15 Februar 2017, 12:00
Die Zukunft unserer Gemeinden: Ein Plädoyer
 
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Wir brauchen keine neu erfundene »Gemeindetheologie«. Es gibt in der überlieferten Theologie bereits alles Nötige für die Herausforderungen unserer Zeit. Wir haben nur verlernt, diese Schätze zu erkennen. Gastkommentar von Pfr. Peter van Briel

Münster (kath.net/Karl-Leisner-Jugend) Als Pfarrer bin ich natürlich auf verschiedene Weise mit dem Thema der »Gemeindetheologie« beschäftigt, zuletzt in meiner eigenen Pfarrei (ich bin Pastor in einer kleinen ländlichen Gemeinde im Münsterland), in der ein Pastoralplan erstellt wer-den soll. Einen Plan zu haben, ist keine schlechte Sache. Für die Gemeindearbeit ist zusätzlich zu einem Zukunftsplan eine Theologie der Gemeinde sicherlich hilfreich. Aber wir brauchen, so meine These, keine neu erfundene »Gemeindetheologie«. Es gibt in der überlieferten Theologie bereits alles Nötige für die Herausforderungen unserer Zeit. Wir haben nur verlernt, diese Schätze als solche zu erkennen.

Das Problem, weshalb wir diese Schätze nicht heben, ist nicht so sehr ein »theologisches Nicht-Wissen«. Vielmehr haben die Ansätze, die wir brauchen, um unsere Krise zu überwinden, in den Augen der momentan Diskutierenden den Anschein, überhaupt erst Ursache der Krise zu sein. Und so sucht man nach Neuem. Viele, die auf das Alte als Richtschnur in unserer Verwirrung verweisen, gelten als Problemverschärfer. Das eigentliche Problem ist aber, dass wir uns die Schätze und Schmuckstücke der Gnade nicht mehr anziehen wollen, weil wir glauben, Schmuck-losigkeit wäre das Allheilmittel.

Das, was wir brauchen, ist meiner Meinung nach eine aktualisierte »Ämtertheologie«. Bei diesem Wort zuckt so mancher schon kräftig zusammen: Ist denn nicht die Betondung des Amtes schuld an der ganzen Krise der Kirche und der Gemeinde? Brauchen wir nicht vielmehr eine Theologie der Laien? – Genau. Eine Theologie des Amtes aller Getauften (im »Allgemeinen Priestertum«) und dessen Verhältnis zum geweihten Priester (im »Besonderen Weiheamt«).

I. Krise auf einem angeschlagenem Schiff


1. Was sollen wir tun?

Es lässt sich schon lange nicht leugnen, dass die Personaldecke sowohl bei den Priestern, den hauptamtlichen Seelsorgern aber auch bei den sich ehrenamtlichen Engagierenden in unsere Kirche in Deutschland immer dünner wird. Wir sprechen dann von »knapper werdenden Ressourcen«, die klug verteilt werden müssen. Damit sind natürlich auch die Seelsorger gemeint, die auf zu vielen offenen Stellen in den Gemeinden verteilt werden müssen. Damit ist aber auch die Zeit und Energie gemeint, die nun der einzelne Ehrenamtliche, Kirchenangestellter und Seelsorger einer immer größeren Menge von Aufgaben widmen muss. Wo soll man kürzen? Und wo ist zum Beispiel der Priester unverzichtbar?

Die Gemeinde ist keine gleichförmige und gleichgültige Schafherde, die halt hin-nimmt, wie oft die Hirten unter ihnen sind. Vielmehr erklären Christen in den Gemeinden oft nicht zu leise, worin ihr Bedürfnisse bestehen und dass sie einen An-spruch auf (zumindest ein Mindestmaß) an »Versorgung« benötigen (wobei noch zu klären wäre, worin diese »Versorgung« besteht: Ist damit der Empfang der Sakramente gemeint, die geistliche Begleitung oder die persönliche Zuwendung und Anwesenheit des Pfarrers bei allen Veranstaltungen und Feierlichkeiten?). Welcher dieser Ansprüche sind berechtigt? Und welche waren früher möglich, sind heu-te aber unrealistisch? Und - eine solche Möglichkeit wird manchmal übersehen - welche Ansprüche sollte ein kluger Seelsorger gar nicht befriedigen, weil sie nicht gar nicht in seine Kompetenz fallen?

