02 Januar 2017, 17:00
'Der Herr der Ringe ist natürlich ein fundamental katholisches Werk'
 
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125 Jahre J.R.R. Tolkien - "Tolkien und Thomas von Aquin über Schönheit beim "Herr der Ringe" - Von Prof. Michael Waldstein

Linz (kath.net)
Am 3. Januar 2017 jährt sich der 125. Geburtstag von John Ronald Reuel Tolkien. Der britischer Schriftsteller, der unter anderem die Romane "Der Herr der Ringe" und "Der Hobbit" geschrieben hat, war auch gläubiger Katholik.

kath.net dokumentiert dazu einen Vortrag des Tolkienexperten Prof. Michael Waldstein, den er vor einigen Jahren im Stift Heiligenkreuz gehalten hat: "Tolkien und Thomas von Aquin über Schönheit beim "Herr der Ringe"

Nach seiner Flucht vor den schwarzen Reitern findet Frodo sich im Haus Elronds im Bruchtal wieder. Dort erfährt er eine Schönheit in der Musik der Elben, die seine engen Vorstellungen aus dem Auenland weit übertreffen. „Zuerst bezauberten ihn die Schönheit der Melodien und die eingeflochtenen Wörter in der Elbensprache, obwohl er sie kaum verstand, sobald er begonnen hatte, aufzumerken. Fast schien es als nähmen die Wörter Gestalt an, und Visionen von fernen Landen und hellen Dingen, die er sich niemals hatte vorstellen können, erschlossen sich vor ihm; und die vom Feuer erleuchtete Halle wurde zu einem goldenen Nebel über unermesslichen Meeren, die an den Rändern der Welt seufzten.

Dann wurde die Verzauberung immer traumähnlicher, bis er das Gefühl hatte, über ihn fließe ein endloser Strom von wallendem Gold und Silber hinweg, der zu vielfältig war, as dass er sein Muster hätte begreifen können.“

Bevor die Musik zu Ende geht nimmt Bilbo Frodo am Arm und sagt, „Nicht, dass Hobbits jemals so viel Geschmack an Musik und Poesie und Erzählungen finden werden wie Elben. Sie scheinen sich ebensoviel daraus zu machen wie aus Essen und Trinken. Jetzt werden sie noch lange dabeibleiben. Was meinst du, wollen wir uns zu ein wenig mehr ruhiger Unterhaltung davonstehlen?“ Mit Bedauern wendet Frodo sich ab und folgt ihm.

Da beginnt eine Stimme ganz allein ein neues Lied. „A Elbereth Gilthoniel / silivren penna miriel…“ Frodo schaut zurück. „… dann plötzlich war es Frodo, als ob Arwen sich zu ihm wandte, und das Licht ihrer Augen fiel von fern auf ihn und durchbohrte sein Herz. Er stand verzaubert da, während die süßen Laute des Elbenlieds herabsanken wie klare Edelsteine, aus Wort und Melodie, die in einander übergehen. ‚Es ist ein Lied an Elbereth’, sagte Bilbo. ‚Dieses und andere Lieder des glückseligen Reiches werden sie heute Abend noch viele male singen. Komm weiter!’“

Die Musik der Elben, obwohl Frodo das nur dunkel wahrnimmt, ist der Widerhall einer Musik von noch tieferer Schönheit, die gesungen wurde noch bevor Mittelerde nach dem Vorbild dieser Musik erschaffen und von der Vorsehung geführt wurde. In seinem Buch Silmarillion, das einige der hinter dem Herrn der Ringe stehende Geschichten erzählt, spricht Tolkien über diese Musik. „Da war Eru, der Eine, der in Arda (Erde) Iluvatar genannt wird. Er machte zuerst die Ainur, die Heiligen, die als Kinder seines Denkens mit ihm waren bevor irgendetwas erschaffen wurde. Er sprach zu ihnen indem er ihnen musikalische Themen vorlegte; und sie sangen vor ihm und er war froh.“ Ein bisschen später, „zeigte Iluvatar ihnen ein mächtiges Thema und entfaltete für sie Dinge, die größer waren als was er ihnen bisher geoffenbart hatte.

Und die Herrlichkeit seines Anfangs und der Glanz seines Endes erstaunte die Ainur… Dann sagte Iluvatar zu ihnen, ‚Von den Themen die ich euch mitgeteilt habe will ich, dass ihr jetzt in Harmonie eine große Musik macht… Ich will dabeisitzen und zuhören und froh sein, dass durch euch eine große Schönheit in das Singen erweckt wird… Niemals mehr machten die Ainur Musik wie diese, aber es wird gesagt, dass die Chöre der Ainur und die Kinder Iluvatars vor Iluvatar, nach dem Ende der Tage, eine noch größere Musik machen werden.“

Grundlegende ästhetische Begriffe sind in diesen Texten angesprochen. Schönheit hat zwei Seiten, einerseits Harmonie oder Proportion und anderseits Glanz oder Herrlichkeit. Sie ruft Staunen und Freude hervor. Schönheit ist nicht eine zufällige Zierde, weit entfernt von den ernsten Zwecken Iluvatars. Sie ist das eigentliche Ziel der Tätigkeit der Ainur, wie Iluvatar sie beschreibt. „Ich will dabeisitzen und zuhören und froh sein, dass durch euch eine große Schönheit in das Singen erweckt wird.“

