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Christen weltweit in Bedrängnis

24. Dezember 2016 in Interview, keine Lesermeinung
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Der „Kirche in Not“-Menschenrechtsexperte Berthold Pelster blickt im Interview auf verschiedene Regionen der Welt, in denen Christen das Recht auf freie Religionsausübung verwehrt wird.


München (kath.net/KIN) Am 26. Dezember begeht die katholische Kirche in Deutschland den „Gebetstag für verfolgte und bedrängte Christen“. An diesem Tag gedenken katholische und evangelische Christen des heiligen Stephanus, des ersten Märtyrers der Urkirche. Aus diesem Anlass blickt der Menschenrechtsexperte des katholischen Hilfswerks „Kirche in Not“, Berthold Pelster, im Interview auf verschiedene Regionen der Welt, in denen Christen das Recht auf freie Religionsausübung verwehrt wird. Das Interview führte Tobias Lehner.

Tobias Lehner: Am 11. Dezember starben bei einem Bombenanschlag auf koptische Christen während eines Gottesdienstes in Kairo mehr als 25 Menschen. Dutzende Gläubige wurden verletzt, vor allem Frauen und Kinder. Was bedeutet dieser Anschlag für die Christen in Ägypten?

Berthold Pelster: Dieser menschenverachtende Terrorakt ist ein schwerer Rückschlag für die Christen in Ägypten, die unter Präsident Abd al-Fattah as-Sisi durchaus Anzeichen für Verbesserungen gesehen und deswegen neue Hoffnung geschöpft hatten. Die neue Verfassung stärkt in einigen Bereichen die Religionsfreiheit. Vor allem aber demonstriert die jetzige Staatsführung ausdrücklich eine Nähe zur christlichen Minderheit, etwa dadurch, dass Präsident Sisi wiederholt den Weihnachtsgottesdienst der koptischen Gemeinde in Kairo besucht hat.
Auch hat der Präsident mit deutlichen Worten gegenüber den muslimischen Religionsgelehrten zu einer Reform des Islam aufgerufen, um das Problem islamistischer Gewalt zu überwinden. Auf den jüngsten Anschlag in Kairo aber folgten Proteste von Seiten koptischer Christen gegen die Regierung, weil dieser es nicht gelungen sei, die christliche Minderheit vor religiösen Extremisten zu schützen.

Tobias Lehner: Obwohl der sogenannte „Islamische Staat“ (IS) durch eine militärische Gegenoffensive erheblich unter Druck steht, hält er noch große Teile Syriens und des Irak besetzt. Welche Folgen hat das für die Christen und andere religiöse Minderheiten?

Pelster: Jesiden, muslimische Schiiten, Christen und andere Minderheiten wurden vom IS brutal vertrieben. Mehr als 120 000 Christen haben zum Beispiel ihr Zuhause in Mossul und der angrenzenden Ninive-Ebene verloren. Sie haben den Irak verlassen oder leben bis heute in Notunterkünften, vor allem im kurdischen Teil des Iraks. Sie waren und sind dringend auf die Unterstützung von Hilfswerken wie „Kirche in Not“ angewiesen.


Viele haben den festen Wunsch, nach Mossul oder in die Ninive-Ebene zurückzukehren. Die Voraussetzung hierfür ist, dass die Region vollständig vom IS befreit ist. Allerdings wäre mit einer Befreiung Mossuls die Zukunft dieser strategisch wichtigen Stadt noch längst nicht geklärt. Die Anti-IS-Koalition besteht aus unterschiedlichen Akteuren: irakische Regierungstruppen, schiitische paramilitärische Truppen, kurdische Peschmerga und lokale sunnitische Stämme. Gleichzeitig erhebt die Türkei einen Anspruch auf Mossul, den sie geschichtlich begründet. Nach der Befreiung könnte ein Machtkampf entbrennen, und Mossul könnte noch lange eine sehr unruhige Stadt bleiben.

Was die christlichen Siedlungen in der Ninive-Ebene betrifft: Sie müssten erst wieder aufgebaut werden. Zahlreiche Kirchen sind schwer beschädigt, viele Wohnhäuser wurden geplündert und niedergebrannt. Die meisten Flüchtlinge haben aber kein Geld für den Wiederaufbau, ihre Ersparnisse sind längst aufgebraucht.

Tobias Lehner: Islamistische Gewalt gegenüber religiösen Minderheiten beobachten wir auch in Teilen Afrikas, vor allem in Nigeria. Wie ist die Lage dort?