Um herauszufinden, was zuerst getan werden muss - und von wem - brauchen wir eine Gebrauchsanweisung für den Ernstfall. Dass zahlreiche Diözesen in Deutsch-land Pastoralpläne erstellt haben und ihre Gemeinden bitten, das ebenfalls zu tun, ist also gar nicht so abwegig. Eine Gebrauchsanweisung ist nämlich äußerst praktisch, wenn sie vorhanden ist. Unsere Kirche erscheint mir jedoch wie eine Schiff, in das Wasser eindringt, auf dem sich die Passagiere aber angesichts der drohenden Katastrophe zunächst in Sitzungen organisieren und dann lauthals darüber streiten, woher das Wasser kommt, ob es ein Leck gibt, was zu tun ist und wer nun für was zu sorgen hat.

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So wird wertvolle Energie gebunden und Streit und Spaltung provoziert. Die Meinungsverschiedenheiten waren vermutlich auch schon vorher vorhanden, treten aber in diesem Augenblick besonders aggressiv zutage. Immerhin kann jede Seite für sich reklamieren, die andere wäre schuld am Untergang.

Sinnvoller wäre es, gemeinsam anzupacken. Das aktiviert Kräfte und weckt Teamgeist. Auch dann, wenn an verschiedenen Stellen zur gleichen Zeit begonnen wird und jeder das tut, was er besonders gut kann. Gemeinsames Arbeiten auch der verschiedenen Talente überwindet so manche Spaltung (wenn auch nicht alle) und nimmt dem Streit die Energie.

Das ist kein Aufruf zum planlosen Aktivismus: Es gibt schon längst einen Plan, denn die Frage, was denn nun zu tun ist, ist nicht neu. Das, was die Kirche immer schon getan hat, lässt sie zu dem werden, was sie eigentlich ist: Ein Schiff im Sturm mit Jesus an Bord. Gott loben, den Menschen helfen und sich selbst zu heiligen - mehr braucht es nicht. Gottesdienste feiern (Liturgia), sich um die Notleidenden zu kümmern (Diakonia) und im Glauben zu wachsen (Martyria) war immer schon Auf-gabe der Kirche. In Zeiten der Not und der Enge muss sie nichts anderes tun. Sondern mehr davon. Das ist ihr Amt.

2. Wer soll was tun?

Besonders brisant wird diese Situation (die Diskussion auf einem angeschlagenem Schiff) aber erst dadurch, dass oft ein besonders verrücktes Rollenspiel beginnt. Anstatt dass der Kapitän, die Mannschaft und die Passagiere jeweils ihre Aufgaben erfüllen (konzentriert und engagiert), meinen manche aus der Mannschaft, das Unglück wäre nicht passiert, wenn der Kapitän sich und sein Amt nicht so wichtig genommen hätte. Manche Passagiere werfen der Mannschaft vor, sie wüssten nicht, wie es ist, ein Passagier zu sein, sonst würden sich ganz anders verhalten. Vielleicht hat daran auch die Reederei eine Mitschuld, die von ihren Kapitänen weniger die Leitung eines Schiffes, als viel mehr die Bewahrung einer gemütlichen und ent-spannten Bordatmosphäre verlangt. Schließlich beginnt auch der Kapitän an sich zu zweifeln und versucht, anderen seine Rolle anzubieten und dafür selbst nur ein Teil der Besatzung oder gar der Gäste zu sein. Man kann sich vorstellen, dass ein solches Chaos auf der Titanic sogar dann zu einem Untergang geführt hätte, wenn da gar kein Eisberg gewesen wäre.