Thomas von Aquin sagt, „Das Ziel ist das mächtigste in allem. Finis est potissimum in unoquoque.“ (Sent. III, d. 33, q. 2, a. 1A, c.). Wenn man über irgend etwas die Frage stellt, Warum? Dann ist die letzte und endgültige Antwort, die letzte und endgültige Ursache, das Ziel. Thomas sagt, „Diese Art von Ursache ist die oberste unter allen Ursachen, denn das Ziel ist die Ursache der anderen Ursachen.“ Wenn Schönheit das Ziel der Tätigkeit der Ainur ist, dann muss sie sehr wichtig sein.

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Nach dem Ende der Musik der Ainur zeigt ihnen Iluvatar eine imaginäre Welt, Mittelerde eingeschlossen, deren Form und Geschichte nach der Schönheit der gerade gehörten Musik gestaltet ist. Neues ist in dieser Welt enthalten, das nicht in der Musik enthalten war, insbesondere die „Kinder Iluvatars“ die Elben und Menschen. „Und die Ainur sahen mit Staunen das Kommen der Kinder Iluvatars … und niemand unter den Ainur hatte bei ihrer Schöpfung mitgewirkt. Als sie diese Kinder sahen, liebten sie sie umso mehr, da sie von Ihnen unterschiedene Wesen waren, seltsam und frei, worin sie das Denken Iluvatars neu widergespiegelt fanden und mehr von seiner Weisheit lernten.“

Es gibt einen Rhythmus der Steigerung in der Schönheit: neu und mehr. Der Heilige Ignatius sagt, alles sei „ad majorem die gloriam, zur größeren Herrlichkeit Gottes.“ Nicht nur groß, sondern größer. Die Gegenwart von Iluvatars verborgener Weisheit wird in der Schönheit seines Planes tiefer und intensiver.

Iluvatar erschafft dann eine reale Welt, die nach dieser imaginären Welt, und deshalb auch nach der großen Musik der Ainur gestaltet ist. „Daher sage ich, Eä! Lass diese Dinge sein. Und ich werde die unauslöschliche Flamme in die Leere aussenden und sie wird im Herzen der Welt sein, und die Welt wird sein. … Da wussten die Ainur plötzlich, dass es nicht nur eine Vision war, sondern dass Iluvatar etwas Neues gemacht hatte, Eä, die Welt, die ist.“ Das Staunen und die Liebe zieht einige der Ainur so tief in die neue Welt hinein, „dass ihre Macht von da an in der Welt enthalten und eingegrenzt war, um auf immer in ihr zu sein, bis sie vollendet wird, so dass sie das Leben dieser Welt und diese Welt ihr Leben sein würden.“ Die Ainur, die so in die neue Welt eingebunden sind heißen Valar.

Die größten unter den Valar sind das Paar Manwe und Varda. Varda ist die eigentliche Königin von Mittelerde. Sie spielt eine zentrale aber meist verborgene Rolle im Herrn der Ringe während Manwe gar nicht erwähnt wird. „Unter allen Großen, die in der Welt leben verehren und lieben die Elben vor allen Varda. Elbereth nennen sie sie und sie rufen ihren Namen aus den Schatten von Mittelerde und heben ihn hoch in ihrem Gesang wenn die Sterne aufgehen.“ In der Sprache der Elben bedeutet Elbereth Sternenkönigin. Im schwierigsten Moment, wenn Sam der großen Spinne Kankra allein entgegentritt, ruft er plötzlich in der Elbensprache Worte, die er selbst nicht versteht.

„A Elbereth Gilthoniel / o menel palan-diriel, / le nallon sí di’nguruthos! / A tiron nin, Fanuilos!“ In einem seiner Briefe übersetzt Tolkien diese Worte. „Sternenkönigin, die du die Sterne entzündest und weit aus dem Himmel hierher siehst, zu dir rufe ich im Schatten der Angst des Todes. Sieh her zu mir, Immer-Weiße.“

Als ein Freund Tolkiens die Ähnlichkeit zwischen Elbereth und Maria, der Mutter Gottes, bemerkte, schrieb ihm Tolkien zur Antwort. „Ich verstehe genau, was Du mit Deinem Hinweis auf die Jungfrau Maria meinst, denn auf ihr ruht alle meine eigene kleine Wahrnehmung von Schönheit sowohl in Hoheit als auch Schlichtheit.“

Schauen wir auf unseren bisher zurückgelegten Weg im Überblick zurück. Das Ziel der Musik der Ainur, das ihr von Iluvatar gegebene Ziel, ist Schönheit. Schönheit enthält in sich Harmonie oder Zusammenklang und Glanz oder Herrlichkeit. Sie ruft die Antwort des Staunens und der Liebe hervor. Da die Musik der Ainur das Vorbild ist, nach dem Mittelerde erschaffen wurde, ist Schönheit auch das Ziel der Erschaffung von Mittelerde. In ihrer tatsächlichen Wirklichkeit, wie sie von Iluvatar erschaffen wird, ist Mittelerde noch viel größer als diese Musik. Von vernunfthaften und freien Kindern Iluvatars bevölkert, ist diese Welt so herrlich und glänzend, dass die Ainur staunen und sich in sie verlieben. Sie sehen in ihr eine neue Spiegelung der Weisheit Iluvatars.

