21 Dezember 2016, 09:30
Vom IS einst entführte Christen: Weihnachten in Saarlouis
 
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Wie geht es ihnen heute?

Wetzlar (kath.net/idea) Im Oktober 2015 hat idea zum ersten Mal eine Gruppe ehemaliger IS-Geiseln aus Syrien in Saarlouis getroffen. Wie geht es ihnen heute? idea-Redaktionsleiterin Daniela Städter hat die assyrischen Christen Anfang Dezember erneut besucht.

Am 23. Februar 2015 brach für 253 assyrische Christen am Fluss Chabur in Nordsyrien eine Welt zusammen. Ihre Dörfer wurden von Kämpfern des „Islamischen Staates“ (IS) überfallen. Ein Großteil war bereits geflüchtet. Die kleine Gruppe wollte die Dörfer vor Plünderern schützen. Der IS verschleppte sie, 250 kamen nach Lösegeldzahlungen wieder frei, drei Assyrer wurden vom IS erschossen. Der Assyrische Kulturverein im Saarland unter Vorsitz von Charli Kanoun setzte sich im saarländischen Landtag dafür ein, dass ein Teil der Geiseln – 17 Männer, drei Frauen und ein damals 6-jähriges Mädchen – im August 2015 ein Visum für Deutschland bekamen. Anfangs überwog die Freude, nun ist die Stimmung gedrückt: Die Familien sind noch immer getrennt.

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Wer Geld hatte, bekam oft auch Asyl

Denn die deutsche Botschaft in Beirut (Libanon) hatte die Einreise-Sondergenehmigung nur den ehemaligen Geiseln ausgestellt. Die Ehefrauen und Kinder leben weiterhin größtenteils im Libanon und bangen, ob ihre Visumanträge bewilligt werden. Vor kurzem bekamen sie nach langem Warten die Mitteilung, dass sie erst einen Deutschkurs im Libanon absolvieren müssen. Dabei hatten ihre Ehemänner so sehr gehofft, nicht noch ein zweites Weihnachtsfest allein verbringen zu müssen. Der Kurs ist teuer – 650 Dollar –, es gibt nur wenige offizielle Stellen, die ihn anbieten. Ihre Männer können die deutsche Asylpolitik nicht verstehen. Denn wer Geld hatte und Flucht wie Schlepper bezahlen konnte, habe sich 2015 auf den Weg nach Europa gemacht. Wer arm sei, habe offensichtlich kaum eine Chance, klagt der Familienvater Abdo Merza. Er sitzt gemeinsam mit drei anderen Männern in einer spärlich eingerichteten Wohnung in Saarlouis. Merzas 8-jährige Tochter Maryam ist in der Gruppe ehemaliger IS-Geiseln in Deutschland das einzige Kind. Sie hatte sich damals geweigert, ihren Vater zu verlassen, während ihre schwangere Mutter und die zwei Geschwister bereits an einem sicheren Ort waren. Und so wurde auch Maryam von Islamisten entführt.

Die Erinnerungen an den IS sind lebendig

Das Kind vermisst seine Mutter, klammert sich an seinen Vater, will nach der Schule nicht ohne ihn aus dem Haus gehen. Die Angst, auch ihn zu verlieren, ist groß. Ihre Grundschullehrerin hat unlängst dem Vater einen Brief geschrieben. Maryam lerne nur schleppend Deutsch. Wie soll sie sich auch konzentrieren, fragt er. Das Kind weint nachts, schreckt aus dem Schlaf hoch. Das kleine Zimmer, in das die Islamisten sie und die anderen Geiseln einsperrten, kann sie nicht vergessen. In den ersten Monaten in Deutschland griff sie häufig panisch nach Schals und versuchte, sie als Kopftuch um ihre Haare zu binden. Dazu wurde sie in der Geiselhaft von den IS-Kämpfern gezwungen.

