01 Februar 2016, 12:30
Herr Bischof, auch Homosexuellen darf man die Wahrheit zumuten!
 
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BRIEFE aus SIENA: kath.net-Mitarbeiterin Victoria Bonelli schreibt an Persönlichkeiten der katholischen Kirche. Diesen Monat an Heiner Koch, Erzbischof von Berlin.

Wien (kath.net/vb) Hochwürdigster Herr Erzbischof Koch!

Letzte Woche war ich in Stuttgart bei einer hervorragenden Fachtagung über Gender und Sexualpädagogik. Da ging es um den reizvollen Unterschied zwischen den zwei Geschlechtern, der das Leben so schön und bunt macht. Was für ein beglückendes gegenseitiges Geschenk ist doch, dass die beiden Geschlechter so harmonisch aufeinander und füreinander geschaffen sind und sich so wunderbar ergänzen können!

Nachdenklich gemacht hat mich dort, dass wir 1000 Kongressteilnehmer von über 100 teilweise berittenen Polizisten bewacht werden mussten, denn empörte Aktivisten versperrten uns den Weg, gingen teils aggressiv auf uns los und beschimpften uns als „homophob.“ Dass wir krank seien, wurde gebrüllt, denn Homophobie sei ja die schlimmste Krankheit. Bizarrerweise ging es in der Fachtagung aber gar nicht um dieses Thema. Woher diese Aggression, woher diese negative Energie? Warum müssen sie uns abwerten und krampfhaft versuchen, uns zu beleidigen – nur weil wir einen interessanten Kongress besuchten? Aber ich will auf etwas anderes hinaus. Ein großgewachsener LGBT-Aktivist schrie uns bei unserem Spießrutenlauf an: „Sogar euer Bischof sagt, dass Schwulsein keine Sünde mehr ist“.

Die Kommunikationswissenschaftlerin in mir horchte sofort auf. Wie? Was hat der denn da wieder missverstanden?! Mit Baby auf dem Arm hatte ich aber keine gesteigerte Lust mich ins Getümmel zu werfen und den erregten, regenbogenbeflaggten, grünhaarigen Hünen zu interviewen. Ich brachte uns in Sicherheit und bevorzugte es, per Google zu recherchieren. Und da finde ich tatsächlich ganz schnell ...Sie, den deutschen Familienbischof! „Homosexualität als Sünde darzustellen, ist verletzend“, sagen Sie tatsächlich im Interview mit der Oldenburger Nordwest-Zeitung. Die Meldung wird in diversen Homozeitschriften bis heute hochgejubelt – wohlgemerkt die Meldung wird hochgejubelt, Sie, Herr Bischof, werden dort trotzdem verspottet und lächerlich gemacht. Denn Unterwürfigkeit führt auch beim Gegner nicht zu Respekt.

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Exzellenz, dieser kleine Ausrutscher ist im Interview nur ein paar läppische Zeilen lang – kommunikationstechnisch ist er aber eine Katastrophe, auch wenn es im wortwörtlichen Sinn vielleicht ein klitzekleines Schlupfloch zu Ihrer Ehrenrettung gäbe. Ihr Satz stimmt nämlich so sehr wie der Satz „Pädophilie als Verbrechen darzustellen, ist für Pädophile verletzend“. Weil Sie inhaltlich nur dann recht behalten, wenn Sie auf der Gefühlsebene bleiben („Verletzung“) und die Wahrheitsfrage außen vor lassen.

Die Frage der Oldenburger Nordwest-Zeitung, auf die Sie so unglücklich geantwortet hatten, lautete präzise: „Stichwort Homosexualität: Hält die Kirche gleichgeschlechtliche Partnerschaften für Leben in Sünde?“ Die korrekte Antwort auf solch eine – zugegebenermaßen politisch unangenehme – Frage lautet nach unserem Katechismus (KKK 2357) ohne wenn und aber „Ja“, wie Sie und ich wissen. Denn mit dem Wort „gleichgeschlechtliche Partnerschaften“ ist wohl kein asexuelles, freundschaftliches Verhältnis gemeint. Sie beantworten diese eindeutige Frage aber durch Ihr Schlingern kommunikationspsychologisch de facto mit Nein. Und so ist es auch durch die deutschsprachigen Leitmedien gepeitscht worden.