Der Vergleich passt sehr wohl: Manche Gemeindemitglieder verlangen den Verzicht auf altes Rollenverhalten. Vom Pfarrer wird verlangt, dass er aufhört zu herrschen und vom Laien, dass er anfängt, selber zu denken. Seltsam. Denn eigentlich hat die Kirche immer schon, seit 2000 Jahren, nur funktioniert, wenn die Amtsinhaber ihre Amt als Dienst verstanden und die Laien sich ihre eigene Verantwortung gestellt haben. Manche Gemeinden behaupten, sie müssten erst jetzt einführen, was Jahrhunderte funktioniert. »Der Priester soll dienen! Und der Laie seine eigene Verantwortung entdecken!« Was sie aber meinen, wenn sie diese Forderung erheben, ist oft, dass der Laie die Aufgaben des Priesters übernehmen soll und der Priester so leben und wirken möge wie jedes andere Gemeindemitglied. – So wird das nichts mit der Rettung des Schiffes. Ich bleibe dabei: Wir sollten von dem, was immer schon galt, mehr tun, intensiver und entschlossener.

3. Es gibt schon einen Plan

Was wir brauchen, ist also nicht nur eine Liste der Aufgaben - sondern auch eine Zuordnung der Verantwortlichkeiten. Das mag auf dem Schiff die Schiffsordnung sein. In der Kirche ist das grundgelegt in der Theologie des Amtes. Wer die über Bord wirft, verzettelt sich bei der Frage, wer was zu tun hat.

Und da liegt vermutlich der Eisberg begraben: Die Schiffsordnung haben wir schon lange aus den Augen verloren. Unsere Posten sind uns nicht mehr klar. Uns fehlt eine vernünftige und wegweisende Theologie des Amtes, der Laien und der Gemeinde. Das Selbstverständnis von Amt, Allgemeinem Priestertum und Kirche ist uns entfallen oder entglitten. Wie ein Kursbuch, das bei ruhiger Wetter nicht beachtet wurde und nun in rauer See nicht mehr gefunden wird. In dem keiner mehr liest, weil man meint, es würde jetzt nicht mehr gelten. Dabei war es nicht das veraltete Kursbuch, das den Untergang einleitete, sondern die Sorglosigkeit bei schönem Wetter, die aufgehört hat, es zu studieren. Es wird Zeit, das gute alte Buch wieder hervorzukramen; den Staub wegzublasen und uns den alten Weisheiten Gottes und den Erfahrungen 2000 Jahren Christenleben (in größeren Nöten, Krisen und Verfolgungen als der unseren) wieder zu öffnen.

II. Was im alten Kursbuch steht

1. Der richtige Kurs

a. Sich heiligen. – Der Kurs, den die Kirche nehmen sollte, ist eigentlich klar: Den Weg zum Vater gehen mithilfe der Sakramente der Kirche. Leider meinen viele, sie müssten den Weg zum Vater ein wenig aufschieben, weil es zunächst gälte, den Weg zum Menschen zu gehen. Als ob das ein Gegensatz wäre! Wenn ein Christ hört: »Denk an deine Seele, heilige Dich!«, dann ist das immer auch ein Aufruf, seinen Dienst an der Welt wahrzunehmen. Niemals ist damit gemeint, den Nächsten zu vernachlässigen und sich allein Gott zuzuwenden.

Aber um im Nächsten Christus zu erkennen, braucht es übernatürliche Augen: Wer nicht im eucharistischen Brot Gott erkennt, kann dieses auf Dauer auch nicht im Ärmsten. Um im Nächsten Christus zu dienen, braucht es übernatürlichen Mut zur Demut: Wer nicht vor dem eucharistischen Leib seine Knie beugt, der kann es auch nicht im Dienst an den Kleinsten. Um im Nächsten Christus herauszuhören, braucht übernatürlich offene Ohren: Wer nicht dem Wort der Heiligen Schrift zuhören kann, der wird dies auch in Ehe und Familie irgendwann nicht mehr wollen.

Manche Gemeinden beargwöhnen deshalb geistliche Bewegungen, Anbetungsabende und Pilgerfahrten mit Beichtmöglichkeit, weil diese zu wenig caritativ oder politisch tätig sind. Dabei zeigt die Erfahrung, dass gerade aus diesen Bewegungen viele frische und ungewöhnliche caritative Anstöße kommen.

b. Sich einfügen. – Wenn Paulus davon spricht, dass es verschiedene Glieder mit ihren jeweiligen Charismen gibt, aber nur einen Leib, dann freut sich der heutige Hörer. Er möchte auch Leib sein. Er überhört dabei, dass er dazu ersteinmal ein Organ im Leib werden muss. Ein Leib ist jedoch nur deshalb lebensfähig, weil nicht alle Gehirn, Hypothalamus oder Hirnanhangdrüse sind. Wer andere daran erinnert, dass es ohne Nieren im Körper nicht geht, dagegen aber fünfzehn Stirnlappen den Leib nicht lebendiger werden lassen, gilt schon mal schnell als intolerant.

