17 Mai 2017, 09:00
Wahlen: Die politische Kirche
 
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Mancher Kirchenvertreter möchte nicht mit politischen Personal „rechts der CDU“ liebäugeln, blinzelt aber nach „links der SPD“ und verschweigt Gedankengut des politischen Mainstreams (bsp. bei Familie und Lebensrecht). Gastbeitrag von Felix Honekamp

Berlin (kath.net/Papsttreuer Blog) Bei den aktuellen Wahlen stellen sich Kirchenvertreter nicht selten gegen einzelne Parteien. Dabei geht es auch anders, dem persönlichen Glauben gemäßer.

Wenn in der Predigt der Begriff „die Gesellschaft“ vorkommt, bin ich im Normalfall schon geneigt, abzuschalten. Zu oft höre ich daraus die Abgrenzung zwischen „denen da draußen“ und „uns hier drinnen“. Nicht, dass man eine solche Unterscheidung nicht machen könnte, schließlich gibt es ganz offensichtlich wesentliche Unterschiede zwischen denen, die sich eine Stunde am Sonntag in der Messe um die Ohren hauen und denen, die lieber lange schlafen oder zu der Zeit den ersten Lachshappen beim Brunch nehmen. Und doch geht mir genau diese Differenzierung auf die Nerven – und ich komme nicht umhin, mich an den Pharisäer erinnert zu fühlen, von dem Jesus berichtet, er schaue abschätzig im Gebet auf einen Zöllner.

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„Die Gesellschaft”

Daher höre ich nur dann nach diesen Worten noch zu, wenn es tatsächlich um die Gesellschaft im Allgemeinen geht, also auch um die, die in der Messe noch zuhören; idealerweise bezieht sich der predigende Priester auch selbst mit ein in diese Gesellschaft, damit es nicht zu einer Strafpredigt des Priesters auf der Kanzel gegen die untreuen Schäfchen wird – auch das habe ich schon erlebt und macht mich nicht eben mehr geneigt, zuzuhören.

Aber wenn wir als Christen Teil der Gesellschaft sind, dann müssen wir an uns und unseren Blick auf ebenjene einen anderen Maßstab anlegen. So tat es am vergangenen Wahlsonntag unser Pastor, der dabei auch auf den Muttertag und den Wahlsonntag in NRW hinwies. Gerade zu letzterem musste ich kurz die Luft anhalten, als es um eine „dunkle Gesinnung“ ging, die sich auch in der Gesellschaft breit mache.

Moral und Heuchelei

Bei sowas werde ich auch deshalb hellhörig, weil ich nicht viel von kirchlicher Parteipolitik halte. Ich kann schon verstehen, warum mancher Kirchenvertreter sich mit dem politischen Personal von „rechts der CDU“ nicht gemein machen möchte; nicht verstehen kann ich dann aber, warum die Gleichen kein Problem damit habe, sich mit dem Personal von „links der SPD“ auseinanderzusetzen, und warum es den meisten nicht gelingt, das wahrhaft finstere Gedankengut im politischen Mainstream – nicht nur aber besonders in Fragen der Familie und des Lebensrechts – beim Namen zu nennen.

Konkreter: Wer kirchlicherseits deutlich macht, dass er aus moralischen Gründen nicht mit der AfD reden will, sich aber mit Linken und Grünen an einen Tisch setzt, ist nicht weniger als ein Heuchler. Was Jesus über die gesagt hat, könnte heute bei Facebook als Hasskommentar gewertet werden (den alten Begriff des „Natterngezüchts“ finde ich aber allein sprachlich großartig).
Besser: Christliche Kriterien

Für unsere Gemeinde kann ich allerdings Entwarnung geben: Die Botschaft der Predigt war eine allgemeinere, auch wenn sie den einen oder anderen hoffentlich auf dem Weg in die Wahlkabine begleitet haben mag. Jesus sagte zu seinen Jüngern im Evangelientext: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ Und die Folge ist, dass für jemanden, der sich als Freund Christi bezeichnen möchte, manche Dinge nicht mehr gehen: Egoismus und Egozentrismus gehen dann nicht mehr. Rücksichtslosigkeit geht dann nicht mehr. Und so manche dunkle Gesinnung geht dann auch nicht mehr.

Das sind die Kriterien, die ich anlegen kann; an mein persönliches Christsein ebenso wie an Parteien oder Politiker, die sich zur Wahl stellen. Denn die Wahl einer Partei oder eines Politikers, dessen Weg zu deutlich von dem Jesu abweicht, dessen Wahrheit mit der Wahrheit Gottes nichts zu tun hat und alleine dadurch oder auch viel direkter nicht zum Leben beiträgt, einen vom Leben „in Fülle“ abbringt, geht dann eben auch nicht mehr.
Kollektivismus oder christlicher Glaube

Warum schreibe ich das hier? Weil wir im Herbst noch eine Bundestagswahl vor uns haben, und eine ganze Riege von Politikern um unsere Stimme werben wird, mit mehr oder weniger fairen Mitteln. Die Erfahrung zeigt, dass die meisten Politiker mit persönlichen Vorteilen zu ködern versuchen (womöglich in einem zu kurz geratenen Schluss von sich selbst auf andere). Viele werden an eine Art kollektives Gewissen appellieren, dessen Beruhigung die Masse aber nichts kosten soll (jedenfalls nicht kurzfristig). Der Kollektivismus ganz allgemein wird wieder fröhliche Urständ feiern, nicht wenige Kirchenvertreter werden einstimmen, wo doch gerade das Christentum mit der Überzeugung der persönlichen Gottesbeziehung die Wurzel eines – gesunden – Individualismus ist. Gesund, weil er die Verantwortung des Einzelnen dem Anderen gegenüber nicht aufhebt aber eine kollektive Verantwortung weitgehend ablehnen muss, jedenfalls in moralischen Fragen.

Ich schreibe das hier, weil es mein Pastor verstanden hat, darauf aufmerksam zu machen, dass der Weg Jesu eben auch in der Wahlkabine zu verfolgen ist, ohne der Versuchung zu erliegen, eine bestimmte politische Richtung oder Partei propagieren oder zu verurteilen. Und weil ich meine, das sollte der Anspruch an jeden Christen sein: Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben – und wir müssen, unabhängig von politischer Überzeugung, die sich daraus ergebenden Folgerungen deutlich machen. Ob man seine Glaubensüberzeugungen bei einer CDU oder SPD, der FDP, den Grünen, Linken oder AfD (oder einer anderen Kleinpartei) wiederzufinden meint, das ist dann die sehr persönliche Gewissensentscheidung eines jeden Christen, die ihm kein Bischof und kein Priester abnehmen kann; schon gar nicht, wenn der es gleichzeitig versäumt, die moralischen Verwerfungen in anderen Parteien zu thematisieren.

Glaube und Politik

Es ist hoffentlich deutlich geworden: Die Kirche genauso wie der persönliche Glaube sind nicht unpolitisch, können es auch gar nicht sein. Aber die politischen Entscheidungen, die aus diesem Glauben fließen, sind sehr individuell. Und so kann die Kirche auf der Grundlage von Jesu Botschaft, der Bibel und des eigenen Lehramtes Kriterien benennen, wie eine politische Ausrichtung aussehen kann, die eines Christen würdig ist. Das beinhaltet schon ausreichend Fallstricke (meine eigene libertäre Überzeugung und die Warnungen des Papstes vor dem Libertarismus sprechen eine deutliche Sprache). Eine konkrete Wahlempfehlung oder ein Abraten ist dagegen nicht das Geschäft der Kirche.

Symbolbild: Fragezeichen und Kreuz








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