Ad majorem die gloriam, zur größeren Herrlichkeit Gottes. Das große Vorbild der Schönheit, das Mittelerde und seiner dramatischen Geschichte als ganzer seine Gestalt aufprägt ist Elbereth Gilthoniel. Tolkiens eigenes Verständnis von Schönheit, von ihrer Hoheit und Schlichtheit, ruht auf seiner Marienverehrung auf, die sich in der Verehrung der Elben für Elbereth spiegelt. Hier haben wir den Schlüssel zum Verständnis des Herrn der Ringe.

Bevor ich näher auf den Herrn der Ringe eingehe um diesen Schlüssel zum Verständnis wirklich zu gebrauchen, möchte ich den Anfang des Silmarillion mit der Lehre des Heiligen Thomas von Aquin vergleichen um zu zeigen wie tief Tolkien in der katholischen Tradition verwurzelt ist. Thomas sagt, „Alles wurde dazu geschaffen um in seiner Weise die göttliche Schönheit nachzuahmen… Niemand bemüht sich irgendetwas zu gestalten oder darzustellen außer nach dem Bild des Schönen.“

„Die Vielfalt und Unterscheidung der Dinge wurde durch das göttliche Denken geplant und ist in der wirklichen Welt verwirklicht damit die geschaffenen Dinge das göttliche Gute auf verschiedene Weise darstellen und verschiedene Wesen an ihm auf verschiedene Weise teilnehmen, damit aus der Ordnung der verschiedenen Wesen eine gewisse Schönheit erstehe, eine Schönheit, die die göttliche Weisheit zeigt.“

Was ist also die Schönheit und wie kommt sie in der Schöpfung zustande? Thomas erörtert diese Fragen eingehend in seinem Kommentar über Dionysius Areopagita. „Dionysius zeigt worin das Wesen der Schönheit besteht wenn er sagt, dass Gott Schönheit gibt sofern er die Ursache der Harmonie und des Glanzes in allen Dingen ist. … Alles wird schön genannt sofern es Glanz seiner eigenen Art nach hat, geistig oder körperlich, und sofern es in rechter Proportion gemacht ist. Dionysius zeigt dann wie Gott die Ursache des Glanzes ist, wenn er sagt, dass Gott mit einem gewissen Aufleuchten die Gabe seines lichthaften Strahles, der die Quelle allen Lichtes ist, in die Dinge sendet. Diese Gaben des blitzenden göttlichen Strahles sind zu verstehen als Ähnlichkeit mit Gott. … Er erklärt auch die andere Seite, nämlich dass Gott die Ursache von Harmonie in den Dingen ist.

Es gibt eine zweifache Harmonie in den Dingen, die erste nach der Ordnung aller Dinge auf Gott hin, und er berührt diese Harmonie wenn er sagt Gott kehre alle Dinge zu sich selbst hin als auf ihr Ziel … und deshalb nennen die Griechen die Schönheit kallos, was mit dem Wort rufen (kaleo) zusammenhängt.

Die zweite Harmonie ist in den Dingen nach ihrer Ordnung auf einander hin. Er berührt diese Harmonie, wenn er sagt, dass Gott alles in allem zum Gleichen hin sammelt.“ Etwas später fügt Thomas diesen Feststellungen noch ein Detail hinzu. „Alles Sein kommt zu allen Seienden von der Schönheit. Glanz gehört aber zum Begriff von Schönheit, wie Dionysius weiter oben sagt. Somit ist jede Forma, durch die ein Seiendes Sein hat, eine Teilnahme am göttlichen Glanz. … Er sagt auch, dass Harmonie zum Begriff der Schönheit gehört, sodass alles, das irgendwie zur Harmonie gehört, von der göttlichen Schönheit kommt.

Das meint er wenn er sagt, das das Zusammenstimmen der vernunfthaften Geschöpfe in ihrem Denken wegen der göttlichen Schönheit besteht; und Freundschaft in Bezug auf Zuneigung, und Gemeinschaft in Bezug auf Taten und äußere Dinge. Ganz allgemein, sofern sie Einheit haben, haben alle Wesen Einheit aus der Macht der Schönheit.

Tolkien und Dionysius (dem Thomas folgt) verwenden dasselbe Begriffspaar um Schönheit zu verstehen: Glanz und Harmonie. Das sind die zwei Attribute der Musik der Ainur, nach deren Vorbild Mittelerde geschaffen ist. Es gibt noch einen weiteren Berührungspunkt. Iluvatar sagt, „Daher sage ich, Eä! Lass diese Dinge sein. Und ich werde die unauslöschliche Flamme in das Leere aussenden und sie wird im Herzen der Welt sein, und die Welt wird sein. … Da wussten die Ainur plötzlich, dass es nicht nur eine Vision war, sondern dass Iluvatar etwas Neues gemacht hatte, Eä, die Welt, die ist.“

Hier gibt es einen engen Berührungspunkt mit dem thomistischen Satz, „Gott sendet mit einem gewissen Aufleuchten die Gabe seines lichthaften Strahles, der die Quelle allen Lichtes ist, in die Dinge. … Somit ist jede Forma, durch die ein Seiendes Sein hat, eine Teilnahme am göttlichen Glanz.“ Das Aufleuchten des Lichtes von Gott her hat direkt mit dem Sein der Wesen dieser Welt zu tun. In ihrem Sein nehmen besonders die vernunfthaften Wesen an diesem Aufleuchten, an dieser unauslöschlichen Flamme, teil.

