01 Mai 2017, 13:00
Die drei Bekehrungen des heiligen Augustinus
 
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Benedikt XVI. – Licht des Glaubens: vor dem heiligen Augustinus. ‚Umkehr’ und ‚Vergebung der Sünden’. Bekehrung ist kein punktuelles Ereignis, sondern der Weg zur Christwerdung. Die Leidenschaft für die Wahrheit. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) „Das Christentum ist keine Anhäufung von Verboten, sondern eine positive Option. Und es ist sehr wichtig, dass man das wieder versteht, denn dieses Bewusstsein ist heute fast vollständig verschwunden“: die „positive Option“ des Christentums, wie der Papst dies in einem Interview mit „Radio Vaticana“ im Juli 2006 nach seiner Reise zum Weltfamilientreffen in Valencia nannte – sie stand von den ersten Tagen seines Pontifikats an im Mittelpunkt der Verkündigung Benedikts XVI. Dieses Bewusstsein wollte der Papst immer wieder neu wecken. „Man darf und soll – man darf und soll nicht“: klare Aussagen dieser Art sind für Benedikt XVI. nur im weiteren Horizont des Sicheinlassens und des Ergriffenwerdens von der Offenbarung Gottes im Geheimnis seines Sohnes sinnvoll. Andernfalls erschöpfen sich derartige Forderungen in Moralismen verschiedener Art, die nichts mit dem Christsein zu tun haben und an einer Oberfläche dahertreiben.

Gerade seine Auseinandersetzung mit dem Kirchenvater und Lehrmeister Augustinus dürfte Joseph Ratzinger-Benedikt XVI. immer wieder zu dieser Erkenntnis geführt haben. Augustinus ist der Heilige der Bekehrung, der Heilige der vertiefenden „Bekenntnisse“, die diese Bekehrungen umfassen. Mit siebzehn Jahren hatte er ein außereheliches Verhältnis mit einer Nordafrikanerin, eine „Ehe ohne Trauschein“, die vierzehn Jahre dauern sollte und aus der ein Kind hervorging. Nicht nur der Aspekt eines knapp achtzehnjährigen, der Vater wird, zeichnete das bewegte Leben dieses Mannes aus, der stets auf der Suche war und erst mit zweiunddreißig Jahren erkannte, dass er bereits gefunden worden war.

Augustinus – die stete Präsenz im Pontifikat Benedikts XVI., des Lehrers der Kirche, der sich vor einem der größten Heiligen der Kirchengeschichte klein machte, in dem Wissen, dass das Meer des unendlichen Geheimnisses Gottes nie erschöpft werden kann. Jeder Besucher im Kloster „Mater Ecclesiae“ wird mit dieser Wahrheit konfrontiert, bevor er den Papa emerito sehen darf. Denn an einer der Wände des Empfangszimmers unmittelbar neben dem Eingang blickt der Gast auf ein Bild des heiligen Augustinus „mit dem Knaben am Meer“.

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Die Legende vom Heiligen und dem Knaben am Meer ist die berühmteste und in der Ikonographie am meisten verbreitete der Augustinuslegenden. Sie handelt von der Entstehung seines Werks über die allerheiligste Dreifaltigkeit „De Trinitate“. Es wird erzählt, dass der Heilige am Meer spazieren geht und am Ufer einen Knaben sieht, der mit einer Muschel Wasser in ein in den Sand gegrabenes Loch schaufelt. Immer wieder läuft der Knabe an den Uferrand, um neues Wasser zu schöpfen und es in die Sandmulde zu gießen. Augustinus fragt den Knaben nach dem Zweck seines Tuns. Dieser antwortet, er wolle das ganze Meer in das Loch schöpfen. Schmunzelnd erwidert Augustinus, dass dies unmöglich sei. Darauf entgegnet ihm der Knabe, dass dies eher möglich sei, als dass Augustinus auch nur den kleinsten Teil der Geheimnisse der Dreifaltigkeit in seinem Buch auszuschöpfen vermöchte.

Am 22. April 2007, dritter Sonntag der Osterzeit, besuchte Benedikt XVI. dann Pavia. In der Basilika San Pietro in Ciel d'Oro aus dem achten Jahrhundert werden die sterblichen Überreste des Augustinus in der berühmten „Arche“ am Hauptaltar aufbewahrt. Benedikt XVI. feierte die heilige Messe in innigstem Kontakt mit dem, der als Lehrer, Heiliger und Mensch sein Leben gleichsam imprägniert hatte. In seiner Predigt setzte sich der Papst mit den „drei Bekehrungen“ des Augustinus auseinander.

