24 März 2017, 12:00
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Die „Bekenntnisse“ des Heiligen Augustinus dokumentieren hier (wie in vielen anderen Punkten) wesentliche Momente unserer Kultur: Die Zusammengehörigkeit von „Sache“ und „Sprache“, von Gedanke und Wort - BeneDicta am Freitag mit Gudrun Trausmuth

Linz (kath.net)
Um 400 n.Chr. schildert Augustinus in zwei Passagen der „Confessiones“ das Sprach- und Textverhalten des Ambrosius, Bischof von Mailand. Die eine Stelle beschreibt das damals noch unübliche, leise Lesen: „Wenn er aber las, so glitten die Augen über die Blätter, und das Herz spürte nach dem Sinn, Stimme und Zunge aber ruhten. Oft, wenn ich zugegen war – (…) , sah ich ihn so still ins Lesen versunken, und anders nie.“

Die andere Stelle schildert das anziehende, inspirierte Sprechen des Ambrosius: „Denn während ich (Augustinus, A.d.V.) ohne alles Verlangen war, mir anzuhören, was er sprach, und nur hören wollte, wie er sprach – (…) kam in meinen Geist zugleich mit der Sprache, die ich liebte, auch die Sache, die für mich doch das Geringste dabei war; beides voneinander zu trennen, war mir nicht möglich.“ - Augustinus hört die Predigt des Ambrosius, und über die herrliche Sprache ergreift „die Sache“, also das, was Ambrosius inhaltlich bringt, von ihm Besitz: „Beides voneinander zu trennen, war mir nicht möglich.“

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Die „Bekenntnisse“ dokumentieren hier (wie in vielen anderen Punkten) wesentliche Momente unserer Kultur: Die Zusammengehörigkeit von „Sache“ und „Sprache“, von Gedanke und Wort. Und sie zeigen einen intensiv Lesenden und einen intensiv Hörenden in zwei Vollzügen, die geglückt sind, wo das Wort – und mit ihm der Inhalt – ankommt und sich einwurzelt.

Abendland oder europäische Kultur, ist für mich in zentraler Weise mit einer bestimmten Bewegung des Intellekts verbunden: dem sorgfältigen, überlegten Umgang mit Sprache, der Fähigkeit, Texte differenziert zu lesen, damit umzugehen, sich auseinanderzusetzen, darauf aufzubauen, sich hineinzustellen in einen alten und zugleich dynamischen, sich in der Weitergabe und Weiterentwicklung immer wieder verjüngenden Fluss des Geistes.

Text, das bedeutet ein faszinierendes morphologisch-syntaktisches Gewebe aus Gedanken, eine geheimnisvolle Materialisierung und zugleich Freisetzung des Geistigen. Text, das bedeutet Haltbarmachung, Überwindung der Flüchtigkeit des Gesprochenen, Rettung von Erinnerung, Sicherung, Ermöglichung von Fortschritt durch Bezüge von Texten aufeinander. Texte bewirken vor allem auch eine Art geistiger Ökonomie, denn was ein anderer schon durchgedacht hat, brauche ich „nur mehr“(!) nach – zu – denken, und darf es dann als Fundament und Führung eines (im besten Falle gelingenden) Weitergehens verwenden.

Wie steht es mit unserer aktiven und passiven Textfähigkeit? Wie ist es um unser Lesen und Schreiben, unser Sprechen und Hören ( „Aufmerken“ sagte man früher im ländlichen Raum) bestellt? Auch diesbezüglich erleben wir einen eklatanten Bruch zwischen den Generationen: Bilder und Sequenzen werden immer wichtiger, hinsichtlich der Fähigkeit Kommunikationssignale zu rezipieren und zu setzen, hat sich die Geschwindigkeit potenziert. Die Tatsache, dass wir mehr lesen und schreiben denn je, führt aber interessanterweise insgesamt nicht zu einer erhöhten Text- und Lesekompetenz, sondern differenziert die diesbezügliche Fähigkeit nur hinsichtlich Geschwindigkeit und Wirkung: die Linie der Schnelligkeit und Menge steigt an, der Graph des Eindringens, Sickern-Lassens, Assimilierens, des echten Sich-Aneignens eines Textes geht nach unten. Symptomatisch dafür: Wer - außer vielleicht durch akademische Ambition dazu angespornt - leistet sich noch den Luxus des wiederholten Lesens, des echten Studierens, des Exzerpierens und Notierens, des Fruchtbarmachens der Texte anderer für das eigene Denken?

