01 Januar 2017, 08:30
'Nichtsahnend' haben wir hier vor einem Jahr Gottesdienst gefeiert
 
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Kölner Kardinal Woelki: Durch „vielfältige Angriffe auf das sogenannte ‚westliche Lebensgefühl‘“ wurde „in den letzten Jahren das Bewusstsein“ geschärft, „wie gefährdet unsere Art zu leben sein kann: durch Bedrohungen von außen und von innen“.

Köln (kath.net/pek) kath.net dokumentiert die Predigt von Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki zum Jahresabschluss im Hohen Dom zu Köln am 31.12.2016 in voller Länge: Lesung: 1 Joh 2,18-21 Evangelium: Joh 1,1-18

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

am Ende eines Jahres und zu Beginn eines neuen stellt die Kirche vor uns das große Segenswort des Alten Bundes hin. Es ist gleichsam so etwas wie eine Brücke, die uns über den Wechsel der Zeiten geleitet: „Der Herr sei dir gnädig und behüte dich. Er lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig“. Das Leuchten von Gottes Angesicht, das Leuchten der Gegenwart seiner Güte, das ist der Segen, den wir brauchen, damit wir in der Wirrnis der Welt den Weg nicht verlieren.

Einer solchen Wirrnis, ja Verirrung und Verblendung, wurden wir am letzten Abend des vergangenen Jahres Zeuge. Nichtsahnend, welche Katastrophe sich in unmittelbarer Nähe unseres Domes ereignete, haben wir vor genau einem Jahr an dieser Stelle wie in jedem Jahr den Jahresabschluss 2015 mit einem Gottesdienst begangen. Im Vertrauen auf Gott haben wir das Jahr Revue passieren lassen und um seinen Beistand für die anbrechende Zukunft des Jahres 2016 gebetet.

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Hunderte Frauen befanden sich zur selben Zeit einer Bedrohung ausgeliefert, die so und in dem Ausmaß bislang nicht vorstellbar war. Vieles hat sich seit jener Nacht geändert: das Bewusstsein, wie verletzlich die Würde des Menschen, sein Leib und das Leben sind, das Bewusstsein, wie gewalttätig Sexismus ist und wie gefährdet Frauen mitten unter uns sind, ist auf erschreckende Weise geschärft. Gebe Gott, dass diejenigen, die diese Gewaltexzesse vor einem Jahr erlitten haben, mit ihren Verwundungen und der Angst leben lernen und Zukunft in Sicherheit haben.

Geschärft ist seit den Ereignissen nicht nur an Silvester hier in Köln vor einem Jahr, sondern durch vielfältige Angriffe auf das sogenannte „westliche Lebensgefühl“ in den letzten Jahren das Bewusstsein, wie gefährdet unsere Art zu leben sein kann: durch Bedrohungen von außen und von innen. So steht auch heute und in dieser Nacht die Hoffnung im Vordergrund, die in der Kölner Botschaft Anfang des Jahres 2016 zum Ausdruck kam: „Um der wachsenden Polarisierung in unserer Gesellschaft entgegenzuwirken, ist es wichtig, an das Gemeinsame zu erinnern – und zwar auch ganz konkret mit Blick auf die Ereignisse der Silvesternacht. Denn gleich welchen Geschlechts und Alters wir sind, welcher Herkunft und Religion, welchen Beruf wir ausüben und welcher Partei wir angehören, welche sexuelle Orientierung wir haben und welche private Leidenschaft – wir alle wollen uns in Köln sicher, frei und offenen Blicks bewegen.“

Nichtsahnend sind wir bisweilen auch im Nahraum unseres Lebens und im Umgang mit den Menschen, die uns oder denen wir anvertraut sind; im Umgang mit den Menschen, denen wir im Alltag, beim Arbeiten oder in unserer freien Zeit begegnen. Es lebt sich leicht nebeneinander her, ohne dass wir wirklich mitbekommen oder mitbekommen wollen, wie es einem anderen Menschen wirklich geht. Und umgekehrt bleiben auch unsere eigene Sorge und unsere eigene Traurigkeit den Menschen um uns herum oft verborgen. Wir haben gelernt, wenig von dem zu zeigen, was uns wirklich bewegt. Dass darin auch Stärke liegen kann, ist unbestritten. Aber es gibt in jedem Leben den Punkt, an dem es wichtig ist, sich zuzumuten und anzuvertrauen. Immer können wir das bei Gott – und ganz sicher auch bei dem einen und anderen Menschen, den er uns schickt. Beten wir deshalb am Ende eines langen Jahres dafür, dass uns und allen Frauen und Männern in dieser Stadt und darüber hinaus Menschen begegnen, die ihnen gut tun; die daran mitwirken, dass uns allen das Recht erhalten bleibt, uns sicher und frei und offenen Blicks begegnen zu können. Das ist nämlich Leben, wie Gott es will!