„Die erste grundlegende Bekehrung war der Weg zur Christwerdung, zum Ja des Glaubens und der Taufe.

Der Demut der Menschwerdung Gottes muss – das ist der große Schritt – die Demut unseres Glaubens antworten, der den geistigen Hochmut des Besserwissens ablegt und sich in die Gemeinschaft des Leibes Christi hineinbeugt; mit der Kirche lebt und so erst wirklich in konkrete, ja, leibliche Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott kommt.“

„Seine zweite Bekehrung schildert uns der hl. Augustinus am Ende des zehnten Buches seiner Bekenntnisse mit den Worten: »Niedergedrückt von meinen Sünden und der Last meiner Armseligkeit habe ich die Flucht in die Einsamkeit versucht. Aber du hast mich gehindert, mir Kraft gegeben und mir gesagt: ›Deshalb ist Christus für alle gestorben, damit diejenigen, die leben, nicht mehr für sich selber leben, sondern für den, der für alle gestorben ist‹« (2 Kor 5,15; Conf. 10,43,70).“

Die letzte Demut: „Inzwischen habe ich erkannt, dass nur einer wirklich vollkommen ist und dass nur in einem die Worte der Bergpredigt ganz erfüllt sind: in Jesus Christus selbst. Die ganze Kirche aber – wir alle, die Apostel eingeschlossen – müssen jeden Tag beten: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldnern (vgl. Retr. I,19,1–3)“.


kath.net veröffentlicht die Predigt von Papst Benedikt XVI. bei der heiligen Messe in Pavia am 22. April 2007:

(...)
Die Stadt Pavia spricht von einem der größten Bekehrten der Kirchengeschichte: vom hl. Aurelius Augustinus. Er ist am 28. August 430 in der von den Vandalen eingeschlossenen und belagerten Hafenstadt Hippo in Afrika gestorben. Nach allerlei Wirrnissen einer aufgeregten Geschichte hat der König der Langobarden seine Gebeine für die Stadt Pavia erworben, so daß er nun dieser Stadt ganz besonders gehört und in ihr, von ihr aus auf besondere Weise zu uns allen – zur Menschheit, aber eben ganz speziell zu uns hier – spricht.

Augustinus hat in seinem Buch Confessiones auf bewegende Weise den Weg seiner Bekehrung geschildert, der mit der Taufe durch Bischof Ambrosius im Dom zu Mailand an sein Ziel gekommen war. Wer die Confessiones liest, kann den Weg mitvollziehen, den Augustinus in einem langen Ringen gehen mußte, um schließlich in der Osternacht 387 am Taufbrunnen die große Wende seines Lebens zu empfangen. Wenn man das Leben des hl. Augustinus aufmerksam verfolgt, kann man sehen, daß Bekehrung nicht ein punktuelles Ereignis, sondern eben ein Weg war. Und man kann sehen, daß dieser Weg am Taufbrunnen nicht zu Ende gewesen ist. Wie das Leben Augustins vor der Taufe, so ist es auf andere Weise auch danach ein Weg der Bekehrung geblieben – bis in die Todeskrankheit hinein, in der er die Buß-Psalmen auf der Wand anbringen ließ, um sie immer vor Augen zu haben; sich selbst von der Kommunion ausschloß, um noch einmal den Weg der Buße zu gehen und das Heil als Geschenk der Erbarmungen Gottes aus den Händen Christi zu empfangen. So dürfen wir zu Recht von den »Bekehrungen« Augustins sprechen, die eine einzige große Bekehrung im Suchen nach dem Angesicht Christi und dann im Mitgehen mit ihm gewesen sind.

