12 Juni 2017, 12:30
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Neueste Anmerkungen über uralte Anleitungen auf zwei steinernen Tafeln. Teil 2. Gastbeitrag von Helmut Müller

Koblenz (kath.net) Der vorliegende Beitrag ist der zweite Teil der schriftlichen Vorlage der Abschlussvorlesung von Dr. Helmut Müller an der Universität Koblenz.

Die zweite steinerne Tafel. Der Umgang des Menschen mit sich selbst und seiner Welt

4. Anleitung: Warum soll ich mich auf meine nächste Herkunft besinnen und mich um meine Zukunft sorgen? (4. Gebot)

Kürzlich ging ein Bild um die Welt, das während eines Kaiserschnitts entstanden ist, wie sich die Hand des Babys aus dem Bauch der Mutter streckte und einen Finger des Arztes ergriff. Das Bild zeigte eindrücklich, dass wir von allem Anfang auf etwas, nein, auf jemanden aus sind. Wir suchen mit unseren Händen Halt und mit unseren Mündern Nahrung und Geborgenheit. Das wusste schon Siegmund Freud, wenn er mit etwas abgewandeltem Sinn sagte: An der Mutterbrust treffen sich Hunger und Liebe. Ein jüdisches Sprichwort definiert noch treffender: Gott konnte nicht überall sein, deshalb erschuf er die Mutter. Erst der an wirtschaftlicher Effizienz interessierte Staat schuf die Kita und definiert das vermeintliche Wohl der Mutter gegen die fundamentalen Bedürfnisse des Kindes. Kind und Mutter bilden eine Symbiose: Die Brüste der Mutter füllen sich im Rhythmus des kindlichen Hungers, und das Stillen und Entleeren derselben tut beiden gut: Das merken auch Väter mit dem schreienden Säugling, wenn die Mutter nicht rechtzeitig da ist. Und wenn sie dann da ist, erlebt er sich nur allzu oft als fünftes Rad am Wagen, bzw. als Störfaktor in einer ursprünglichen Dyade. Das durch die Geburt bewirkte Voneinandergetrenntsein wird durch diese periodischen Erlebnisse des ursprünglichen Einsseins abgemildert. Menschsein scheint so angelegt zu sein, dass es durch die Wechselfälle des Lebens hindurch eine Verbindung mit seinen Ursprüngen behält. Es sollte aus Umhüllungen bestehen, zunächst aus einer biologischen, mütterlichen, familiären und vielfältigen sozialen Hüllen. Wenn wir eine Hülle durchbrechen, muss eine andere da sein, die uns aufnimmt. Erst der Tod scheint endgültig alle zu zerreißen. Christen glauben allerdings daran, dass es noch einmal eine letzte unzerreißbare Hülle gibt: Die communio sanctorum, eine Gemeinschaft endgültigen, heilen Lebens.

Das alles steckt in der vierten Anweisung zum glücklich sein: Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass es Dir wohl ergehet und du lange lebest auf Erden, also für die erste Hülle danken und in allen folgenden aktiv mitarbeiten. Diese Anweisung lässt sich daher auch umkehren: Du sollst Dich um Deine Kinder kümmern und sie lieben, damit sie an dich denken, wenn du einmal alt bist und nicht mehr für dich selbst sorgen kannst. Wenn du sie zur Unzeit in die Kita steckst, entsorgen sie dich vielleicht vorzeitig im Altenheim. Beide Formulierungen sind formal von Eigennutz bestimmt. Richtigerweise müsste es heißen, dass die ursprüngliche affektive Bindung verstärkt, kultiviert und bis zum Tode gepflegt werden sollte. Deutlich wird gelingendes Leben über Generationen hinweg in Verbindung mit emotionaler Wärme und personaler Liebe gebracht. Alles Institutionelle wird eine Minderung davon sein. Am Amazonas können das noch die Eltern und die überschaubare Gemeinschaft eines Dorfes. Das Kind lernt, was giftig und nicht giftig ist. Vor welchen Tieren man sich in Acht nehmen muss und mit welchen man spielen kann. In einer Industriegesellschaft sind Institutionen notwendig, die mit den Kulturtechniken vertraut machen: Lesen und Schreiben lernen und in immer kompliziertere Sachverhalte eingewiesen werden zu müssen bis lange nach der Kindheit: Lebenslanges Lernen wird mittlerweile unabdingbar.

