15 Mai 2017, 11:00
Zahlreiche Darstellungen zeigen Maria auf einer Mondsichel stehend
 
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Wenn wir Maria „Himmelskönigin“ nennen, so bedeutet das, dass sie von Gott mit königlicher Würde ausgestattet ist, nicht aber, dass sie eine Göttin wäre (wie Katholiken zu Unrecht gern vorgeworfen wird). kath.net-Kolumne von Claudia Sperlich

Berlin (kath.net/cs) Zahlreiche Darstellungen zeigen Maria auf einer Mondsichel stehend, eine Schlange oder einen Drachen zertretend, mit einem Kranz aus zwölf Sternen über dem Haupt. Oft steht sie auch auf der Erdkugel, um die sich die Schlange windet, und die Mondsichel ist neben oder unter der Erde. In einigen Darstellungen trägt sie das Jesuskind auf dem Arm oder es wird ihr von einem Engel gereicht, in anderen ist sie schwanger. Der Bildtypus wird „Madonna auf der Mondsichel“ oder „Apokalyptische Madonna“ genannt und erklärt sich aus zwei Bibelstellen.

In Genesis 3,15 spricht Gott zu der Schlange, die Eva verführt hat: „Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau, zwischen deinen Nachwuchs und ihren Nachwuchs. Er trifft dich am Kopf und du triffst ihn an der Ferse.“

In zwölften Kapitel der Offenbarung lesen wir: „Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt. Sie war schwanger und schrie vor Schmerz in ihren Geburtswehen.

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Ein anderes Zeichen erschien am Himmel: ein Drache, groß und feuerrot, mit sieben Köpfen und zehn Hörnern und mit sieben Diademen auf seinen Köpfen. Sein Schwanz fegte ein Drittel der Sterne vom Himmel und warf sie auf die Erde herab. Der Drache stand vor der Frau, die gebären sollte; er wollte ihr Kind verschlingen, sobald es geboren war. Und sie gebar ein Kind, einen Sohn, der über alle Völker mit eisernem Zepter herrschen wird. Und ihr Kind wurde zu Gott und zu seinem Thron entrückt. Die Frau aber floh in die Wüste, wo Gott ihr einen Zufluchtsort geschaffen hatte; dort wird man sie mit Nahrung versorgen, zwölfhundertsechzig Tage lang.“

Es folgt ein Bericht von einer Schlacht, in der der der Erzengel Michael mit seinen Engeln den Drachen – hier als Satan identifiziert – besiegt und samt dessen Gefolge aus dem Himmel wirft. Dann ist wieder von der Frau die Rede:

„Als der Drache erkannte, dass er auf die Erde gestürzt war, verfolgte er die Frau, die den Sohn geboren hatte. Aber der Frau wurden die beiden Flügel des großen Adlers gegeben, damit sie in die Wüste an ihren Ort fliegen konnte. Dort ist sie vor der Schlange sicher und wird eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit lang ernährt.

Die Schlange spie einen Strom von Wasser aus ihrem Rachen hinter der Frau her, damit sie von den Fluten fortgerissen werde. Aber die Erde kam der Frau zu Hilfe; sie öffnete sich und verschlang den Strom, den der Drache aus seinem Rachen gespien hatte.

Da geriet der Drache in Zorn über die Frau und er ging fort, um Krieg zu führen mit ihren übrigen Nachkommen, die den Geboten Gottes gehorchen und an dem Zeugnis für Jesus festhalten. Und der Drache trat an den Strand des Meeres.“

Die großartige Vision im letzten Buch der Bibel wird im Bildtypus der Apokalyptischen Madonna in Verbindung gebracht mit der göttlichen Ankündigung aus dem ersten Buch. Die Frau im Sonnenkleid wird in der katholischen Kirche traditionell als die Gottesmutter identifiziert. Denn eine Frau, deren Sohn vom Satan angefeindet wird, zum Herrscher über alle Völker wird und zu Gott entrückt wird – wer anders soll das sein als Maria? Zumal dann noch ausdrücklich gesagt wird: Satan führt Krieg gegen die „übrigen Nachkommen“ der Frau, „die den Geboten Gottes gehorchen und an dem Zeugnis für Jesus festhalten“. Als „Nachkommen“ der Mutter Maria dürfen wir Christen uns kühn verstehen, da sie leibliche Mutter unseres Bruders und Herrn Jesus Christus ist und von Ihm zur Adoptivmutter des Evangelisten Johannes eingesetzt wurde (Joh. 19,26-27). Das widerspricht auch nicht unserer Gotteskindschaft. Es ist ja auch kein Widerspruch zur Gotteskindschaft, dass wir Nachkommen unserer Eltern und Großeltern oder dass wir Nachkommen Adams und Evas sind. Maria wird auch als „Neue Eva“ bezeichnet, also als die Frau, die selbst nicht von der Erbschuld betroffen ist und durch die der im Sündenfall angerichtete Schaden wieder gutgemacht wird. Sie ist die Mutter aller, die Jesus nachfolgen.