Wie Paulus sagt: Wir sind unterschiedlich und jeder von uns hat im Leib seine Aufgabe. Einige sind dabei präsenter und angesehener, und andere sind nur die Milz (wofür ist die eigentlich gut?). Fragen wir, wo wir gebraucht werden. Schätzen wir, was andere gut können. Respektieren wir die Dienste in unseren Gemeinden, auch die unsichtbaren, auch den Dienst des Gebetes oder des stillen Opferns. Alles, was den Leib der Kirche aufbaut, ist Tun Christi.

c. Andere groß sein lassen. – Aber es geht noch schlimmer. Es gibt nämlich auch »Organe«, die anderen verbieten, anders zu sein. Die nicht möchten, dass es Anbetungsgruppen in der Gemeinde gibt. Die verhindern wollen, dass geistliche Gemeinschaften einen Platz im Pfarrheim bekommen. Die in ihrer Gemeinde nicht zu-lassen, dass es Menschen gibt, die von Marienerscheinungen und Heilungsgottes-diensten angetan sind. Um auf das Bild des sturmgeschüttelteten Schiffs zurückzukommen: Sie wirken wie ein Schiffskoch, der der Crew verbietet, Rettungsbote klarzumachen und sie stattdessen zum Möhrenschälen heranzieht.

Üben wir uns wieder in der Tugend der Katholizität - der katholischen Weite. Zur katholischen Kirche gehört das Opus Dei genauso wie die Charismatische Gemeindeerneuerung. Wer das noch nicht akzeptieren kann, muss sein Herz weiten - und nicht das Weite suchen. Katholisch ist der alternde Opa, der nur noch seinen Rosenkranz betet, genauso wie der junge Aktivist, der im afrikanischen Busch ein Waisenhaus gründet. Beide sind unverzichtbar: Vermutlich kann der eine das nur, weil es den anderen gibt. Halten wir aus, dass wir verschieden sind. Der BDKJ ist ebenso Teil der Kirche wie die Petrusbruderschaft (obwohl beide wohl nur wenig voneinander wissen). Indem sie lernen, sich gegenseitig zu ertragen (ja: sich an der kirchlichen Mitwirkung des anderen zu freuen!), reifen sie in ihrer Heiligkeit. Das ist katholisch.

2. Wer was tun sollte: Erinnerung an die Theologie der Ämter.

a. An die Priester: Nicht, weil die Priester sich und ihr Amt zu wichtig genommen haben, stehen wir da, wo wir sind. Sondern weil sich viele Priester heute gar nicht mehr bewusst sind, dass sie ein Amt haben, sind viele Probleme entstanden.

Priester werden nicht dadurch zu wahren Dienern der Gemeinde, indem sie ihr Amt nicht so wichtig nehmen oder es gar niederlegen. Ein Zahnarzt ist nicht deshalb ein besserer Diener an der Gesundheit seiner Patienten, weil er sich zu ihnen ins Warte-zimmer setzt.

Das Amt des Priesters ist es nicht, die Aufgaben der Laien zu übernehmen. Sein Dienst besteht darin, die Laien sakramental dazu zu befähigen, ihre Aufgaben zu erfüllen: Der Dienst des Priesters ist es, allen Getauften die Gnade für ihre Aufgabe (und das Bewusstsein ihrer Aufgabe!) immer neu zu vermitteln. Er soll die Sakramente spenden (und die Getauften daran erinnern, sie zu empfangen!), sie lehren in Predigt und Katechese und sie anleiten, sich selbst gegenseitig zu stützen. Ein Priester, der diese Aufgaben vernachlässigt und sich um alle Nöte der Welt selbst kümmert, geht an dem Übermaß der Aufgaben letztlich zugrunde und vernachlässigt gleichzeitig die, die es von Anfang besser gekonnt hätten als er.