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Die moderne Mediengesellschaft ist unvergleichlich gefährlicher als ein Leben am Amazonas. Nicht mehr die leibliche Unversehrtheit ist die gefährdetste Komponente unserer Leib-Geist-Einheit. In Zeiten von Smartphon und Instagram werden aus ursprünglichen face to face Beziehungen Fingerübungen und Daumengymnastik auf einem Tablet. Das Gegenüber mit dem kommuniziert wird, kann sich mitunter unter Chiffren verbergen und im Extremfall zur Gefahr für Leib und Leben werden. Nachrichtenlawinen über menschliches Leid, Lust und Frust, Freude, Trauer und Angst erscheinen immer mehr digitalisiert und depersonalisiert. Kinder werden ihren Eltern entfremdet, Eltern für Kinder zu Atavismen eines vordigitalen Zeitalters. Lebenskrisen treten schon auf, bevor Leben selbstverantwortlich begonnen hat. Jahrtausende langes ritualisiertes Erwachsenwerden, wie es jede Kultur vom Buschmann bis zum modernen Christenmenschen kennt, ist krisenhaft geworden und wandelt sich mittlerweile im Takt eines Jahrfünfts. Die zu erlernenden Kulturtechniken sind von einer immens zunehmenden Unkultur kaum zu unterscheiden. Institutionen, ja Digitalisierung muss es in einer komplexen Gesellschaft geben. Personale Zuwendung hinter aller medialen Effizienz ist weiter unverzichtbar. Unsere genetische Anpassung an die Welt in der wir leben hinkt gut 40000 Jahre hinterher und hat sich seit der Steinzeit nur unwesentlich verändert.

5. Anleitung: Wer bin ich als Lebewesen und wer die vielen anderen, was folgt daraus? (5. Gebot)

Bin ich bloß Ausdehnung und Gewicht, das einen morgens vorm Spiegel oder der Waage je älter man wird immer mehr erschrickt? Ist dieses Etwas nicht doch zu förderst ein Jemand, der ein Selbst durch alle Verwandlungen hindurch bleibt, dem man allerdings zeitlebens seine Wurstigkeit oder Eitelkeit abgewöhnen und zurückdrängen muss. Und in eben dieser Weise ist Gleichartiges zu ehren, zu respektieren und zu achten. Und dazu alles Lebendige, das aus dem gemeinsamen Weltgrund und der Schöpferhand kommt, wie die große Ähnlichkeit, die der genetische Code schon andeutet, selbst bis zur Schmeißfliege und Bäckerhefe hinab und zum Bonobo hinauf reicht die Verwandtschaft. Das wissen wir noch nicht lange, andererseits ist es uns aber schon am 6. Schöpfungstag gesagt und schon da wurden wir in die Verantwortung genommen. Wir sind alle ausnahmslos Originale und Originalität heißt nicht alle Gemeinschaftlichkeit auslöschen und sich als Paradiesvogel generieren. Diversität und Heterogenität in Ehren, aber wir entwachsen einem gemeinschaftlichen Grund. Diesem Grund bleiben wir verhaftet und sollten zu Originalen werden und keinesfalls als Kopien enden.