Gegen diese Deutung scheint die Flucht der Frau in die Wüste zu sprechen. Das passt wiederum zu einer anderen Deutung der Frau als Kirche, die lange angefeindet und doch immer von Gott ernährt ist. Aber die Kirche ist nicht Mutter, sondern Braut Jesu – es passt also auch bei dieser Deutung nicht alles zusammen. Eine dritte Deutung sieht die Frau als Zion, die den Messias zur Welt bringt und angefeindet wird. Dabei scheint aber problematisch, dass die Christen in diesem Zusammenhang kommentarlos als Kinder Zions gesehen würden.

Maria, Kirche, Zion? Visionen sind immer vielschichtig. Ich halte es für legitim, zu sagen: Es stimmt alles! Die himmlische Frau ist die Gottesmutter und Gottesbraut Maria, ist die Kirche als himmlische Braut Christi, ist Zion, die geliebte Tochter Gottes. Und in dieser Vielschichtigkeit sieht die katholische Kirche Maria als Mutter Gottes, Mutter der Kirche, bräutliche, mütterliche, königliche Magd. (Als Mutter der Kirche ist sie natürlich auch von der Verfolgung ihrer Kinder betroffen.)

Dass die Frau in der Apokalypse in Geburtswehen schreit, ist allerdings keiner Apokalyptischen Madonna anzusehen. In den meisten Darstellungen lächelt sie, manchmal blickt sie mit hoheitsvollem Ernst. Dafür gibt es zwei Gründe. Zum einen widerstrebt es dem frommen Empfinden, die Gottesmutter mit verzerrtem Gesicht darzustellen oder anzusehen. Die weinende Maria unter dem Kreuz ist da eine Ausnahme, und selbst die wirkt meistens viel schöner als es realistisch in diesem Moment anzunehmen wäre. Zum anderen fließt hier eben das alttestamentarische Bild vom Zertreten und Überwinden der Schlange mit dem Bild der Offenbarung zusammen. Maria besiegt den als Drachen oder Schlange – meist sehr furchterregend und mit aufgerissenem Maul und spitzen Zähnen – dargestellten Satan mit einem beiläufigen Tritt ihres zierlichen Fußes.

Das darf nicht so verstanden werden, als sei Maria aus eigener Kraft fähig, den Satan zu besiegen. Die Offenbarung lässt keinen Zweifel daran, dass Gott einzig ist. Wenn wir Maria „Himmelskönigin“ nennen, so bedeutet das, dass sie von Gott mit königlicher Würde ausgestattet ist – nicht, dass sie eine Göttin wäre (was ja den Katholiken gerne vorgeworfen wird, der katholischen Lehre aber widerspricht). Die von den Gestirnen umgebene und bekleidete Frau der Apokalypse tut nichts aus eigener Kraft; sie wird beschenkt, um überleben zu können, und der Sieg über Satan wird von Michael und seinem Engelsheer erstritten.

Dennoch zeigt die Darstellung der Frau, die die Schlange zertritt, eine tiefe Wahrheit: Maria hat durch die ihr geschenkte Bewahrung vor der Erbsünde und durch ihre Zustimmung zum göttlichen Heilsplan den Bösen „am Kopf getroffen“.

Ebenso kann man sagen, sie wurde „an der Ferse getroffen“ vom Bösen – das ist ähnlich bildhafte Sprache wie die Worte Simeons (Lk. 2,35): „Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen.“ Man kann sich vorstellen, dass eine Mutter beim Anblick der Folter und Kreuzigung ihres Sohnes ähnlich entsetzensstarr ist wie ein Mensch, der von einer Schlange in die Ferse gebissen wurde oder dessen Herz von einem Schwert durchbohrt wurde. Doch diesen Schmerz zeigt der Bildtypus der Apokalyptischen Madonna ebensowenig wie den Geburtsschmerz. Denn Sinn dieses Bildes ist es, den Sieg über den Satan zu zeigen und Marias Rolle im Erlösungswerk zu würdigen. Das kann nicht lieblich genug dargestellt werden!

Viele Darstellungen dieses Bildtypus zeigen die Madonna auf oder über der Erde, um die sich die Schlange windet. Das – und der – Böse hat die Erde im Griff, selbst nach der Niederlage im Kampf mit Michael, denn „Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die Erde gestürzt und mit ihm wurden seine Engel hinabgeworfen“ (Off. 12,9). Jedoch wird er zertreten von der Frau, die mit dem Erlöser schwanger geht.

Die bildende Kunst ist dort, wo sie kirchlich ist, bildend im Doppelsinn: Sie schafft Bilder, und sie soll uns bilden, uns helfen, den Sinn der Schrift zu verstehen. Der Bildtypus der Apokalyptischen Madonna ist nicht nur Illustration, sondern Exegese – er zeigt uns, dass Anfang und Ende der Heiligen Schrift zusammenhängen, dass Ungehorsam und Sünde in der Erlösung aufgehoben werden.







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