Herr Bischof, ich verstehe, dass man als medienunerfahrener, konfrontationsunwilliger Theologe vor den Journalisten manchmal zu viel Angst hat, im Getümmel die Nerven und die Schäfchen aus dem Blick verliert und nur mehr seine Haut retten will. Aber: wo bleibt Ihr Dementi danach?

Der bekannte Sexologe Robert L. Spitzer, der maßgeblich an der Entpathologisierung der Homosexualität beteiligt war, hat im renommierten Journal „Archives of Sexual Behaviour“ über zweihundert geprüfte Fälle von Homosexuellen publiziert, die zu einer glücklichen heterosexuellen Partnerschaft und damit zu einer normalen Familie gefunden haben. Auf diese Möglichkeit haben Sie leider nicht hingewiesen. Das ist schade, denn die meisten Betroffenen wünschen sich sehnlichst eine Familie, weswegen sie versuchen diese umzudeuten („Regenbogenfamilie“) und sogar Kinder adoptieren wollen. Aber diese Konstrukte halten nicht, bleiben trotz allem eine blasse Epigone, eine schlecht funktionierende Kopie, weil die Aufgaben von Vater und Mutter nicht beliebig austauschbar sind.

Sie verschweigen, dass Homosexuelle von der Kirche, deren Bischof Sie sind, zur Keuschheit gerufen sind (KKK 2359). Sie verschweigen, dass Homosexuelle sich durch die Tugend der Selbstbeherrschung und das Gebet der christlichen Vollkommenheit annähern können (ebd.). Unser Papst Franziskus sagte vor drei Tagen, dass das absolut Schlimme bei einem verdorbenen und korrupten Menschen darin bestehe, dass „er nicht das Bedürfnis hat, um Vergebung zu bitten“, sondern sogar noch stolz ist auf seine Verfehlung. Sigmund Freud hat in der Homosexualität viel Selbstverliebtes gesehen: wenn man vor lauter Eigenliebe unfähig wird, das Andere zu lieben. Das würde auch die oben beschriebenen Aggressionen erklären, die aus einer selbstverliebten Kränkung kommen könnten. Dass sich die Homolobby heute den Ausdruck „Pride“ – also Hochmut – auf ihre Fahnen schreibt, finde ich gleichermaßen bezeichnend wie bedrückend.

Das mit der Keuschheit des Homosexuellen ist keine Theorie: Bei der Demo für Alle in Stuttgart hat vor wenigen Wochen ein Marcel von der ökumenischen Bruderschaft des Weges, einer Gemeinschaft von homosexuell empfindenden Männern, die ihre Homosexualität aus persönlicher Überzeugung nicht ausleben wollen, sehr offene und berührende Worte gesprochen (siehe Video). Diese kurzen fünf Minuten gehen unter die Haut. Im Hintergrund hört man das verstörende Gegröle des gehässigen Mobs während Marcel sein Herz öffnet und in gewinnender Weise seine Intimität preisgibt.

Das Video ist auf Youtube über 5.500mal aufgerufen worden – und hochaggressive Kommentare sind darunter gepostet wie etwa „Ihr schreckt auch vor nichts zurück Ihr verfluchten Christenschweine!“ oder „Diese Religiösen Fanatiker sind psychisch schwerkranke armselige Würstchen.“ Da ist ein enormer Hass spürbar gegen jeden Schwulen, der nur schlicht und bescheiden und ohne Vorwurf vorzeigt, dass Keuschheit möglich ist! „Schwachsinn! Warum will man darauf verzichten, Liebe zu leben! Der Typ sagt ja selber, dass er weiter homosexuell fühle! Wo hat er denn das Problem damit? Weshalb zwingt er sich zu solch einem Unsinn? Weiterentwickeln - nennt er das! Ich nenne es krank, wenn jemand seine Sexualität nicht annehmen kann! Ja, es ist die Gesellschaft, die das Problem mit anderen Menschen hat, denn an der Homosexualität ist nicht problematisch!“ Ich sage nur: selbstverliebte Kränkung! Diese Poster haben offensichtlich die Schönheit der Keuschheit noch nicht entdeckt, bezeichnen sie als „krank“ und empfinden die Lösung als Vorwurf! Weil es ihnen niemand väterlich-liebevoll erklärt. Auch Bischöfe wagen das zunehmend nicht mehr.