Das gilt nicht nur für die sakramentale Dimension des Priesters (z.B. in der Liturgie) und die lehrmäßige Aufgabe (in Predigt und Katechese), sondern auch für seine Leitungsfunktion. Ein besonders konfliktträchtiger Gedanke. Viele denken so-fort an alte Monarchien und Diktaturen. Dabei besteht das Amt des Pfarrers nicht darin, die Gemeinde zu kommandieren wie ein General seine Armee. Sondern zu leiten wie ein Schiedsrichter ein Fußballspiel: Durch seinen Leitungsdienst gewährt er jedem Gemeindemitglied Raum, seine eigenen Möglichkeiten zu entfalten und in den Dienst Christi einzubringen. Ein guter Schiedsrichter verhindert Streit - durch seine Autorität. Und ermöglicht überhaupt erst das Spiel. Die Autorität des Amtes nimmt keine Freiheit, sondern bewahrt sie. Wer dieses Amt nicht wahrnimmt (wie ein Schiedsrichter, der nur am Würstchenstand steht), lässt das Spiel schnell in Diskussionen untergehen, bis es aufhört, ein Spiel zu sein. (Schlimmstenfalls beginnt der fehlgeleitete Schiedsrichter, selbst Tore zu schießen.)

b. An alle Getauften: Der Fehler der Vergangenheit bestand nicht darin, dass Laien zu wenig an den Leitungsfunktionen des Priesters beteiligt worden sind. Vielmehr bestärken und ermutigen viele Priester sie heute nicht genügend in ihrer eigenen Berufung. Die Getauften im Sakrament zu Priestern an der Welt zu machen, ist die Aufgabe des Priesters; dieses Allgemeine Priestertum im Engagement an der Welt, in den Familien und für die Ärmsten fruchtbar zu machen, ist die Berufung und Begabung aller Getauften. Darin haben sie nicht nur eine eigene Aufgabe, sondern vor allem eine eigene Kompetenz.

Der Trost, den Familienangehörigen einander in der Trauer schenken, kann durch kein priesterliches Wirken ersetzt werden. Und dennoch ist der familiäre Trost ein wahrhaft priesterliches und kirchliches Tun!

Die Glaubensweitergabe in den Familien und das Gebetsleben mit den Kindern kann durch kein noch so gut organisiertes Leitungskomitee einer Pfarrgemeinde überboten werden. Das ist wahrhaft priesterlicher und prophetischer Amtsvollzug im Allgemeinen Priestertum. Das besondere Priestertum des Pfarrers oder Pastors kann nur zum Allgemeinen Priestertum alle Gläubigen befähigen - es aber niemals ersetzen.

Durch eine schlechte Predigt eines Priesters kann es zwar passieren, dass der ei-ne oder andere Gottesdienstbesucher der Kirche den Rücken zukehrt. Nur: Durch gute Predigten gewinnt er keine neuen Gottesdienstbesucher hinzu! Das können jedoch die Getauften in ihrer Berufung: die Mütter und Väter in ihren Familien, Freunde und Freundinnen in ihren Freundeskreisen und Glaubende bei ihren Arbeitskollegen.

Selbstverständlich soll ein Priester einem Armen helfen, dem er auf der Straße begegnet. Denn natürlich ist der Priester auch selbst ein Getaufter. Aber allen Gemeindemit-glieder dabei zu helfen, selbst zu Helfern zu werden, ist manchmal vordringlicher. Und langfristig unverzichtbar. Das ist die Aufgabe des Priesters! Er aktiviert die wahren Priester, Propheten und Könige für die Welt. Und zwar nicht durch Erhebung des moralischen Zeigefingers, sondern durch übernatürliche und sakramentale Zuwendung.

c. An die Gemeindeleitungen: Im Bild des Kapitän-Besatzung-Passagieren-Problems mag der Priester mit dem Kapitän verglichen werden. Das heißt aber nicht, dass die Getauften unterschiedslos mit den Passagieren gleichgesetzt werden können. Jeder Getaufte gehört zur Besatzung und versieht - gleich dem Kapitän - seinen Dienst an seinem Ort in eigener Verantwortung. Wenn Christus unser Hirt ist und wir sei-ne Herde, dann heißt »Christus nachfolgen und ihm ähnlich werden« immer auch, selbst zum Hirten zu werden. Gerade darin besteht die eigentliche Berufung des Christen! Ein Schiff mit nur einem Kapitän und tausenden Passagieren wird noch nicht einmal den Hafen verlassen können.