Sind wir noch in der Lage verschiedenartige Lesefrüchte zu ernten? - „Lesen“ hat von seiner Wortgeschichte her ja zu tun mit Sammeln, aber auch mit „Wählen, Auswählen“, d.h. es ist auch eine scheidende und unterscheidende Bewegung des Geistes gefragt. „Aufgelesenes“ eigens zu notieren und so gleichsam seinen persönlichen Weg als Leser zu dokumentieren, ist in der Tat eine treffliche Möglichkeit, Nahrung für dürre Zeiten oder für Zeiten einer Ernte anderer Art bereit zu halten.
Wie steht es um unsere Geduld beim Lesen? (- Ich spreche deshalb in erster Linie vom Lesen, weil da eine Art gemeinsamer Erfahrung vorhanden ist, was beim Schreiben, zumal handschriftlich, schon nicht mehr der Fall ist.)

Wie viel Ausdehnung eines Textgewebes halten wir noch aus? Können Jugendliche mit exzessiv Deskriptivem wie etwa den dicken Abenteuerbänden von Karl May (heuer 175. Geburtstag), die Generationen von Lesern intensiv geprägt haben, noch etwas anfangen? Ich habe den Eindruck, dass derartig „dauernde“ Texte in ihrer ursprünglichen Gestalt verschwinden, sich maximal in Destillaten erhalten, also etwa als „Buch zum Film“: im Gefolge einer filmischen Interpretation wird hier flott auf den Plot reduziert, zurechtgemacht für die Generation der schnellen Zugriffe, der so unglaublich souverän beweglichen Wischefinger und SMS-Daumen … Zugleich wird aber mit jedem „Buch zum Film“ die Identität eines Textes als sprachliches Kunstwerk negiert. -

Oder müssen wir, ganz nüchtern und minimalistisch, dennoch dankbar sein, wenn wenigstens ein (hoffentlich halbwegs treu gehandhabter) Handlungskern an die nächste Generation weitergegeben wird?

Und Sprechen, Austausch über etwas Gelesenes? - Das lernen viele Jungleser leider nur noch in Form von Multiple-Choice-Arbeitsblättern: selbst Lückentexte ausfüllen, könnten schon viele Kinder gar nicht mehr, meinte kürzlich eine Pädagogin mir gegenüber. Frei über Leseeindrücke zu sprechen, wird das in der Schule noch geübt, wird dazu ermutigt, darf und kann man noch über Texte streiten, sie leidenschaftlich lieben oder hassen? - Geben wir in unseren Bildungseinrichtungen noch jene Grundkompetenz eigenständigen Denkens weiter, die Textkompetenz in ihrer letzten Bedeutung meint: unsere eigenen Fragen an Texte zu entwickeln, unseren Geist, unser Herz und Hirn an ein sprachliches Gewebe anzulegen, daraus zu schöpfen und unsererseits fruchtbar zu werden? Die heute dominante Hermeneutik der fertigen Fragen hat etwas Tristes, Wachstumshemmendes und lässt wenig künftige denkerische Kreativität erwarten.

An den universitären Raum könnten wir die Frage genauso weitergeben, erweitert darum, was an großen Texten unserer Kultur von Studierenden überhaupt noch (einsam) gelesen, aber (gemeinsam) studiert, besprochen und angeeignet wird?

Kein Kulturpessimismus, sondern ein Plädoyer, eine neue Liebe in Bezug auf unser Sprechen und Hören, Schreiben und Lesen zu entwickeln. Eine tiefe Textliebe wünsche ich uns allen, aus dem Bewusstsein heraus, dass Texte uns tragen und formen, ob wir wollen oder nicht … Wenn wir diese Gebilde des menschlichen Geistes aber zähmen („Was bedeutet ›zähmen‹?“ fragt der kleine Prinz den Fuchs „Das wird oft ganz vernachlässigt“, sagte der Fuchs. „Es bedeutet ›sich vertraut miteinander machen‹.“), können wir sie erkennen, unterscheiden, finden unter ihnen wohl auch einige echte Freunde, die uns bei jedem Kontakt beleben und beschenken - vielleicht ein ganzes Leben lang.

Jeden Freitag kommentieren auf kath.net in der Reihe BeneDicta Gudrun Trausmuth, Inka Hammond, Isabella von Kageneck, Petra Knapp und Linda Noé wichtige Themen über Gott, die Welt und alles, was die Herzen noch so bewegt.







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