Ich möchte kurz von drei großen Einschnitten dieses Bekehrungsweges, von drei »Bekehrungen« sprechen. Die erste grundlegende Bekehrung war der Weg zur Christwerdung, zum Ja des Glaubens und der Taufe. Was war das Wesentliche dieses Weges? Augustinus war zum einen ein Mensch seiner Zeit, ganz von ihren Gewohnheiten und Leidenschaften, von allen Fragen und Problemen eines jungen Mannes gezeichnet. Er hat gelebt wie alle anderen auch, und doch war da etwas anders: Er ist immer ein Suchender geblieben. Er war nie einfach zufrieden mit dem Leben, wie es nun einmal ist und wie alle anderen es auch leben. Er war immer von der Frage nach der Wahrheit getrieben. Er wollte die Wahrheit finden. Herausbringen, was der Mensch ist; woher die Welt kommt; woher wir selber kommen, wohin wir gehen und wie wir das wirkliche Leben finden. Er wollte das rechte Leben finden, nicht einfach dahinleben.

Die Leidenschaft für die Wahrheit ist das eigentliche Stichwort seines Lebens; die Leidenschaft für die Wahrheit hat ihn wirklich geleitet. Und da ist noch etwas Besonderes. Alles, was den Namen Christi nicht trug, reichte ihm nicht aus. Die Liebe zu diesem Namen, so sagt er uns, hatte er mit der Muttermilch getrunken (vgl. Conf. 3,4,8). Und immer glaubte er, einmal schwächer, einmal stärker, daß es Gott gibt und daß er sich unser annimmt (vgl. Conf. 6,5,8). Aber diesen Gott wirklich zu erkennen und diesen Jesus Christus wirklich kennenzulernen und mit allen Konsequenzen zu ihm ja zu sagen, das war das große Ringen seiner frühen Jahre. Er schildert uns, wie er durch die platonische Philosophie erlernt und erkannt hatte, daß am Anfang das Wort war – der Logos, der schöpferische Sinn. Aber die Philosophie, die ihn erkennen ließ, daß der Ursprung von allem der schöpferische Sinn ist, diese Philosophie zeigte ihm keinen Weg dahin; dieser Logos blieb fern und unberührbar. Erst im Glauben der Kirche fand er dann die zweite wesentliche Wahrheit: Das Wort – der Logos – ist Fleisch geworden. Und so rührt es uns an, rühren wir es an.

Der Demut der Menschwerdung Gottes muß – das ist der große Schritt – die Demut unseres Glaubens antworten, der den geistigen Hochmut des Besserwissens ablegt und sich in die Gemeinschaft des Leibes Christi hineinbeugt; mit der Kirche lebt und so erst wirklich in konkrete, ja, leibliche Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott kommt. Ich brauche nicht zu sagen, wie sehr dies alles uns angeht: Suchende bleiben, sich nicht zufrieden geben mit dem, was alle sagen und tun. Den Blick auf den ewigen Gott und auf Jesus Christus nicht verlieren. Die Demut des Glaubens in der leibhaftigen Kirche Jesu Christi, des fleischgewordenen Logos, erlernen.

Seine zweite Bekehrung schildert uns der hl. Augustinus am Ende des zehnten Buches seiner Bekenntnisse mit den Worten: »Niedergedrückt von meinen Sünden und der Last meiner Armseligkeit habe ich die Flucht in die Einsamkeit versucht. Aber du hast mich gehindert, mir Kraft gegeben und mir gesagt: ›Deshalb ist Christus für alle gestorben, damit diejenigen, die leben, nicht mehr für sich selber leben, sondern für den, der für alle gestorben ist‹« (2 Kor 5,15; Conf. 10,43,70). Was ist da geschehen? Nach seiner Taufe hatte Augustinus sich entschlossen, nach Afrika zurückzukehren und dort mit seinen Freunden ein kleines Kloster gegründet. Sein Leben sollte nun ganz dem Gespräch mit Gott und dem gemeinsamen Bedenken und Beschauen der Schönheit und der Wahrheit seines Wortes gelten.

So verbrachte er drei glückliche Jahre, in denen er sich am Ziel des Lebens angekommen glaubte; eine Reihe kostbarer theologisch-philosophischer Werke ist in dieser Zeit entstanden. Im Jahr 391 – vier Jahre nach der Taufe – besuchte er in der Hafenstadt Hippo einen Freund, den er für sein Kloster gewinnen wollte. Im Sonntagsgottesdienst, den er in der Kathedrale besuchte, wurde er erkannt. Der Bischof der Stadt, ein Grieche, der nur schlecht Latein sprach und mit dem Predigen Mühe hatte, redete in seiner Homilie nicht zufällig davon, daß er die Absicht habe, einen Priester wählen zu lassen, dem er auch das Predigtamt anvertrauen wolle. Unverzüglich packten die Leute Augustinus und führten ihn mit Gewalt nach vorn, damit er zum Priester in der Stadt geweiht werde. Unmittelbar nach seiner so erzwungenen Weihe schrieb Augustinus an Bischof Valerius: »… Ich fühle mich wie jemand, der nicht rudern kann und doch zum zweiten Steuermann ernannt worden ist. Das war auch der Grund, weshalb ich im stillen bei meiner Weihe geweint habe« (vgl. Ep. 21,1f.). Der schöne Traum des beschaulichen Lebens war zerrissen, das Leben Augustins von Grund auf geändert.