Noch ein Posting ist mir aufgefallen: „Was habt Ihr den armen, süßen schnuckeligen Kerl nur angetan. Der muss unbedingt zurück auf den rechten Pfad der Schwulen. Spätestens jetzt ist die Christliche Kirche und alles was damit zu tun hat für mich endgültig gestorben.“ Für mich klingen diese spöttischen Sätze diabolisch. Menschen wie diesen mutigen, männlichen, keuschen Marcel, der die Anfeindungen seiner unkeuschen Kollegen gelassen erträgt, ist ihr unbedachtes Statement als katholischer Bischof – das feige und anbiedernd wirken könnte – ein Schlag ins Gesicht. DAS ist verletzend! Viel verletzender als die Wahrheit.

Marcel sagte über das unkritische Hochjubeln des homosexuellen Lebens: „Wenn ich diesem Denken gefolgt wäre, dann hätte ich niemals entdeckt, dass meine Sexualität von Missbrauchserfahrungen in der Kindheit geprägt wurde.“ Und damit, werter Herr Bischof, meint er auch eine beschwichtigende Verharmlosung dieses sündhaften Verhaltens von Seiten der kirchlichen Hierarchie.

Exzellenz, Sie wissen besser als jeder andere, dass die meisten kirchlichen Missbrauchsfälle von Schwulen begangen wurden (die sogenannte „Ephebophilie“). Das ist ein offenes Geheimnis – und gleichzeitig ein hochauffälliger Befund. Nicht einmal die Homo-Lobby – die ich übrigens sehr scharf vom einzelnen Betroffenen abgrenze, dem ich mit Achtung, Mitgefühl und Takt begegne – leugnet, dass Homosexuelle stark zu psychischen Krankheiten neigen: deutlich mehr Depressionen, mehr Suchterkrankungen, mehr anonyme Promiskuität, mehr Ängste und mehr Selbstmorde im Vergleich zur Normalbevölkerung.

Die Kirche hält sich zu Recht aus der medizinischen Diskussion heraus, ob diese Neigung letztlich eine Krankheit ist – aber sie ist aus theologischer Sicht „objektiv ungeordnet“ (KKK 2358) und die sexuellen Akte sind definitiv sündhaft und „ auf keinen Fall zu billigen“ (KKK 2357). Das zu wissen ist das Recht jedes Menschen. Es wäre schön, wenn die Bischöfe hier die Demut und die Väterlichkeit aufbrächten, den (homosexuellen) Menschen die Wahrheit zu sagen, die sie frei und glücklich macht.

Die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann sagte so schön "Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar". Herr Bischof: auch Homosexuelle sind Menschen. Geben Sie als Hirten bitte auch diesen Menschen die Chance, glücklich und heilig zu werden.

Ihre Victoria Bonelli

Briefe aus Siena erscheinen regelmäßig auf kath.net. In einer Anlehnung an die berühmten Schriften der Hl. Katharina von Siena schreibt kath.net-Mitarbeiterin Victoria Bonelli (Foto) hier an ausgewählte Persönlichkeiten der Kirche. Die Briefe erscheinen exklusiv auf kath.net und werden auch an die Adressaten übermittelt. Copyright der Texte © kath.net!

kath.net-Mitarbeiterin Victoria Bonelli - Brief aus Siena




Foto: (c) cross-press.net/kath.net


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