Wenn man ein Ding verstehen will, muss man natürlich das Sein dieses Dinges verstehen. Aus diesem Grund ist Staunen für die Erkenntnis notwendig. Wenn man nicht staunt vor der tiefen Quelle des Lichts, von das Sein alles Seienden dieser Welt fließt, wenn man keine Ahnung hat vom Rhythmus der Steigerung zur größeren Herrlichkeit Gottes, dann kann das, was man versteht, nicht das Sein der Seienden dieser Welt sein. Man wird das Sein reduzieren auf irgendeinen seiner Aspekte, z.B. mechanische Beziehungen, die mathematisch erfasst werden. In vielen Fällen konzentriert sich die Naturwissenschaft auf solche Aspekte. Im Verständnis vieler Wissenschaftler ist die Welt ein großer Mechanismus, der durch mathematische Gesetze bestimmt wird.

Es ist bemerkenswert, dass explizite Religion im Herrn der Ringe fast keine Rolle spielt. Der Name Iluvatar oder irgendein anderer Name Gottes des Schöpfers kommt im ganzen Buch auch nicht ein einziges Mal vor. Einige Gesänge können als religiös gelten, besonders die Lieder an Elbereth. Die einzige Szene mit einem ausdrücklich religiösen Ritual findet man am Anfang des ersten gemeinsamen Essens von Frodo und Sam mit Faramir. „Bevor sie aßen, wandten sich Faramir und alle seine Männer gegen Westen in einem Moment der Stille. Faramir wies Frodo an, er solle das Selbe tun. ‚So tun wir immer’ sagte er als er sich wieder hinsetzte. ‚Wir schauen gegen Numenor, das war, und darüber hinweg zu dem was jenseits der Heimat der Elben ist und immer sein wird. Habt ihr keinen solchen Brauch beim Essen?’ ‚Nein’ sagte Frodo und er kam sich seltsam rustikal und ungebildet vor.“

In dem Brief, in dem er erklärt, dass seine Wahrnehmung von Schönheit, sowohl in Hoheit als auch in Schlichtheit, auf seiner Marienfrömmigkeit aufruht, spricht Tolkien über die seltsame Abwesenheit explizit religiöser Themen im Herrn der Ringe. „Der Herr der Ringe ist natürlich ein fundamental religiöses und katholisches Werk, zuerst unbewusst, aber dann bewusst in der Überarbeitung. Aus diesem Grund habe ich in dieser imaginären Welt praktisch alle Hinweise auf so etwas wie Religion, Kulthandlungen oder religiöse Praxis entweder überhaupt nicht hineinfließen lassen oder nachträglich entfernt.

Denn das religiöse Element ist in der Geschichte und der Symbolik aufgegangen.“ Auf ersten Blick ist der von Tolkien angegebene Grund sehr seltsam. Das Buch enthält nichts explizit Religiöses weil es religiös und genauer gesagt katholisch ist? Wie geht das?

Eine Antwort auf dieses Rätsel ist der Hinweis auf Tolkiens höchst wirkungsvolles dichterisches Mittel, nämlich das hohe Alter der Geschichten, vergleichbar mit Homers Ilias und Odyssee. Explizite katholische Inhalte würden die Geschichte zu nahe an die Gegenwart rücken. Diese Antwort erklärt aber noch nicht warum das Religiöse überhaupt nicht ausdrücklicher gegenwärtig ist. Der letzte Satz des eben zitierten Textes hilft uns diesbezüglich weiter. „Das religiöse Element ist in der Geschichte und der Symbolik aufgegangen.“ Religion ist im Herrn der Ringe nicht etwas den Dingen von außen Aufgesetztes, sondern liegt in der Tiefe der Dinge und Geschichten.

Der Herr der Ringe ist keine Predigt und kein theologischer Traktat. Das Buch ist eine Erzählung, deren Ziel es ist schön zu sein und dadurch Staunen und Liebe hervorzurufen. In der Tiefe dieser Schönheit entdeckt man die religiöse Dimension, die zutiefst katholisch ist. Elbereth ist nicht die Jungfrau Maria, aber ihre Schönheit ist mit der Sensibilität der Marienverehrung gezeichnet.

Ich werde jetzt versuchen, einige Züge der Schönheit in dieser Tiefe des Herrn der Ringe darzustellen. Die Suche Frodos, sein Weg zum Ziel, ist klarer Weise der wichtigste Strang der ganzen Erzählung. So werde ich erst den eigentlichen Motor von Frodos Suche analysieren, nämlich seine Liebe zu einem großen Gemeingut. Dann werde ich auf die fürsorgliche Führung von Frodos Suche durch Elbereth eingehen.