Erhalten blieb das Leben vieler Kölnerinnen und Kölner in einem ihrer kältesten Winter durch die Ermutigung eines meiner verehrten Vorgänger, Joseph Kardinal Frings. Er hat es heute vor genau 70 Jahren geschafft, seinen Namen zum Tätigkeitswort werden zu lassen. „Fringsen“ heißt es seitdem, wenn Menschen sich etwas nehmen, das ihnen zwar eigentlich nicht gehört, aber um des Überlebens willen zusteht. Immer, liebe Schwestern und Brüder, sind wir aufgefordert, in je unserer Zeit herauszufinden, was Menschen zusteht, um zu überleben. Vielleicht steht ja jedem Menschen auf unserer Erde das Recht zu, zu überleben – auch wenn ihm nichts gehört … Kein Land, kein Haus, keine Papiere, keine Bodenschätze, keine Herkunft aus einer Industrienation, keine Sprachkenntnisse, kein Bankkonto, kein Einfluss, keine Macht.

Was ist eine Lüge, was die Wahrheit (vgl. 1 Joh 2,21), was eine Stimmung, was Stimmungsmache, wer hat recht, wer darf bestimmen, wer dazugehört? Woher nehmen wir als Christen die Gabe der Unterscheidung auf dem Weg unseres Lebens? Wir werden uns immer wieder gemeinsam vergewissern müssen, was Christus in dieser Zeit von uns will: als Kirche und als Gesellschaft. Wir werden auf das Wort Gottes hören müssen und uns jeweils neu zu fragen haben, wie wir es in unserer Zeit umsetzen wollen. Denn „alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen“ (Joh 1,3.4). Wie erreicht das Wort Gottes die Menschen heute? Wie finden sie Zugang zu seiner Botschaft?

Sicherlich waren es nicht nur die „Gamer“, die im vergangenen Sommer während der weltgrößten Computerspielmesse, der Gamescom, hier in Köln die Installation SilentMOD besucht haben. „Kostet und seht, wie gütig der Herr ist“, heißt es im Psalm (Ps 34,9)! Wie können Menschen heute diese Güte Gottes und damit ihn selbst neu erfahren? Wie ihm neu begegnen? Sicher müssen wir dazu versuchen, auf vielfältige Weise neu Zugänge zu Gott und zu seiner Botschaft zu ermöglichen. Dabei sind wir natürlich der Wahrheit unseres Glaubens verpflichtet und müssen dieser unbedingt treu bleiben. Und dennoch müssen wir auch Wege finden, das Evangelium so zu übersetzen, dass Menschen es als relevant, als bereichernd und hilfreich, im letzten als beglückend für ihr Leben erfahren. Es wird mehr und mehr darum gehen müssen, Orte der Glaubenserfahrung und des Kirche-Seins zu ermöglichen.

Vielfältige Reaktionen hat auch die Gestalt unseres letztjährigen Fronleichnamsfestes hervorgerufen. Für manche war es zu viel des Guten, dass wir auf einem Flüchtlingsboot den Tisch des Herrn errichtet haben. Aber gibt es überhaupt des Guten zu viel? Gibt es nicht viel zu viel Leid auf unserer Welt, viel zu viel zu frühen Tod, zu viel Gewalt …

Und obwohl das so ist, ist „Gutmensch“ bereits seit längerem in unserer Gesellschaft ein Schimpfwort geworden. Gutmenschen seien naiv, dumm und weltfremd, heißt es. Doch in Wahrheit vereint ein Gutmensch viele positive Eigenschaften: Ihm ist nicht egal, wie es seinem Nächsten geht. Er begegnet ihm mit Solidarität, sogar mit Liebe. Er fühlt mit ihm, anstatt sich nur mit sich selbst und seinen Bedürfnisse zu beschäftigen. Er respektiert den Standpunkt des Anderen und seine Eigenheiten, ohne dabei die eigenen Überzeugungen aufzugeben. Dabei ist es ihm wichtig, das Gemeinwohl im Blick zu behalten – und das nicht nur national, sondern global. Wenn er handelt, dann handelt er immer auf Grundlage dieser Überzeugungen. Er setzt sich aktiv für diejenigen ein, die seine Hilfe brauchen, wer auch immer sie sind und woher auch immer sie kommen. Genau deshalb brauchen wir den Mut zu sagen: „Ja, klar versuche ich gut zu sein, Mensch!“ Das ist unsere Weise, das Jahr der Barmherzigkeit fortzuführen, denn wir wollen, dass Gottes Verheißung auch im kommenden Jahr für uns und für alle Menschen gilt: „Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut!“ (Gen 1,31).

Die Freude über Gottes Schaffenskraft bis in unser Leben hinein und auf die Zukunft hin begleite uns daher alle durch das Neue Jahr 2017, damit es ein gutes wird; für Männer und Frauen; für solche, die hier geboren und aufgewachsen sind und für solche, die hier Zuflucht suchen, um dem von Gott geschenkten Leben eine Chance auf Überleben zu geben. Denn wir dürfen wissen, dass wir aus einer Liebe
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kommen, die Gott selber ist, einer Liebe, auf die wir zählen dürfen, die verlässlich bleibt auch dann, wenn wir sie nicht verstehen. „Der Herr sei dir gnädig und behüte dich. Er lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig.“ Mit diesem Segenswort breitet die Kirche gleichsam ihre Hände aus über uns und über das neue, vor uns liegende Jahr, wie ein Dach des Segens, das uns vor den Mächten des Unheils schützen soll, und das zugleich die Welt öffnet für das Hereinstrahlen der Güte Gottes. Amen







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