23 November 2015, 11:00
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Ein kath.net-Gespräch mit dem bosnischen Bischof Franjo Komarica, über die Katastrophe von Bosnien, Lügen, internationales Politikversagen und das Thema Medjugorje. Von Christof T. Zeller-Zellenberg

Wien (kath.net/cz) Anlässlich der Präsentation seines neuen Buches „Liebe. Macht. Erfinderisch. Enthüllungen“, führte Christof T. Zeller-Zellenberg ein außergewöhnliches Gespräch mit dem Bischof von Banja Luka, in Bosnien und ehemaligem Vorsitzenden der bosnischen Bischofskonferenz, S. Exz. Bischof Franjo Komarica.

Ich sehe in die gutmütigen und liebevollen Augen eines Hirten. Aber in diesen Augen liegt auch grenzenlose Enttäuschung und Traurigkeit. Er habe mit so vielen internationalen Politikern und Bürokraten gesprochen und nichts sei dabei herausgekommen, meint Bischof Komarica. Die Lage in Bosnien ist weiterhin fatal. Seine eigene Diözese ist geteilt. Ein Drittel liegt im heutigen Bosnien und zwei Drittel liegen in der unabhängigen Republika Srpska. Insgesamt hat Bosnien 50% seiner katholischen Bevölkerung durch den Krieg (1992-95) verloren. Alleine in seiner eigenen Diözese würden heute um zwei Drittel weniger Katholiken leben. Viele sind einfach nicht mehr zurückgekommen. Bis heute seien sie in ihrer Heimat nicht erwünscht. Ihre Häuser und ihr sonstiges Eigentum sind verloren und da es kein Grundbuch gibt und niemand Interesse an ihrer Restitution habe, hätten sie auch keine Chance, ihren Besitz jemals zurückzubekommen.

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Bischof Komarica meint, er selber, aber auch andere Bischöfe und sogar der muslimische Mufti von Bosnien, hätten die Unterzeichner des Friedensabkommens von Dayton damals nachdrücklich vor diesem Unrechtsvertrag gewarnt. Das Dayton Abkommen (1995) belohnt die Verbrecher und bestraft die Opfer! Der damalige deutsche Bundeskanzler hatte ihn beruhigt und gesagt, das wäre doch nur der Anfang, um den Krieg zu beenden aber es würde ein Dayton 2 und 3 und 4 geben. Aber geschehen sei danach kaum mehr etwas. Das Unrecht wurde bis heute zementiert.

Niemand in der bosnischen Politik will eine Rückkehr der vielen Flüchtlinge und diese hätten demnach in Bosnien auch keine Chance. Ihr Besitz ist verloren, Rechtssicherheit besteht nicht, Schulen gibt es wenige und diese sind schlecht, bei der Vergabe von Arbeitsplätzen würden gezielt die Serben oder auch die Muslime bevorzugt. Die Katholiken gehen immer leer aus. Viele Ortschaften sind bis heute ein Trümmerfeld. Straßen werden an ihnen vorbei gebaut und die Orte werden einfach vergessen. Wenn mit internationalen Hilfsgeldern Infrastrukturmaßnahmen, wie zum Beispiel eine Elektrifizierung, vorgenommen werden, dann müssten die Katholiken extra für den Anschluss ihrer Häuser zahlen.

Der Ko-Autor des Buches, der Journalist und Bosnienkenner Winfried Gburek erzählt, dass ihm zu Beginn des Jahres 2015, ein bosnischer Minister gesagt hätte, dass das Parlament in Sarajevo, entgegen dem Vertrag von Dayton, in einem geheim gehaltenen Beschluss festgehalten habe, dass alle Rückkehrer sich bis Ende 2014 registrieren lassen mussten. Danach gäbe es keine Ansprüche mehr. Allerdings weiß niemand von diesem Beschluss und damit dem Bruch des Vertrags von Dayton! Und Europa sieht weg. Allerdings erzählt der Bischof, dass der französische Botschafter ihm gesagt hat, dass sein Land das Dayton-Abkommen sowieso nicht akzeptieren würde, da es ein Diktat der USA wäre.