Wir treffen Frodo zuerst völlig eingetaucht in das gewöhnliche Leben eines Hobbit. Schritt für Schritt entdeckt er die Bedeutung des Ringes, den er von Bilbo geerbt hat. Der Ring ist nicht eine lokale Sache. Er berührt das Leben aller, die in Mittelerde leben. Die Suche, die aus dieser Entdeckung wächst bringt ihn in Berührung mit Anliegen, die viel umfassender sind als die, die ihn im Auenland bewegt haben. Seine Suche ist nicht eine bloß private Suche. Sie kann nicht im Sinne der Pop-Psychologie einfach als Suche nach der Selbstfindung verstanden werden. Was er findet ist viel größer als er selbst and er versteht sich immer mehr als ein Teil eines größeren Ganzen. Das Gut von Mittelerde als Ganzes wird ihm klar als ein Gut, das er so sehr liebt, dass er bereit ist, freiwillig dafür in den Tod zu gehen.

Frodos Auftrag ist in der Hauptsache negativ. Er muss den Ring zerstören. Die positive Seite seiner Suche ist in Aragorn dargestellt. Wenn der Ring zerstört ist, kann Aragorn König von Gondor werden, genau zu dem Zeitpunkt, in dem die Gegenwart der Elben in Mittelerde abnimmt und die Menschen hervortreten als diejenigen, die das Schicksal von Mittelerde tragen werden. Frodos Suche ist somit durch ein großes und nobles Gemeingut, ein politisches Gut, bestimmt. Dieser Übergang von Frodo als Privatperson mit einem engen Lebenskreis zu einer Person, die das Gemeingut von Mittelerde sucht, ist einer der schönsten Aspekte des Herrn der Ringe. Er entspricht dem Rhythmus der Steigerung, den Tolkien an den Anfang des Silmarillion stellt, an die tiefsten Wurzeln von Mittelerde. Eine kleine Geschichte wächst plötzlich zu einer Geschichte, die Größe, Glanz und Herrlichkeit hat.

Die Tugend, die jemanden zu einem Christen macht, so betont Thomas immer wieder, ist die Liebe. Diese Liebe ist nicht in erster Linie eine persönliche oder private Tugend. Sie ist in erster Linie eine politische Tugend, die nicht durch ein Privatgut bestimmt wird, sondern durch das Gemeingut einer Stadt, des himmlischen Jerusalems. „Aristoteles sagt im achten Buch seiner Politik, dass man das Gut der Stadt lieben muss um ein guter politischer Mensch zu sein. Wenn jemand zur Teilnahme am Gut einer Stadt zugelassen wird und als Bürger dieser Stadt lebt, muss er bestimmte Tugenden haben, um das zu tun was ein Bürger tun muss und um das Gut der Stadt zu lieben.

Auf ähnliche Weise, wenn jemand durch die göttliche Gnade zur Teilnahme an der himmlischen Seligkeit zugelassen wird, die in der Anschauung und liebenden Umfassung Gottes besteht, wird er sozusagen ein Bürger dieser seligen Gesellschaft, die das himmlische Jerusalem genannt wird, nach dem Epheserbrief, „Ihr seid also jetzt nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes.“ Wenn jemand auf diese Weise als Teil der himmlischen Stadt gezählt wird, muss er bestimmte ihm frei gegebene Tugenden haben, nämlich die eingegossenen Tugenden.

Die rechte Betätigung dieser Tugenden erfordert Liebe zum Gemeingut, das dieser ganzen Gesellschaft gehört, nämlich Gott selbst als unser Gut, sofern Gott der Gegenstand der Seligkeit ist. Nun kann man das Gut einer Stadt auf zweierlei Weise lieben: in einer Weise, um es zu besitzen, in anderer Weise um es zu behalten und zu erhalten. Wenn jemand das Gut einer Stadt liebt um es zu haben und zu besitzen ist er nicht ein guter politischer Mensch, weil auf diese Weise sogar ein Tyrann das Gut einer Stadt liebt, um darüber zu herrschen, womit er sich selbst mehr liebt als die Stadt.

Aber das Gut einer Stadt zu lieben um es zu behalten und zu erhalten, das ist wirklich Liebe zu dieser Stadt und das macht jemanden zu einem guten politischen Menschen, sofern man sich dann der Todesgefahr aussetzt und sein eigenes Privatgut vernachlässigt um das Gut der Stadt zu behalten und zu erhalten. Die Liebe zum Gut, an dem die Seligen teilnehmen, die Liebe dieses Gut zu haben und zu besitzen, bringt den Menschen noch nicht in die rechte Beziehung zur Seligkeit, weil auch die Bösen dieses Gut wollen.