6. Anleitung: Was treibt mich eigentlich zu einem Jemand und warum werden viele daraus? (6. u. 9. Gebot)

Bei einem Frühlingsspaziergang fragte mich eine unserer Töchter: „Du Papa, ich habe ein Problem. Es hat doch irgendwann einmal ein erstes Eichhörnchen gegeben.“ „Ja“, sage ich nichtsahnend. „Aber wie hat es dann noch weitere Eichhörnchen geben können. Das eine konnte sich doch mit keinem anderen Eichhörnchen ehepaaren?“ „Ja, es hat dann offensichtlich noch ein zweites Eichhörnchen gegeben“, gab ich kleinlaut zu.“

Sexualität ist etwas Planetarisches .In der Perspektive naturwissenschaftlichen Denkens also in der Sprache beschreibenden Wissens wurde sie von einem unbekannten Einzeller vor Jahrmilliarden erstmals in Anwendung gebracht. Seit dem überzieht sie den ganzen Planeten bis in die Herzen und Köpfe der Menschen. Hätten wir nur diese Perspektive, dann bliebe sie uns fremd und wäre ein eigenartiges Geschehen, das alles Lebendige dazu manipuliert sich zu reproduzieren. Und das unglaublich raffiniert: So werden im Frühjahr etwa Bienen von zahllosen Blüten verführt und im Herbst fallen Äpfel und Birnen von den Bäumen. Ähnlich ergeht es uns selber. Ein komplizierter Hormoncocktail in unserem Körper versetzt uns in rauschhafte Zustände wie Schwarzwild in Rauschzeiten, Rotwild in der Brunft und Singvögel im Frühling, uns aber das ganze Jahr über. Ja und neun Monate später purzeln Wesen, die uns wie aus dem Gesicht geschnitten gleichen, aus den Schößen unserer Frauen, wenn wir das vorher nicht verhindert haben. Schon immer wollten Menschen nur den rauschhaften Zustand genießen. Seit Anfang der 60er Jahre liegt es in vorher nie gekannter Sicherheit tatsächlich in unserer Hand, das eine vom anderen zu trennen. Aus der puren Natur heraus muss Sexualität im Menschen mit einer zweiten Komponente beschrieben werden. Ich spreche von ihrer geistigen, personalen Dimension. Und in unseren Tagen beginnen wir zu ahnen, dass die Trennung der beiden Komponenten aufgrund unseres biotechnologischen Wissens hochproblematische Folgen mit sich gebracht hat. Biotechnologisches Herrschafts- und geltungswissenschaftliches Heilswissen treten in Konkurrenz zu einander und werfen die Fragen auf: Dürfen wir alles, was wir können.

Wie also umgehen mit dieser eigenartigen Bewandtnis unserer Leiblichkeit, die Tiere nur periodisch überfällt, uns aber das ganze Jahr über um den Verstand bringen kann und die Sinne betört? In der naturwissenschaftlichen Perspektive allein entdecken wir uns letztlich nur als Ferngesteuerte eines ominösen Urknalls, der zwar asexuell angefangen hat, der dann vor ein paar Milliarden Jahren sexuell geworden ist und der auch in uns nicht zur Ruhe kommen will und immer weiter „knallt“.

Nur in einer weiteren Perspektive in einer Art Wissen durch Bekanntschaft wird Sexualität zu etwas eigenem, zu unserer Sexualität, die uns gehört und mir selbstbestimmt zu Diensten ist. Dazu gehört auch die Perspektive des Glaubens, die Heilswissen spezifisch erhellen kann. In ihr erfahren wir Aufklärung: Sexualität ist keine fremde Macht,
• die unsere Körper okkupiert,
• manipuliert und neue Körper
• reproduziert.

Wenn es uns gelingt, ihre Energien durch Geist und Willen zu formen, kann sie zur Quelle von Leben, Kultur und Liebe werden. Sie ist blumig gesprochen, ein Geschenk des Himmels und kommt von dort auf die Erde. Der Gott der Liebe muss rein beziehungslogisch nämlich Mehrere sein und nach dem christlichen Glauben ist er es auch. Nach Georges Bernanos ist Ehe ein irdisches Haus mit Fenstern zum Ewigen und kein Gefängnis, das ich um meine Liebesfähigkeit baue, wie vor Jahren einmal ein Kollege meinte.