Pelster: Durch die Anschläge der Terrorgruppe Boko Haram sind in Nigeria seit dem Jahr 2009 mindestens 20 000 Menschen getötet worden, darunter Hunderte von Christen. Noch mehr wurden verletzt. Mindestens zwei Millionen Menschen sind auf der Flucht vor dem Terror. Boko Haram ist eine der gefährlichsten und brutalsten Extremistengruppen weltweit. Das nigerianische Militär geht inzwischen mit großer Härte gegen die Terrorsekte vor und hat sie aus vielen Städten und Dörfern erfolgreich vertrieben. Dennoch vermag die Islamisten-Miliz noch immer blutige Anschläge zu verüben, wie zuletzt am 9. Dezember in der Stadt Madagali im Nordosten Nigerias. Bei diesem Anschlag wurden mindestens 56 Menschen getötet.

Ein Erfolg ist die Befreiung von 21 Mädchen aus Chibok aus der Hand von Boko Haram im Oktober. Mühsame Verhandlungen zwischen der Regierung und der Terrorgruppe waren der Freilassung vorausgegangen. Im April 2014 hatten die Extremisten nachts eine Schule überfallen und 276 Mädchen verschleppt. Die meisten von ihnen waren Christinnen. Knapp 60 Mädchen gelang später die Flucht. Die anderen wurden zum Teil zwangsverheiratet, vergewaltigt oder zwangskonvertiert. Noch rund 200 Mädchen befinden sich in der Gewalt der Terrorgruppe.

Tobias Lehner: Werfen wir noch einen Blick in den Mittleren Osten, nach Pakistan, das ebenfalls unter islamistischem Extremismus leidet. Wie geht es den Christen dort?

Pelster: Beim Stichwort Pakistan denke ich sofort an die Christin Asia Bibi, die im November 2010 wegen angeblicher Blasphemie – sie soll sich abschätzig über den Propheten Mohammed geäußert haben – zum Tod durch Erhängen verurteilt worden ist.

Grundlage dafür sind die Blasphemie-Paragraphen im pakistanischen Strafgesetzbuch. Die Schändung des Korans wird mit lebenslanger Haft, abschätzige Bemerkungen über den Propheten Mohammed werden mit dem Tod durch den Strang bestraft. Vage Anschuldigungen reichen oft schon aus, dass Verdächtige verhaftet werden. Oft sind es Angehörige religiöser Minderheiten wie Christen, Hindus oder Ahmadis, denen Blasphemie vorgeworfen wird.

Tobias Lehner: Wir haben bislang ausschließlich über islamistischen Extremismus gesprochen. Von welcher Seite wird sonst noch die Religionsfreiheit eingeschränkt?

Pelster: Hier ist die Volksrepublik China zu nennen, wo 70 bis 80 Millionen Christen leben. Das kommunistische Regime hat seinen Druck auf die Religionsgemeinschaften im Land deutlich erhöht. Im April 2016 trat eine Arbeitskonferenz der Kommunistischen Partei zu Religionsfragen unter der Leitung von Parteichef und Staatspräsident Xi Jinping zusammen. Dort wurden neue Richtlinien für die Religionspolitik des Landes beschlossen. Die Religionsgemeinschaften sollen in Zukunft noch stärker kontrolliert und gesteuert werden.

Xi Jinping rief die Religionsgemeinschaften dazu auf, sich den Anweisungen der atheistischen Kommunistischen Partei zu unterwerfen. Er betonte die Notwendigkeit der Sinisierung, also der Anpassung der Religionen an den Sozialismus und die chinesische Kultur. Eine unkontrollierbare Einflussnahme auf die Religionsgemeinschaften aus dem Ausland, etwa vom Papst in Rom, müsse unbedingt verhindert werden. Mitglieder der Partei wurden ermahnt, auf keinen Fall einer Religion anzuhängen. Auf der Grundlage dieser Beschlüsse dürften die staatlichen Repressionen gegenüber Religionsgemeinschaften weiter zunehmen.

„Kirche in Not“ stellt mehrere Schriften und Artikel bereit, die hilfreich sind, um das Thema „verfolgte und bedrängte Christen“ zu vertiefen und für die Betroffenen zu beten. Das Buch „Christen in großer Bedrängnis“ erläutert anhand einiger ausgewählter Länderberichte Ursachen und Formen heutiger Unterdrückung von Christen (1,00 EUR). Einen knappen Überblick über diese Thematik bietet die Broschüre „Religionsfreiheit weltweit 2014-2016: Ein Überblick“ (1,00 EUR). Ein Gebetsvorschlag findet sich auf dem „Gebetsblatt für die verfolgte Kirche“ (0,10 EUR). Die „Prayerbox für verfolgte Christen“ enthält ein Kreuz, einen Finger-Rosenkranz, Weihwasser, eine Kreuzwegandacht und Grundgebete (3,00 EUR). 1 Euro pro Box kommt verfolgten Christen zugute. Die Artikel können bei „Kirche in Not“ in München bestellt werden.

Kirche in Not Österreich

Kirche in Not Deutschland

Kirche in Not Schweiz

Berthold Pelster, Menschenrechtsexperte des katholischen Hilfswerks „Kirche in Not“


Foto: © Kirche in Not


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