02 Mai 2016, 16:17
Ausnahmen sind eine Sackgasse
 
Legionaere
 
WEITERE ARTIKEL ZUM THEMA 'Franziskus Papst'
Interview mit Kardinal Brandmüller zum Papstschreiben "Amoris laetitia"

Vatikanstadt (kath.net/KNA) Viele Kommentatoren halten nach dem Papstschreiben zu Ehe und Familie «Amoris laetitia» eine Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion im Einzelfall für möglich. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) erklärt Kardinal Walter Brandmüller (87), warum er das für eine Fehlinterpretation hält, wie die Fußnote Nummer 351 zu lesen ist und wie «Amoris laetitia» ein «Weckruf» für die katholische Kirche in Deutschland werden kann.

KNA: Sehr geehrter Herr Kardinal, Sie wurden von der «Bild»-Zeitung als Kritiker des postsynodalen Schreibens «Amoris laetitia» von Papst Franziskus angeführt. Was stört sie an diesem Dokument zu Ehe und Familie?

Werbung
weihnachtskarten


Brandmüller: Dem muss ich widersprechen. Das ist eine falsche Darstellung der Tatsachen. Ich habe mich nach Erscheinen des Schreibens bislang nicht öffentlich dazu geäußert. Ich habe lediglich vor der Veröffentlichung eine Interpretationshilfe für das zu erwartende Dokument publiziert. Hier von einer Kritik zu sprechen, ist also unzutreffend.

KNA: In ihrer Interpretationshilfe wenden sie sich gegen eine ausnahmsweise Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen im Einzelfall. Viele Kommentatoren haben «Amoris laetitia» dann aber genau so verstanden. Sind Ihre Befürchtungen also eingetreten?

Brandmüller: Ja, einige Deutungen gehen in der Tat fehl. In Einzelfällen Ausnahmen zuzulassen, ist eine Sackgasse. Das habe ich in meiner Interpretationshilfe deutlich gemacht. Was aus Glaubensgründen grundsätzlich unmöglich ist, ist es auch im Einzelfall. Das galt vor Erscheinen von «Amoris laetitia» ebenso wie nachher.

Es ist katholische Glaubenslehre, dass eine gültig geschlossene und vollzogene Ehe von keiner Macht der Erde - auch nicht von der Kirche - aufgelöst werden kann. Jesus sagt: «Was Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen.» Und: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet«. Nun also die Frage: Kann ich tatsächlich Leib und Blut jenes Jesus Christus, das heißt ihn selbst, empfangen, dessen Gebot ich bewusst missachte?

KNA: Papst Franziskus selbst hat die Frage bejaht, ob durch sein Schreiben »konkrete neue Möglichkeiten« für wiederverheiratete Geschiedene geschaffen worden sein. Worin bestehen diese dann?

Brandmüller: Das streckenweise sehr schöne und spirituell in die Tiefe führende Schreiben »Amoris laetitia« hat entschieden mehr und Bedeutenderes zu bieten als Antworten auf das Randproblem der sogenannten wiederverheirateten Geschiedenen. Wer für die Betroffenen in »Amoris laetitia« eine Möglichkeit zum Empfang von Lossprechung und Kommunion zu finden meint, der muss schon in der Fußnote 351 im 8. Kapitel danach suchen. Dort ist in der Tat die Rede davon, dass solchen Gläubigen die Kirche in gewissen Fällen auch die Hilfe der Sakramente gewähren könne. Dies wurde in der Tat im besagten Sinne interpretiert.

Aber: Um welche Art von besonderen Fällen es sich handeln könne, bleibt ungesagt. Auch ist zu fragen, ob eine Fußnote von ca. drei Zeilen ausreicht, um die gesamten Lehraussagen von Päpsten und Konzilien zu diesem Thema umzustürzen. Gewiss nicht! Auch diese Fußnote muss vielmehr in Übereinstimmung mit der beständigen Lehre der Kirche interpretiert werden. Die Kirche kann sich nicht selbst widersprechen.

KNA: Was bedeutet das Schreiben für die katholische Kirche in
Deutschland?


Brandmüller: »Amoris laetitia« sollte wirklich als ein Weckruf in Deutschland gehört werden. Es gilt nun, endlich in der Ehevorbereitung nicht nur Soziologie und Psychologie zu betreiben, sondern die tiefe Lehre der Kirche über die Heiligkeit und Schönheit der Ehe authentisch zu vermitteln und den jungen Leuten Hilfen zum Gelingen einer Ehe und zum Aufbau einer Familie an die Hand zu geben.

Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer hat vor kurzem dazu Wichtiges gesagt: Vor allem sollten endlich die pastoralen Alleingänge aufhören, die die Glaubwürdigkeit der Kirche zunichtemachen und Uneinigkeit und Verwirrung stiften. »Amoris laetitia« könnte einen Neuanfang kirchlicher Ehepastoral bedeuten, wenn man sich entschlösse, die seelsorgliche Praxis klar und einheitlich an der Glaubenslehre auszurichten. Alles andere müsste an seiner inneren Unwahrhaftigkeit scheitern.


(C) 2016 KNA Katholische Nachrichten-Agentur GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

Foto: (c) kath.net







kath.net ist Teilnehmer des Partnerprogramms von Amazon EU, das zur Bereitstellung eines Mediums für Webseiten konzipiert wurde, mittels dessen durch die Platzierung von Werbeanzeigen und Links zu Amazon.de Werbekostenerstattung verdient werden kann.

Lesermeinungen zu diesem Artikel anzeigen und Kommentar schreiben

Sie können nur die Lesermeinungen der letzten sieben Tage einsehen.

 

meist kommentierte Artikel

Wiederverheiratete und 'Pathologie schismatischer Zustände' (91)

Kardinal Ouellet verteidigt "Amoris laetitia" in Vatikanzeitung (74)

„Kanzlerin Merkel ist doppelt geschwächt, aber noch alternativlos“ (32)

Papst Johannes Paul II. warnte 1992 vor einer „Invasion des Islams“ (26)

Limburg: „Bischof und Bistum werben nicht für Abtreibung“ (23)

Deutsche Ärztin verurteilt wegen Werbung für Abtreibung (22)

Vatikan-Kulturrat für Rehabilitation von Teilhard de Chardin (17)

'Weihnachtsblut. Warte...' (15)

Angst und Unsicherheit führen zu einem falschen Gottesbild (15)

Kardinal Marx gegen bedingungsloses Grundeinkommen (15)

Deutscher Konvertit: "2050 ist Deutschland ein islamischer Staat" (13)

Schavan: Papst überfordert nicht bei Migration, er ermutigt (11)

Kanada: Diskriminierung von Christen bei der Adoption (10)

Unsere Liebe Frau in Jerusalem (10)

Papst predigt gegen Abtreibung – und niemand berichtet (10)