08 Juni 2017, 12:00
Anleitungen zum Glücklichsein
 
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Neueste Anmerkungen über uralte Anleitungen auf zwei steinernen Tafeln. Teil 1. Gastbeitrag von Helmut Müller

Koblenz (kath.net) Der vorliegende Beitrag ist der erste Teil der schriftlichen Vorlage der Abschlussvorlesung von Dr. Helmut Müller an der Universität Koblenz.

Was haben der genetische Code auf einer Sequenziermaschine und der „Sinaicode“ auf zwei steinernen Tafeln mit menschlichem Glück zu tun? Das verrät eine Abschiedsvorlesung an der Universität Koblenz nach antikem Vorbild in der Art eines miktos Logos (gemischter Vortrag). Es ist eine Bilanz akademischer Lehre vor dem Ruhestand und ein Dank an alle in diversen Diskursen Beteiligten, Kollegen, Studenten, Kaffeetrinker, jeweils Frauen eingeschlossen, Skatbrüder, Familienmitglieder, die, wie Loriot es sich wünschte, einen einfach mal bloß „sitzen“ ließen. Das waren alles schon Quellenangaben. Man lernt ja nicht nur aus Büchern.


Meine sehr verehrten Damen und Herren,
Einige Vorbemerkungen.
• Universitäten sind Orte des Wissens. Einige werden die an einem solchen Ort geltende methodische Strenge in meinen Ausführungen vermissen. Ich habe mich für ein Amalgam zwischen Reflektion und Kommunikation entschieden, einen miktos Logos, wie es ihn im antiken Griechenland gab. Im Kern sind wir eine Lehramtsuniversität und diskursivfähige Reflektion über Sachverhalte und deren verständliche Kommunikation ist unser Kerngeschäft.

• Es handelt sich im Folgenden um eine Erläuterung uralter Spielregeln, die auf einem „Spielfeld“ gelten, das sich zwischen „Endlichkeit und Unendlichkeit“ (B. Welte) erstreckt. Irgendwann wachen wir wie Adam nach der Erschaffung von Eva in der einen Spielfeldhälfte auf und sterben - hoffentlich spät - in die andere hinein. Jeder kommt erst lange nach der Geburt, wirklich zu sich. Die Spielregeln ergeben nur Sinn für beide Spielhälften und erheben den Anspruch beim zu sich kommen behilflich zu sein.

• In meinem Vortrag verwende ich sehr viele Metaphern, die vom Spielfeld wird die wichtigste sein. Ich habe mich für einen Vorrang der Kommunikation entschieden. Bei etwaigen Unschärfen der Metaphern stehe ich Rede und Antwort. Und wenn die Reflektion zu abstrakt werden sollte ebenso.

• Ich werde keine Definition von Glück geben, sondern nur das genannte Spielfeld abschreiten, auf dem wir danach trachten glücklich zu werden. Ich werde den an einer Universität geltenden Radar des Wissens durch Beschreibung, also descriptives Wissen, erweitern. Ich hoffe, dass meine Ausführungen auf eine andere Form, nämlich Wissen durch Bekanntschaft bei Ihnen treffen. Ganz kurz zum Unterschied. Wir gehen zum Zahnarzt wegen schlimmer Zahnschmerzen. Darüber können wir uns nicht täuschen. Auf unsere Beschreibung hin muss der Zahnarzt allerdings daran glauben, dass wir welche haben. Wissen durch Beschreibung ist also nicht so sicher, wie man allgemein annimmt, dafür gut zu kommunizieren. Wissen durch Bekanntschaft dagegen ist irrtumslos, aber schwierig mitzuteilen. Descartes hätte noch sicherer formulieren können: Ich habe Zahnweh, also bin ich. Nur so viel: Glück setzt sich aus beiden Wissensarten zusammen.

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• In meinen Ausführungen habe ich mich bemüht, eine Perspektive der Angemessenheit zu wählen. Auch noch einmal ultrakurz: Eine Briefmarke betrachtet man mit der Lupe, nicht mit dem Elektronenmikroskop und erst recht nicht mit einem Teleskop, Glück zeigt sich eher zwischen Naseputzen und Einkaufengehen, wohl weniger präzis zwischen Quarks und Quasaren, was übrigens die Grenzmarkierungen der Endlichkeit, nicht der Unendlichkeit sind. Unendlichkeit ist nur künstlerisch darstellbar, etwa im Deckengewölbe der Wieskirche.