Bischof Komarica spricht davon, dass die Großmächte mit dem Dayton-Abkommen (1995) einen sehr teuren und nicht funktionierenden Staat geschaffen hätten. In diesem, noch dazu zweigeteilten, Staat mit drei großen Volksgruppen, herrsche das Recht des Stärkeren, der Zynismus und die Arroganz. Die in Dayton vorgeschriebene, rechtliche Gleichstellung aller Volksgruppen und Religionen, ist weiterhin nicht gegeben. Finanzielle Unterstützung für Heimkehrer gibt es keine. Der Hohe Repräsentant der EU in Bosnien meinte zum Bischof, seine Hände wären ihm gebunden und er könne nichts tun. Eine spätere österreichische Ministerin, die damals in Bosnien tätig war, sagte zu Bischof Komarica, jeder, der dort tätig sei, wäre froh, dass die Situation schlecht bliebe, und je schlechter umso besser, denn dann würden mehr Leute ihres Schlages hingeschickt und man bekäme höhere Gehälter ausgezahlt. Der Bischof meinte dazu, die Österreicher wären wenigstens ehrlich gewesen.

Im Jahr 2000 waren in Bosnien 30.000 Vertreter internationaler Organisationen tätig und hätten weder die Korruption gestoppt, noch den Wiederaufbau gefördert oder die Heimkehrer unterstützt. Ein Repräsentant der EU Kommission meinte zum Bischof, dass von 8 Euro, die nach Bosnien geschickt werden, mindestens 7 Euro sofort wieder an den Westen zurückfließen. Natürlich, man muss ja Traktoren, Baumaterial, Saatgut, etc. kaufen.

Einmal sagte der Bischof, in einem Interview mit einer österreichischen Zeitung, dass Österreich nichts für Bosnien getan hätte. Daraufhin wurde er vom österreichischen Außenministerium offiziell als Lügner bezeichnet, was auch in allen Medien seinen Niederschlag fand, denn man argumentierte, dass Österreich doch EUR 7,5 Mio an Bosnien gezahlt hätte. Aber niemand habe jemals überprüft, wo dieses Geld versickert sei, denn bei seiner katholischen Volksgruppe sei davon kein Cent angekommen.

Der Besuch des Papstes, in diesem Jahr, war ein großes Hoffnungszeichen, meint Bischof Komarica. Wenigstens wurde dadurch das internationale Schweigen über unser Land durchbrochen. Jetzt besteht die Hoffnung, dass Bosnien vielleicht näher an die EU heranrücken könnte.

Momentan würde Russland die Serben unterstützen und die arabischen Staaten unterstützen die Muslime. Aber warum schweigt Europa, meint der Bischof? Warum setzt sich niemand in Europa mit Bosnien auseinander. Europa ist es einfach gleichgültig, was mit Bosnien geschieht.

Die islamische Welt benützt Bosnien als Sprungbrett nach Europa. Hier wird der Bischof emotional und ruft „Quo vadis Europa! Was tut meine Kirche in Europa? Mit all ihrer Größe und all ihrem Potential schweigt sie nur. Ich habe einmal mit Papst Benedikt XVI gesprochen und er hat mich gefragt, wie es in Bosnien geht? Ich habe ihm gesagt, dass die Kirche schweigt, während unser Land leidet. Wo sind die Initiativen der Kirche? Was tun ihre Nuntien die ganze Zeit? Früher hatten wir einen Kaiser in Wien, der auf uns aufgepasst und uns beschützt hat. Jetzt sind Sie unser Kaiser! Darauf habe der Papst gelächelt und gemeint, er hätte gedacht er wäre Papst und nicht Kaiser, aber dass der Bischof recht habe und man mehr Initiative zeigen müsse. Geschehen ist allerdings nichts.

