22 November 2016, 09:00
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Was ist das Anliegen von „Amoris laetitia“? Ein Gastkommentar des Moraltheologen Josef Spindelböck

Vatikan-St. Pölten (kath.net) Im nachsynodalen Apostolischen Schreiben „Amoris laetitia“ geht es – entgegen den als „Dubia“ vorgebrachten Befürchtungen mancher Kardinäle – weder um eine über die bisherigen sittlichen und rechtlichen Normen hinausgehende Öffnung des Kommunionempfanges für sogenannte Wiederverheiratet Geschiedene, noch um eine Aufhebung jener sittlichen Normen, die in sich schlechte Handlungen ausnahmslos verbieten, noch um eine Infragestellung des Faktums, dass sich bestimmte Menschen in einer objektiven Situation der habituellen schweren Sünde befinden, noch um eine Aufhebung der Lehre von „Veritatis splendor“, wonach auch mildernde Umstände und gute Absichten einen in sich unsittlichen Akt nie in einen subjektiv sittlichen und als Wahl vertretbaren verwandeln können, noch um eine Akzeptanz einer kreativen Interpretation des Gewissens in der Weise, dass eben dieses Gewissen Ausnahmen von in sich schlechten Handlungen legitimieren könnte.

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Was aber ist dann das Anliegen von „Amoris laetitia“? Papst Franziskus nimmt unter Voraussetzung dessen, was seine Vorgänger im Petrusamt gelehrt haben und zur konstanten Lehre der Kirche gehört, eine dezidiert pastorale Perspektive ein: Diese zielt darauf, auch Menschen in sogenannten irregulären Situationen mit der Liebe des Guten Hirten vertraut zu machen und auf diese Weise einen Bekehrungsprozess zu ermöglichen, der von der Trias „Begleiten – Unterscheiden – Integrieren“ geleitet ist. Dass hier in einem letzten Schritt, wenn die Voraussetzungen vorliegen, „in gewissen Fällen“ vonseiten der Kirche auch die „Hilfe der Sakramente“ angeboten werden kann (Fußnote 351 zu Nr. 305 von „Amoris laetitia“), stellt eine Aussage dar, die nicht im Sinne einer unterschiedslosen Öffnung der Zulassung zum Kommunionempfang für Menschen in einer Situation, die objektiv den Geboten Gottes widerspricht, gedeutet werden darf.

Die tiefergehende Problematik einer Interpretation von „Amoris laetitia“ als Bruch mit dem bisherigen Lehramt der Kirche ist in einer falschen Hermeneutik („Auslegung“) begründet. Dann werden gewisse Formulierungen von „Amoris laetitia“ plötzlich zum Problem.

Das kirchliche Lehramt der Päpste, Konzilien und Bischöfe stellt ein „nahtloses Gewand“ dar (vgl. Joh 19,23-24). Wer es an einer Stelle aufreißt und so einen Bruch herbeiführt, zerreißt das ganze Gewand. Die einzig angemessene Hermeneutik für ein richtiges Verständnis lehramtlicher Texte ist daher eine Hermeneutik der Reform in Kontinuität und nicht eine Hermeneutik der Diskontinuität oder gar des Bruches.

Wird diese Hermeneutik der Reform in Kontinuität auf „Amoris laetitia“ konsequent angewandt, heißt das: Alles Bisherige gilt weiterhin, erfährt aber eine pastorale Perspektive, die für die Begleitung von Menschen hilfreich und nötig ist. Dass diese pastorale Perspektive nicht neu ist, sollte klar sein. Sie steht in der besten Tradition des großen Papstes der Familie und Barmherzigkeit, des heiligen Johannes Paul II., dessen nachsynodales Apostolisches Schreiben „Familiaris consortio“ durch „Amoris laetitia“ keineswegs überholt ist, sondern eine Bestätigung und im Sinne der Kirche liegende Fortführung erfahren hat.

Lesen Sie den ausführlichen Kommentar zu „Amoris laetitia“, wie ihn Prof. Josef Spindelböck in der Zeitschrift „Theologisches“ 46 (2016) 203-220 veröffentlicht hat!

Dr. Josef Spindelböck ist Moderator der Gemeinschaft vom heiligen Josef und Priester der Diözese St. Pölten. Er unterrichtet als ordentlicher Professor für Moraltheologie und Ethik an der Phil.-Theol. Hochschule der Diözese St. Pölten sowie als Gastprofessor am Internationalen Theologischen Institut für Ehe und Familie in Trumau.


kath.net-Buchtipp
Theologie des Leibes kurzgefasst
Eine Lesehilfe zu „Liebe und Verantwortung“ von Karol Wojtyla sowie zu den Katechesen Johannes Pauls II. über die menschliche Liebe
Von Josef Spindelböck
Hardcover, 160 Seiten
2015 St. Josef
ISBN 978-3-901853-31-9
Preis 9.90 EUR

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