Aber dieses Gut entsprechend seiner Güte zu lieben, damit es bleibe und mitgeteilt werde und nichts gegen es getan werde, das bringt den Menschen in die rechte Beziehung zu dieser Gesellschaft der Seligen. Und das ist die Liebe, die Gott um seiner selbst willen liebt und den Nächsten, der an der Seligkeit teilnehmen kann, wie sich selbst. Aus diesem Grund ist die Liebe nicht nur irgendeine Tugend sondern die mächtigste aller Tugenden.“

Durch seine Liebe zum Gemeingut von Mittelerde wird Frodo zu etwas, das Thomas “einen guten politischen Hobbit” nennen würde. Sein enges Leben, seine kleine Geschichte unter den Hobbits in seinem kleinen Ort, wird Schritt nach Schritt zu einer Geschichte von Glanz und Herrlichkeit, sie wird zur Geschichte von Mittelerde und des Guten von Mittelerde. Dieses Gut von Mittelerde wird direkt nicht von Frodo, sondern von Aragorn verwirklicht. Trotzdem nimmt Frodo an ihm und an der Herrlichkeit seiner Verwirklichung teil.

Das Gut von Mittelerde, das durch die Rückkehr des Königs verwirklicht wird, ist nicht das endgültige und abschließende Gut. Die Elben erinnern immer daran, dass es eine Sehnsucht gibt, die weit über Mittelerde hinausgeht. Ihre Zeit in Mittelerde geht ihrem Ende zu. Galadriel hält sich nicht fest am Gut, das sie in Lothlorien verwirklichen konnte. Sie stimmt dem Untergant dieses Gutes zu, der durch die Zerstörung des einen Rings kommen wird. Sie wandert nach Westen.

Die Liebe der Elben war immer eine geteilte Liebe gewesen. Einerseits lieben sie Mittelerde; anderseits haben sie Sehnsucht nach dem Westen, nach der Wohnung der Valar, besonders Elbereths.

Eine der eindrücklichsten Szenen im ganzen Buch ist der Moment in dem Frodo, Sam und Pippin nach Osten fliehen und fast von einem der schwarzen Reiter gefasst werden, wenn plötzlich eine Gruppe von hohen Elben auf ihrer Wanderung in den Westen auftaucht und ein Lied an Elbereth singt.

Dieses Lied wendet im letzten Moment den schwarzen Reiter ab. “Snow-white! Snow-white! O Lady clear! / O queen beyond the Western Seas! / O Light to us that wander here / Amid the world of woven trees. … O Elbereth! Gilthoniel! / We still remember, we who dwell / In this far land beneath the trees / Thy starlight on the Western seas.” Die Wanderung nach Westen und das Überqueren des großen Ozeans ist ein Ausdruck des religiösen Sinns der Elben, ein Ausdruck für eine Sehnsucht, die durch kein einziges Gut in Mittelerde, mag es noch so groß sein, gestillt werden kann.

Aber nicht einmal im Westen, wo die Valar wohnen, finden die Kinder Iluvatars ihr letztes Ziel und endgültiges Gemeingut. Die Valar und die Elben sind an dasselbe materielle Universum gebunden, in dem sich Mittelerde befindet, und zwar bis zur Vollendung dieses Universums. Was am Ende des Universums geschehen wird ist ihnen nicht klar. Die Menschen haben eine Gabe von Iluvatar erhalten, die den Elben nicht gewährt ist. Es ist eine teils bittere Gabe. Durch ihren Tod verlassen die Menschen die Grenzen dieser Welt und treten in unmittelbare Beziehung zu dem was jenseits dieser Grenzen liegt.

In der Geschichte von Arwen und Aragorn, wie sie im Anhang zum Herrn der Ringe erzählt wird, sind Aragorns letzte Wort an Arwen vor seinem Tod, „Im Leid müssen wir gehen, aber nicht in Verzweiflung. Siehe, wir sind nicht für immer an die Kreise dieser Welt gebunden und was jenseits dieser Kreise liegt ist mehr als nur Erinnerung. Lebe wohl.“

In äußerstem Schmerz ruft Arwen den ursprünglichen Namen Aragorns aus, der „Estel“ heißt. „Estel! Estel!“ Diese Szene wird durch einen Dialog über den Tod erhellt, der in einem der ältesten Manuskripte in der großen Handschriftensammlung in Minas Tirith enthalten ist.

Es ist ein Dialog zwischen dem Hohen Elbenkönig Finrod und der menschlichen Frau Andreth. Der Dialog geht auf die ältesten Zeiten zurück, noch vor der Geschichte von Beren und Luthien, dem selbst uralten Vorbild der Geschichte von Aragorn und Arwen. Andreth liebt einen Elben, den Bruder Finrods, der ihre Liebe erwidert. Es wird Andreth klar, dass sie alt werden und sterben muss, während ihr Geliebter immer jung bleiben wird. Dieser Gedanke treibt sie zur Verzweiflung. Finrod sagt zu ihr.

„Hast Du keine Hoffnung?“ Andreth antwortet, „Was ist Hoffnung. Eine Erwartung eines Guten, das zwar unbekannt aber doch im Bekannten verwurzelt ist? Dann haben wir keine Hoffnung.“ Finrod antwortet, „Das ist eines, das die Menschen Hoffnung nennen.

Wir nennen dieses Amdir. Aber es gibt etwas mit tieferen Wurzeln. Wir nennen es „Estel,“ das heißt Vertrauen. Es wird nicht durch die Geschicke der Welt besiegt, denn es kommt nicht aus der Erfahrung, sondern aus unserer Natur und unserem ersten Sein. Wenn wir wirklich die Eruhin sind, die Kinder des Einen, dann wird er es nicht zulassen von seinen eigenen getrennt zu werden, durch keinen Feind, nicht einmal durch uns selbst.