• Die Hl. Schrift lese ich in der Perspektive der kanonischen Bibelexegese. Der Augsburger Dogmatiker Thomas Marschler erklärt dies so: Exeget und Dogmatiker liegen in einem Bett. Jeder versucht den anderen rauszuwerfen. Aber sie müssen zusammen liegen bleiben. Das gemeinsame Bett ist die Bibel.

• Ein Letztes: Ich vertrete in den Ausführungen einen christlichen Existentialismus. Das bedeutet: Was ich inständig glaube, kommt oft nur als eine verzweifelte Hoffnung daher, dass es so sein möge. Ich möchte aber lieber als Glaubender und weniger als Zweifelnder – obwohl Letzterer an einer Universität besser ankommt, wahrgenommen werden. Selbstverständlich bemühe ich mich um eine vernünftige Plausibilität des Grundes meiner Hoffnung. Ähnliche Gedanken müssten bei Gabriel Marcel und vor allem bei meinem saarländischen Landsmann Peter Wust zu finden sein.

So und nun geht’s los mit der ersten steinernen Tafel, dem Umgang des Menschen mit seinem Grund:

Anleitungen 1 – 3: Weshalb gibt es überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts und wenn ich glaube, dass es etwas gibt, wie soll ich mich dann verhalten? (1. – 3. Gebot)

Paul Watzlawick wollte mit seiner Anleitung zum Unglücklichsein sarkastisch vor diverser Ratgeberliteratur warnen. Er, aber auch jene Ratgeberliteratur waren sehr erfolgreich. Denn wer will nicht glücklich werden? Wer wünscht sich nicht ein Gelingen seines Lebens? Das wollen ausnahmslos alle. Glück ist allerdings nicht bloß ein Zuckerguss über menschlichem Leben und kann daher nicht wie ein Kochrezept weitergegeben werden. Judentum, Christentum und Islam fragen tiefgründiger und verlegen die Frage nach dem Glück in den Anfang des Menschseins. Sie kennen in ihrer Tradition eine Erzählung von einem Weltgrund, der nicht grau und abgründig, sondern als Person angesehen wird und den sie Gott nennen. Sie glauben weiter, nicht zu seiner Unterhaltung ins Dasein gerufen worden zu sein, sondern dass Leben ein Geschenk von ihm und auf Gelingen hin angelegt ist. Andererseits hat dieser Gott den Menschen nach christlicher Auffassung nicht ziellos ins Ungewisse fahren lassen, sondern ihn als freies Wesen geschaffen und ihm eine Art „Beipackzettel“, eine Gebrauchsanweisung für gelingendes Leben mitgegeben, eben jene zwei steinernen Tafeln vom Sinai. Davon soll die Rede sein, aber auch über Risiken und Nebenwirkungen von Gelingen und Nichtgelingen.

Mit uns hat er weitere Lebewesen ins Dasein gerufen, Tiere und Pflanzen samt Design, ausgestattet mit Fahrplänen, wie Leben prinzipiell gelingen kann. Es gibt da simple und komplexe Fahrpläne wie etwa den der Zecke: “Rumhängen am Grashalm, Buttersäuregeruch, fallen lassen, krabbeln bis zu einer haarfreien Stelle, zustechen, Blutsaugen, fertig.“ Oder aber ganz kompliziert wie beim australischen Leierschwanz: „Töne im Urwald produzieren, mittlerweile mit einem Repertoire vom Presslufthammer bis zur Beethovensymphonie, tanzen, Weibchen durch Gesang anlocken, sich auf Selbiges stürzen.“

Uns ist es erst kürzlich gelungen diese Fahrpläne durch Sequenziermaschinen, auch den eigenen, zu entschlüsseln. Das ist der genetische Code. Unser Code beinhaltet allerdings enorme Freiheitsgrade. Wir sind nicht auf einer bloß schmalen Spurbreite fixierter Ziele unterwegs, wie andere Lebewesen. Andererseits hat Gott uns aber nicht ziellos ins Ungewisse fahren lassen, sondern uns als freie Wesen geschaffen, man könnte sagen, uns einen Beipackzettel, eine Gebrauchsanweisung, eben auch einen möglichen Fahrplan für das Leben mitgegeben. Wir sind die einzigen, die in diesem Leben so massiv zu sich selbst aufgewacht sind. Dadurch sind wir ansprechbar, ansprechbar auch für diesen Fahrplan, dem wir nicht folgen müssen. Tiere müssen nämlich müssen. Menschen können sollen.