Für den einen oder anderen spreche ich weiter blumig: Der dreifaltige Gott, der in sich schon Liebe ist und nicht erst ein Gott der Liebe durch uns wird, hat sie in uns eingesenkt in Seele und Körper, sodass sie in unseren Leibern eine wird, ein beseligendes Gefühl bis in jede Pore hinein und aus jeder Pore heraus, ein mächtiger leiblicher Impuls, der bis in die feinsten Verästelungen menschlichen Geistes reicht und Kunstwerke in Musik, Architektur, Literatur, Theater und Tanz in allen Teilen der Welt hervorgebracht hat.

Wird jedoch nur die damit einhergehende Lust gesucht, kommt sie aus der Körperlichkeit schwerlich heraus, versinkt, verschließt sich und erlischt in ihr allzu leicht. Sie reduziert sich auf die wechselseitige Attraktivität zweier Epidermien und den Austausch der gegenseitigen Lustpotentiale. Man holt sich den Cafard, wie Emile Michel Cioran schreibt und wird ihrer überdrüssig, wie er die Bordellphase seines Lebens nennt, als er jeden Tag nach der Schule ins Rotlichtviertel ging. Ähnlich äußert sich Kafka in seiner „Erschöpfung des Eros“:

„Dort lagen sie, aber nicht so hingegeben wie damals in der Nacht. Sie suchte etwas, und er suchte etwas, wütend, Grimassen schneidend, sich mit dem Kopf einbohrend in der Brust des anderen, suchten sie, und ihre sich aufwerfenden Körper machten sie vergessen, sondern erinnerten an die Pflicht, zu suchen; wie Hunde verzweifelt im Boden scharren, so scharrten sie an ihren Körpern; hilflos, enttäuscht, um noch ein letztes Glück zu holen, fuhren manchmal ihre Zungen breit über des anderen Gesicht. Erst die Müdigkeit ließ sie still und einander dankbar werden.“
Erste Annäherungen
Es folgen Gedankenanstöße
Wir sind ungeheuer sensibel wenn Schadstoffe in Lithosphäre, Hydrosphäre, Atmosphäre und in die Biosphäre gelangen. D. h. konkret wenn Schweröl Erdreich kontaminiert, eine BASF-Chemikalie in den Rhein gelangt, Feinstäube die Atmosphäre belasten, Kohlendioxid sie aufheizt und Eisberge zum Schmelzen bringt. Wenn dann von all dem im Größenbereich von Mikrogrammen etwa Dioxin in Schweinefleisch gemessen wird, hört endgültig jeder Spaß auf. Natürlich werden wir beruhigt, dass über lange Zeit ein Dutzend Schweineschnitzel täglich gegessen werden müssten, bis eine Schädigung vorliegen würde.

Geradezu unempfindlich sind wir aber, wenn unsere Noosphäre verschmutzt wird, insbesondere die unserer Kinder. Wie anders ist es zu verstehen, wenn ein Film wie Anonyma ab 12 Jahren freigegeben wird, in dem Frauen von Soldaten vergewaltigt werden. Wahrscheinlich glaubt man, dass der Film belehrend sei und bei 12 jährigen die Assoziation „Du böser Soldat“ weckt. Viel wahrscheinlicher sind aber in Koblenz Lützel oder Neuendorf und anderswo Reaktionen – ähnlichen Medienkonsum voraussetzend – die nicht wiederzugeben sind.

Szenenwechsel: „Bald wirst Du jetzt 82 sein. Du bist um sechs Zentimeter kleiner geworden, Du wiegst nur noch 45 Kilo, und immer noch bist Du schön, graziös und begehrenswert. Seit 58 Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe Dich mehr denn je. Kürzlich habe ich mich von neuem in Dich verliebt, und wieder trage ich in meiner Brust diese zehrende Leere, die einzig die Wärme Deines Körpers an dem meinen auszufüllen vermag. […] Die Liebesleidenschaft ist eine Art und Weise, mit dem anderen, mit seinem Körper und seiner Seele, in Resonanz zu treten, und zwar allein mit ihm oder ihr“. (André Gorz, Brief an D.)