Gott schickte einen Engel: Die Heilung hat begonnen

Doch es gibt mittlerweile auch einen Lichtblick. Die Augen des Vaters strahlen, wenn er von der Freien evangelischen Gemeinde (FeG) in Saarlouis berichtet. Pastor Immo Czerlinski sei ein von Gott geschickter Engel, sagt er und lacht zum ersten Mal. Kein anderer Geistlicher habe sich bislang so um sie gekümmert. Auf den Gottesdienst freuen Vater Merza und seine Tochter sich jede Woche. Dort beten sie regelmäßig für die Wiedervereinigung der Familien. Dem Pastor ist insbesondere Maryam ans Herz gewachsen. Es sei wundervoll zu erleben, wie sie in der Gemeinde ganz langsam wieder Vertrauen gewinne, sagt Czerlinski: „Die Heilung ihrer Seele hat begonnen.“ Einer wird die Zusammenkunft der Familie Merza jedoch nicht mehr erleben: Maryams Großvater. Trotz seines hohen Alters hatte er die IS-Geiselhaft überlebt. Im Sommer aber ist er gestorben – mit 92 Jahren in einem Krankenhaus in Saarlouis.

Die Häuser gehören jetzt Kurden

Aowaya Zaya (61), eine andere ehemalige Geisel, ist mit den Gedanken nicht nur häufig bei seiner Frau, sondern auch bei seinem früheren Dorf „Tal Goran“. Es war ein einfaches, aber gutes Leben, erzählt er. Auf seinem Handy hat er ein Foto der 2005 neu gebauten Kirche: drei Kuppeln, drei Kreuze, ein weithin sichtbares Zeichen. Er zeigt es voller Stolz. Mittlerweile sei der IS zwar zurückgeschlagen worden, aber auch den (islamischen) Kurden könne man nicht trauen, meint er. Sie hätten dort die Macht übernommen und ein Gesetz erlassen: Leerstehende Häuser dürften von Kurden übernommen werden. Zayas Augen füllen sich mit Tränen, er unterbricht das Gespräch, atmet mehrfach tief durch. An eine Rückkehr glaubt er nicht.

In der Haft alterte er um Jahre

Neben ihm sitzt sein 31-jähriger Sohn Youssef. Er ist mittlerweile Vater eines zweiten Sohnes geworden – in die Arme schließen konnte er ihn noch nicht. Seine Frau war schwanger, als der IS ihn entführte. Jetzt sitzt sie im Libanon fest und hat das Kind ohne ihn zur Welt gebracht. Fast ein Jahr sei es mittlerweile alt, sagt Zaya leise. Auf dem Stuhl daneben hockt leicht gebeugt Elias Merza. Er ist gerade einmal 38 Jahre alt, doch die Haft hat in schneller altern lassen. Auch er kann nicht verstehen, dass in Deutschland so viele Flüchtlinge aufgenommen wurden, in ihrem Fall aber Vorschriften eingehalten werden müssen.

„Ich bin zuversichtlich, dass Gott unsere Gebete erhört“

Seine 70-jährige Mutter sei krank. Die feuchte Hinterhofgarage, in der sie gemeinsam mit seiner Ehefrau und seiner 2-jährigen Tochter im Süden Libanons wohne, mache alles noch schlimmer. Möglicherweise gibt es aber doch noch ein Wunder. Pastor Czerlinski ist optimistisch. Es gebe viele Gespräche hinter den Kulissen und positive Signale aus der Politik, betont er. Er könne verstehen, dass die Männer frustriert seien, aber in die Sache komme Bewegung. Möglicherweise sei die deutsche Botschaft in Beirut bereit, auf Deutschkenntnisse als Auflage für das Visum zu verzichten: „Ich bin zuversichtlich, dass Gott unsere Gebete erhört.“

Der größte Wunsch zu Weihnachten

In Saarlouis ist es nun Zeit zum Aufbruch. Die Männer müssen zum Deutschkurs. Sie werden wie jede Woche die immer noch fremde Sprache pauken. Aber ihre Gedanken werden nicht um deutsche Grammatik kreisen, sondern abschweifen – wie immer. Sie werden sich vorstellen, wie schön es wäre, ihre Frauen und Kinder wieder in die Arme schließen zu können und mit ihnen in Deutschland ein sicheres Leben zu führen. Es ist ihr größter Weihnachtswunsch. Vielleicht geht er mit leichter Verspätung Anfang 2017 in Erfüllung. Wenn nicht, wollen sie zurück. Eine unsichere Zukunft im Libanon gemeinsam mit der Familie ist für sie wertvoller als ein sicheres Leben allein in Deutschland.







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