Auch wenn unser Pfarrer in jeder Katechismusstunde mit dem Zeigestock auf die Bank hämmerte und dabei fragte 1. Gebot, 2. Gebot usw. und wir dadurch den Eindruck hatten, dem lieben Gott etwas Gutes tun zu müssen, wenn wir die Gebote aufsagen konnten und sie dann auch in die Tat umsetzten, ist das nicht die Intention der steinernen Tafeln. Schon das erste Vaticanum lehrte Deus in se et ex se beatissimus est. Gott sei in sich und aus sich ganz glücklich. Dem lieben Gott muss nicht mehr geholfen werden glücklich zu sein, und traurig machen können wir ihn offenbar auch nicht, wenn das stimmen sollte. Dagegen sind wir eher ein homo sapiens patiens, ein wegen seines Wissens, seiner enormen Bewusstseinsweite an sich selbst leidender. Die sog. Gebote sind Anweisungen zum glücklich sein für uns, da wir es offensichtlich nicht einfach sind. Die Tafeln vom Sinai ergänzen den genetischen Code, ich nenne ihn deshalb den Sinai Code, nicht auf einem Zettel, sondern auf steinernen Tafeln, das waren damals die üblichen Speichermedien. Als im Leben Aufgewachte, Ansprechbare und nach dem Glauben der Offenbarungsreligionen auch Angesprochene sollten wir diesen Code lesen, auch auf die Risiken und Nebenwirkungen hin, auf die in jedem Beipackzettel hingewiesen wird. Unser genetischer Code besitzt im Gegensatz zu dem anderer Lebewesen enorme Freiheitsgrade. Ohne weitere Anleitungen führt der Code ins Ungewisse, ins Nirgendwo. Jacques Monod, ein französischer Chemienobelpreisträger, der nicht an den Sinaicode glaubt, meint daher, wir seien Zigeuner am Rand des Universums, und seien in seine teilnahmslose Unermesslichkeit unbarmherzig ausgesetzt. Erster Tipp: wir sollten über die Plausibilität dieses Sinai-Codes nachdenken.

Vom Beginn ihrer Traditionen an kennen die drei Weltreligionen noch eine weitere Erzählung. Dem Verfasser dieser Erzählung wollte Leszek Kolakowski postum einen altorientalischen Literaturnobelpreis verleihen. Hier die Quintessenz dieser Geschichte: Gott hat in einem unergründlichen Entschluss verfügt, dass neben seinem eigenen Schöpferwillen auch Raum für einen geschöpflichen Willen ist. In der ursprünglichen Erzählung hat er einen Raum „ausgestemmt“, im damaligen Weltbild zwischen den Wassern über und unter der Erde, in dem dieser Wille gelten soll. Daher stammt das Wort Firmament, das die unteren Wasser von den oberen Wassern scheidet. Gott hält sich in unbegreiflicher Weise zurück und lässt den Menschen agieren wie einen Gott in seiner kleinen Welt. Für uns Heutige kommt er in dieser augenscheinlichen Welt ebenso wenig vor, wie Goethe in seinem Faust und dennoch gäbe es diese Welt ohne ihn nicht wie auch den Faust nicht ohne Goethe.

Es wird weiter erzählt, so lesen es das Judentum und das Christentum, die ersten Menschen hätten sich an eine erste Anleitung zum glücklich sein nicht gehalten. Sie sollten von einem Baum in der Mitte dieser ursprünglichen Welt nicht essen. Das war eigentlich keine große Sache. Gott behielt sich, warum auch immer vor, dass es hier einen Punkt in der Welt zwischen den Wassern geben sollte, wo definitiv sein Wille gelten sollte und drum herum unser Wille. Unbegreiflich bleibt, dass er uns angesichts der Monströsitäten, die wir anrichten können, nicht öfters in den Arm fällt. Es genügte ihm offenbar ein Zeichen zu setzen, dass der Raum um diesen Baum herum durch den Willen Gottes wohl geordnet war. Gut und Böse sollte an Verstößen gegen diese Ordnung gemessen werden. Dieses Maß ist also ein ursprünglich Gegebenes und dann erst ein von uns mit großen Freiheitsgraden, aber nicht ohne Folgen beliebig zu Setzendes. Die Ordnung um den Baum herum reicht also offenbar in rätselhafter Weise auch in die weitere Welt hinein. Es geht offensichtlich nicht um die Frucht am Baum, sondern um die Beziehung von Geschöpf und Schöpfer. In einer Anleitung zum glücklich sein, kann daher nicht von einem Schlaraffenlandglück, sondern wohl eher von einem Beziehungsglück die Rede sein. Was in dieser Welt geschieht ist also offensichtlich das Resultat zweier freier Willen, dem Willen Gottes und dem des Menschen. Gott und Welt stehen offenbar in einem anderen Verhältnis als Goethe zu seinem Faust. Goethe hat den Faust alleine geschrieben. An der Welt lässt Gott uns – manchmal denke ich – leider - mitwerkeln. Alles in allem eine merkwürdige Geschichte. Damals scheint sie schlüssig gewesen zu sein. Der Biss in eine paradiesische Frucht hat einen ganzen Weltzustand verändert, mehr als eine Atombombe es hätte bewirken können.