Bischof Komarica weist mich dann auf ein Gespräch mit Kardinal Lustiger aus Paris hin, das er auch in seinem Buch abgedruckt hat. Der Kardinal sagte zu ihm: „Ich erwarte eine furchtbare Tragödie in Europa. Wir Europäer haben uns furchtbar schuldig gemacht vor Gott. Gerade auch wegen Euch in Bosnien und Herzegowina. Wir haben Euch in Bosnien und Herzegowina verraten. Wir haben mit Gott und mit Euch gespielt. Der Mensch darf sich über Gott nicht lustig machen und ihn auslachen. Er darf sich auch nicht an die Stelle Gottes setzen.“

Zum Schluss kommen wir noch auf das Thema Medjugorje zu sprechen. Bischof Komarica weist mich darauf hin, dass Medjugorje und was dort geschehe, ein international anerkanntes Faktum wären. Die Pilgerströme und die vielen positiven Dinge, die dort ihren Anfang nehmen, kann man nicht übersehen. Der damalige Bischof Zanic von Mostar (1980-93) habe gesagt, dass die Seherkinder sicher nicht lügen würden. Allerdings gäbe es zwei bedeutende Hindernisse für eine Anerkennung, meint Bischof Komarica: 1. würden die angeblichen Erscheinungen über eine ungeheuer lange Zeit und bis heute fortdauern, eine Tatsache, die es in dieser Form nie vorher gegeben habe und 2. würden die Botschaften nichts Neues bringen.

Der Hl. Stuhl habe, nach einer ersten Untersuchung des Falles durch den Ortsbischof und zwei Kommissionen, aufgrund der internationalen Dimension, die Kompetenz dazu an die gesamte, damals noch jugoslawische Bischofskonferenz übertragen. Diese habe wieder zwei Kommissionen, zusammen mit dem Hl. Stuhl eingesetzt und Untersuchungen durchgeführt. An deren Ende stellte die Bischofskonferenz dann vorsichtig fest, dass man in der momentanen Situation und mit der jetzigen Information noch nicht feststellen kann, dass es sich um ein übernatürliches Phänomen handelt. Damit wäre der Weg für eine weitere Begleitung und Überprüfung offen gewesen und der Ball lag im Vatikan.

Danach setzte man lokal noch eine Kommission für liturgische und pastorale Fragen rund um Medjugorje ein. Diese habe dann, zehn Tage vor Kriegsausbruch 1992, auch Anweisungen erlassen, wie sich die Pilger und die Verantwortlichen in Medjugorje verhalten sollten. Dazu hatte unter anderem gehört, dass die Erscheinungen nicht mehr öffentlich zelebriert werden dürften und man deren Ergebnisse der Bischofskonferenz vorlegen müsse. Allerdings habe man sich vor Ort nie an diese Anweisungen gehalten.

Dann kam der Krieg und Jugoslawien zerbrach. Die, nach dem Krieg neugegründete Bischofskonferenz von Bosnien, habe mehrfach im Vatikan nachgefragt, was denn nun mit den beiden Kommissionen und deren Arbeit wäre und wie man weiter vorgehen solle? Allerdings habe der Vatikan geschwiegen und keine Handlungsanweisungen gegeben. Da aber die Letztverantwortung hierzu eindeutig beim Hl. Stuhl liege, konnte man in Bosnien alleine nichts tun.

Nunmehr habe Papst Franziskus eine neuerliche Kommission eingesetzt, die angeblich auch schon zu einem Ergebnis gekommen sein soll. Allerdings meinte Bischof Komarica dazu, wie denn eine Kommission in so kurzer Zeit und ohne eingehende Prüfung, vor allem auch vor Ort, zu einem sinnvollen Ergebnis kommen könne.

Buch: „Liebe.Macht.Erfinderisch – Enthüllungen“; Winfried Gburek, Franjo Komarica, ISBN 978-3-7375-4180-0







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