15 März 2016, 11:00
Kardinal Bertones 150.000-Euro-'Spende' und offene Fragen
 
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Der frühere Kardinalsstaatssekretär Bertone hat inzwischen offenbar 450.000 Euro in die Renovierung seiner 300-Quadratmeter-Wohnung investiert. kath.net-Kommentar von Petra Lorleberg

Vatikan (kath.net/pl) Der frühere Kardinalsstaatssekretär Tarcisio Bertone hat Medienberichten zufolge 150.000 Euro an die vatikanische Kinderklinik „Bambino Gesu“ gespendet. Im Dezember hatte er dies angekündigt und dabei betont, dass es sich um eine freiwillige Schenkung handle und nicht um ein Schuldeingeständnis. Es sei vielmehr, erläuterte Bertone, „vollkommen falsch, von einer Entschädigung zu sprechen“. Vielmehr sei er Opfer einer illegalen Handlung anderer Personen geworden. Zuvor hatte er bereits, wie es die vatikanische Verwaltung verlangt hatte, für die Renovierung 300.000 Euro selbst bezahlt. Doch die Vorgänge um Bertone, die nicht nur in Italien längst Skandalqualität erreicht haben, hinterlassen offene Fragen.

Woher hat jemand, der seine Kirchenkarriere als Ordensmann begonnen hat, die 450.000 Euro, die er bisher in seine Wohnung gepumpt hat? Bertone lebte ja nicht von deutschen Kirchensteuergeldern mit den entsprechend üppigen Salären für Tätigkeiten als Professor oder Bischof, in Rom werden solche Stellen ungleich magerer bezahlt und oft schon zu einem Gutteil von den sehr hohen Mietkosten verschlungen. Und selbst wenn Bertone dieses Geld hatte – hätte es dafür nicht wichtigere Verwendungszwecke gegeben als ausgerechnet die Renovation einer Wohnung für sich selbst? Ein Kardinal muss durchaus repräsentieren, doch man kann auch seinen etwas bescheideneren Lebensstil präsentieren. Zum Vergleich: Familienväter und -mütter seines Alters haben ihr Geld zuerst in ihre Kinder investiert und investieren dann in die Enkel, beides oft unter großem Verzicht – und der Zölibat soll eigentlich keine Investition in die eigene Bequemlichkeit sein.

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Wenn die Aussagen Bertones stimmen, dass er von der Mitfinanzierung der Renovation seiner 296-Quadratmeter-Wohnung nichts gewusst habe, dann mag sich der eine oder die andere fragen, ob dies nicht ein Vorgang bedenklicher Naivität gewesen war und ob es wirklich ratsam gewesen war, dass ein in Finanzangelegenheiten derart naiver Kardinal in höchste kirchliche Leitungsämter aufgestiegen war. Doch wenn seine Aussagen nicht stimmen, dann wird der eine oder andere zu dem Schluss kommen, dass der Kardinal schlicht gelogen und betrogen habe. Man wird sich kaum entscheiden können, welches dieser beiden Übel das kleinere wäre. Oder sollte es tatsächlich stimmen, dass die Stiftung der Kinderklinik 200.000 Euro in ein Projekt steckte, ohne das dem Geförderten kundzutun und sich seiner Dankbarkeit zu versichern? Lohnen sich die offiziell angegebenen „Werbezwecke“ für eine Stiftung tatsächlich derart, dass sie dafür eine derart hohe Investition wagt? Fakt ist jedenfalls, dass der Vatikan den Vorstand der Krankenhaus-Stiftung nach Bekanntwerden der Vorgänge komplett ausgetauscht hat. Waren die „Ausgetauschten“ schuldig – oder waren darunter womöglich auch Unschuldige? Und wenn Bertone noch so viel Kraft hat, sich über diese Themen öffentlich herumzustreiten, warum verzichtet er nicht lieber auf diese Wohnung, die ihm so viel Schwierigkeiten bereitet, und steckt diese Kraft in kirchliche Projekte, die der Bezeichnung „kirchlich“ auch wirklich würdig wären?