Wir gehen noch näher ran. Wir entdecken sie bei uns selbst.

• Ungemein anzüglich,
• jeder hier im Raum ist ein sexuelles Wesen,
• jeder spürt sie an sich selbst,
• Sexualität ist alles andere als harmlos, sie hat im Dschungelbuch Mowgli aus dem Urwald geholt, Bagira der Panther war schon ziemlich verzweifelt und Balu der Bär untröstlich, die Zugkraft des anderen Geschlechts war stärker;
• Auch in der Genesis heißt es: Der Mann wird Vater und Mutter verlassen und einer Frau anhangen;
• In manchem Hotel Mama wartet man regelrecht darauf, dass die Richtige kommt
• Wie gesagt Sexualität ist nicht harmlos, wir erleben sie fehlgeleitet, mit Gewalt verbunden.
• Sexualität ist aber nicht nur die Sexualität der anderen, sondern vor allem die eigene;
• nicht wenige werden in ihrer Lebensgeschichte schon Brüche erfahren haben, an denen sie heute noch leiden, der Bruch in uns Menschen ist nirgends so spürbar als in unserer Sexualität. Der ursprüngliche Ungehorsam gegenüber Gott spiegelt sich in der Unbotmäßigkeit unserer Triebe (Augustinus). Das Problem so zu lösen, dass man einfach den Trieben folgt, ist Ursache vieler unserer Katastrophen.
• Andererseits birgt Sexualität ein ungeheures Kreativitätspotential, von Lou Andreas Salomé sagte man, dass sie ihre Geliebten Friedrich Nietzsche, Rainer Maria Rilke und Paul Rée mit Werken schwängerte, die einzige Möglichkeit einen Mann zu schwängern.
• Oder noch einmal mit Handke gegen ihre Banalisierung bei Rosamunde Pilcher und GZSZ, wenn er von „Sexualität als größtmöglicher Feindlichkeit“ spricht?
• Wir merken unsere Sexualität ist alles andere als harmlos. Eros und Thanatos treten immer schon als siamesische Zwillinge auf.

Deshalb gilt: Trenne ihre Komponenten Natur und Person nicht, wie Helmut Kentler, der spiritus rector der Sexualpädagogik der Vielfalt es vorschlägt. Aus einem Jemand darf kein Etwas, eine Sache werden. Sachen kann man tauschen, kaufen, stehlen oder rauben, allerdings auch schenken. Allein Letzteres ist der angemessene Umgang mit Sexualität und Liebe. Und noch einmal blumig: Trenne Sexualität nie von ihrer himmlischen Herkunft. Die Risiken und Nebenwirkungen könnten höllisch werden.

7. Anleitung: Warum will ich immer Etwas und weshalb soll ich es niemandem wegnehmen? (7. u. 10. Gebot)

In dieser Anweisung geht es allein um Sachen. Stehlen und rauben ist also absolut verboten, tauschen und kaufen müssen fairen Regeln unterliegen. Ganz allgemein: Alle Geschöpfe sind Weltbeziehungswesen. Wir sind keine Gespenster, keine Illusionisten, keine Geister aus der Flasche und kein Gehirn im Tank. Unsere nächste Gabe und Habe ist der eigene Leib. Darin sind wir zu Hause. Wenn wir nicht gerade am Äquator leben, kommt ein Lendenschurz und am Polarkreis Fellmütze und Mantel dazu. Schließlich brauchen wir Behausungen, angefangen bei Höhlen, aus denen wir Bären vertrieben haben über Laubhütten bis zu Luxusvillen. Ich will es nicht weiter ausdehnen. Aus dem ursprünglichen Faustkeil ist ein Smartphon geworden. Weil wir ab ovo Weltbeziehungswesen sind gehört eine so beschriebene Welthabe zu uns. Beziehungen zu Sachen sollten nie Beziehungen zu Personen dominieren. Die Possesivpronomen mein und dein deuten es schon an. Wenn unberechtigter Weise aus einem „Dein“ ein „Mein“ gemacht wird, muss das eine Sanktion zur Folge haben. Auch ein „unser“ darf ein „mein“ und „dein“ nicht auslöschen. Andererseits bringt ein „mein“ auch Verpflichtungen mit für ein „unser“, ein „euer“. Das möchten nur Andeutungen für eine politische Farbenlehre sein, mit rot, gelb, grün und Schwarztönen in Deutschland, neuerdings auch mit Blautönen.