Ich möchte hier also keineswegs den Eindruck erwecken, als wenn ich zu einem Gemeindemodell zurückkehren will, in dem der Herr Pastor Hirt und alle anderen nur Schafe sind. Abgesehen davon, dass ich nicht glaube, dass es eine Zeit gegeben hat, in der dieses Gemeindemodell jemals funktioniert hat.

Es geht mir sehr wohl darum, die Berufung der Laien ernst zu nehmen. Sogar sehr viel ernster, als es zur Zeit in den meisten Gemeinden der Fall ist: Jedes Wirken der Mutter, die ihren Kindern ein Vorbild im Glauben und Gebet ist, ist kirchliches Tun. Nicht erst, wenn der Pfarrer einen Schwerkranken besucht, kümmert sich die Kirche: Sondern jeder Sohn und jede Tochter, jeder Nachbar und jeder Freund, sogar jeder Arzt und jeder Pfleger, der (auch) aus christlicher Verantwortung für den Kranken da ist, verwirklicht Gemeinde und handelt im Geiste Gottes.

Vermeiden wir deshalb bis in die kleinsten Nebenbemerkungen, davon zu sprechen, dass die Kirche nur in ihren offiziellen Vertretern (zum Beispiel im Pfarreirat) handelt. Unsere Gemeinden sind sehr viel lebendiger als es einen Blick in die Belegungspläne unserer Pfarrheime scheinen lässt.

Hören wir wirklich aufeinander! Denn wer eine bestimmte Kompetenz zur Tat hat, der hat auch etwas Besonderes mitzuteilen. Wir müssen nicht unbedingt neue Beratungsgremien einführen (wer will, kann das gerne tun). Viel wichtiger ist es, innerhalb und außerhalb der »gemeindlichen Räte« wirklich aufeinander zu hören und jedem die Gabe zuzugestehen, etwas ganz Spezielles von Gottes Plänen verstanden zu haben, das die anderen so noch nicht bemerkt haben.

III. Vier Appelle

1. An die Priester

a. Ihr Priester, dient euren Gemeinden! – Gemeindemitglieder sind weder hirnlose Schafe noch sämtlich Kapitäne. Jeder hat seine Verantwortung, die ihm keiner (auch kein Priester) nehmen kann; keiner ist für alles verantwortlich. Wertschätzen wir jede Form des gelebten Glaubens - selbst, wenn der Glaube nur so klein wie ein Senfkorn ist. Aber auch dann, wenn der Glaube Einzelner galaktische Ausmaße an-zunehmen scheint (was schwerer auszuhalten ist).

Trauen wir uns, Dinge nicht zu tun. Wir können nur wertschätzen, was anderen auch zu tun erlaubt wird. Ein Vater, der seinen Kindern gehen beibringen will, darf sie nicht immerzu tragen.

Ermahnen wir unsere Gemeindemitglieder, weil wir sie lieben. Nehmen wir in dieser Hinsicht unsere Verantwortung und unser Amt wahr. Haben wir keine Angst davor: Wer jeden einzelnen retten will, weil er ihn gern hat, findet auch die richtigen Worte und Weisen. Verzweifeln wir nicht, wenn eine Ermahnung nicht sofort zur Einsicht und Umkehr führt. Vielleicht braucht Einsicht und Umkehr viel Zeit. Vielleicht brauchen wir Priester aber auch Zeit und Einsicht, um zu erkennen, dass wir selbst die verordnete Umkehr nötig haben.