Das ist der letzte Grund von Estel, den wir auch dann behalten, wenn wir das Ende betrachten. Das Ziel aller seiner Pläne muss die Freude seiner Kinder sein.“ Es gehört zum tiefen religiösen Sinn des Herrn der Ringe, dass das endgültige Gemeingut jenseits der Grenzen und der Zeit dieses Universums liegt. Dieses Gemeingut ist ein Gegenstand von Estel, nicht von Amdir oder Wissen. Estel schützt den Rhythmus der Steigerung, ad majorem gloriam. Dass „Estel“ Aragorns ursprünglicher Name ist und auch das letzte Wort, das Arwen an ihren sterbenden Mann richtet ist eine der schönsten Erfindungen Tolkiens.

In Frodos Liebe sind diese verschiedenen Ebenen von Gemeingütern noch nicht klar unterschieden, aber es ist klar, dass seine Liebe eine offene Liebe ist und den Zugang zu diesen Tiefen nicht verschließt. Wenn sie den Zugang verschließen würde, dann würde sie ihre Schönheit verlieren. In Frodo’s love, these various levels of common goods are not clearly distinguished, but it is clear that his love is an open love and that he does not block the way into these depths. If he blocked the way, his love would loose its beauty.

Ich möchte jetzt Frodos Suche aus der zweiten früher erwähnten Blickrichtung betrachten, nämlich von der ihrer Begleitung durch die Vorsehung Elbereths. Gandalf sagt einmal zu Frodo über das seltsame Geschehen, dass Bilbo den einen Ring findet. „Dahinter war etwas anderes am Werk, jenseits aller Pläne dessen der den Ring gemacht hat. Ich kann es nicht deutlicher ausdrücken als dadurch, dass ich sage, es war Absicht, dass Bilbo diesen Ring finden würde, und nicht die Absicht dessen, der den Ring gemacht hat. Wenn das stimmt, dann war es auch Absicht, dass Du ihn bekommst. Dieser Gedanke hat etwas Tröstliches.“

Gandalf sagt etwas Ähnliches mit mehr Ironie am Ende des Buchs, Der Hobbit. „Bilbo sagte, ‚Dann haben sich die Prophezeiungen der alten Lieder als wahr bestätigt.’ Gandalf antwortet. ‚Natürlich. Und warum sollten sie sich denn nicht als wahr herausstellen? Du zweifelst doch nicht an ihrer Wahrheit einfach deshalb weil du selbst Hand angelegt hast um sie zu verwirklichen? Du meinst wohl nicht, dass deine Abenteuer und Streiche durch reinen Zufall nur zu deinem eigenen Nutzen geschehen sind? Du bist eine sehr feine Person, Herr Baggins, und ich hab dich sehr gern. Aber du bist schließlich nur ein ziemlich kleiner Kerl in einer weiten Welt.’ Bilbo antwortet, ‚Gott sei Dank’ und reicht ihm die Tabakdose.“ Eine Vorsehung ist in Frodos Suche am Werk und viele Zeichen deuten darauf hin, dass Elbereth die unmittelbar für diese Vorsehung verantwortliche ist.

Es ist sehr bedeutsam, dass diese Vorsehung das Kleine und Unbedeutende wählt um ihre großen Ziele zu erreichen. Es gibt einen großen militärischen Sieg gegen Saurons Armee auf der Pelennor Ebene vor den Mauern von Minas Tirith, aber der endgültige Sieg ist nicht ein militärischer. Ganz im Gegenteil, das Hauptziel von Gandalfs militärischer Strategie ist es, Saurons Auge von Frodo, Sam und Gollum abzulenken, die sich langsam dem Schicksalsberg nähern.

Trotz des Wachstums seiner Liebe zum Gemeingut von Mittelerde, die Frodo einen so hohen Adel gibt, kann er seine Suche nicht aus eigener Kraft zu ihrem Ende bringen. Wenn er bei den Schicksalsklüften ankommt wirft er den Ring nicht hinein, sondern nimmt ihn für sich selbst in Besitz. Der Druck des Rings ist einfach zu groß. In diesem entscheidenden Moment heißt der Retter der Suche Gollum.

Für gewisse Moralisten wird Frodo durch diese Tat zum Verräter. Sie nehmen es dem Buch übel, dass sein Held am Ende ins Böse fällt. Tolkien sieht das anders. In einem seiner Briefe erklärt er diese Zusammenhänge mit der Bitte des Vaterunsers, „Vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Im langen Gespräch, das Frodo und Gandalf am Anfang des Herrn der Ringe führen sagt Frodo über Gollum: „Welch ein Jammer, dass Bilbo dieses elende Geschöpf nicht erschlagen hat als er die Gelegenheit hatte.“

Gandalf antwortet: „Ein Jammer? Ja, ihn jammerte Gollum. Mitleid und Barmherzigkeit hielten seine Hand zurück. Nicht ohne Not wollte er töten. Und dafür ist er reich belohnt worden, Frodo. Du kannst gewiss sein, wenn ihm das Böse so wenig anhaben konnte und er sich schließlich ihm entziehen konnte, dann nur, weil er den Ring auf diese Weise in Besitz nahm.“ Frodo antwortet: „Gollum verdient den Tod.“ Gandalf sagt darauf: „Verdient ihn! Das will ich glauben. Viele, die leben, verdienen den Tod. Und manche, die sterben, verdienen das Leben. Kannst du es ihnen geben? Dann sei auch nicht mit dem Todesurteil so schnell bei der Hand. Denn selbst die ganz Weisen können nicht alle Absichten erkennen.