8. Anleitung: Weshalb dränge ich nach Klarheit und Wahrheit, aber weshalb fällt es mir so schwer klar und wahrhaftig in meinem Reden und Tun zu sein? (8. Gebot)

Das könnte noch kürzer behandelt werden. Wer will belogen werden? Niemand. Aber in Zeiten in denen postfaktisch zum Wort des Jahres geworden ist, Demoskopen ihr Geschäft nicht mehr zu verstehen scheinen, weil jeder Wahlausgang selbst die Gewinner sprachlos macht und fake news politisch wirksam werden, muss mehr dazu gesagt werden. M. E. wäre transfaktisch richtiger. Aussagen haben sich von Fakten gelöst, verdrehen sie oder haben keinen Bezug zu ihnen. Schon aus Kardinalszeiten stammt von Papst Benedikt das Wort: „Der Kern der heutigen Krise ist der Verzicht auf Wahrheit.“ Donald Trump, Wladimir Putin, Recep Tayipp Erdogan und hiesige Adepten und jede Menge Linkspopulisten sprechen Bände. Hinzuzufügen ist den Worten Benedikts: Nicht nur im eben genannten Großen, sondern auch im Kleinen. Jahrtausendelang ging man von einer Adäquationstheorie oder Korrespondenztheorie der Wahrheit aus: Sache und Aussage sollten übereinstimmen bzw. in Übereinstimmung gebracht werden. In den Varianten Sache und Geist, Welt und Geist oder Sache und Vernunft deutet sich schon an, dass deren Korrespondenz oder Adäquatheit doch ziemlich kompliziert sein kann. Wirklich brauchbar ist sie nur, wenn sie in einer Perspektive der Angemessenheit angewandt wird, die vorher natürlich in einer „Vermessung der Welt“ ermittelt werden muss. Die neueren Versionen der Kohärenz- oder der Konsenstheorie der Wahrheit bleiben agnostisch. Es ist schlicht aufgegeben worden um Wahrheit zu ringen oder sich zu streiten. Man begnügt sich mit einer Übereinstimmung, einer Kohärenz von sich überschneidenden Überzeugungen. Weil das schon im 19. Jahrhundert so war, wollte Edmund Husserl zu Beginn des 20. Jahrhundert aufbrechen wieder „Zu den Sachen selbst“ zu kommen: Er wollte mit seinem Denken aus dem von Descartes gebauten Gefängnis ausbrechen, an dessen Stäben schon Kant und seine Nachfolger gerüttelt haben. Am Ende ist er dann doch wieder bei einem kritischen Abwägen von Bewusstseinsinhalten gelandet. Man begnügt sich mit einer Kohärenz von sich überschneidenden Aussagen untereinander. Inwiefern diese Aussagen aber eine Adäquanz zur Sache aufweisen ist vielfach aus dem Blick geraten und wird als unerkennbar oder bestenfalls als Konstrukt von Überzeugungen angesehen.

Im Diskurs sucht man einen wie auch immer zustande gekommenen Konsens. Letzteres ist unvermeidlich in einer pluralen Gesellschaft. Und das ist gut so. Aber wenn niemand mehr in vorausgegangenen Auseinandersetzungen den ursprünglichen Kern von Wahrheit, die Übereinstimmung von Sache und Aussage in den Diskurs eingebracht hat, gibt man Nietzsche recht: Mit Gott hat man auch einen objektiven Begriff von Wahrheit aufgegeben. Der Mensch wird zum Eckensteher. Wahrheit als solche löst sich dann in unzähligen Perspektiven auf, je nach dem, aus welcher Ecke heraus sie behauptet wird. Experten nehmen sich ihrer an und widersprechen sich. Wenn Wahrhaftigkeit und Authentizität fehlen, ist der Weg zur Lüge nicht mehr weit. Wahrheit kann man nicht sicher wissen, aber wahrhaftig und vernünftig bekennen. Nur so ist sie überzeugend.