Leben wir nicht für den Applaus unserer Gemeindemitglieder, sondern dafür, dass wir ihnen applaudieren können. Ertragen wir auch unberechtigte Kritik, noch mehr auch berechtigte. Wir sind nicht Priester, weil wir die besseren Menschen sind, sondern deshalb, weil wir bereit sind, uns für unsere Schwächen ans Kreuz schlagen zu lassen. Das gehört zum »Jobprofil« dazu.

Nehmen wir jede Andersartigkeit erst einmal mit Wohlwollen an. Nehmen wir aber auch Kritik an unseren Eigenarten (und eventuell tatsächlichen Fehlern) an, als käme sie von Christus selbst. Üben wir Kritik in Liebe. Und tragen wir unsere Gemeindemitglieder, damit sie uns tragen. Verzetteln wir uns nicht in Belanglosigkeiten. Und beten wir für die, die sich gerade in solche verzetteln.

2. An die Getauften

a. Ihr Getauften, nehmt Eure eigene Berufung wahr! – Dem Amt des Priesters zu-geordnet ist das Charisma (die gottgegebene Begabung) eines jeden Getauften. Ein solches Charisma wird nicht größer, sondern geringer, wenn alle Anteil am besonderen Priesteramt haben wollen, das den Charismen dient. Entdecken wir unsere eigene Berufung, unsere Begabung, der Welt Christus zu bringen! Das kann sehr aktiv sein (in der Organisation) oder sehr kontemplativ (im begleitenden Gebet). Das kann ein Charisma im kleinen Kreis (in der Familie), ja im kleinsten Kreis (für eine einzelne Person) sein, oder ein Charisma mit großer Breitenwirkung (in der Katechese, den modernen Medien oder der Politik). Das kann ein Charisma des Alltags sein (im Dienst der Liebe) oder ein Charisma der ausdrücklichen Verkündigung (in Gebetskreisen oder der Evangelisation).

Keines der Charismen ist unwichtig, keines alleinwirksam. Und alle sind über-haupt erst Grund für den Dienst der gesamten Hierarchie, die unseren Berufungen dienen soll. Widerstehen wir der Versuchung, im Amt eine Konkurrenz zu unseren Charismen zu sehen! Nehmen wir vielmehr das Weiheamt in Anspruch, uns zu stärken und zu segnen!

b. Ihr Getauften, stärkt Euch gegenseitig! – Die Charismen, die Gott schenkt, sind unterschiedlich in ihrem Inhalt, aber nicht in ihrem Wert. Wir brauchen Diener im Kleinen und im Großen, im Dienst an der Welt, in der Welt und in der Kirche. Neiden wir niemandem dessen Charisma, freuen wir uns an der Begabung des Nächsten und stärken wir uns im »gemeinsamen Wirken auf unterschiedliche Weise«. Seien wir zugleich tolerant (»Wer nicht gegen euch ist, der ist für euch!« - Lk 9,50) und um die Einheit mit Christus bemüht (»Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich; wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.« - Lk 11,23).

c. Ihr Getauften, stützt eure Priester! – Bedenkt: Ein Priester ist kein besserer Mensch als der Rest der Gemeinde. Nehmen wir ihm also seine Ecken und Kanten nicht krumm. Werfen wir nicht sofort mit Steinen, wenn er Fehler hat. Und werfen wir nicht sofort unsere Kirchenzugehörigkeit über Bord, nur weil er selbst mit Steinen wirft. Er kann trotzdem ein guter Priester sein. Bestärken wir ihn in seinem (!) Dienst und halten wir ihn davon ab, uns unseren Dienst streitig zu machen. Nehmen wir vor allem sein Dienstamt in Anspruch: Die Spendung der Sakramente durch den Priester, seine geistliche Begleitung und seine Leitungsverantwortung.

Konkret: Am besten erinnert ein Gemeindemitglied den Priester an seine Berufung, in-dem er häufig bei ihm beichtet. Priester, die Beichte hören, werden zunehmend Christus ähnlicher - und können in dieser Zeit zumindest keine überflüssigen Arbeitskreise gründen.

Tragen wir unsere Priester, damit sie uns tragen. Verzetteln wir uns nicht in Belanglosigkeiten. Und beten wir für die Priester, die sich ihres Amtes und der damit verbundenen grandiosen Aufgabe und Gnade nicht mehr bewusst sind.