Wie dem auch sei. Mit dieser scheinbar minimalen Einschränkung – der Anweisung vom Baum in der Mitte des Gartens nicht zu essen - konnte sich der Mensch in der ursprünglichen Welt frei bewegen, seine Beziehungen knüpfen und seinen Willen zum Ausdruck bringen. Daran hat offenbar der biblische Erzähler das Beziehungsglück des Menschen fest gemacht. Gemäß dieser Erzählung hat der Mensch selbst diese minimale Einschränkung missachtet. Es kam zum Prexit, mit P. Dazu gibt es eine bemerkenswerte moderne Äußerung: Der die längste Zeit seines Lebens religiös taubstumme Berliner Wissenschaftstheoretiker Holm Tetens macht nun als Emeriti Vorschläge „Gott (zu) denken“. Für ihn ist es „eine Wahnidee des Menschen, er sei Gott, er könne Gottes Platz einnehmen und sei auf Gott nicht angewiesen.“ Hier decken sich die Ansichten des unbekannten altorientalischen Literaturnobelpreisträgers von Kolakowskis Gnaden mit dem nicht mehr religiös taubstummen neuen Berliner Gottesdenker. Dazwischen liegen fast 3000 Jahre. Bei Christus angekommen ist er noch nicht, aber schon bei Joseph Ratzinger und seiner Einführung ins Christentum, das er als „großartiges Buch“ bezeichnet. Nun ja, es ist ein weiter Weg aus der Wüste des philosophischen Naturalismus in die Oasen christlichen Denkens. Religiös Unmusikalische werden sich damit trösten, er jage einer Fata morgana hinterher. Wie dem auch sei.

Die moderne Anthropologie stellt beim Menschen im Vergleich zu den anderen Lebewesen eine massive Instinktreduktion fest. Wie bei Apple- und Microsoftprodukten gibt es Vorinstallierungen. Wir sind allerdings weitgehend benutzerinstalliert. Wir können unser Leben zu selbst gewählten Zielen steuern, leider auch in den Straßengraben oder an die Wand fahren. Diese Fähigkeit in unserem genetischen Code, uns selbst folgen zu können und keinem anderen, hatte schon diese uralte Erzählung beschrieben. Es auch zu tun, war offenbar so faszinierend, dass Menschen von allem Anfang an in diesem Sinne gehandelt haben. Christliche Dogmatik sieht darin einen Grund weswegen die ursprüngliche Schöpfungswirklichkeit nur noch in ihrem korrumpierten Modus zu erkennen ist. Im ersten Gebot wird dann eigentlich nur verlangt, diesen Gott nicht zu verwechseln mit Zerrbildern, unpersönlichen und selbstgemachten, modern heißt das auch, dass es ihn wirklich gibt, auch wenn er in unserer Welt genauso wie Goethe in seinem Faust nicht vorkommt. Wir halten fest: Der Mensch ist aus einem Nichtsein durch den Schöpfer in ein Überhauptsein gekommen. Jeden Wandel von diesem Sosein zu einem Anderssein sollte er wesensgemäß gestalten also sich als homo creans begreifen und sich nicht als homo creator oder auch homo faber aufführen.

Im zweiten Gebot Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren wird eine Selbstverständlichkeit angesprochen: Wenn Gott der Herr der Welt ist, gebührt ihm ein angemessener Respekt, wie auch jeder Mitkreatur gegenüber und wie gesagt erst recht dem Schöpfer gegenüber. Wir sollten sein Herrsein anerkennen, ansonsten wird seine Zuwendung für uns unverständlich. Barmherzigkeit ist nämlich die Liebe eines Höheren zu einem Niederen. Ein modernes Modewort „auf Augenhöhe“, auf Gott angewendet, macht einen der wichtigsten Namen Gottes für uns unverständlich. Romano Guardini konnte sein Christus Buch noch Der Herr nennen. Nur Juden können unverkürzt ein Buch über dieselbe Person Bruder Jesus nennen, wie es Shalom Ben Chorin getan hat.

