Osterglauben der Jünger begründet hat. Die Wiederauferstehung Jesu ist allerdings nicht als eine Rückkehr eines Toten zum irdischen Leben zu verstehen, und er selbst darf nicht als ein natürliches Wesen betrachtet werden. Es wäre nämlich nicht möglich, das Ostermysterium medizinisch-empirisch zu beweisen oder nach solchen Kriterien auszuwerten.

Die Erkenntnis der Realität dieses Ereignisses ergibt sich aus den Ostererscheinungen. Der Glaube der Jünger und das Zeichen sind historische Fakten und sind das, was das Ostermysterium der Erkenntnis erschließt.

Wie der Vater den messianischen Mittler seiner Herrlichkeit durch den Heiligen Geist aus den Toten auferweckt und auf diese Weise sein göttliches Wort (bzw. seinen göttlichen Sohn) in der Menschlichkeit Jesus offenbart hat (Röm 1,3; 8,11), so werden die Einheit von Jesus und seinem Vater sowie seine Teilnahme an der Glorie Gottes nur durch den Heiligen Geist im menschlichen Glauben erkennbar: „niemand kann Jesus den Herrn nennen außer durch den heiligen Geist" (1 Kor 12,3).

DAS LEERE GRAB IN DER OSTERTRADITION

In der ursprünglichen Ostertradition wird das leere Grab niemals erwähnt. Es kann allenfalls als eine implizite Voraussetzung aller präpaolinischen Glaubensbekenntnisse (l Kor 15,3-5). Sie sprechen von Christus als Subjekt, der starb, begraben wurde und am dritten Tag wiederauferstand. Die Metapher der Wiederauferstehung symbolisiert hierbei deutlich das Aufstehen einer Leiche und die Befreiung vom Grab. Das „Grab" steht für das Siegel auf dem Tod Jesu, und die Leiche ist der Beweis seines Todes. Die Wiederauferstehung hat deshalb nicht außerhalb der Welt, sondern in der Geschichte und durch die Person Jesu stattgefunden.

In seiner Osterpredigt etabliert der Apostel Petrus ein Verhältnis zwischen dem wiederbelebenden Werk Gottes an Christus und der körperlich-spirituellen Existenz Jesus. Dieses Verhältnis impliziert, dass Gott sein Werk an der Leiche Christi vollzogen hat. In seiner Vorankündigung der Wiederauferstehung Christi schreibt der Prophet: „Er ist nicht dem Tod überlassen, und sein Leib hat die Verwesung nicht gesehen" (At 2,31; vgl. Sal 16,10).

Anders als in Johannes’ Evangelium, in den synoptischen Evangelien wird das leere Grab vor den Ostererscheinungen entdeckt. Diese Evangelien verbinden die Galiläische Tradition der Ostererscheinungen mit den jerosolimischen Erzählungen des leeren Grabs. In letzteren werden die Frauen damit beauftragt, den Aposteln zu verkünden, dass ihnen Jesus in Galiläa erscheinen wird. Nicht einmal für die Synoptischen ist das leere Grab allerdings ein Beweis der Wiederauferstehung. Das leere Grab ist ein Zeichen, welches die Jünger auf das Treffen mit ihrem wiederauferstandenen Herrn vorbereitet.

Ein leeres Grab muss nicht unbedingt als eine durch Gott selbst vollzogene Wiederauferstehung interpretiert werden. Es kann auch anders aufgefasst werden, beispielsweise als ein Hinterhalt (vgl. Mt 28,11-15) oder als ein Scheintod. Demnach wäre Jesus nicht wirklich tot gewesen, er wäre im Grab wieder zu sich gekommen, von den Jüngern gepflegt worden und dann „in ein anderes Land" gezogen (eine Theorie, die zum Nährboden vieler fantasievoller Jesus-Romane wurde, welche sich in den exotischsten Ländern – von Spanien bis Indien – abspielten).

Ob die Erzählung des Grabgangs der Frauen am Ostermorgen und ihre Entdeckung, dass die Leiche Jesu nicht mehr drin war, als Geschichte betrachtet werden kann, werden wir außer Acht lassen. Hinter dieser Geschichte könnte sich nämlich auch eine Metapher für die Verehrung des Grabes von Seiten der Gemeinschaft Jerusalems verbergen.

Immerhin muss sich Gottes Machtwerk an Jesus auch an den toten Körper Christi vollzogen haben. Wenn die Leiche Jesu noch im Grab gewesen wäre, dann hätte dies in krassem Widerspruch zum Ostermysterium gestanden. In der Bibel hat der Begriff von „Wiederauferstehung der Toten" nichts mit der Aussage zu tun, dass die Gerechten, die Propheten und die Märtyrer zu Gott gehen und bis ans Ende der Geschichte konserviert bleiben werden. Die „Wiederauferstehung" steht vielmehr in Zusammenhang mit der eschatologischen Hoffnung der Ankunft des Reiches Gottes, der Erlösung aller Menschen und der Vervollkommnung seiner Körperlichkeit (vgl. 2 Mak 7,9; Dn 12,2). Die Leiche Jesu im Grab zu finden wäre für seine Gegner der Beweis gewesen, dass der eschatologische Mittler des Heils nicht Gott war.



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