Alle Anleitungen im Dekalog verstehen sich sub specie aeternitatis, aus der Perspektive der anderen Hälfte des Spielfeldes. Wenn die zweite Spielhälfte bloß ein Gedankending, eine grundlose Überzeugung, eine kindliche Illusion oder ein universaler Fiebertraum der Menschheit von Adam und Eva bis heute wäre, ja dann scheint es ratsam zu sein, nicht unbedingt die Wahrheit zu sagen. Mal ehrlich: Wir alle handeln so, ob wir nun religiös oder nicht religiös sind. Statistisch lügt jeder von uns bis zu 200 mal am Tag. Ich provoziere: Es ist doch realistisch und ratsam Wahrheit nur kasuistisch oder hypothetisch zu begreifen. Das ist so einsichtig und sogar „ehrlich“, dass es mittlerweile Bücher mit dem Titel „Lob der Lüge“ oder „Plädoyer für die Lüge“ gibt. Denn die Wahrheit sagen kostet u. U. Einfluss, Macht, Karriere, Freiheit, und wenn es schlimm kommt, das Leben. Deshalb mogeln und lavieren wir uns durch, geben uns mit Halbwahrheiten zufrieden und scheuen selbst nicht vor faustdicken Lügen zurück.

Macht es dennoch Sinn sich verpflichtet zu fühlen nach bestem Wissen und Gewissen die Wahrheit zu sagen? Ich meine Ja. Und wenn es nur eine minimale Wirkung wie eine Kostendämpfungspauschale in der Krankenversicherung hat: Weder Kosten noch Lügen sollten ins Unermessliche steigen. Andererseits ist es wenigstens im Umkehrschluss logisch nicht zu lügen, wenn man selbst nicht belogen werden möchte. Oder: Ein bisschen belogen werden, damit man selbst ein wenig lügen kann? Das klingt einleuchtend und für manchen wünschenswert. Selbst ein utilitaristischer Ethiker wird wohl schaudernd davor zurückweichen, dafür eine Regel zu finden.

Sie merken wir verlieren uns in Absurditäten, wenn wir für unser statistisches Verhalten, hier und da zu mogeln oder zu lügen eine rechtfertigende Regel suchen. Ich denke, man lebt besser damit, zu bekennen, zuzugeben, das war falsch, da habe ich Mist gebaut, als mit Winkelzügen alles so zu drehen, damit es doch noch stimmt. Das gilt übrigens für alle vorangegangenen Verstöße gegen die Anweisungen auf den zwei steinernen Tafeln.

Nun habe ich hier zwei Versionen für den Schluss notiert. Ich kann mich für keine allein entscheiden. Deshalb nenne ich beide: Zunächst der antike Schluss aus König Ödipus von Sophokles: Niemand preise sich glücklich, bevor er nicht die ganze Bahn des Lebens durchlaufen hat und nun die kölnisch/rheinische, eine Umwandlung des bekannten Karnevalliedes: Wir kommen alle, alle „in die andere Spielhälfte“, nicht weil wir so brav sind, sondern weil der eigentliche Urheber der zwei steinernen Tafeln hoffentlich nicht nur gerecht, sondern auch barmherzig ist.
Auch an einem Ort des Wissens kann ein Christ nicht schweigen, weil es die Methode an solchen Orten nicht zulässt darüber zu reden, was ihn erfüllt, denn:
„Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben.“ (Apg. 4,20)
Ich hoffe, dass meine Rede als miktos logos erträglich geblieben ist.

Dr. Helmut Müller ist akademischer Direktor am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz.

Symbolbild: Die Zehn Gebote








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