Wir kommen zum dritten Gebot: Von allem Anfang an gibt es heilige Zeiten und heilige Orte. Ich bin ein Fan gotischer Kathedralen. Heilige Orte sind aus der profanen Umwelt herausgeschnitten. Der Mensch ist gehalten an den Koordinaten seiner Existenz, an einem Ort und zu bestimmten Zeiten, seinem eigentlich ort- und zeitlosen Schöpfer in dieser Welt Raum und Zeit einzuräumen; damit wir nicht vergessen, dass wir von woanders her kommen. Wir haben alle ausnahmslos einen Migrationshintergrund in dieser Welt am Rande des Universums oder richtiger: Wir sind Pilger auf dem Weg in die eigentliche Heimat. Das gleicht der Quadratur eines Kreises: Gott, dem eigentlich jeglicher Zeit Enthobenen und in gleicher Weise räumlich Entzogenen, sollen wir Zeit und Ort im Hier und Jetzt gewähren, zwischen Naseputzen und Einkaufengehen, zwischen Quarks und Quasaren, aber an heiligen Orten. Also dem Göttlichen in seinem schieren Gegenteil Aufmerksamkeit verschaffen, nicht wegen ihm, sondern wegen uns, um uns immer wieder zu vergewissern, dass wir nicht Hinaushängende ins Nichts, sondern Hineingenommene in eine letztlich unverbrüchliche dreiwertige Liebe sind. Dem Göttlichen im Hiesigen Raum schaffen, kommt einem Anspruch gleich, den Nietzsche an ein Gedicht stellte, nämlich es sei ein Tanz in Fesseln.

An Gestik, Gebetssprache, Zeichenwahl, kurz die Liturgie, als die Feier des eigentlich Unaussprechlichen und Unvordenklichen, werden höchste Ansprüche gestellt. Gebet sollte nicht bloß ein mundaner Nachrichtentext werden, wie man ihn manchmal in Fürbitten hört. Gestik sollte sich nicht in bloß zufälligem Stehen, Sitzen, Hände schütteln, leider immer weniger Knien oder einem Stakkato von Kindergartengestik ausdrücken. Zeichen sollten stimmig sein und bis in den Anfang menschlicher Liturgik reichen, damit sie nicht nur modisch sind und sollten einem ersten ursprünglichen Kontakt mit dem Numinosen abgerungen sein und einer „Stimme verschwebenden Schweigens“ gleichen, wie Martin Buber die Epiphanie Gottes am Horeb beschreibt. Seine Menschwerdung im Mann aus Nazareth hat zu unserer Entlastung auch zu einer sinnfälligen Epiphanie geführt. Diese Spannung zwischen Transzendenz und Immanenz des Sinnfälligen ist eine immense liturgische Herausforderung. Gotische Kathedralen stellen architektonisch sehr schön im lichten Chor den Durchbruch des Ewigen ins Zeitliche und Räumliche dar. Auf keinen Fall sollte diese Herausforderung niederschwellig einem vermeintlich verständlicheren Ritus angepasst sein, der nur einem immer weiter um sich greifenden religiös-liturgischen Analphabetismus Vorschub leistet und das Ringen um Ausdruck aufgegeben hat. Die Reflektion über das Heilige und sein liturgischer Ausdruck sollte nicht aufgrund einer besseren Kommunikation zu kurz geraten.

Wir halten fest: Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass Zeit und Raum in der hiesigen Welt keine endgültige Bleibe darstellen. Wir sind ja Spieler auf dem Spielfeld zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit. Wir werden zur Halbzeit, die unser Tod sein wird, von der einen auf die andere Seite wechseln müssen. Die drei westlichen Religionen erinnern in jeder Woche an jeweils bestimmten Tagen durch ein andächtiges Innehalten im Tagewerk, dass es unweigerlich so kommen wird: Ein Tag wird jedenfalls abprubt enden, ohne dass ein neuer Morgen auf der gleichen Seite des Spielfeldes beginnt. Deshalb sollten wir im Letzten geborgen sein um im Vorletzten gelassen sein zu können. Gelassenheit ist ein wichtiges Merkmal von Glück.

Dr. Helmut Müller ist akademischer Direktor am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz.

Symbolbild: Die Zehn Gebote








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