Nun konnte er sich nicht mehr allein der Meditation in der Einsamkeit widmen. Nun mußte er mit Christus für alle leben. Seine hohen Gedanken und Erkenntnisse mußte er in das Denken und Sprechen der einfachen Menschen seiner Stadt übersetzen. Das große philosophische Lebenswerk, von dem er geträumt hatte, blieb ungeschrieben. Stattdessen wurde uns geschenkt, was mehr ist: das Evangelium übersetzt in die Sprache des täglichen Lebens und seiner Leiden. Was nun sein Alltagsleben war, hat er so beschrieben: »Unruhestifter zurechtweisen, Kleingläubige trösten, sich der Schwachen annehmen, Gegner widerlegen…, Träge wachrütteln, Streitende besänftigen, Armen helfen, Unterdrückte befreien, Gute ermutigen, Böse ertragen und – ach – alle lieben« (Serm. 340,3). »Immer wieder predigen, disputieren, ermahnen, erbauen, für jeden bereitstehen. Das ist eine große Last, ein schwerer Druck, ein mühseliges Werk« (Serm. 339,4). Dies war die zweite und immer neu zu erringende Bekehrung dieses ringenden und leidenden Menschen: Immer neu für alle da sein und nicht für die eigene Vollkommenheit, immer neu mit Christus sein Leben weggeben, damit andere Ihn, das wahre Leben finden konnten.

Es gibt noch eine dritte Markierung auf dem Bekehrungsweg des hl. Augustinus. Nach seiner Priesterweihe hatte er sich Urlaub erbeten, um die heiligen Schriften gründlicher studieren zu können. Seine erste Predigtreihe nach dieser Besinnungspause handelte von der Bergpredigt, in der er den neu von Christus gezeigten Weg des rechten Lebens, »des vollkommenen Lebens« auslegte – als die Wanderung auf dem heiligen Berg von Gottes Wort. In diesen Predigten ist noch der ganze Enthusiasmus des neu gefundenen und gelebten Glaubens zu spüren: die feste Überzeugung, daß der Getaufte, der ganz der Botschaft Christi gemäß lebe, eben »vollkommen« im Sinne der Bergpredigt sein könne.

Ungefähr 20 Jahre später hat Augustinus ein Buch unter dem Titel Retractationes geschrieben, in dem er seine bisherigen Werke kritisch sichtete und da Verbesserungen vornahm, wo er inzwischen Neues gelernt hatte. Da bemerkt er zum Vollkommenheitsideal seiner Predigten über die Bergpredigt: Inzwischen habe ich erkannt, daß nur einer wirklich vollkommen ist und daß nur in einem die Worte der Bergpredigt ganz erfüllt sind: in Jesus Christus selbst. Die ganze Kirche aber – wir alle, die Apostel eingeschlossen – müssen jeden Tag beten: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldnern (vgl. Retr. I, 19,1–3). Augustinus hatte eine letzte Demut gelernt – nicht nur die Demut, sein großes Denken dem einfachen Glauben der Kirche einzufügen, nicht nur die Demut, seine großen Einsichten in die Einfachheit der Verkündigung zu übersetzen, sondern auch die Demut anzuerkennen, daß er und die ganze pilgernde Kirche immerfort der barmherzigen und täglich vergebenden Güte Gottes bedürfen und daß wir dann Christus, dem einzig Vollkommenen, am meisten ähnlich werden, wenn wir wie er zu Menschen der Barmherzigkeit werden.

In dieser Stunde danken wir Gott für das große Licht, das von der Weisheit und der Demut des hl. Augustinus ausgeht, und wir bitten den Herrn darum, daß er uns allen Tag um Tag die nötige Bekehrung schenke und uns so zum wahren Leben führen möge. Amen.

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