Doch es tun sich noch mehr Fragen auf: Warum darf Bertone in seiner großzügig geschnittenen Wohnung verbleiben? Beziehungsweise: Warum hat er eine derart großzügige Quadratmeteranzahl in einem Wohngebiet, bei dem Miet- bzw. Kaufpreise wegen der innergroßstädtischen Platznot exorbitant sind? Wenn sich die vier Personen des Haushaltes den Wohnraum völlig gleichmäßig aufteilen würden, stünden jeder Person rechnerisch 74 Quadratmeter zur Verfügung. Das wäre selbst für Deutschland nicht ärmlich, andere ziehen in dieser Quadratmeterregion eine ganze Familie groß. Doch fragen wir weiter: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Bertone sich wirklich auf diese rechnerischen 74 Quadratmeter beschränkt? De facto würde er ja dann nur in einem Kloster einen Teilbereich bewohnen. Wer aber Pfarrhäuser hierzulande kennt, weiß, dass die Wohnungen von Pfarrhaushälterinnen i.d.R. klein und bescheiden geschnitten sind und der ganze große Anteil – einschließlich des schönsten Raumes des Hauses – in der Regel dem Hausherrn, dem Kleriker, zur Verfügung steht. Soll man wirklich glauben, dass Bertones Wohnung hier eine rühmliche Ausnahme macht? Bertone selbst beteuert, dass seine Wohnung kein Luxus-Appartement sei. Doch ist Platz inmitten des Herzens Rom nicht gerade ein absolut teurer Luxusartikel, den sich sehr viele nur spärlich leisten können? Und falls nun jemand das Argument bringt, ein Kardinal „brauche“ dies, beispielsweise für seine Bibliothek, dann mag sich mancher fragen, ob er nicht auch absolut berechtigt das eine oder andere dringend „braucht“, auf das er eben doch verzichten muss, darunter vielleicht sogar die optimale medizinische Versorgung.

Bertone wird, wie er selbst immer wieder versichert, von drei Ordensfrauen versorgt, mit denen er seine Wohnung teilt. Bisher hat sich noch nicht viel Widerstand gegen diese Information geregt, doch auch hier stellen sich Fragen. Warum reicht nicht weniger? Und: Haben wir angesichts des Rückganges von Ordensberufungen in unserer Kirche nicht dringendere Verwendung für Frauen, die sich vollständig in die Nachfolge Jesu geschenkt haben? Zählt die großherzige Ganzhingabe einer Frau in das geweihte Leben in unserer Kirche derart wenig, dass drei von ihnen einfach nur in der Versorgung eines emeritierten Kurienkardinals verheizt werden dürfen? Wenn sich Bertone mit 450.000 Euro an der Renovation seiner Wohnung beteiligen kann, könnte er sich ja wohl auch eine private Zugehfrau finanzieren.

Der Fall Bertone lässt insgesamt die Frage aufkeimen: Gibt es eine ungesunde Versuchung unseres Klerus zu einem weichen und angenehmen Leben? Immerhin ist ja der frühere Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst über eine keineswegs nur ungleiche Gemengelage von finanzieller Naivität und persönlichen Neigung zum Wohlleben gestrauchelt. Und Papst Franziskus mag seine Gründe haben, warum er Klerikern (und Laien!) diesbezüglich öfter ins Gewissen redet.

Doch damit kommen wir zur letzten Frage und sie stellt sich vielleicht gerade jenen, die diese Gedankengänge mit einer gewissen Zustimmung mitgegangen sind: Müssen wir Christen uns möglicherweise nicht alle davor hüten, unseren Anteil in der Nachfolge Christi ebenfalls so angenehm zu gestalten, also das kantige Kreuz doch nur abgepolstert und in der „Light“-Ausgabe auf die eigenen Schultern zu nehmen?

Zeigen Fälle wie Bertone und Tebartz-van Elst nicht wie mit einem Schlaglicht auf, wo schwere Versuchungen zumindest auf uns westeuropäische Christen lauern? Wie sollen wir eigentlich heutzutage unsere Jesus-Nachfolge leben? Und wie können wir es vermeiden, selbst genau jenen Fehlern zum Opfer zu fallen, die uns an anderen glasklar in die Augen zu springen meinen?

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Kardinal Bertone erzählt über seine priesterliche Berufung






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