3. An die Bischöfe

Ihr Bischöfe: Seid solidarisch mit euren Priestern! – Da ich es einmal unternommen habe, meine unmaßgeblichen Ratschläge zu äußern, will ich mich schließlich auch noch an die »Reederei« wenden. Manchmal fühlen sich die Kapitäne, die Besatzung und (seltener) auch die Passagiere als Spielbälle von Großplanern. Das ist nicht gut. Bedenkt: Hierarchie bedeutet Dienst. Der Papst dient in seinem Amt der Freiheit und der je eigenen Berufung der Bischöfe. Die Priester sind in ihrem Amt Diener der Gemeinde und deren je eigenen Berufung aller Getauften. Somit ist es nicht ganz abwegig, eine Aufgabe des Bischofs darin zu sehen, die Priester in ihrer je eigenen Berufung zu stützen. Wenn es Streit in der Gemeinde gibt, stellt Euch auf die Seite Eurer Mitarbeiter. Sie brauchen Euch!

Eine Reederei, die sich bei Beschwerden immer zuerst mit den Passagieren solidarisiert, mag wirtschaftliche Interessen im Blick haben (so bindet man Kunden!). Aber sie vernachlässigt mit der Schwächung von Kapitän und Besatzung letztlich die Sicherheit des ganzen Schiffes. (So verliert man Kunden! Endgültig. Und auch Kapitäne und ganze Besatzungen.)

Nehmt den Gemeinden nicht die Freiheit zur Eigeninitiative - und genausowenig den Mitarbeitern im priesterlichen Amt. Und wenn sie dort Fehler machen: Baut sie auf! Ermunterung geht immer vor Ermahnung! Seid Väter Eurer Priester!

Nehmt die Besatzung der Schiffe und das Personal in den Gemeinden nicht erst dann ins Gebet, wenn sich jemand beschwert. Erinnert sie immer daran, dass sie ein Amt haben und damit auch Gnade verbunden ist. Macht Euch vor allem Sorgen um diejenigen, die das Amt oder die Gnade (oder noch schlimmer: beides) leugnen. Damit meine ich sowohl das Amt und die Gnade des Allgemeinen als auch des Besonderen Priesteramtes.

4. An alle in der Kirche

Ihr alle: Dient dem Menschen! Nicht der Gemeinde. – Und - nicht zuletzt: Retten wir nicht unsere Gemeinden. Unsere Aufgabe (als Priester oder als Gemeindemit-glied) ist es nicht, die Gottesdienste zu füllen oder Kirchensteuern zu sichern. Wir sollen Menschen retten und für Christus gewinnen. Wer immer nur fragt, ob das, was wir tun, auch für die Gemeinde etwas bringt, verstößt gegen das erste der Zehn Gebote: »Du sollst keinen anderen Gott neben mir haben.« Wir arbeiten in der Gemeinde - aber nicht für sie. Wenn wir Menschen für Christus gewinnen, wer-den diese sicherlich auch die Gemeinden verlebendigen (wenn auch manchmal nicht genau die Gemeinde, in der wir leben). Die Kirche ist zwar Leib Christi - aber unsere Gemeinde ist nicht die Kirche.

Der Autor (Jahrgang 1965) ist Pfarrer in einer Dorfgemeinde im Bistum Münster und Schulpfarrer an einer Bischöflichen Schule (Realschule und Gymnasium). Zu-gleich ist er Sprecher der Karl-Leisner-Jugend, einem „Arbeitskreis von Laien und Priestern zur Vertiefung und Bereicherung der katholischen Jugendarbeit im Bistum Münster“. Als solcher hat er zahlreiche Katechesen verfasst, die sich auf der Homepage der Karl-Leisner-Jugend finden (Karl-Leisner-Jugend); ein großer Teil davon ist 2016 in Buchform als „Grundkurs zum Glauben“ (siehe unten) erschienen.

kath.net-Buchtipp
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24 Katechesen
Von Peter van Briel
Taschenbuch, 394 Seiten
2016 Pneuma Verlag
ISBN 978-3-942013-33-8
Preis 24.95 EUR

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Symbolbild: Ich liebe meine Kirche












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