… Mein Herz sagt mir, dass Gollum noch eine Rolle zu spielen hat, zum Guten oder zum Bösen, ehe das Ende kommt; und wenn es dazu kommt, dann mag Bilbos Barmherzigkeit bestimmend sein für das Schicksal von vielen – und nicht zuletzt für das deine.“ Wenn Frodo die erste Gelegenheit hat, um Gollum zu töten, hört er diese Worte klar, wie aus der Ferne gesprochen. „Jetzt, da ich ihn sehe, habe ich Mitleid mit ihm.“ Ganz tief in der Natur des Universums und seiner Geschichte ist ein grundlegendes Gesetz am Werk: Barmherzigkeit wird mit Barmherzigkeit beantwortet. Der Sieg gehört der Barmherzigkeit, der Barmherzigkeit, die auf Barmherzigkeit antwortet.

Barmherzigkeit ist eng verbunden mit Elbereth, da sie ja für die unmittelbare Vorsehung für Mittelerde verantwortlich ist. Im Salve regina singt man zur Gottesmutter, mater misericordiae, Mutter der Barmherzigkeit. Natürlich muss die Barmherzigkeit im Ende auf Iluvatar selbst zurückgehen. Er muss so beschaffen sein, dass das Prinzip des Mitleids so tief in seine Schöpfung eingeprägt ist. In der großen Offenbarungsszene, in der Gott an Moses vorbeigeht, hört Moses die Worte, „Der Herr ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue.“

Thomas sagt auf Grundlage solcher Schriftworte: „In jedem Werk Gottes ist die Barmherzigkeit die erste Wurzel. Die Macht dieser Wurzel erhält sich in allen Werken, die darauf folgen. Sie ist in diesen späteren Werken sogar noch intensiver am Werk, da ja die Erstursache intensiver in ihre letzte Wirkung einfließt als die Zweitursache.“ Gandalf hat tiefes Verständnis für dieses Prinzip der Barmherzigkeit und es wird Frodo im entscheidenden Moment auf übernatürliche Weise mitgeteilt.

Das Prinzip der Barmherzigkeit gibt der ganzen Erzählung Tolkiens eine Schönheit von ganz besonderer Art. Es gibt ihr eine weibliche und Marianische Atmosphäre. Was in dieser Erzählung glänzt ist nicht der Glanz des Gottes Mars, der männliche Glanz des militärischen Sieges, sondern der Glanz Elbereths, deren Symbol die Sterne sind, nicht die Sonne. Eine abschließende Milde beherrscht die Erzählung, die Milde der Barmherzigkeit. Eine abschließende Schlichtheit liegt in der kosmischen Ordnung, die Schlichtheit eines einzigen Prinzips, der Barmherzigkeit. Wir können die Wahrheit der Feststellung Tolkiens sehen, dass seine eigene Wahrnehmung der Schönheit in ihrer Hoheit und Schlichtheit auf seiner Marienfrömmigkeit fußt.

Das erste und unmittelbare Ziel des Herrn der Ringe, wie Tolkien in seinen Briefen immer wieder betont, ist die Unterhaltung, das heißt, Freude an der Schönheit der Geschichte. Eine weitere Wirkung dieser Freude ist, dass Tolkien unsere Augen für die tiefere Wahrheit unserer eigenen Welt schärft. Staunen ist die einzig vernünftige Antwort auf Mittelerde wie Tolkien sie darstellt. Staunen ist auch die einzig vernünftige Antwort auf unsere Welt, da sie in ihren tiefen Strukturen dieselbe ist. Es gibt ein altes Lateinisches Sprichwort, ubi amor, ibi ocolus, wo Liebe ist, da ist das Auge.

Staunen und Liebe zur Schönheit sind nicht Gefühle, die vom ernsten Versuch, die Welt zu verstehen, weit entfernt sind. Sie wirken vielmehr wie ein Vergrößerungsglas oder ein Teleskop. Sie bringen die tiefen Strukturen der Welt näher an unsere Augen heran und erlauben us, diese Strukturen zu verstehen. Für ein solches Verständnis ist die Schönheit deshalb nicht eine zufällige dekorative Beifügung, sondern steht ganz nahe am Herzen der Verstehbarkeit, weil sie das Ziel des Schöpfers ist.







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'Mich wundert die Einseitigkeit einiger unserer Kirchenvertreter' (15)

Dem Ehepartner treu bleiben, obwohl von ihm verlassen (14)

Malteser, Kondome und eine 'Kongo-Pille' (14)

Befreiungstheologie - Erlösungstheologie (13)